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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Zwischenstand in unserem Projekt Sprachschatz

Unser Beitrag zum Sprachschatz wurde auf dem Blog der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken veröffentlicht:

https://oebib.wordpress.com/2018/12/10/projekt-sprachschatz-die-buendnisse-stellen-sich-vor-buendnis-ochtrup/

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Dann doch lieber Mainzelmännchen

Wer, wie ich, das offizielle Seniorenalter erreicht hat,erinnert sich sicher noch an die Zeiten, in denen Fernsehwerbung einen eigenen Sendeplatzhatte, der erfreulich begrenzt war ebenso wie die Fernsehprogramme. Ja, es gab in meiner Kindheit und Jugend ganze drei Fernsehprogramme, und Nein, ich bin nicht in Zeiten der französischen Revolution, sondern im vorigen Jahrhundert aufgewachsen. Ich gehöre der Generation der sogenannten „Babyboomer“ an – eineBezeichnung, die ich mit meinem Spiegelbild mal so gar nicht in Einklangbringen kann. Der erste Fernseher in unserem Wohnzimmer befand sich in einem verschließbaren Schrank, nicht um den Fernsehkonsum von uns Kindern zu regulieren, denn die hätten bis zum späten Nachmittag ohnehin nur das Testbild angucken können, sondern weil der Anblick der dunklen „Glotze“ als unschön galt.

 Das war die Zeit, in der am frühen Abend das „Werbefernsehen“ ausgestrahlt wurde, was bedeutete, dass zwischen derTV-Unterhaltung in festen Blöcken Werbespots ausgestrahlt wurden. Bei uns, wie in vielen Familien, ganz oft Anlass für ein Ratespiel, bei dem die beworbene Marke so schnell wie möglich erkannt werden musste. Es war die Zeit des Lenor-Gewissens, von Frau Sommers Kaffee- und Marianne Kochs Gardinen-Empfehlung und Zigaretten-Werbung, in der entweder das HB-Männchen in die Luft ging, oder ungestört in Taxis oder Fahrstühlen gequalmt wurde.

Unsäglich das Frauenbild, das damals vermittelt wurde. Originalton Oetker-Werbung für Backpulver und Puddingpulver: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“. Dem zu bekochenden Ehe(!)-Gatten bestätigte die sonore Stimme im Hintergrund übrigens im selben Spot: „Männer, die gern Süßes essen, haben einenguten Charakter.“ Da waren die kleinen Einspieler zwischen denReklamefilmchen direkt eine Wohltat.

Werbung im Jahr 2018 sieht natürlich ganz anders aus, sie ist nicht mehr auf den Fernseher im Schrank angewiesen und hat ebenso wie die Produkte ein Ausmaß erreicht, bei dem man sich fragt, wer braucht eigentlich all das Zeug? Mal ernsthaft, so oft kann doch kein Mensch aufs Klo müssen, wie die Privatsender ihre Filme für Werbeblöcke unterbrechen – natürlich immer dann, wenn es gerade besonders spannend wird.

Aber damit nicht genug, natürlich ist auch das weltweite Netz eine gigantische Werbeplattform mit einer Spannbreite von seriöser Information bis zu dämlichen Filmchen für durchaus fragwürdige Produkte.Hervorgebracht hat sie auch eine ganz besondere Spezies von Reklame-Macher/innen, die sogenannten „Influencer/innen“.

Allein die Bezeichnung bewirkt bei mir hochstehende Nackenhaare und einen instinktiven Griff zum Taschentuch. Einmal, weil ich da manche Auswüchse in der Tat zum Heulen finde, zum anderen, weil ich das Wort mit dem sprachlich sehr verwandten Begriff „Influenza“ in Verbindung bringe.Und die macht bekanntlich richtig krank.

Natürlich bin ich auch interessiert daran, wenn jemand Produkte getestet hat und ein fundiertes Urteil abgibt. Aber bitte, was soll es bringen, einem jungen Mädchen mit verbesserungswürdiger Rhetorik und oft unter zu viel Schminke kaum noch erkennbarer Mimik auf youtube dabei zuzusehen und zuhören, wie sie jubelnd ein Päckchen aufmacht und ein neues Gesichtspuder/Lippenstift/Wimperntusche auspackt und erstmals ausprobiert? Diese Filmchen sind oft so schlecht gemacht, dass ich sie mir nicht so lange angucken kann, bis sich mögliche allergische Hautreaktionen zeigen.

Erschlossen hat sich mir bisher nicht, was außer, dass sie für viele verschiedene Firmen Werbung machen, Influencer/innen von Ansager/innen der zahlreichen TV-Dauerwerbesendungen unterscheidet.Vertrauenswürdig finde ich weder die einen noch die anderen. Ja nicht einmal besonders zeitgemäß, wenn ich sehe, welches Frauenbild da vermittelt wird.Statt dazu angehalten zu werden, sich selber eine Meinung zu bilden, wird Mädchen und jungen Frauen vermittelt, sie müssten die Meinung teilen, dass die Partnersuche viel erfolgversprechender ist, wenn man versucht, dieAttraktivität durch viel Geld für Schminke, Kleidung und Accessoires zu steigern. Von intelligenten und humorvollen Gesprächen ist da nicht die Rede,aber damit lässt sich auch nur ganz selten Geld machen.

Wahrscheinlich bin ich zu alt um zu verstehen, warum es besonders erstrebenswert sein soll, im Winter den Anblick blaugefrorener Fußknöchel zu präsentieren und sich im Sommer zu knappen Shorts und Tops einen Loop mehrfach um den Hals zu schlingen. Und ich kenne auch nur wenige Männer,die es attraktiv finden, wenn Frauen zu einem Date erscheinen und eine Handtasche vom Unterarm baumeln haben (nur so ist die bescheuerte Dackelpfötchen-Haltung der Hände möglich), deren Aussehen und Größe mich fatal an die Einkaufstaschen erinnert, in denen meine Mutter früher problemlos die Einkäufe des Wochenmarktes für einen Vier-Personen-Haushalt verstaute. Und beim Blick auf so manche privaten Kosmetik-Vorräte frage ich mich ernsthaft, ob derenBesitzerinnen wirklich an ein ewiges Leben glauben.

Von dem oben erwähnten Werbeslogan „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“ sind jedenfalls die Anhängerinnen, pardon Followerinnen, von Influencer/innen nicht weit entfernt, denn wenn die Partnersuche erfolgreich war, widmen sie sich nicht selten mitgleicher Hingabe Koch- und Back-Filmchen und -Blogs.

 Und wie die Zukunftder heute so erfolgreichen Reklamemacher/innen aus dem Netz aussieht? Man weiß es nicht, aber ich habe da so eine Ahnung…

dschungel

fl

Ministerielle Milchmädchen-Algorithmen

Wer Blogs liest, dafür verantwortlich ist und/oder darin schreibt, guckt natürlich auch immer mal über den Tellerrand, beziehungsweise das Bildschirmfenster, um auf dem Laufenden zu bleiben, was Andere anders machen, was besser (um zu lernen) und was schlechter (auch daraus kann man lernen, wenn die Schadenfreude überwunden ist). Da ist auch der Chef der schönsten Bücherei im Ort ganz emsig und lässt mich gerne an seinen Fundstücken teilhaben. So kam ich auf den Landlebenblog und dessen Milchmädchen-Beitrag, dem ich auf der Skala von Eins bis Zehn gerne zehn Punkte gebe. Darin geht es um die Äußerung der Bildungsministerin Anja Karliczek zum Ausbau des Mobilfunknetzes. Falls jemand sich den Namen der Frau merken möchte: am besten aufschreiben und abheften, denn allzu oft liest man ihn in den Medien nicht, selbst dann nicht, wenn man, wie ich, im selben Landkreis wie sie lebt.

Als man vor einiger Zeit schon mal über sie las, ging es übrigens darum, dass diese Frau, als sie schon dem Ministerium für Bildung und Forschung vorstand, sich darüber freute, dass die Fernsehprogramm-Beilage ihrer Tageszeitung ihr endlich mal den Begriff „Algorithmen“ leicht verständlich erklärte. Nach ihren jüngsten Äußerungen bin ich ganz bei der Landleben-Bloggerin und denke, dass Frau Karliczek sich selbst und der Öffentlichkeit einen großen Gefallen getan hätte, wenn sie sich auf die Zunge gebissen hätte, statt zu behaupten „5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig“.

Auf die Zunge und gleichzeitig auf die Lippen hätte sich die Ministeriums-Chefin aber auch beißen sollen, statt sich über die inzwischen über ein Jahr alte Änderung des Ehegesetzes äußern und zu behaupten „Wir verschieben eine ganze Gesellschaft und reden gar nicht richtig darüber.“ Schade, wenn eine 47jährige Frau im Jahr 2018 so verklemmt ist, dass sie nicht in der Lage ist, „richtig“ über Sexualität zu reden. Dann würde sie vielleicht sogar auf den Gedanken kommen, dass z.B. diskriminierende Tittenwerbung oder sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz wirkliche Probleme sind, und nicht die Eheschließung von Männern mit Männern und Frauen mit Frauen.

Vielleicht hätte sie sich von fachkundiger Seite mal aufklären lassen sollen. Auch über ihre Aufgabe als Bildungsministerin, wenn sie eine Langzeitstudie über die Auswirkungen auf Kinder fordert, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Die ministerielle Verwaltung und Förderung von Bildung und Forschung in der Bundesrepublik Deutschland bedeutet nämlich nicht, so lange Daten zu erfragen, zu sammeln und einzuordnen bis der Chefin des Hauses die Ergebnisse gefallen. Da darf es reichen, die bereits vorliegenden Studien zur Kenntnis zu nehmen, und wenn man sich bei dem Thema wirklich Mühe geben will, sie auch mal zu lesen.

Aber erst Recht bedeutet Ministerin zu sein und in dem Amt gute Arbeit vorzuweisen nicht, sich bei einer Partei anzubiedern, deren vorgestrigen Ansprüche an das Familienbild nicht mal das Führungspersonal erfüllt. Sonst wäre die Option, im erlernten Beruf dafür zu sorgen, dass Hotelgäste Milchkännchen zum Kaffee serviert kriegen, vielleicht die bessere.

fl

Das Ding mit der Umwelt

Verdreckte Strände, Fische mit Plastik im Bauch, stinkende und giftige Rauchwolken über gigantischen Müllkippen und gleichzeitig ein gedankenloser Umgang mit Rohstoffen, wachsender Verbrauch von Kunststoff und die Jagd nach dem neuesten Smartphone, dem größten Auto und dem exotischsten Urlaubsziel. Ja, obwohl die Umweltprobleme bekannt sind und immer wieder thematisiert werden, lebt der größte Teil der Menschheit auf diesem Planeten, als ob es kein Morgen gäbe, als ob wir diese Erde von unseren Kindern und Enkeln nicht geborgt hätten.

Ihr merkt, ich bin nicht nur oft ungeduldige Alt-Emanze, sondern auch bekennende Öko-Tussi, zugegeben, nicht immer so praktizierend, wie möglich und nötig. Umso mehr begeistern mich Projekte, die es einfach machen, Ressourcen zu schonen, indem Dinge weitergegeben statt weggeworfen werden.

Bestes Beispiel sind die Tafeln, allerdings nur, wenn es um die Umwelt, nicht wenn es um gesellschaftliche Teilhabe geht. Der ursprüngliche Gedanke, Lebensmittel, die (von in der Regel zu anspruchsvollen Kund/innen) nicht mehr gekauft werden, aber noch völlig in Ordnung sind, werden weitergegeben, statt weggeschmissen. Dass diese Einrichtungen Bestandteil der Sozialpolitik geworden sind, war sicher nicht im Sinne der Erfinder und muss dringen geändert werden. Aber dass Lebensmittel gegessen statt – bestenfalls – kompostiert werden, sollte viel häufiger vorkommen. Aber Containern ist in Deutschland bekanntlich ein Straftatbestand. Dabei ist es ein Grund für Fassungslosigkeit, wenn man mal sieht, welche hochwertigen Lebensmittel in welchen Mengen Leute aus Containern der Lebensmittelläden holen. Es gibt Leute, die nahezu ihren ganzen Bedarf aus Containern decken und sich damit gesund und ausgewogen ernähren. Natürlich muss da mal ein Salatblatt mehr abgemacht und ein Stück Gemüse mehr abgeschnitten werden. Aber der schweineteure Bio-Frischkäse, dessen MHD erst in einer Woche abläuft, macht das wieder wett. Ich habe jüngst miterlebt, wie 30 bis 50 erwachsene Menschen ein ganzes Wochenende mit Brot aus Containern bestens versorgt waren. Und die Geschichte von dem kompletten Käserad, das völlig unversehrt aus der Abfall-Tonne „gerettet“ werden konnte, kann ich nicht oft genug erzählen – mit einem Unterton gemischt aus Erstaunen und Entsetzen. Der einzige Makel dieses Käses war nämlich das fehlende Etikett, so dass das Nichtvorhandsein von Zutatenliste und Minderhaltbarkeitsdatum den Verkauf unmöglich machten. Ich setz mich jetzt mal kurz auf die Finger, bevor ich mit sehr harschen Worten beschreibe, was ich davon halte.

Aber nicht nur bei Lebensmitteln ist ein umweltschonender Umgang mit Ressourcen ohne großen Aufwand möglich. Beipiel ein kleines Dorf mit gerade mal 1 500 Einwohnern in einem benachbarten Bundesland. An der Hauptverkehrsstraße fällt ein handgemaltes Schild „Umsonstladen“ an einem hölzernen Gartenhäuschen auf. Darin Kleidungsstücke von der Daunenjacke bis zum Babystrampler, Gläser, Geschirr, jede Menge Bücher und Dekokram unterschiedlichster Geschmackssicherheit. Lange bleibt dieses Inventar dort nicht, wer etwas braucht, nimmt es mit. Und wer etwas zu Hause hat, was nicht mehr gebraucht wird, stellt es dort zur Mitnahme bereit. Das Ganze funktioniert so gut, dass inzwischen auch aus den Nachbargemeinden der Umsonstladen gut frequentiert wird. Und alle haben etwas davon: Die Einen haben Geld gespart, die anderen wieder Platz im Schrank und die Umwelt wird weder durch Entsorgung noch durch Neu-Produktion belastet.

Und mal Hand aufs Herz: Wenn Ihr eine Bestandsaufnahme machen würdet, wieviel überflüssiger, selten oder nie genutzter Kram aus Schränken, Keller oder vom Dachboden käme zusammen? Ich trau mich, die Wette anzubieten, dass ich die meisten von Euch übertreffe, nicht nur beim Bestand von Woll- und Stoffresten. Gute Gelegenheit für eine Entrümpelung waren bislang immer Umzüge, bei denen die Altkleidersäcke, Kisten fürs Sozialkaufhaus und Mülltüten schneller randvoll waren als die Umzugskartons. Und dabei jedes Mal wieder großes Erstaunen darüber, wieviel Kram ich mir seit dem letzten Umzug angeschafft habe. Obwohl ich weder sonderlich Mode begeistert bin, noch eine Vorliebe für ständig wechselnden Dekokram habe und erst recht kein ausgeprägtes Interesse am neuesten Technik-Schnickschnack habe. Vom Budget für solche Dinge mal ganz zu schweigen.

Dennoch kommt im Laufe der Zeit so Einiges zusammen, darunter auch ein nicht unbeträchtlicher Anteil an Fehlanschaffung, der mich ziemlich ärgert. Nicht zuletzt, weil dadurch deutlich wird, dass ich in Sachen Umweltbewusstsein theoretisch oft besser bin als praktisch. Der eine Teil wurde im wahrsten Sinne für die Tonne gekauft (und steht oder hängt trotzdem noch im Schrank rum), der andere ist so selten in Gebrauch, dass Weihnachten eben doch öfter ist, und ein kleinerer und umso ärgerlicher Teil hat den Praxistest gar nicht erst überstanden.

Vor dem ein oder anderen Fehlkauf bewahrt mich hoffentlich in Zukunft das neueste Projekt der schönsten Bücherei meines Wohnortes, in der es jetzt Dinge auszuleihen gibt, die im „normalen“ Büchereibestand einen Exoten-Status verdienen, wie beispielsweise Backformen, Musikinstrumente, oder PC-Zubehör. Sie sind für zwei Wochen ausleihbar und helfen entweder bei der Entscheidung über die Notwendigkeit eines Kaufes oder sind nur für einen begrenzten Einsatz nötig. Okay, die Gefahr, dass ich überlege, mir eine Slackline anzuschaffen, ist relativ gering, denn ich habe mich daran schon mal versucht – muss ich erwähnen, dass ich gescheitert bin? Aber wer mit dem Gedanken daran spielt, kann jetzt erst einmal ausprobieren, ob das nicht vielleicht doch eine zu wackelige Angelegenheit ist. Warum soll man sich eine Nähmaschine anschaffen, wenn man nicht regelmäßig nähen, sondern nur ab und zu mal etwas flicken will? Und die Backform für die Kindergeburtstags-Einhorn-Torte ist auch eher selten über Jahre hinweg regelmäßig im Einsatz.

Ich finde das Projekt klasse, vielversprechend und ausbaufähig, denn es weckt Interesse an Neuem, spart dabei Geld und schont die Umwelt. Jetzt fehlt mir nur noch ein Umsonst-Laden hier, vielleicht neben dem offenen Bücherregal.

Kassette und Bleistift
Ach ja, der Zusammenhang zwischen diesen beiden Gegenständen und wie deren gemeinsamer Einsatz dauerhaft vermieden werden kann, erklärt sich bei einem Besuch in der  neuen „Bibliothek der Dinge“ entweder direkt in der Bücherei oder im Netz bei der OPAC-Mediensuche.

fl

Werden wir doch Kartoffelhelden

Collage

Sein erstes Buch „Ich komm auf Deutschland zu“ hat mich schwer beeindruckt, wie ich damals hier beschrieben habe, seine Videos im youtube-Kanal „Zukar“ finde ich ebenso amüsant wie wichtig, und ihm persönlich zu begegnen, ihm zuzuhören und sich mit ihm zu unterhalten war schon ein Erlebnis. Als Firas Alshater vor gut vier Wochen zu Gast in der Bücherei war, hat er natürlich die Gelegenheit genutzt, ganz dezent – wie er nun mal ist 😉 – auf sein neues Buch „Versteh Einer die Deutschen“ hinzuweisen, das seit kurzem auf dem Markt ist.

1GeschmökertNatürlich habe ich es sofort gelesen, als es in den Büchereibestand aufgenommen wurde, und mein Fazit: Firas Alshater und seinem Freund Jan Heilig ist ein gutes, sehr empfehlenswertes Buch gelungen!

So, jezz wisster Bescheid, wie wir Westfalen sagen, könnt den PC runterfahren und euch das Buch ausleihen. Oder ihr könnt am Bildschirm noch ein bisschen lesen, warum ich dieses Buch gerne vielen Verwaltungs-Menschen, Politiker/innen, Menschen, die sich für Geflüchtete engagieren und/oder mit ihnen befreundet sind, und Meckerköppen (an dieser Stelle fällt mir keine neutrale Bezeichnung ein), die Vorurteile gegen Ausländer und Geflüchtete haben und glauben, wenn sie Ängste schüren, könnten sie Probleme lösen.

Mutter MigrationIch gebe ja gerne zu, dass mir Menschen sympathisch sind, die den Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, den ich gerne mit dem irgendwo geklauten Namenszusatz Horst „Im Janker für Anker“ Seehofer nenne, kritisch betrachten und seine Wahlkampf-Rhetorik nicht in Einklang bringen können mit seinen ministeriellen Aufgaben wie Integration und Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Und wenn sie das auch noch gut begründen können und vor allem Vorschläge haben, wie diese ministeriellen Aufgaben deutlich besser und Erfolg versprechender ausgeführt werden können, dann kommt zu der Sympathie auch noch Wertschätzung.

Denn das ist es, was sich durch das gesamt Buch Alshaters zieht: Ein wacher Blick auf die Gegebenheiten in Kombination mit einer Einschätzung, die mal sachlich, mal gefühlsmäßig erfolgt, aber immer zutreffend ist und zu sehr überlegenswerten Vorschlägen führt. Dass er als Syrer dabei oft die Verhältnisse in seiner alten mit denen seiner neuen Heimat vergleicht, bringt mir als Leserin, wie schon im ersten Buch, nochmal einen tieferen Einblick in das frühere Leben von Syrer/innen, noch mehr Verständnis für ihre Erleichterung, in Frieden und Freiheit leben zu können, und Mitgefühl für ihr Heimweh.

Interessant ist dabei, welche Themen den Autor mit der Perspektive des Zugezogenen in eine bis dahin sehr unbekannte Kultur zum Teil bewegen, und beeindruckend mit welcher Toleranz er Dingen begegnet, die ihm bis dahin aufgrund von Erziehung und Sozialisation fremd waren. In anderen Bereichen ist es allerdings mit Toleranz nicht weit her, sondern es hagelt durchaus Kritik. Berechtigte Kritik, weil es z. B. um Benachteiligung von Alleinerziehende, die Zuverlässigkeit gewisser öffentlicher Transportunternehmen, oder immer wieder um die deutsche Bürokratie geht. Wer sich allerdings von dem Buch, in dem viele deutsche Gegebenheiten und Probleme erläutert werden, das Kapitel „Firas erklärt die deutsche Bürokrakratie, weil er sie endlich verstanden hat“ erhofft, der hat im Bücheregal daneben gegriffen. Daran scheitert er genauso, wie vor zwei Jahren, und daran wird er wohl auch noch in 20 Jahren scheitern und dieses Schicksal mit Abermillionen Deutschen teilen. Mit einem Unterschied: Er nimmt es (überwiegend) mit Humor.

Wer von und über ihn gelesen hat, wer seine Filme gesehen und/oder ihn persönlich kennengelernt hat, der weiß, einen Firas ohne Humor und Lebensfreude gibt es nicht – zumindest nicht öffentlich. Und bei allen nachdenklich machenden Passagen und erschütternden Erlebnissen, ist es auch ein kurzweiliger Spaß zu lesen, wie Firas sich selbst, sein Leben, seine Erfahrungen und sein Umfeld durch den sprichwörtlichen Kakao zieht. Mit Kaffee wäre das nicht möglich, denn der schmeckt ihm hier meistens wie „Sockensaft – frisch gepresst“.

Dass das Leben viel einfacher ist, wenn man nicht alles (und sich selber) zu ernst nimmt, zeigt zum Beispiel seine Einschätzung von gewissen politischen (Anmerkung von mir: meist strunzdummen) Äußerungen, die er dem „Kleine-Kläffer-Syndrom“ zuordnet. Ich muss mal überlegen, ob es „typisch Deutsch“ ist, dass ich da deutlich weniger Gelassenheit mitbringe. Das „Kleine-Kläffer-Syndrom“ ist übrigens auf keinen Fall in Zusammenhang damit zu bringen, dass Firas seit geraumer Zeit sein Leben mit einer winzig kleinen Hundeprinzessin teilt, die obwohl weder Vegetarierin noch Veganerin, auf den Namen „Zucchini“ hört, beziehungsweise hören sollte.

Titel VersteOb Firas sich als Hundeflüsterer bewähren könnte, kann ich ebenso wenig beurteilen, wie die Erfolgsaussichten eines Buches über Bartpflege, wenn er es wirklich mal schreiben sollte. Ich beurteile aber gerne „Versteh einer die Deutschen“, ebenso wie den Vorgänger „Ich komm auf Deutschland zu“ als gutes und wichtiges Buch. Es vermittelt den Leser/innen – egal welcher Herkunft – neue Perspektiven, beschert ihnen neue Erkenntnisse und motiviert sie hoffentlich, sich zusammen mit anderen dafür einzusetzen, was einem nach der Lektüre alles andere als utopisch vorkommt: Mehr Miteinander, weniger Vorurteile, mehr aufeinander zugehen statt übereinander zu schimpfen, mehr kennenlernen als abzulehnen. Warum wir dann, laut Firas, alle „Kartoffelhelden“ wären, lest ihr am besten selber.

fl

Sommerliche Adventskalender

Adventskalender

Wir schreiben das Jahr 2018, und es sind noch 68 Tage bis Weihnachten. Daran, dass vor einigen Wochen, als die Freibäder noch geöffnet und gut besucht waren, die ersten Dominosteine und Spekulatius-Tüten in den Geschäften auftauchten, habe ich mich nach vielen Jahren langsam gewöhnt. Obwohl mich die Vorstellung immer noch erstaunt, dass das Zeug um diese Jahreszeit überhaupt schmecken soll. Aber was bitte fängt man 44 Tage lang mit einem Adventskalender an, der derzeit in unterschiedlichsten Varianten im Supermarkt in meiner Nachbarschaft angeboten wird? Angucken und Vorfreude genießen? Dafür ist die Zeit dann doch ein bisschen lang und die Vorfreude auf ein paar Stück Schokolade kann man auch unabhängig von irgendwelchen Fest- und Feiertagen genießen. Gut, die Schokolade vorm Schmelzen zu bewahren, ist laut Wetterbericht in den nächsten Tagen nicht mehr nötig. Aber als ich die vorweihnachtlichen Angebote zum ersten Mal im Laden sah, war ich dort in Sandalen ohne Socken und im ärmellosen Sommer T-Shirt unterwegs. Was frau eben so anzieht bei Temperaturen von 25 Grad und mehr.

Und wie bitte erklären Eltern ihren Kindern, die noch an Nikolaus und Christkind glauben, dass Adventskalender zwar schon käuflich zu erwerben, aber wochenlang völlig unnütz sind? Da hat man es bis zum Sommer gerade fertiggebracht, in langen Diskussionen den Nachwuchs zu überzeugen, dass nicht Christkind und Weihnachtsmann Geschenke säckeweise bringen, sondern letzterer vor allem als Mittel zur Umsatzsteigerung nicht nur von Coca Cola genutzt wird, und schon gibt es neuen Grund für weihnachtliche Debatten. Dieses Mal über Tage, Wochen und Monate, und das mit Kindern, die bestenfalls im Zahlenraum bis 10 sicher unterwegs sind. Ob Mitgefühl mit Eltern und Kindern angebracht weiß ich nicht, wenn ich mir überlege, dass der Handel Adventskalender, mit Sternen und Krippen bedrucktes Geschenkpapier und Deko-Kram unterschiedlichster Geschmacksgüte nicht in die Regale packt, damit sie bis Ende November zustauben.

Gut, ich persönlich bin aus der Nummer raus, da meine Kinder erwachsen, und könnte die Adventskalender im sommerlichen Herbst getrost ignorieren. Wenn nicht direkt daneben der Glühwein angeboten würde. Und der schmeckt bei zweistelligen Temperaturen ja wirklich nicht. Oder? Vielleicht mit Eiswürfeln?

Nachträglicher Hinweis: Ich ärgere mich jedes Jahr über den zu frühen Beginn des Weihnachtsgeschäftes, aber nicht jedes Jahr öffentlich, sondern zuletzt im November vor zwei Jahren ;-).

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Kein Anschluss auf diesem Gleis

Bahn-Logo

„Reisen ist das beste, ja das einzige Heilmittel gegen Kummer.“ Glasklar, dieses Zitat des französischen Schriftstellers Alfred de Musset stammt aus Zeiten, in denen es noch keine Deutsche Bahn AG gab. Die ist bekanntlich nämlich häufig kein Mittel gegen, sondern Ursache für Kummer. An einem einzigen Tag auf der Hin- und auf der Rückfahrt auf irgendwelchen Bahnhöfen zu stranden, weil Zugverbindungen mal eben kurzfristig ausfallen oder so verspätet sind, dass der Anschlusszug garantiert weg ist, steht auf meiner Skala der Kummer-Bekämpfung ganz, ganz weit unten.

Ein kleines Kaff zwischen Wuppertal und Gevelsberg war das Ziel, Anlass eine Beerdigung, also eigentlich Kummer genug. Glücklicherweise blieben mir eineinhalb Stunden Busfahrt auf kurvigen Straßen durch bergige Gegend erspart, weil mir eine Mitfahrgelegenheit von der laut Grönemeyer tief im Westen gelegenen Stadt zum Zielort angeboten wurde.

Zwei Stunden Reisezeit sagte mir der Fahrplan voraus, die ersten 45 Minuten von Ochtrup nach Münster waren kein Problem, die Umsteigezeit von zwölf Minuten war kein Anlass für übertriebene Hetze. Selbst Schneckentempo mit einer Schrittlänge von wenigen Zentimetern wären keine Ursache gewesen, den Anschlusszug zu verpassen. Der hatte nämlich laut Info-Tafel erst 20 und einige Zeit später 40 Minuten Verspätung, bevor die Anzeige die Nachricht verkündete, dass dieser Zug komplett ausfalle.

Im gut besuchten (ja, warum wohl?) Info-Center der Bahn wurde mir dann eine Bimmelbahn-Verbindung empfohlen, mit der ich kleine Ortschaften bereisen durfte, deren Namen ich bis dahin nicht mal kannte. Ein Hoch auf drahtlose Telefonverbindungen, ich wurde irgendwo auf der Strecke vor dem ursprünglich vereinbarten Treffpunkt aufgelesen.

Auch bei der abendlichen Rückfahrt blieb mir die Bus-Benutzung erspart, es gab eine andere Mitfahrgelegenheit zur „Perle im Revier“. Trotz einer Großveranstaltung war ich pünktlich am Hauptbahnhof, was aber gar nicht nötig war. 30 Minuten Verspätung sorgten dann dafür, dass ich nicht nur am Bochumer Hauptbahnhof sprichwörtlich wie bestellt und nicht abgeholt rumsaß, sondern dieses Vergnügen dann auch in Münster hatte. Der vorgesehene Zug nach Ochtrup kam nämlich dort genau an, als ich Münster erreicht hatte. Auch, wenn er für viel Geld umgebaut und modernisiert wurde, ich kenne schönere Orte als den dortigen Hauptbahnhof.

Laune auf dem Tiefpunkt, jede Menge Ärger im Bauch hatte ich mir wenigsten die entsprechenden Bescheinigungen vom Bahnpersonal besorgt, um eine großzügige *kicher* Entschädigung der Bahn von 25 Prozent des Fahrpreises zu erwarten. Da ich früh genug Tickets zum Sparpreis inklusive Bahncard-Rabatt geordert hatte, rechnete ich mit einer Summe, die wenigstens für ein Eis, reichen sollte. Im Hörnchen natürlich, nicht von der Karte.

Aber pfiffig, wie die Bahn nun mal ist, wurde mein Ticket, das für Hin- und Rückfahrt ausgestellt war, nicht als ein Fahrschein angesehen, sondern als zwei, eben einer für die Hin- und einer für die Rückfahrt. Und damit lag ich unter der vom Konzern vorgesehenen Erstattungs-Grenze.

Aber ich werde Rache üben: Für meine nächste Bahncard bekommt die Deutsche Bahn von mir nicht den vollen Preis. Ich werden den Seniorentarif beanspruchen. Auch irgendwie ein bisschen Anlass für Kummer.

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Stadt-Land-Spielt – auch in Ochtrup

Es ist schon gute Tradition, dass die Bücherei St. Lamberti ihre für den Herbst neu angeschafften Brett- und Gesellschaftsspiele am zweiten Samstag im September präsentiert, wenn sie sich gemeinsam mit dem Ochtruper Spieletreffen an der Aktion „Stadt – Land – Spielt“ beteiligt. 55 Neuerscheinungen des deutschen Spielemarktes vervollständigen in Kürze den Bücherei-Bestand von fast 900 Brettspielen. Sie werden zur Zeit ins Datei-System eingepflegt, um in Kürze zur Ausleihe zur Verfügung zu stehen. Darunter natürlich auch das Spiel des Jahres, „Azul“ und „Funkelschatz“, das Kinderspiel des Jahres 2018. Bei den übrigen Neuheiten handelt es sich um Spiele für alle Altersklassen, also vom Kindergarten an bis zu Erwachsenen. Ob Fantasy, Wettbewerb, Strategie oder Konstruktion, für jeden Interessenkreis ist etwas dabei. Neue Spiele 2018

Diese Neuanschaffungen stehen im Rahmen von „Stadt – Land – Spielt“ zusammen mit den übrigen über 800 Spielen der Bücherei natürlich nicht nur zum Angucken, sondern vor allem zum Spielen bereit. Die Aktion, an der sich das Ochtruper Spieletreffen und die Bücherei seit einigen Jahren gemeinsam beteiligen, hat das Ziel, Brett- und Gesellschaftsspiele als Kulturgut öffentlich in den Blickpunkt zu stellen und weiteres Interesse für diese Freizeitbeschäftigung zu gewinnen. Die jährlich steigende Zahl der angemeldeten Spielorte in Deutschland und Österreich sprechen für sich. In diesem Jahr werden Veranstaltungen an 143 Spielorten angeboten. Dort treffen sich Familien, Gruppen und Einzelpersonen um gemeinsam miteinander zu spielen und neue Gesellschaftsspiele kennenzulernen.

In Ochtrup findet „Stadt – Land – Spielt“ am Samstag, 8. September, in der Zeit von 14 bis 22 Uhr im Forum der Bücherei St. Lamberti statt. Während dieser Zeit können Besucher/innen ständig dazu kommen. Nicht nur um bewährte Spiele zu spielen, neue Spiele kennenzulernen, sondern auch um neue Mitspieler/innen zu finden.

Anmeldungen sind nicht erforderlich, und der Eintritt ist frei.

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Männer-Spielzeug in der Küche

Thermomix
Herzlichen Dank an Betsi, die bunte Kuh, avatarama.blogspot.com

Dass ich in den letzten Jahren via TV schon mehr Küchen gesehen habe, als mir eigentlich lieb ist, damit habe ich mich ja quasi unter dem Siegel der Verschwiegenheit hier schon mal geoutet. Es ist ein mehr oder weniger zweifelhaftes Vergnügen zuzusehen, wenn Gerichte, die mit viel Mühe und Sorgfalt zubereitet wurden, auf Omas Erbstücken mit schweinchenrosa Landschaftsmalerei präsentiert werden. Und daneben stehen Bleikristall-Kelche aus der Aussteuer der Schwiegermutter, sorgsam handgespült und umgehend ersetzt, wenn sie dann doch mal zu nahe an die Tischkante gestellt wurde.

Gleichzeitig umso erstaunlicher der Blick auf die technische Ausstattung privater Küchen, die nicht selten so aussehen, als seien sie, seitdem sie aus dem Katalog geschlüpft sind, häufiger geputzt als benutzt worden. Aber schließlich muss jede Menge Schnickschnack auch in Szene gesetzt werden.

Neben mindestens einem Backofen, selbstverständlich auf halber Höhe, sind ein Dampfgarer und ein  Tellerwärmer eingebaut, in direkter Nachbarschaft zur Kaffee-Cappuccino-Latte-Espresso-Maschine im Wandschrank mit direktem Wasseranschluss. Das ist in etwa die Grundausstattung für diejenigen, die darauf schwören, dass Fleisch und Gemüse über Stunden im Kunststoffbeutel gegart, einen ganz besonderen Geschmack haben. Wobei ich mich dann frage, ob bei Plastik-Weichmachern bitter oder umami vorherrscht. Kleiner Hinweis noch für den einen oder anderen stolzen Besitzer: die Dinger werden „ßuwiedd“ ausgesprochen und nicht wie das englische „so sweet“.

Reiskocher, selten funktionierende Schaumschläger-Sprühflasche, Eismaschine im Ausmaß eines mittleren Pizzaofens, und natürlich die knallrote Kitchenaid mit einem Schrank füllenden Sortiment an Zusatzgeräten von der Getreidemühle bis zum Wurststopfer seien nur am Rande erwähnt. Jedenfalls bringen es manche Teilnehmer der hier nicht erwähnenswerten Koch-Reality-Show es fertig, für ein einziges Abendessen dieses gesamte Equipment zum Einsatz zu bringen. Das hat sich dann seine Bezeichnung „Männerspielzeug“ redlich verdient. Aber dazu später noch die eine oder andere Anmerkung.

Was in meiner Aufzählung für die Küchengeräte, die mehr unter die Kategorie „schweineteuer“ als unter „wirklich nötig“ fallen, noch fehlt ist die angebliche Wundermaschine eines traditionsreichen Herstellers von Staubsaugern und Teppichböden: der Thermomix. Auch er steht in vielen Küchen, die im Fernsehen gezeigt werden, allerdings gar nicht so häufig im Einsatz, wie man von einem Gerät erwartet, um das sich einmal im Monat sogar ganze Zeitschriften drehen. Denn in diesen Sendungen geht es in erster Linie ums Kochen und nicht ums Kochen lassen, weshalb der Thermomix bestenfalls mal zum Kleinschreddern oder Pulverisieren von Zutaten zum Einsatz kommt. Bemerkenswert, dass mir im Internet auf einer einschlägigen Rezeptseite als Erstes ein Couscous-Salat angezeigt wird, für den man den Couscous in einem ganz normalen Topf einweichen und Tomaten und Gurken mit der Hand würfeln muss, während zur großen Arbeitserleichterung und Zeitersparnis Kräuter, Öl, Zitronensaft und Gewürze in einem Gerät zusammengerührt werden, das mindestens stolze ein-tausend-zweihundert-neun-und-neunzig Ocken kostet.

Mir sind ohnehin technische Geräte suspekt, die vorgeführt werden müssen, um mir eine Kaufentscheidung zu erleichtern. In meinem Hinterkopf spukt dann immer die Frage, ob die Hersteller es nicht fertigbringen, eine vernünftige Gebrauchsanweisung zu schreiben, und ob diese Leute dann die richtigen Ansprechpartner bei möglichen Problemen sind.

Aber natürlich geht es bei den Vorführungen nur vordergründig ums Beraten und Vorführen, sondern vielmehr darum, einen gewissen Gruppenzwang in Sachen Status-Symbol zu erzeugen. Ich kenne nicht nur eine Frau (das Teil scheint nur bedingt unter „Männerspielzeug“ zu fallen), die sich gerne und bei möglichst vielen Gelegenheit als Thermomix-Neubesitzerin zu erkennen gegeben hat und davon schwärmte, wie oft der kochende Mixer in ihrer Küche im Einsatz war. Wohlgemerkt war, denn nach einigen Wochen verschwinden nicht wenige der teuren Neuanschaffungen in den Tiefen von Schränken oder Kellern, um dann ein Jahr später mit nicht unerheblichem finanziellen Verlust als „1-2-3 meins“ auf den virtuellen Markt geworfen zu werden.

Bevor jetzt alle Thermomix-Fans aufheulen: Ja, es gibt auch Küchen, in denen er auch Jahre nach der Anschaffung im Einsatz ist. Manchmal sogar noch, nachdem auch das jüngste Kind aus dem Brei-Alter heraus sind. Ich will auch gar nicht abstreiten, dass mit dem Teil wunderbar püriert, gehäckselt und gemahlen werden kann, dass die unbeaufsichtigte Herstellung einer Sauce hollandaise etwas Feines ist. Aber, wer sich von einem Chip vorschreiben lässt, mit wieviel Gramm Mehl eine Sauce gebunden werden soll, wer den Hinweis braucht, dass längeres Mitkochen von beispielsweise Basilikum kein tolles Geschmackserlebnis verspricht, sollte meines Erachtens erst einmal Kochen lernen und sich dann Gedanken über die Anschaffung von sündteuren Gerätschaften machen. Ich jedenfalls komme gut zurecht mit meinem Kochtöpfen, einem guten Gemüsehobel und einem Pürierstab und habe viel Geld gespart.

Um den Bogen zurück zu den Männern zu schlagen, bei denen die High-End-Küche den Motorrad-Oldtimer oder die elektrische Eisenbahn ersetzt: für sie bedeutet der Thermomix-Preis oft die sprichwörtlichen Peanuts. Für einen Messersatz mit handgeschmiedeten Klingen, inklusive Namensgravur und individuell angepassten Handgriffen, wechseln schon mal deutlich mehr Scheine den Besitzer. Und die Outdoor-Küche mit Superduperschnickschnack-Grill inklusive Smoker, die in erster Linie angeschafft wird, um Nachbarschaft und Gäste zu beeindrucken, kostet schon mal locker so viel, wie ein mittlerer Gebrauchtwagen. Aber dann sind Anschaffung und Gebrauch solcher Luxusgegenstände – mit denen natürlich nur besonders ausgefallene (und teure) Zutaten, verarbeitet werden, die gerne von weit her angeflogen, mindestens aber mit dem SUV aus dem nahen Bio-Supermarkt herangekarrt werden – kein profanes Hobby mehr. Sondern es handelt sich um das Phänomen der „gastrosexuellen“ Männer.

Die Bezeichnung gibt es tatsächlich, auch diverse Artikel und Bücher, die sich damit befassen. Ich werde darauf verzichten näher darauf einzugehen, weil ich nicht sicher bin, wie ich einen Zusammenhang zwischen teuren Küchengerätschaften mit rasant rotierenden, extrem scharfen Messern und männlicher Sexualität herstellen kann, ohne dass die alte Emanze hemmungslos aus mir herausbricht, die dann solche Begriffe wie „Porsche-Effekt“ und „Kompensation“ hier einstreut. Beim letzten Satz bekommt übrigens gerade der Begriff „Schere im Kopf“ eine ganz neue Bedeutung.

Ich geh jetzt mal Pasta kochen. Nudeln gibt’s erst morgen wieder.

fl

 

 

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