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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Ein Socken für jede Söckin…

…oder: Wie ich doch noch zur Sockenstrickerin wurde

Keine Ahnung, wie viele Pullis, Jacken, Tücher, Schals und Mützen ich schon gestrickt hatte, als ich mich immer noch standhaft weigerte, Socken zu stricken. Ich habe lieber ein Bodenkissen mit über einem halben Meter Durchmesser in Filzwolle gestrickt, als mich an Käppchen und Zwickel für eine Sockenferse zu wagen. Wer die Technik des Strickfilzens kennt, weiß, von welcher Größenordnung ich spreche. Mein Jüngster fragte mich zwischendurch verwundert, warum ich einen Kinderschlafsack auf der Nadel habe.

Filzkissen

Für die Nichtinsider: Beim Strickfilzen werden die Strickstücke ein Drittel größer gestrickt als später erforderlich, um dann in der Waschmaschine das zu tun, was beim hochwertigen Wollpulli eine höchst ärgerliche Angelegenheit ist: Schrumpfen und Verfilzen.

Es gab auch keinen Grund, mich im Sockenstricken zu üben, da meine Mutter begeistert die gesamte Familie mit Socken in allen Farben und notwendigen Größen versorgte. So begeistert, dass wir Vorräte anlegen konnten, die auch noch einige Jahre gute Dienste taten, nachdem sie verstorben war. In der Zwischenzeit war mein Faible fürs Strickfilzen groß genug, dass ich mich auch an Filzpuschen herangewagt hatte. Angst vor dem Nadelspiel hatte ich also keine, aber keine Lust auf eben Käppchen und Zwickel und die damit verbundene Zählerei.

Irgendwann, als der größte Teil meines Sockenvorrats bedenklichen Verschleiß aufwies, liefen mir dann aus dem weltweiten Netz Socken über den heimischen Bildschirm, die versprachen, dass ich Socken ohne die lästige Ferse stricken könnte. Sie versprachen darüber hinaus sogar, dass diese auch gut am Fuß sitzen. Die Rede ist von sogenannten Spiral- oder Regenwurmsocken. Deren Fertigstellung ist in der Tat so kinderleicht, dass sich mir nicht erschließt, warum es Anleitungsbücher dafür gibt. Und ja, sie sitzen wirklich gut und sind vor allem bei Eltern von Neugeborenen beliebt, weil sie mitwachsen (und ich muss mir nicht den Kopf über Geschenke zerbrechen). Außerdem sind sie so schnell fertig, dass der Griff zu Stricknadel beim Einsetzen der Wehen – außer bei Sturzgeburt und Kaiserschnitt  – ein guter Zeitplan ist.

Spiralsocken

Ja, es macht Spaß, Spiralsocken zu stricken (auch Socken-Neulingen, die mir dann Beweisbilder schicken) aber verwöhnt von Liebmütterleins Strickkünsten waren es irgendwie keine „richtigen Socken“. Also begann ich nach weiteren Alternativen zu Käppchen und Zwickel zu suchen und wurde auf der Nadelspiel-Seite von EliZZZa, meiner Lieblingsanleiterin auf Youtube, fündig. Nicht nur ihr charmanter österreichischer Akzent macht ihre Videos hörenswert, sondern die geduldig in allen Einzelheiten erklärten und demonstrierten Arbeitsschritte machen sie sehenswert.

Das Zauberwort heißt „Bumerang“ und das Geheimnis sind verkürzte Reihen, und die hatte ich u. a. beim oben erwähnten Bodenkisssen hinreichend geübt. Ich muss nicht zählen, ich muss keine Maschen wieder einfangen und sie funktioniert, egal ob ich die Socken oben oder unten anfange.

Ja, ich hab mir im Laufe der Zeit einige Besonderheiten beim Sockenstricken angewöhnt: Ich nehme dafür nicht nur eckige Nadeln, die ein viel gleichmäßigeres Strickbild ergeben, als ihre runden Geschwister, sondern ich fange Socken an der Spitze an, die mir so besser gefällt.  Ich stricke inzwischen gerne Socken – für mich oder für Menschen mit ähnlicher Schuhgröße. Bei allem, was über Größe 40 hinausgeht, wird der Spaß schon mal von Langeweile verdrängt. Umso besser, dass einer meiner Söhne sich inzwischen seine Socken selber strickt – mit Käppchen und Zwickel für die Ferse.

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Socken stricken

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„Lies das mal.“ Ja bitte!

„Lies das mal, das könnte was für dich sein. Und sag mir anschließend mal, ob du es für authentisch hältst. Du bist da näher dran als ich“ Mit diesen Worten drückte der Chef meiner Lieblingsbücherei mir das Buch „Unter Fremden“ von Jutta Profijt in die Hand. Ja, der Mann kennt mich. Gut genug um zu wissen, dass Flüchtlinge, syrische Frauen und Krimi (!) eine Kombination sind, die mich packt. Und was ich davon halte? Soviel, dass ich es nicht nur dem Bücherei-Chef sagen will, sondern auch aufgeschrieben habe als eindeutige Empfehlung, dieses Buch unbedingt zu lesen.

1Geschmökert

Wie beschreibe ich den Inhalt eines Kriminalromans, ohne zu viel zu verraten und Spannung zu zerstören? Am besten gar nicht, weshalb ich auch darauf verzichte und auf andere Aspekte eingehen möchte.

Zunächst einmal darauf, dass ich es großartig finde, wie die in der niederrheinischen Provinz lebende Jutta Profijt sich in die Denkweise und Gefühlswelt einer Analphabetin aus einem syrischen Dorf einfühlt. Vieles, was ich aus zahlreichen, intensiven Gesprächen mit Syrerinnen als Fakten mitgenommen habe, wird von der Hauptperson des Romans erlebt und erfahren, ohne dass die Autorin irgendeine Wertung vornimmt. Und so schüttelt der/die Leser/in beispielsweise nicht verwundert den Kopf, sondern fühlt einfach nur mit, wenn die gehbehinderte Madiha völlig erschöpft eine längere Busfahrt stehend hinter sich bringt, weil freie Sitzplätze nur direkt neben männlichen Fahrgästen verfügbar sind.

Die Schilderungen vom Alltag in einer Massenunterkunft würde ich gerne all denen zu lesen geben, die diese Unterbringung für akzeptabel halten. Und noch lieber denjenigen, die solche Dummheiten raushauen wie „Da ist doch alles viel besser, als sie es von Zuhause gewohnt sind.“ Auch wenn die Protagonistin erst lernen muss, ein Smartphone zu bedienen, bedeutet das sicher nicht, dass syrische Frauen mit den Segnungen der technischen Neuzeit nicht vertraut sind. Ja, es gibt (nicht nur) im arabischen Raum deutliche Unterschiede zwischen dem Leben in der Großstadt und auf dem Land. Aber auch in abgelegenen Dörfern wird dort das Wasser eher nicht mit Kamelen von einem weit entfernten Brunnen geholt, sondern kommt aus dem Kran. Meistens sogar warm.

Und auch denjenigen, die durch ihre Hilfe und ihr Engagement in solchen Unterkünften mit den Gegebenheiten vertraut sind, möchte ich das Buch gerne zu lesen geben und ihnen einige Abschnitte besonders empfehlen. Die Protagonistin lebte als Kind bei – nicht mit – einer Familie mit einer deutschen Mutter und ist aufgrund ihrer Sprachkenntnisse im Flüchtlingsheim als Dolmetscherin sehr gefragt. Gefragt wird sie selber allerdings nicht, ob und wann sie als Übersetzerin eingesetzt werden will, und ob sie diese Rolle nicht auch regelmäßig überfordert. Ich jedenfalls nehme, nachdem ich das Buch gelesen habe, mein Engagement genauer unter die Lupe, um der Falle „gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“ möglichst auszuweichen.

Um jetzt doch nochmal auf den Krimi zurückzukommen: er ist meiner Meinung nach spannend, realitätsnah und gut erzählt. Für mich ein großer Pluspunkt: Die Autorin verzichtet darauf, jegliche Art von Sensationsgier zu bedienen, sondern erzählt ruhig, besonnen und dennoch fesselnd.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich wünsche mir, dass „Unter Fremden“ in kurzer Zeit eine lange Liste von Vorbestellungen in der Bücherei hat. Verdient hat es das.

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Unter Fremden

Riham und Osama schreiben

Regelmäßige Leser/innen unsere Blogs erinnern sich vielleicht noch an meine Freundin Riham, ehemalige Praktikantin in unserer Bücherei und sehr engagiert für ein harmonisches Miteinander von Menschen mit verschiedener Herkunft, Tradition, Kultur und Glauben. Riham absolviert zur Zeit ein Praktikum bei der UNICEF in Köln und hat für deren Homepage ihren ersten Blogbeitrag auf Deutsch geschrieben (Chapeau, meine Liebe). Anlass war ein Brief, den der 10jährige Osama, der wie seine Familie zu den regelmäßigen Bücherei-Besuchern gehört, zu einem für die Welt sehr beschämenden Datum geschrieben hat: dem siebten Jahrestag des Kriegsausbruchs in seiner Heimat Syrien.

Ein Artikel, der unter die Haut geht, und der angesichts der aktuellen Diskussionen eine große Leserschaft verdient hat (also gerne auch weiterleiten und verlinken). Aber lest selbst:

Körperteile von Kindern unter Ruinen

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Horrido im Klassenzimmer

Häschenschule

Die Weltnachrichten zu verfolgen ist zur Zeit mal wieder nicht nur eine Frage von Interesse am Weltgeschehen, sondern auch von Nervenstärke. Letztere ist in meinem Fall besonders gefragt, seit ich weiß, dass das junge Ehepaar, das in der Wohnung unter mir lebt, um ihre Familien, Verwandte und Freunde in Afrin bangen muss. Da werde ich schon mal deutliche dünnhäutiger, wenn es um Krieg und Gewalt geht. Und wenn dann dieser … (die Bezeichnung für den derzeit amtierenden US-Präsidenten ist in diesem Zusammenhang der Selbstzensur zum Opfer gefallen) eine Ansage macht, wie er dafür sorgen kann, dass in seinem Land noch mehr Kinder durch Waffengewalt sterben, dann steigt mein Blutdruck, schwillt mir der Hals und ich werde einfach nur ganz, ganz böse.

Diesem … (hier kommt wieder die Selbstzensur ins Spiel) fällt nichts Besseres ein, als auf das Massaker in Florida mit einem Vorschlag für noch mehr Waffen an Schulen zu reagieren? Darf doch nicht wahr sein. Ist es aber.

Ja, meine Phantasie reicht kaum aus, mir vorzustellen, wie es sich anfühlen muss, wenn man weiß, dass im persönlichen Umfeld viele Menschen im Besitz eines technisch ausgefeilten Mordinstruments sind. Aber beim Gedanken, dass künftig Lehrerinnen und Lehrer ganz offiziell dazu angehalten werden sollen, solche Mordinstrumente im Klassenzimmer bei sich zu haben, wird es mir einfach nur schlecht. Dass er die zig Millionen, die er von den Ewig-Gestrigen der Waffenlobby kassiert, dafür einsetzt, die psychische Stabilität der künftigen Cowboys am Lehrerpult zu überprüfen, den Vorschlag hat der derzeitige POTUS nicht gemacht.

Ich vermute mal, ihn interessiert auch nicht sonderlich, was passieren kann, wenn einem Lehrer die Nerven durchgehen. Nicht unbedingt, weil seine Schülerinnen und Schüler ihm gehörig auf den Wecker gehen, sondern vielleicht einfach nur, weil im Klassenzimmer ein Luftballon zerplatzt oder irgendetwas laut scheppernd zu Boden fällt.

Wenn irgendwann mal kein (ehemaliger) Schüler, sondern ein bewaffneter Lehrer ein Massaker in einer Schule anrichtet, lädt Trump dann auch Angehörige oder Mitschüler/innen zu einem Gespräch ins Weiße Haus ein und hält einen Spickzettel in den Händen, damit er nicht vergisst zu versichern „I hear You“?

Ich mag es mir gar nicht weiter vorstellen. Ich mag auch nicht darüber nachdenken, dass es in Deutschland über 20 Millionen legale und illegale Waffen in Privatbesitz gibt. Und noch weniger darüber, dass es nicht wenige Menschen gibt, die das gut finden.

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Amtsschimmels TV- Kochshow

Amtsschimmel

Wer jemals versucht hat, Geflüchteten durch den bundesdeutschen Behördendschungel zu helfen, der darf hin und wieder in wahre Abgründe der Bürokratie blicken. Mal abgesehen davon, dass so manche Formulierung in Antragsformularen und Bescheiden selbst die eloquentesten Muttersprachler vor große Herausforderungen stellt (ich könnte auch kurz und knackig schreiben: sie grenzen an Frechheit), ist auch der Personalschlüssel in manchen Behörden ausgesprochen fragwürdig. Gerade, als meine Geduld, mein Verständnis und meine Akzeptanz sich mal wieder dem Nullpunkt näherten, weil für die Ausstellung von Dokumenten nach erfolgreichem Verfahren schon mal locker ein halbes Jahr und mehr Wartezeit als „normal“ einzustufen sind, fiel mir ein Pressebericht ins Auge, der mir ein kurzfristiges Schleudertrauma wegen anhaltenden Kopfschüttelns bescherte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat in einer Untersuchung Hygiene-Mängel in TV-Kochsendungen festgestellt. What the f…?

Dieses Institut (zuletzt in den Schlagzeilen im Zusammenhang mit der Diskussion über die Glyphosat-Zulassung) ist eine Bundesbehörde mit über 800 Mitarbeiter/innen, darunter mehr 300 Wissenschaftler/innen. Und diese sicherlich gut dotierten Fachkräfte haben während ihrer Arbeitszeit tagelang vor der Glotze gesessen und sich einhundert (in Worten 100!) Kochshows angesehen. OK, einige Sendungen sind an der Grenze zur Schmerzensgeld-Pflicht, aber ich behaupte mal, es gibt schlimmere Jobs in diesem Land, weitaus schlimmere.

Anschließend wurde – in welchem Zeitrahmen ist mir nicht bekannt – das Ganze natürlich ausgewertet und zwar unter dem Gesichtspunkt der Vorbildfunktion. Nein, es sollte nicht erforscht werden, wer das das größte Großmaul im deutschen Koch-Olymp ist und auch nicht, wie oft Schimpfwortezu hören sind, die mit „Schei“ beginnen und auf „ße“ enden die elterlichen Erziehungsbemühungen bei jungen Zuschauer/innen torpedieren. Es ging um Hygiene in der Küche, also schlicht und ergreifend darum, ob die Vorturner, äh Vorkocher auch brav die Hände gewaschen haben, ob sie regelmäßig die Schneidbretter wechseln, keine Flecken ins T-Shirt schmieren und niemals den Löffel ablecken. Bahnbrechende Erkenntnis: Es sind Menschen, die vor der Kamera schnibbeln, kochen und brutzeln und sie machen Fehler. Auch bei der Küchenhygiene.

Noch bahnbrechender aber die Erkenntnisse: Die Zuschauer sind auch nicht besser! Sie machen dieselben Fehler, wie ihre Fernseh-Vorbilder. Wenn jedoch die (meist selbsternannten) Kochgötter Hygiene-Fehler vermeiden, machen die Zuschauer/innen auch das nach, ist ein weiteres, „wissenschaftliches“ Ergebnis. Worum wetten wir, dass Fernsehköche, die vor der Kamera irgendetwas besonders sorgfältig oder wiederholt säubern, das nicht stillschweigend und ohne Begründung tun? Als ob sie es sich verkneifen würden neben Kochtipps, ab und zu mal den Oberlehrer zu geben, bei dem schon Meister Propper die Schulbank drückte.

Liebe Experten der Bundesbehörde: nach diesen wichtigen Erkenntnissen warte ich jetzt noch auf eine Doppelblind-Studie dazu, welche Auswirkungen es auf die Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr hat, wenn Erwachsene ihnen nicht nur erklären, warum Ampeln manchmal rot sind, sondern ihnen auch noch vormachen, wann man dann stehen bleiben sollte. Das Ergebnis könnte ich Euch in wenigen Sätzen ohne großen Zeitaufwand aufschreiben. Könnt Ihr dann bitte die vielen eingesparten Arbeitsstunden darauf verwenden, Eure Beamten-Kolleg/Innen in den Ausländerbehörden bei der Abnahme von Fingerabdrücken oder der Aushändigung von Pässen zu unterstützen?

fl

Und danach?

Hach, war das schön, als wir im November Abschied vom Internationalen Café genommen haben. Viele treue Besucher/innen und Helfer/innen, Mitstreiter/innen der ersten Stunde waren gekommen, und wir haben alle ganz vertraut zusammengesessen und geklönt. Allen noch Mal ganz, ganz herzlichen Dank, auch für die Präsente und anerkennenden Worte.

Internationales KochenUnd jetzt? Jetzt gibt es natürlich weitere Begegnungen und Treffen – nicht nur privat. Bereits im September fiel der Startschuss für eine internationale Kochgruppe, die seitdem einmal im Monat allen Beteiligten viel Spaß macht.

Die Küchen anderer Länder kennenzulernen, steht im Mittelpunkt, wenn in der Schulküche drei Backöfen und zig Kochtöpfe auf einmal für beschlagene

Fensterscheiben sorgen. Und so stehen dann schon mal die abenteuerlichsten Kombinationen auf dem Tisch, beispielsweise ein syrisches Reisgericht mit Gemüse und Hähnchen und afghanische Teigtaschen neben Kartoffelpuffern mit Apfelmus. Alles ganz nach dem Motto „Integration macht dick, und ich bin stets bemüht, die Nachhaltigkeit dieser These unter Beweis zu stellen“.

Und als Nächstes ist ein Projekt in der Planung, dessen Idee beim Internationalen Café aufkam und viel Interesse fand: ein Gesprächskreis nur für Frauen, der Ende Februar starten wird. Dabei soll es nicht nur um Fragen des Alltags gehen, sondern auch um Kultur, Religion und Gesellschaft. Wir wollen uns darüber austauschen, welche Gemeinsamkeiten wir haben, welche Unterschiede zu respektieren und möglicherweise zu überwinden sind, und was wir eventuell voneinander lernen können. Die an der Vorbereitung beteiligten Frauen sind sich einig: Je mehr wir voneinander wissen, je besser wir uns und unsere Wurzeln verstehen, desto einfacher und harmonischer wird unser Zusammenleben. Und ebenfalls herrscht Übereinstimmung: Es geht ums Wissen von- und übereinander und nicht darum, überzeugen zu wollen, dass die eine Ansicht besser ist als die andere, dass ein Glaube über dem anderen stehen soll.

Frauen im DialogEs bleibt also spannend. Und ich werde noch so manche Kanne Kaffee und Tee Samstag nachmittags in der Bücherei kochen (zum Glück wieder mit der Profi-Ausstattung des Café Knitterfrei).

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Zum Jahresende Würstchen Nr. 50

 

Statistik LänderDie letzte Portion Senf in diesem Jahr, aber nicht traditionsgemäß zu Würstchen mit Kartoffelsalat an Heiligabend, sondern auf dem Bildschirm als Beitrag im Bücherei-Blog, dem außerdem noch die Besonderheit zukommt, der FÜNFZIGSTE seit Sommer 2016 zu sein. Fast dreieinhalb tausend Mal wurden die Beiträge gelesen, erstaunlicherweise auch im Ausland, wie die Statistik für dieses Jahr zeigt. Liebe Leser/innen aus den Nachbarländern oder von fremden Kontinenten, bitte verratet doch mal, wie ihr auf unseren kleinen Blog aufmerksam gemacht wurdet, da bin ich echt neugierig. 

Aber zurück zur Portion Senf und damit zur Frage, welches Thema die Rolle des Jahresendzeit-Würstchens übernehmen könnte?

Wetter zum Beispiel war noch kein Thema, aber die Aufregung über in TV-Nachrichten als „tiefverschneite“ Straßen bezeichnete mit Schneemassen von circa sieben Zentimetern, in unserer Gegend mal ausnahmsweise vertikal und nicht horizontal verteilt, hat sich gelegt. Politik habe ich überwiegend ausgespart, beispielsweise die Bundestagswahl mit Ergebnissen, die in der Tat jagen, nämlich mir einen eiskalten Schauer nach dem anderen über den Rücken. Bei den anschließenden Sondierungsgesprächen überlege ich bis heute, ob die Lieblingspflanze des Namen gebenden Landes nicht doch eine Rolle gespielt hat. Me too mit allen Aspekten von Sexismus im Alltag bis sexualisierter Gewalt (leider ebenfalls alltäglich)wurde bereits mit ganz viel Senf der unteren Preisklasse, also ohne Qualitätsanspruch, bestrichen beziehungsweise zugekleistert. Mit besonderer Akribie übrigens von Männern.

Exzessiver Weihnachts-Deko-Wahn ist ebenso wenig mein Thema wie das drölfundvierzehnte Rezept für die Weihnachtsgans-Füllung, verbunden mit der ausgiebig diskutierten Glaubensfrage „Maronen, ja oder nein?“, und auch zum Geschenke-Marathon kann ich keine nennenswerten Erfahrungen beitragen.

Und jetzt? Ein persönlicher Jahresrückblick, deren Höhen von wenig wohlmeinenden Menschen gerne als Eigenlobhudelei missverstanden werden, und deren Tiefen lieber in den Versunkenheit des Vergessens begraben bleiben? Lieber nicht.

Also ganz einfach nur ein herzliches Dankeschön an alle, die diesen Blog gelesen, manchmal sogar kommentiert haben. Ansonsten halte ich es im Namen meiner Mitstreiter/innen in der Bücherei mit unserer wunderbaren Illustratorin (die natürlich ein ganz besonders dickes Dankeschön für ihre tolle Unterstützung verdient hat):

Wisch youund ein tolles Jahr 2018

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„Umarme mich!“

 

Firas Alshater„Ich komme auf Deutschland zu – ein Syrer über seine neue Heimat“. Sollte ich ein Buch über syrische Flüchtlinge lesen, wo ich doch in regelmäßigem Kontakt so viel aus erster Hand erfahre? Ja klar, ich bin ja neugierig, äh sehr interessiert, habe das Buch schlecht aus der Hand legen können und keine Leseminute bereut. Auch wenn die Gespräche mit meinen syrischen Freund/innen sehr offen und dank ihres fleißigen Deutschlernens inzwischen tiefgehend sind, gibt es immer wieder Momente, wo sich beide Seiten fragen, was man dem Gegenüber zumuten kann, wenn es um politische Verfolgung, Kriegs- und Fluchterlebnisse geht. Der syrische Filmemacher Firas Alshater hat solche Berührungsängste weniger und weiß dennoch Grenzen zu ziehen, nicht zuletzt um sich selbst und seine psychische Verfassung zu schützen. Er setzt da lieber auf Humor, sowohl in seinem Buch als auch in seinem empfehlenswerten Youtube-Kanal „Zukar“.

Alshater kam als Filmemacher mit einem Arbeitsvisum 2013 nach Deutschland, wohlwissend dass eine Rückkehr in seine Heimat für ihn auf absehbare Zeit nicht möglich ist, denn er gehörte zu den Mitorganisatoren der ersten Anti-Assad-Demonstrationen, und saß mehrfach im Gefängnis und wurde dort gefoltert. Seine Dankbarkeit, in Deutschland in Freiheit und Sicherheit leben zu können, bringt er immer wieder zum Ausdruck, äußert aber auch deutliche – und wie ich finde, sehr berechtigte – Kritik an vielen Dingen, die es Flüchtlingen schwer machen, in ihrer neuen Heimat wirklich anzukommen.

1GeschmökertWenn er sich über die deutsche Bürokratie beklagt, dann habe ich das live in anderem Wortlaut schon viel zu oft gehört, allerdings halte ich seine Schlussfolgerung für durchaus überlegenswert: „Wenn der Westen irgendwann ISIS im Alleingang besiegen will, muss er nur einen deutschen Behördenbrief hinschicken. An dessen Übersetzung gehen die bestimmt zugrunde.“

Der Autor schreibt auch darüber, wie wichtig für ihn die Hilfe und Unterstützung Einheimischer war, wenn er drohte vor der deutschen Bürokratie oder dem Berliner Wohnungsmarkt zu kapitulieren, und welche Hürden dadurch für die Integration aufgebaut werden. Wieder mal meine volle Zustimmung zu seinem Statement: „Ich glaube nur an die Flucht nach vorne. Die wäre übrigens auch für die besorgten und verängstigten Menschen in Deutschland gut. Sie könnten einfach mal anfangen, weniger über Flüchtlinge zu diskutieren und mehr mit ihnen. Deshalb ist Integration im Heim ungefähr so sinnvoll, wie eine Tür auf eine Mauer zu malen.  Flüchtlinge können sich nun mal nicht in einem Land integrieren, wenn sie nicht mit Einheimischen zusammen sein dürfen. Eine Hand klatscht ja auch nicht alleine.“

Meine Empfehlung für „Ich komme auf Deutschland zu“ sowohl für diejenigen, die Kontakte zu Flüchtlingen haben, als auch für diejenigen, deren Meinungen eher abstrakte Grundlagen haben: Unbedingt lesen! Das Buch bietet einen kompakten, informativen und oft humorvollen Überblick über ein Schicksal, das so ähnlich viele Syrer mit Alshater teilen, und heischt nicht um Mitleid sondern wirbt um Verständnis.

Wenn ich irgendwann mal irgendwo einen jungen, bärtigen Mann auf der Straße stehen sehe mit diesem Schild

Umarme mich

Dann werde ich ihn in den Arm nehmen auch, wenn er vielleicht nicht Firas Alshater ist. Er wird sicher ebenso wie viele andere mit mir dessen Meinung teilen: „Wenn wir eines Tages nicht mehr über Integration reden, dann hat sie funktioniert.“

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Bau(tsch)spaß

Lego

Über Freud und Leid des Eltern-Daseins können bekanntlich nur die fachkundig mitreden, die in tiefer Nacht im dunklen Kinderzimmer schon mal auf einen Legostein getreten sind. Der Zustand des Halbschlafes ist in Rekordzeit beendet. Danach, aber auch, wenn es mal wieder verdächtig im Staubsauger klappert, stellt sich die Frage, ob Lego Fluch oder Segen ist. Und die Antwort lautet, wie so oft: Kommt drauf an.

Fluch ist es sicher, wenn Eltern ihren Nachwuchs zu künftigen Star-Architekten erziehen wollen, nur weil das erste Lego-Haus nicht zu windschief geraten ist. Ein Segen dann, wenn der Nachwuchs stundenlang ohne Lärm zu erzeugen konzentriert seine motorischen Fähigkeiten phantasievoll verbessert. Wobei die Sache mit der Phantasie im Laufe der Jahre irgendwie anders gewichtet wird, als zu meiner Kindheit.

Mein älterer Bruder war begeisterter Lego-Konstrukteur, so dass ein beträchtlicher Bestand an Bausteinen bereits zur Grundausstattung des Kinderzimmers gehörte, als ich in das passende Alter kam. Aber der Begriff Grundausstattung passte auch zur Auswahl der vorhandenen Steine. Viel mehr als gerade Wände und schräge Dächer waren damit kaum zu bauen, durchsichtige Fenstersteine waren noch etwas Besonderes und entsprechend eher spärlich verfügbar. Phantasie war besonders dann gefragt, wenn der passende Eckstein für den Dachfirst trotz intensiver Wühlerei in der Lego-Kiste nicht auffindbar war. Er kam oft erst in irgendeiner Ecke des Spielzeugregals zutage, wenn das Haus längst wieder in seine Einzelteile zerlegt war.

Dass ein paar Jahrzehnte später die Palette an Legosteinen auf über 75 000 verschiedene Exemplare in allen nur erdenklichen Farben angewachsen war, hätten wir uns nicht träumen lassen. Ebenso wenig, dass es einmal Baukästen geben würde, mit 4 287 Einzelteilen, die zur London Tower Bridge zusammengebaut werden können. Von Ritterburgen oder gar Raumschiffen ganz zu schweigen. Ich frage mich da oft, ob es nicht eher die Eltern als die Kinder sind, die ihren Spaß daran haben, Bauanleitungen akribisch umzusetzen. Und wie lange muss so ein Meisterwerk wohl irgendwelche Regale zieren, bis man es übers Herz bringt, das Ergebnis vieler, vieler Stunden wieder in seine Einzelteile zu zerlegen?

Einfach mal nach Herzenslust zu planen und loszubauen scheint irgendwie aus der Mode gekommen zu sein, und dabei ist es genau das, was vielen Kindern Spaß macht. Den Beweis dafür werden das Puppen- und Spielzeugmuseum und die Bücherei St. Lamberti antreten, wenn sie im Dezember an zwei Samstagen zum „Lego-Bauspaß“ einladen. Am 2. Und 16. Dezember, jeweils von 10 bis 13 Uhr können Jungen und Mädchen eine Stadt und eine Eisenbahn entstehen lassen. Bis Anfang Januar sind die Bauwerke dann im Bücherei-Forum zu besichtigen, und ich bin sicher, dass so manche/r Betrachter/in sich dann in die eigene Kinderzeit zurückversetzt fühlen wird.

fl

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