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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Einfach nur: Danke!

Info-Veranstaltung des Internationalen Frauencafés zum Auftakt der Spendenaktion

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich warm und trocken auf einem gut gepolsterten Stuhl, habe eine Tasse heißen Tee neben mir stehen und knabbere ab und zu mal an einem Keks. Und bei dem Thema, über das ich schreiben will, fühle ich mich gerade sehr privilegiert und zufrieden. Denn ich bin in einem Land geboren und aufgewachsen, in dem ich weder Krieg noch Verfolgung, weder Hunger noch Gewalt erleben musste. Darauf bin ich nicht stolz, denn ich kann nichts dafür, aber dafür bin ich dankbar.

Das mag einer der Gründe sein, warum mich das Schicksal vieler Geflüchteter, die ich inzwischen nicht nur zu meinem Bekanntenkreis, sondern einige auch zu meinem Freundeskreis zählen darf, so berührt. Sie haben nicht nur traumatische Erlebnisse hinter sich, sondern mussten nahezu alles, was ihnen lieb und wert war, in ihren Heimatländern zurücklassen. Gesellschaftlich, beruflich und finanziell stehen sie (oft zum zweiten oder dritten Mal) vor einem kompletten Neuanfang, der durch Sprachbarrieren und Bürokratie nicht gerade erleichtert wird. Sie zahlen also einen sehr, sehr hohen Preis für das, was für mich von Geburt an selbstverständlich ist: Frieden, Freiheit und Sicherheit.

Und als wären sie damit nicht beschäftigt genug, haben sie auch die Sorgen um ihre Landsleute, egal ob verwandt oder befreundet in der Heimat oder in irgendeinem anderen fremden Land. Beim Internationalen Frauencafé, das kurz nach diesem Blogbeitrag vor einem Jahr Realität wurde sprechen wir oft darüber. Und im Januar erzählte meine Freundin Hind, dass sie im arabischen Fernsehen einen Bericht über die schlimmen Zustände in den Flüchtlingscamps im Libanon gesehen hatte, wo der Wintereinbruch für die vielen Familien in ungeheizten Zelten für lebensbedrohliche Umstände sorgte. Säuglinge und Kleinkinder sind erfroren, beim Versuch das Zelt mit offenem Feuer zu beheizen, kam eine Mutter mit ihren vier Kindern ums Leben, viele Menschen sind schwer krank, denn es fehlt nicht nur an Heizmaterial, sondern auch an Decken, warmer Kleidung und Schuhen. Alle anwesenden Frauen, unter ihnen viele Mütter, waren sich spontan einig: Wir wollen etwas tun. Aber was, tausende Kilometer weit entfernt und selber finanziell nicht gerade so ausgestattet, dass eine nennenswerte Unterstützung möglich ist? Wir sammeln Spenden und hoffen auf die Solidarität und Anteilnahme der Menschen in unserer westfälischen Kleinstadt. Gesagt, getan und überrascht – sehr positiv überrascht.

Schon bei der Suche nach Unterstützung rannten wir offene Scheunentore bei den hiesigen Kirchengemeinden beider Konfessionen ein, bei der Bücherei sowieso, deren Drucker wir für Handzettel, Plakate und Flyer ganz schön heiß laufen ließen. Dass die hiesige Sparkasse uns für unsere Aktion ein kostenloses Spendenkonto zur Verfügung stellte, machte die ganze Aktion deutlich einfacher.

Wohin unsere Spenden gehen sollten war von Anfang an klar, auch wenn die Organisation in Europa (noch) nicht sehr bekannt war. Ich befasste mich mit dem Molham-Team und mit jeder Zeile, die ich las, schätzte ich es mehr. Hatte ich gerade vor einer Woche noch geschrieben, wieviel Respekt ich vor dem Engagement junger Leute habe, dann muss ich die über 200 Freiwilligen weltweit, die sich intensiv und erfolgreich um das Schicksal ihrer Landsleute kümmern, ganz oben mit auf die Liste setzen. Wer sich die Zeit nimmt und sich diesen Film mal ansieht, wird ganz schnell verstehen warum.

20 Liter Heizöl in jedes der über 7 000 Zelte in den Flüchtlingscamps im libanesischen Arsal zu bringen, ist das Ziel eines Projektes, das wir zusammen mit einigen Stammgästen aus dem früheren Internationalen Café mit den gesammelten Spenden aus dem weit entfernten Münsterland unterstützen wollen. Und dafür standen einige von uns mit der Sammelbüchse auf dem Wochenmarkt, wurde für die Besucher/innen einer Informationsveranstaltung gebacken, wurde „Werbung“ in den Kirchen gemacht. Trotz Aufregung und Herzklopfen haben Hind und Mohammed die Besucher/innen von zwei Gottesdiensten über unsere Spendenaktion informiert, natürlich auf Deutsch. Sie sind, wie alle anderen auch, die sich beteiligt haben, wohl sehr überzeugend gewesen.

Als wir innerhalb von nur einer Woche die für uns traumhafte Summe von über 500 Euro erreicht hatten, war die Freude groß. Als wir eine Woche später die 1500-Euro-Marke überschritten hatten, dauerte es etwa, bis das ungläubige Staunen von Begeisterung abgelöst wurde. Begeisterung nicht nur über diesen Erfolg, mit dem dringende Hilfe für die, die sie unbedingt brauchen, ermöglicht wird. Begeisterung auch darüber, was wir als Team und Freund/innen gemeinsam erreicht haben. Und vor allem auch Begeisterung darüber, wie sich die Einheimischen für das Schicksal der Landsleute ihrer neuen Nachbar/innen interessierten und einsetzten. Alle zusammen haben wir über Nationalitäten und Religionen hinweg gemeinsam etwas erreicht und konnten zeigen, wie gut Integration in unserer Stadt funktioniert. Wenn das kein Grund ist, dankbar zu sein.

Liebe Leser/innen und Leser, wenn ich Euch mit diesen Zeilen davon überzeugen konnte, wie wichtig diese Spendenaktion ist, dann informiert doch bitte alle Eure Verwandten, Freund/innen, Bekannten und Kolleg/innen darüber. Ihr dürft ihnen auch gerne unsere Kontonummer geben.

fl

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Non vitae sed scholae discimus

Als ich im vergangenen Jahr ein junges Paar kennenlernte, das kurz zuvor zusammen mit seinem fünfmonatigen Kind und tausenden anderer Menschen friedlich im Hambacher Forst demonstriert und die Nacht zuvor im Zelt verbracht hatte, schlug die innere Glucke in mir ganz kurz etwas aufgeregt mit den Flügeln für den Säugling. Wirklich nur ganz kurz, vor allem aber völlig überflüssig. Die Eltern waren so liebevoll und fürsorglich, wie Eltern es nur sein können, hatten passende Kleidung, Windeln und Mengen von Ausstattung die ein Baby eben so braucht, bei der Hand. Und vor allem: Das Kind machte einen glücklichen und zufriedenen Eindruck und wirkte sehr entspannt.

Als mein Kopf nicht mehr vom Flügelschlag eines imaginären – in diesem Fall dummen – Huhns gestört wurde, war er wieder frei für Respekt vor diesen jungen Menschen. Eindrucksvoller als mit einem Baby im Tragetuch kann man doch wohl kaum zeigen, um wessen Zukunft es geht, wenn man gegen Umweltzerstörung und für saubere Luft demonstriert.

Dieser Respekt vor denen, die sich wirklich engagieren, und es nicht bei der bequemen Unterzeichnung von Petitionen im Internet belassen, macht mich zornig, wenn ich sehe, mit welcher Häme und gleichzeitiger Scheinheiligkeit, überwiegend versteckt hinter der Anonymität im weltweiten Netz junge Aktivist/innen belächelt, kritisiert und beschimpft werden. Wenn die auflagenstarke Zeitung, in die ich nicht mal meinen Biomüll einwickeln würde aus Sorge, dass es dann erst richtig stinkt, Greta Thunberg als „Öko-Pippi“ bezeichnet, dann ist meine gedankliche Reaktion darauf nicht druckreif. Wenn sie als „altkluge Göre bezeichnet wird, ihren Eltern vorgeworfen wird, sie zu instrumentalisieren obwohl sie selber sehr gut denken kann, ihre psychische Störung, mit denen sie selber ganz offen umgeht, immer wieder in den Vordergrund gestellt wird, dann zeigt das doch Eines besonders deutlich: Erwachsene können es schwer ertragen, wenn Jugendliche und junge Erwachsene Recht haben mit ihren Vorwürfen. Oder mit der bekannten Binde ausgedrückt: Getroffene Hunde bellen

Ja, und dann ging es der 16jährigen in Katovice und in Davos nicht darum, Höflichkeiten zu verteilen und Respekt vor Mächtigen und Reichen zu zeigen, sondern darum, den Herrschaften dort mal richtig die Meinung zu sagen und ihnen ihre Fehler und Versäumnisse aufzuzeigen. Ausgerechnet diejenigen, die ihr jetzt vorwerfen, dass sie „frech geworden“ sei, für die sind nicht selten Pöbeleien, Rassismus und Hetze von mittelalten und alten Männern und Frauen in den Parlamenten ein Zeichen für „frischen Wind in der Politik“. Das sind auch diejenigen, die gebetmühlenartig fordern, man müsse die Ängste und Sorgen der Menschen ernst nehmen. Gilt das etwa nur für die, die im Schulterschluss mit Rechtsextremen in Gegenden, in denen Geflüchtete ähnlichen Seltenheitswert haben wie Akademiker/innen, die Lüge verbreiten „Wir sind das Volk“? Oder nicht erst recht für diejenigen geltem, die Angst haben vor einer Zukunft ohne saubere Luft und Trinkwasser?

An Scheinheiligkeit kaum zu überbieten ist m. E. die Empörung darüber, dass Jugendliche und junge Erwachsene während der Unterrichtszeit für ihre Gesundheit und die ihrer Kinder und Enkel auf die Straße gehen. Sie schwänzen die Schule. Schockschwerenot! Wie kann man denn da überhaupt Schnappatmung kriegen, wenn man das während der Schulzeit selber getan hat, nur eben nicht öffentlich?

Ich möchte nicht wissen, wie viele von Euch sich beim Lesen gerade mit einem leichten Grinsen an die unentschuldigten Fehlstunden ihrer eigenen Schulzeit erinnern. Bei denjenigen, die den Titel dieses Beitrags ergoogeln mussten, mögen es einige Lateinstunden gewesen sein😉.

Da braucht es schon eine gehörige Portion Bigotterie, Jahre später junge Menschen, die durch ihre Aktion dringend benötigte Aufmerksamkeit erzeugen wollen, davor zu warnen, dass ein paar geschwänzte Schulstunden den direkten gesellschaftlichen und beruflichen Abstieg bedeuten. Da kommen tatsächlich solche Sätze wie „Die Aktivist/innen verbauen sich ihre  mit dem Schulschwänzen.“ Nein, das haben – wenn nicht ganz schnell die Reißleine gezogen wird – schon andere zuvor für sie erledigt. Und die sollten, mit Verlaub, jetzt einfach mal die Klappe halten und gut und vorurteilsfrei zuhören und dann selber aktiv werden.

fl

Ein Netz voller Fragen

Taschenrechner mit den Grundrechenarten und Wurzelfunktion, das war die einzige technische Unterstützung für Schüler/innen zu Zeiten, als ich das Abitur machte. Ich bin mit Telefonapparaten aufgewachsen, die an der Strippe hingen und Wählscheiben hatten. Die schnellste Übermittlung von Geschriebenem war in meinen jungen Jahren das Fax-Gerät, die häufigste der Briefkasten.

Und Nein, ich bin nicht zweihundert Jahre alt, die technische Entwicklung ging seit meiner Kindheit und Jugend einfach nur rasend schnell voran. Und Ja, ich finde das klasse, bin begeisterte PC-Tipperin und auch das weltweite Netz nutze ich gerne und häufig (allerdings nicht schon seit den 80er Jahren, wie ein gewisser… ach, lassen wir das). Manchmal zu häufig, so dass es an verregneten Nachmittagen auch schon mal zum Zeitfresser mutiert.

Und ja, ich nutze auch soziale Medien, obwohl ich von einigen Auswüchsen dort nicht gerade Fan bin. Und dabei geht es nicht mal nur um politische Hetze bis hin zu Bedrohungen im vermeintlichen Schutz der Anonymität, die bei manchen Menschen wirklich erschreckende Abgründe zum Vorschein bringt. WhatsApp zum Beispiel nutze ich sehr gerne, nicht nur um Kontakt zu lieben Menschen zu halten, auch über Landegrenzen und Kontinente hinweg und das quasi zum Nulltarif, sondern auch um in Gruppen schnell und ohne Aufwand Informationen auszutauschen. Ich bin auch sehr seltene Facebook-Nutzerin, allerdings mit einer so ausgeweiteten Privatsphäre, dass ich nicht mal sogenannte „Freunde“ im Gesichtsbuch habe.

Nein, ich möchte all das nicht mehr missen. Ich möchte nur einige Phänomene besser verstehen können. Wieviel Selbstüberschätzung – eher selten auf besonders liebenswerte Charaktereigenschaften und/oder erwähnenswerte Fähigkeiten gegründet –  ist nötig, dass jemand ständig die Welt wissen lässt, was sie oder er zu Mittag gegessen hat, und entsprechende Beweisbilder ins Netz stellt? Das Drei-Gänge-Menu im passenden Ambiente mag ja noch nett anzusehen sein, aber Pommes-Schranke oder TK-Pizza?

Und warum verlässt so viele Menschen im Internet ihre Fähigkeit des sinnerfassenden Lesens? Wenn jemand auf Facebook fragt „Hat jemand meinen Autoschlüssel gefunden?“ dann ist damit nicht gemeint „Bitte, alle mal melden, die meinen Autoschlüssel nicht gefunden haben.“ Faszinierend auch die Reaktionen auf Fragen, auf die eine einzige richtige Antwort völlig ausreichend ist. Jemand wissen möchte, wann der Laden XY oder die Arztpraxis ABC morgens öffnet, dann reicht die Information „um 9.30“ doch völlig. Schließlich wurde ja nicht danach gefragt, wie viele User/innen wissen, dass die richtige Antwort „um 9.30 Uhr“ lautet. Genauso überflüssig bei der Bitte um eine bestimmte Auskunft, dass serienweise „Keine Ahnung“, „Das weiß ich leider nicht“, „Sorry, da kann ich dir nicht helfen“ gepostet wird.

Und jetzt, liebe Leserinnen und Leser bin ich mal gespannt auf eure Antworten auf die Frage: „Warum machen Menschen das?“

fl

Herdplatte statt Lagerfeuer

„Nachbarin, Euer Fläschchen!“ war mein erster Gedanke, als ich in der Einleitung des Kochbuchs „Mann kocht selbst“ folgende Zeilen las: „Männer, wir sind eine bedrohte Art. Bedroht von den Strömungen der Metrosexualität einerseits und von der fortschreitenden Domestizierung andererseits.“ Anders als Fausts Gretchen bin ich aber dann nicht grazil dahin gesunken, sondern in schallendes Gelächter ausgebrochen (wohlwissend, dass ich ohnehin zu kompakt bin, um jemals grazil wirken zu können).

Ja, Jungs dann wehrt Euch mal ganz dolle gegen diese Bedrohung, kramt aus der Spielzeugkiste im Keller den Flitzebogen raus, schärft die Pfeile und geht auf die Pirsch nach Obelix‘ Lieblingsspeise. Vergesst nicht, frühzeitig das Lagerfeuer anzufachen, in das ihr dann stumm und versonnen starren könnt, lediglich gestört durch ein ungewohntes Gefühl in der rechten Hand, hervorgerufen durch das durch das fehlende Gewicht der Fernbedienung. .

Doch Stopp, da heißt es in dem Buch  ja weiter „Hier muss auch niemand in abgeschiedener Wildnis über offenen Flammen grillen“. Ja was denn, ihr Pussis? Angst um die polierten Fingernägel? Oder etwa den Begriff „Domestizierung“ nicht verstanden? Um im Duden oder bei Wikipedia nachzuschlagen, dafür reichts, oder? Obwohl leichte Zweifel aufkommen, wenn ich lese, dass der (übrigens anonyme ☹ )Autor behauptet, dass euch „ein wesentlicher Teil eurer Männlichkeit abhanden“ gekommen sei. Naja, es ist kein Geheimnis, dass die Einschätzung, wie wesentlich 20 Zentimeter sein können, ebenso zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen führt, wie das Anzeigen von eben diesen mit Hilfe der Handspanne.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist grafik.png.

Aber jetzt mal zu dem eigentlichen Kochbuch, laut Vorwort „…ein Rezeptbuch für Männer. Geschrieben von Männern. Mit Gerichten für Männer“. Und – Halleluja – ein „kulinarisches Manifest“, das ausgerechnet in der Aufmachung einer Konservendose daherkommt. Ehrlich gesagt, der Inhalt hält das durch diese Aufmachung gegebene kulinarische Versprechen.

Es fängt schon an mit einem Rezept für Bierwaffeln für vier Personen aus 150 Gramm Mehl, 250 Milliliter Bier und einem Ei. Das ergibt also schätzungsweise pro Person eine Waffel, von denen auch mit Speck- und Käseauflage vermutlich keine Frau und kein Mann satt werden kann, egal wie „domestiziert“ sie sind. Warum gewürzte Kartoffelspalten aus dem Backofen mit einem Dip besonders für Männer geeignet sein sollen, erschließt sich mir ebenso wenig wie die Notwendigkeit eines Rezepts dafür. Ich jedenfalls mache das seit Jahren regelmäßig aus dem Handgelenk und fühl mich nach dem Verzehr nicht besonders männlich, sondern nur satt.

Aber ich bin auch – von biologischen Gründen mal ganz abgesehen – kein „ganzer Kerl“, weil ich Wettbewerbe in denen gemessen wird, wer die größte Fleischportion innerhalb kurzer Zeit runterschlingen kann, und wer ohne Kreislaufprobleme die schärfsten Chilis runterkriegt auf dieselbe Stufe stelle, wie Hoch- oder Weitpinkeln im Kindergarten. In „Mann kocht selbst“ gibt es ein Trainingsprogramm dafür. Also für die Runterschling- und Runterwürg-Wettbewerbe, nicht fürs Weitpinkeln.

Ach ja als „Kochen“ wird übrigens auch verkauft, wenn „echte Kerle“ in der Lage sind, eine Eis- und eine Mascarponepackung zu öffnen, eine Banane zu schälen, und das Ganze mit gekaufter Vanillesauce und Nusssplittern zu einem „Riesen-Bananen-Split“ zusammen zu friemeln. Da sind die Männer ja bestimmt dankbar, dass ihnen auch noch die bahnbrechende Neuigkeit verkündet wird, dass Liegestütze Figur freundlich sind.

Die Empfehlung, Butterkekse abwechselnd mit Erdnussbutter und Schokoladenstücken übereinander zu türmen, ist für mich persönlich bestenfalls als Lese-Übung für Schulanfänger einzustufen. Im „kulinarischen Manifest“ beansprucht sie  eine Doppelseite mit Hochglanzphoto. Und dafür mussten Bäume sterben…

Last but not least sollte ich noch erwähnen, aus welchem Land, dieses chauvinistische Kleinod kulinarischer Unbedarftheit, getarnt als Geschenk an männliche Geschmacksnerven und Selbsteinschätzung, stammt? Kleiner Tipp: dort serviert der Präsident bei einem offiziellen Empfang schon mal Fastfood wie Hamburger und Pommes aus Plastikschalen.

Noch ein Nachwort, das mir wichtig ist: Liebe Männer, ich weiß Ihr seid nicht alle so und entschuldige mich für meine (durch eine gewisse Empörung begründete) Pauschalierungen. Aber die Männer, die einen guten Geschmack haben, denen Kochen und andere Tätigkeiten im Haushalt so selbstverständlich sind, dass sie keine Anleitungen für selbstverständliche Handhabungen brauchen, haben dafür sicher Verständnis. Also all die Männer, denen es zu Recht hochnotpeinlich wäre, wenn man oder frau sie als „ganze/echte/tolle Kerle“ bezeichnen würde.

fl

So bitte nicht, Eminenz!

Für das, was ich jetzt aufschreibe, wäre ich vor ein paar Jahrhunderten wahrscheinlich als Hexe verbrannt worden. Wahrscheinlicher ist, dass ich aus Angst vor dem Scheiterhaufen stumm geblieben wäre, und noch wahrscheinlicher, dass ich gar nicht hätte schreiben können, weil mir als Frau das Recht auf Bildung versagt geblieben wäre. Ja, seitdem gab und gibt es in der katholischen Kirche viele begrüßenswerte Fortschritte, manchmal aber ist das ideologische Mittelalter noch erschreckend nah.

Es geht mir jetzt nicht um Katholiken-Bashing, das in manchen Kreisen seit einigen Jahren sehr en vogue ist. Denn trotz aller Vorbehalte gegenüber einer Institution, in der Frauen immer noch nicht die gleichen Rechte wie Männer haben, bin ich durchaus objektiv genug, deren positiven Ansichten anzuerkennen und auch zu verteidigen. Wenn aber ein alter Mann in seinem kirchlichen Elfenbeinturm der Selbstbeweihräucherung keinerlei Respekt vor Kindern und Jugendlichen zeigt, die Opfer von Missbrauch durch katholische Geistliche wurden, indem er diese Straftaten relativiert und verharmlost, dann schwillt mir der Hals, bis der Kragen platzt.

Ich finde es absolut unerträglich, wenn katholische Geistliche unter den Generalverdacht der Pädophilie gestellt werden, den Umgang in einigen Kreisen der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen aber auch. Der alte Mann, den ich erwähnte ist Walter Brandmüller, vor über 50 Jahren im jungen Alter von 24 Jahren zum Priester geweiht und im hohen Alter von über 80 Jahren zum Kardinal ernannt. Aus Anlass seines 90. Geburtstages gab er der Deutschen Presse-Agentur in diesen Tagen ein Interview und warf darin der Öffentlichkeit „Heuchelei“ im Umgang mit den Missbrauchsfällen von Priestern vor. Aus dem Spiegelbericht darüber:

„Was in der Kirche an Missbrauch passiert ist, ist nichts anderes, als was in der Gesellschaft überhaupt geschieht.“

Sexueller Missbrauch sei alles andere als ein spezifisch katholisches Phänomen, so Brandmüller. Der eigentliche Skandal sei, dass sich die Kirchenvertreter in diesem Punkt nicht von der gesamten Gesellschaft unterschieden.

„Nicht weniger wirklichkeitsfremd ist es, zu vergessen beziehungsweise zu verschweigen, dass 80 Prozent der Missbrauchsfälle im kirchlichen Umfeld männliche Jugendliche, nicht Kinder, betrafen“, sagte Brandmüller. Es sei zudem „statistisch erwiesen“, dass es einen Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität gebe.

Kein Wort darüber, warum es der Kirche, die ansonsten ja nicht gerade zimperlich ist, wenn es um Verhaltensregeln geht, nicht gelungen ist, dass sich „die Kirchenvertreter in diesem Punkt nicht von der gesamten Gesellschaft unterschieden.“ Stattdessen der Hinweis, dass 80 Prozent der Opfer „männliche Jugendliche“ und keine Kinder waren. Macht es das irgendwie weniger schlimmer und verabscheuenswert? Oder glaubt der Kardinal etwa, dass sich ein 14jähriger nach seiner Vergewaltigung mal eben die Hosen hochzieht und sich dann pfeifend auf den Weg zum nächsten Fußballspiel macht, und nur der 9jährige Leidensgenosse massive psychische Langzeitfolgen davonträgt?

Fast schon putzig sein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität. Wenn (0der sollte ich besser schreiben falls?) der Mann das Zölibat seit 66 Jahren wirklich ernst meint, weiß ich nicht, was ihn überhaupt dazu befähigen könnte, die Öffentlichkeit an seinem Kenntnisstand zum Thema Sexualität teilhaben zu lassen.

Ich merke, ich muss mich gerade ziemlich zurückhalten, um nicht ausfallend zu werden und doch der Gefahr des Kirchen-Bashings zu erliegen. Aber zum Glück gibt es auch Beispiele für einen gänzlich anderen Umgang mit Sexual-Straftaten durch Kirchen-Vertreter. Meines Erachtens zwar spät, aber immerhin geht das Bistum Münster inzwischen nachahmenswert öffentlich zum Beispiel mit dem mehrfachen Missbrauch durch einen Priester in Rhede um. Da gibt es nicht nur Informationsveranstaltungen in der Gemeinde und öffentliche Schuldeingeständnisse von Bistums-Vertretern, sondern da wird vor allem Betroffenen endlich mal eine Stimme gegeben, wie in diesem ebenso schonungslosen wie einfühlsamen Artikel in der Bistumszeitung.

Bitte weiter so. Und bitte sofortige Einschaltung von Polizei und Staatsanwaltschaft bei solchen Verbrechen, statt Strafversetzung, Stillschweigen oder Verharmlosung. Ach ja, und einen entspannteren Umgang mit Homosexualität innerhalb und außerhalb der Kirche fänd ich auch sehr wünschenswert. Hat nämlich, genauso wie der Respekt vor und der Umgang mit Missbrauchsopfern, ganz viel mit dem hohen Wert der christlichen Nächstenliebe zu tun. Nicht wahr, Herr Brandmüller?

fl

Tschuldigung, aber der musste noch sein, trotz des ernsten Themas (Quelle)

„Alles so schön bunt hier“?

Kaum ist die merkwürdige Mischung der gefühlt hundertdrölfzigsten Wiederholung von Sissi und Feuerzangenbowle mit Prügel- und Gruselfilmen und immer langweiligerem Tatort zu den Feiertagen Geschichte, da stellt uns das Fernsehprogramm vor neue geschmackliche und nervliche Herausforderungen. Nein, ich gucke im TV nicht nur Arte, ZDF-Info und Phoenix, auch nicht ausschließlich Dokumentationen, die Anstalt und extra3, ich bin nämlich nicht fies vor seichter Unterhaltung, und manchmal sogar vor sogenannten Doku-Shows.

Aber hier liegt die Betonung auf „manchmal“, denn das Geschmacks- und Niveau-Limbo einiger Privatsender ist schon erschreckend. Umso verwunderlicher, dass auch seriöse Zeitungen derzeit sehr penetrant über den neuen Bachelor berichten, eine Sendung, in der ein Wettkampf um die Höhe der Schuhabsätze, die Kürze der Röcke, Tiefe der Dekolletees und die Fähigkeit zu Stutenbissigkeit zeigt, wie billig Prostitution als angebliche Partnersuche verkauft werden kann.

Auch eine der Mütter des TV-Trashs, das Dschungelcamp, findet erstaunlich große mediale Beachtung, obwohl die oft nach dem Motto handelnden „Ich bin alt und brauche das Geld“ Teilnehmer/innen überwiegend Z-Promis aus der vierten Reihe sind. Aber inzwischen reicht es ja, sich als Schwester eines chirurgisch aufgeblähten Möchtegern-Models, als Möchtegern-Model aus der Fräulein-Rottenmeier-Gedächtnis-Kaderschmiede, oder (inzwischen Ex-) Ehefrau eines Zuhälters für „prominent“ zu halten. Und schon gibt es die Eintrittskarte nicht nur für eklige Begegnungen mit irgendwelchem Getier, Schlaf- und Kalorienentzug, selten geputztem Gemeinschaftsklo, sondern auch einen Freifahrtschein, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Denn nicht selten verfügt die Mehrzahl der Dschungel-Bewohner/innen gefühlt über einen IQ im zweistelligen Bereich – brüderlich und schwesterlich miteinander geteilt!

Ja, ich weiß, wovon ich da schreibe. In dem im oben verlinkten Beitrag erwähnten Internetforum wird nicht nur über eine unperfekte Kochshow gelästert, sondern auch über das Dschungelcamp. Ich habe mir alle Mühe gegeben und auch den einen oder anderen Ausschnitt über mich ergehen lassen (für eine komplette Folge hat es nie gereicht), um festzustellen, dass ich trotz eines Hochmaßes an Lästerpotential für diese Sendung nicht hartgesotten genug bin. Gleiches gilt für Bauer sucht Frau, Frauentausch, die Geißens und die oft mehr als üble Zurschaustellung von nahezu grenzdebilen Menschen auf der Suche nach Schwiegertöchtern.

Der Faszination des Grauens war ich vor geraumer Zeit beim Durchzappen erlegen, als ich mich ein paar Minuten lang nicht von der Sendung „Naked Attraction“ losreißen konnte. Dort werden zum angeblichen Zweck der Partnersuche ausschließlich entblößte Körper bewertet, beginnend mit der Ansicht des Zwischenbeinbereichs. Leider wurden die nackten Männer nicht aufgefordert, dreimal in die Luft zu springen, damit Single-Frau auf der Pirsch gemeinsam mit der Moderatorin beim Anblick von lustigen Wippbewegungen unterhalb des Bauchnabels einem haltlosen Lach-Flash vor laufender Kamera erliegen könnte. Leider wurde auch im Abspann nicht darauf verwiesen, dass der Postillon jetzt über einen eigenen Fernsehkanal verfügt.

Die Fernsehlandschaft hat sich massiv verändert, seit Nina Hagen vor gut vier Jahrzehnten sang:

Allein! Die Welt hat mich vergessen
Ich hänge rum! Hab’s bei allen verschissen
Ich sitz‘ zu Hause, keine Lust zu gar nichts
Ich fühl‘ mich alt! Im Sumpf wie meine Omi:

Ich schalt‘ die Glotze an
Die Daltons, Waltons, everyone
Ich glotz‘ von Ost nach West, zwei, fünf, vier
Ich kann mich gar nicht entscheiden
Ist alles so schön bunt hier!

Die Mehrzahl der Zuschauer/innen wohl eher nicht, wenn ich mir die Trash-Einschaltquoten ansehe.

fl

Mein Wunschzettel und ich

Hach, waren das noch Zeiten, als ich Anfang Dezember in schönster Schreibschrift und mit bunten Bildchen geschmückt einen Wunschzettel geschrieben habe, der am Vorabend des 6. Dezember in die gewienerten Stiefel gesteckt wurde, damit der Nikolaus ihn später beim Christkind abgeben konnte,das dann für die Erfüllung meiner Wünsche nach Puppenwagen, Rollschuhen undBüchern zuständig war.

 Im Laufe der Jahrzehnte haben sich meine Wünsche natürlichgeändert, wie von Geisterhand erfüllt werden sie leider im Gegensatz zu damals nicht. Von Weltfrieden sind wir weit entfernt, soziale und gesellschaftliche Verantwortung sind immer noch Mangelware, ebenso wie Toleranz und uneingeschränkte Akzeptanz von Minderheiten. Und dafür kann ich weder den Nikolaus, noch das Christkind und auch nicht die Weihnachtsengel verantwortlich machen. Denn irgendwann auf demWeg ins Erwachsenenleben musste auch ich lernen, dass ich ab einer gewissenZeit für die Erfüllung meiner Wünsche selbst verantwortlich bin.

Also: Diktatoren, Gewalttäter, korrupte Politiker, Kriegstreiber, Umweltverschmutzer und skrupellose Geschäftemacher, hört auf mit

eurem Scheiß! Wie schön wäre das, wenn ich das so einfach abstellen könnte. Wenn ich mit ein paar deutlichen Worten dafür sorgen könnte, dass sexualisierteGewalt nicht mehr oder weniger stillschweigend geduldet, oder schlimmer noch, sogar entschuldigt wird. Wenn ich dafür sorgen könnte, dass nicht eine Mehrhei tvon Männern mit einem Durchschnittsalter von fünf und mehr Jahrzehnten darüber zu entscheiden hat, wie sich Frauen umfassend und gut informieren können, bevor sie die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung treffen. Allgemein würde ich ganz gerne auch nochmal von Fachleuten unsere Gesetze überprüfen lassen. Nicht nur, damit irgendwelche überholten Bestimmungen aus der Zeit desNationalsozialismus gestrichen werden, sondern auch damit Verjährung und Bewährungsstrafen für Kindesmissbrauch und allgemein sexualisierten Gewalttaten auf den Prüfstand gestellt werden.

Überhaupt wünsche ich mir für die Politik mehr Respekt imUmgang miteinander, keine kindisches mit dem Fuß-Aufstampfen, vor einem Protestmarsch aus dem Plenarsaal, kein bockiges sich Widersetzen von Anweisungen der Sitzungsleitung bis die Polizei kommt, und vor allem kein hetzerisches Gekeife vom Rednerpult. Kein Postengeschacher und Machterhalt um den Preis fragwürdiger Entscheidungen, keinen Minister, der in Kasernierung vonGeflüchteten oder sogar im Einsperren, im offiziellen Jargon heißt das dann„Ingewahrsamnahme“, von abgelehnten Asylbewerber/innen als christliche und/oder soziale Politik verkaufen will, während es ihm nur darum geht, Stimmen am ganz rechten Rand der Wählerschaft zu fischen.

Ich möchte auch ein Ende eines unbändigen Konsumrausches auf Kosten der Umwelt, denn niemand kann mir erklären, warum ein gut funktionierendesSmartphone plötzlich nichts mehr taugt, nur weil ein Nachfolgemodell auf den Markt gekommen ist. Vor allem will ich nicht, dass Menschen, besonders Kinder, unter üblen Bedingungen arbeiten, damit reiche Menschen ihre Gier nach Statussymbolen und Protzerei befriedigen können.

Ach, die Liste meiner Wünsche ist endlos lang, und ich bin ganz sicher, dass viele Menschen einen ähnlichen Wunschzettel wie ich haben. Blöd nur, dass der Stiefel, in den wir unsere Wunschzettel stecken können, noch so blank sein mag, da gibt es keinen Weihnachtsmann, der mal so richtig auf den Tisch haut, damit sich was ändert. Das müssen wir schon selbst übernehmen.

Bitte Leute, sprecht über eure Wünsche und Vorstellungen, redet euch gerne die Köpfe heiß. Und zwar nicht nur am heimischen Esstisch oder in der Kneipe, sondern mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden. Geht friedlich auf die Straße, wenn euch Missstände den Hals zuschnüren, reicht Petitionen ein, geht euren Abgeordneten ruhig mal auf denWecker, und (vor allem ihr, liebe Frauen), werdet laut, wenn ihr nicht gehört werdet.  Vielleicht merkt ihr dann irgendwann, dass ihr mit eurem Engagement andere zum Nachdenken und zum Überdenken der eigenen Bequemlichkeit gebracht habt. Dann tut euch zusammen und überlegt, was ihr noch tun könnt. Auf dem Sofa sitzen und meckern ist leicht, aber wenig aussichtsreich.

Beim Schreiben dieser Zeilen fiel mir tatsächlich gerade dasThema meiner Abi-Arbeit in Deutsch ein „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe derWelt!“ Nicht der schlechteste Vorsatz für 2019 finde ich. Dem Internet sei Dank, habe ich nach über vier Jahrzehnten erstmals den gesamten Text aus dem diese Zeile stammt, gelesen. Er trifft genau das, worauf ich hinaus will, aber viel schöner geschrieben. Ein Klick lohnt sich.

In diesem Sinne schöne Weihnachtstage, einen guten Rutsch und ein gesundes und zufriedene(re)s Neues Jahr.

fl

Zwischenstand in unserem Projekt Sprachschatz

Unser Beitrag zum Sprachschatz wurde auf dem Blog der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken veröffentlicht:

https://oebib.wordpress.com/2018/12/10/projekt-sprachschatz-die-buendnisse-stellen-sich-vor-buendnis-ochtrup/

Dann doch lieber Mainzelmännchen

Wer, wie ich, das offizielle Seniorenalter erreicht hat,erinnert sich sicher noch an die Zeiten, in denen Fernsehwerbung einen eigenen Sendeplatzhatte, der erfreulich begrenzt war ebenso wie die Fernsehprogramme. Ja, es gab in meiner Kindheit und Jugend ganze drei Fernsehprogramme, und Nein, ich bin nicht in Zeiten der französischen Revolution, sondern im vorigen Jahrhundert aufgewachsen. Ich gehöre der Generation der sogenannten „Babyboomer“ an – eineBezeichnung, die ich mit meinem Spiegelbild mal so gar nicht in Einklangbringen kann. Der erste Fernseher in unserem Wohnzimmer befand sich in einem verschließbaren Schrank, nicht um den Fernsehkonsum von uns Kindern zu regulieren, denn die hätten bis zum späten Nachmittag ohnehin nur das Testbild angucken können, sondern weil der Anblick der dunklen „Glotze“ als unschön galt.

 Das war die Zeit, in der am frühen Abend das „Werbefernsehen“ ausgestrahlt wurde, was bedeutete, dass zwischen derTV-Unterhaltung in festen Blöcken Werbespots ausgestrahlt wurden. Bei uns, wie in vielen Familien, ganz oft Anlass für ein Ratespiel, bei dem die beworbene Marke so schnell wie möglich erkannt werden musste. Es war die Zeit des Lenor-Gewissens, von Frau Sommers Kaffee- und Marianne Kochs Gardinen-Empfehlung und Zigaretten-Werbung, in der entweder das HB-Männchen in die Luft ging, oder ungestört in Taxis oder Fahrstühlen gequalmt wurde.

Unsäglich das Frauenbild, das damals vermittelt wurde. Originalton Oetker-Werbung für Backpulver und Puddingpulver: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“. Dem zu bekochenden Ehe(!)-Gatten bestätigte die sonore Stimme im Hintergrund übrigens im selben Spot: „Männer, die gern Süßes essen, haben einenguten Charakter.“ Da waren die kleinen Einspieler zwischen denReklamefilmchen direkt eine Wohltat.

Werbung im Jahr 2018 sieht natürlich ganz anders aus, sie ist nicht mehr auf den Fernseher im Schrank angewiesen und hat ebenso wie die Produkte ein Ausmaß erreicht, bei dem man sich fragt, wer braucht eigentlich all das Zeug? Mal ernsthaft, so oft kann doch kein Mensch aufs Klo müssen, wie die Privatsender ihre Filme für Werbeblöcke unterbrechen – natürlich immer dann, wenn es gerade besonders spannend wird.

Aber damit nicht genug, natürlich ist auch das weltweite Netz eine gigantische Werbeplattform mit einer Spannbreite von seriöser Information bis zu dämlichen Filmchen für durchaus fragwürdige Produkte.Hervorgebracht hat sie auch eine ganz besondere Spezies von Reklame-Macher/innen, die sogenannten „Influencer/innen“.

Allein die Bezeichnung bewirkt bei mir hochstehende Nackenhaare und einen instinktiven Griff zum Taschentuch. Einmal, weil ich da manche Auswüchse in der Tat zum Heulen finde, zum anderen, weil ich das Wort mit dem sprachlich sehr verwandten Begriff „Influenza“ in Verbindung bringe.Und die macht bekanntlich richtig krank.

Natürlich bin ich auch interessiert daran, wenn jemand Produkte getestet hat und ein fundiertes Urteil abgibt. Aber bitte, was soll es bringen, einem jungen Mädchen mit verbesserungswürdiger Rhetorik und oft unter zu viel Schminke kaum noch erkennbarer Mimik auf youtube dabei zuzusehen und zuhören, wie sie jubelnd ein Päckchen aufmacht und ein neues Gesichtspuder/Lippenstift/Wimperntusche auspackt und erstmals ausprobiert? Diese Filmchen sind oft so schlecht gemacht, dass ich sie mir nicht so lange angucken kann, bis sich mögliche allergische Hautreaktionen zeigen.

Erschlossen hat sich mir bisher nicht, was außer, dass sie für viele verschiedene Firmen Werbung machen, Influencer/innen von Ansager/innen der zahlreichen TV-Dauerwerbesendungen unterscheidet.Vertrauenswürdig finde ich weder die einen noch die anderen. Ja nicht einmal besonders zeitgemäß, wenn ich sehe, welches Frauenbild da vermittelt wird.Statt dazu angehalten zu werden, sich selber eine Meinung zu bilden, wird Mädchen und jungen Frauen vermittelt, sie müssten die Meinung teilen, dass die Partnersuche viel erfolgversprechender ist, wenn man versucht, dieAttraktivität durch viel Geld für Schminke, Kleidung und Accessoires zu steigern. Von intelligenten und humorvollen Gesprächen ist da nicht die Rede,aber damit lässt sich auch nur ganz selten Geld machen.

Wahrscheinlich bin ich zu alt um zu verstehen, warum es besonders erstrebenswert sein soll, im Winter den Anblick blaugefrorener Fußknöchel zu präsentieren und sich im Sommer zu knappen Shorts und Tops einen Loop mehrfach um den Hals zu schlingen. Und ich kenne auch nur wenige Männer,die es attraktiv finden, wenn Frauen zu einem Date erscheinen und eine Handtasche vom Unterarm baumeln haben (nur so ist die bescheuerte Dackelpfötchen-Haltung der Hände möglich), deren Aussehen und Größe mich fatal an die Einkaufstaschen erinnert, in denen meine Mutter früher problemlos die Einkäufe des Wochenmarktes für einen Vier-Personen-Haushalt verstaute. Und beim Blick auf so manche privaten Kosmetik-Vorräte frage ich mich ernsthaft, ob derenBesitzerinnen wirklich an ein ewiges Leben glauben.

Von dem oben erwähnten Werbeslogan „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“ sind jedenfalls die Anhängerinnen, pardon Followerinnen, von Influencer/innen nicht weit entfernt, denn wenn die Partnersuche erfolgreich war, widmen sie sich nicht selten mitgleicher Hingabe Koch- und Back-Filmchen und -Blogs.

 Und wie die Zukunftder heute so erfolgreichen Reklamemacher/innen aus dem Netz aussieht? Man weiß es nicht, aber ich habe da so eine Ahnung…

dschungel

fl

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