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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Vegetarier brauchen keine Extrawurst

„Boooaaah, dann stopf dir doch den Mund voll mit deinem makrobiotischbiodynamischen, bei abnehmendem Neumond mit in der Quelle des Amazonas energetisierten Natursteinen gemörserten Brotaufstrich. Aber bitte so voll, dass du dann nur noch schweigend kauen kannst.“ Nur der – bestimmt nicht immer mühelosen – Erziehung meiner Eltern zu Höflichkeit und netten Umgangsformen ist es zu verdanken, dass ich solche Gedanken für mich behalte, wenn mir mal wieder jemand mit viel missionarischem Eifer und häufig noch mehr Wissenslücken den neuesten, nicht nur besonders gesunden, vor allem aber besonders angesagten Ernährungstrend schmackhaft machen will.

Nein, ich habe überhaupt nichts gegen Vegetarierer/innen und Veganer/innen*. Sie können essen, was immer sie wollen, solange sie nicht meinen, jeden, den es nicht interessiert, davon in Kenntnis setzen zu müssen. Gerade bei Veganern fällt mir häufig eine überhebliche und selbstherrliche Attitüde auf, mit der sie deutlich machen wollen, die besseren Menschen zu sein, weil sie mit dem Verzicht auf alle tierischen Produkte Natur und Umwelt viel mehr schonen, als alle anderen Menschen mit einem ökologischen Bewusstsein zusammen. Äh nö, es ist kein wirksamer Umweltschutz, wenn die Alternativen für Wolle, Federn oder Leder den Plastikberg weiterhin anwachsen lassen, dessen Herstellung ja nun auch nicht gerade eine Wohltat für Luft und Boden ist.

Da lob ich mir doch ganz lockere Vegetarier, wie die 16jährige Büchereipraktikantin, die in einem Gespräch über Kochbücher und Kochen mal so ganz am Rande erwähnte „Bei uns Zuhause isst niemand Fleisch.“ Das sich daraus ergebende Gespräch war dann ausschließlich meiner Neug…, äh meinem Interesse geschuldet, und wahrlich nicht einem unerwünschten Mitteilungsbedürfnis meines Gegenübers, denn da ist Fehlanzeige.

VegetarischIn Naemis Familie leben drei Generationen vegetarisch, die Jüngeren von Geburt an. Entsprechend selbstverständlich ist das Weglassen von Fleisch auf dem Speiseplan, als Verzicht wird das nicht empfunden. Schließlich bietet das Angebot an Lebensmitteln in diesem Land eine derart große Palette, dass die Familie auch keinen Bedarf an Ersatzprodukten wie vegetarische „Würstchen“ oder „Schnitzel“ sieht. Wer die nie probiert hat: Menschen mit durchschnittlichem Geschmacksempfinden dürften lieber nahezu jeden „Verzicht“ in Kauf nehmen, als sich das anzutun. Bei den wohlschmeckenden Ausnahmen vergeht einem leider beim Anblick der Zutatenliste schon der Appetit. Ja, ich habe blöderweise erst gegessen und dann gelesen. Die alte Römer-Weisheit „Ein voller Bauch studiert nicht gern“ zählt da wohl nicht als Erklärung/Entschuldigung.

Aus der Ernährungsweise macht in Naemis Familie, die ich spontan zu meinem Lieblingsbeispiel für sehr sozialverträgliche Umgang mit alternativen Ernährungsformen erklären möchte, kein Geheimnis. Naemi: „Wenn mich jemand fragt, gebe ich natürlich Antwort und führe auch längere Gespräche zu dem Thema. Ansonsten ist das aber meine Sache, die ich von mir aus nicht thematisieren muss“.

Ach, liebe Veganer missionarischen Blogger und (bei mir besonders beliebt) selbst ernannte „Influencerinnen“, könnt Ihr Euch bitte mal ein Beispiel an der 16jährigen nehmen? Und liebe Leute, die ihr auf Essenseinladungen mit einer langen Liste unerwünschter Lebensmittel und Zutaten reagiert, könnt Ihr Euch auch bitte ein Beispiel an eben dieser 16jährigen nehmen, wenn sie feststellt „Vegetarier brauchen keine Extrawurst.“?

fl

*Ab dieser Zeile bitte ich die geneigte Leser/innenschaft ;-), sich das „/innen“ zu denken.

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Wenn Spiele mehr als Spielerei sind

„Ohne Schlüssel kommen Sie nicht in die Grabkammer“. Das ist nur eine von vielen Informationen, die die Veranstaltungen mit dem Ehepaar Silbermann aus Bayern immer wieder zu einem besonderen und besonders vergnüglichen Erlebnis machen.

Aber fangen wir mal von Vorne an: Als ehrenamtliche Bücherei-Mitarbeiterin komme ich natürlich mit Medien in Berührung, die in ihrer Vielzahl und Abwechslung privat unerreichbar sind. Es sei denn, der Millionär… aber das ist ein anderes Thema. Erleichtert wird diese Tätigkeit sicher dadurch, schon seit der Kindheit zur Spezies der Leseratten zu gehören. Ebenfalls gehöre ich zur Spezies der Gluckenmütter und daher sind mir Spielereien aller Art nicht fremd. Als die Brut das mütterliche Nest verließ, stand ich vor dem Dilemma „Keiner spielt mehr mit mir“, das sich aber gemeinsam mit einem jungen, inzwischen befreundeten Paar durch die Organisation eines regelmäßigen öffentlichen Spieletreffens aus der Welt schaffen ließ. Durch die Kombination von Bücherei und Spieletreffen gehen Trends und Neuerscheinungen nicht mehr an mir vorbei. Aber ein Highlight sind die regelmäßigen Veranstaltungen mit dem bereits erwähnten Ehepaar Silbermann in der schönsten Bücherei am Platz.

Sie beide verkörpern eine geballte Kombination von Kompetenz und Spielfreude, wenn sie Vertreter/innen von Kindergärten, Büchereien und anderen öffentlichen Einrichtungen Neuerscheinungen auf dem Spielemarkt empfehlen, über Entscheidungen für das Spiel des Jahres berichten oder auf Projekte zur Spielförderung hinweisen. Denn, sie haben jedes Spiel, das sie erklären, schon mal gespielt. Viele nicht nur einmal. Andere wurden regelrechten Härtetests unterzogen, die schon mal bis zum freien Fall aus dem Fenster des zweiten Stockwerks umfassen können.

Martina Silbermann, gelernte Bibliotheksassistentin und spätere Marketing-Leiterin eines Spieleverlages weiß nicht nur, welche Kriterien wichtig sind für eine möglichst reibungslose Ausleihe in öffentlichen Büchereien, während Andreas Silbermann als gelernter Kaufmann und langjähriger Außendienstler nicht nur die geschäftlichen Abläufe im Fokus hat. Sondern beide wissen bestens Bescheid, welche Spiele Spaß machen, welche langweilig sind, wie hoch der „Schadenfreude-Faktor“ ist und an welchem Zubehör man mehr oder weniger lange Freude hat. Beide zusammen sind die Spieletruhe, die sich auf den Versand von Gesellschaftsspielen für öffentliche Einrichtung spezialisiert hat und dabei Serviceleistungen vom Einbinden in Folie bis zur Ersatzteilbeschaffung bietet.

Wenn sie Gesellschafts-Spiele im allgemeinen und aktuelle Spiele im Besonderen sprechen, wird Eines ganz schnell klar: Sie haben es geschafft, ihr Hobby zum Beruf zu machen, wobei sie die nicht vorhandene Trennung von Privatleben und Geschäft nicht stört. Wichtig ist, dass (unter anderem) der Würfel rollt. Und das tut er für die Beiden manchmal sechs und mehr Stunden am Tag, wenn neue Spiele ausprobiert und bewertet werden müssen. Da kommt der (Originalzitat Martina Silbermann) „manchmal leidensfähige Freundeskreis“ im Sinne des Wortes ins Spiel. Da gibt es aber auch verschiedene Spielegruppen, die mit und ohne die Silbermanns meistens sehr vergnügliche, manchmal aber auch langweilige Stunden mit Spielkarten, Spielbrettern, Figuren, Würfeln und anderem Zubehör verbringen. Alle dabei gesammelten Erfahrungen fließen am Ende in die Entscheidungen ein, welche Spiele in den Katalog aufgenommen werden.

Und wenn die Silbermanns dann vor interessiertem Publikum darüber informieren, welchen Zielgruppen welche Spiele besonderen Spaß machen, ist es schon ein Vergnügen, dabei zuzuhören, Figuren und Zubehör in die Hand zu nehmen und sich erste Strategie-Tipps geben zu lassen. Auf jeden Fall weckt es den Wunsch, irgendwann mal zusammen mit Martina und Andreas Silbermann einen Spieleabend zu verbringen.

fl

Spiele Silbermanns

Ojeeeeh ohjeohejohje

Ja, sie kommt, und sie kommt bald, ganz bald. Die Werbung zeigt bereits jetzt, dass man kaum dran vorbeikommen wird, auch wenn ein persönliches Interesse sehr gering bis nicht vorhanden sein mag. Ja klar, es geht um die Fußballweltmeisterschaft, die dafür sorgt, dass Waschpulver zu vergünstigten Preisen angeboten wird, in Schokoladen- und  Chips-Packungen ein paar Gramm mehr als üblich sind, und man den Gartengrill nur noch mit einer ganz bestimmten Sorte Würstchen bestücken soll. Vom Wettstreit der Brauereien um das beste Fußballerbier ganz zu schweigen.

Ganz ehrlich, das ganze Brimborium rund um die Fußball-WM nervt mich jetzt schon. Ich verkneife mir dumme Sprüche über erwachsene Männer, die hinter einem Kinderspielzeug herlaufen. Ich ärgere mich auch nur im Stillen über die Unsummen von Geldern, die manchmal durch obskure Kanäle hin- und hergeschoben werden, und ich werde mich auch nicht über den Missbrauch von Sport zu politischen Zwecken auslassen.

Aber ich werde mich darüber ärgern, wenn ein Sportereignis zum Anlass genommen wird, die erste Strophe des Deutschlandliedes zu gröhlen (die sogenannten Fans müssen dazu nicht mal besoffen sein). Allerdings werde ich mit Gelassenheit den ohne Kaffeesatz und Glaskugel vorhersehbaren Shitstorm im Netz beobachten, wenn ein Spieler beim Absingen der Nationalhymne nicht textsicher ist, oder schlimmer noch, den Untergang des christlichen Abendlandes heraufbeschwört, wenn er sich komplett diesem Gesang verweigert. Ich werde mich bestenfalls über Rechtschreibfehler in rhetorisch und grammatikalisch höchst fragwürdigen Beiträgen amüsieren.

Und auch der gebetsmühlenartig geführten Diskussion darüber, wie patriotisch, nationalistisch oder gar völkisch die an jeder Ecke zu sichtenden schwarz-rot-goldenen Fahnen, Wimpel, Autoverzierungen und Banner sind, werde ich mich verweigern. Wenn jemand meint, das seien nicht nur Fußball-Devotionalien, sondern man müsse unbedingt seine politische Ausrichtung durch farbigen Stoff demonstrieren, nun denn. Nur braunkarierte Badehosen, die müssen es wirklich nicht sein.

fl

Fußball-Teddy
Wo in der schönsten Bücherei am Ort Medien zum Thema Fußball zu finden sind, ist derzeit unübersehbar.

DSGVO und/oder das Ende der Bloggerei?

geralt data-protection-regulation-3413077_1920(Bildnachweis: CC0-Lizenz, Gerald auf pixabay.de)

Ein kleiner Hinweis:

Wir haben uns mal mit der neuen Datenschutzgrundverordnung beschäftigt. Datenschutz an sich ist ja eine gute Sache und wenn ich nun nur noch die Hälfte aller nicht bestellten Newsletter bekomme ist das ja auch ein Erfolg, aber die EU-Bürokraten sind – wie so oft  mal wieder weit über das Ziel hinausgeschossen.

Die Folge ist nun, dass wir gar nicht wissen, ob ein Blog nicht schon prinzipiell gegen die DSGVO verstößt. Das wäre dann wohl das Ende der Bloggerei weltweit oder europaweit: Aber wer will das?  Wir sind sehr gespannt auf die nächsten Schritte. Bis es soweit ist werden wir unseren Blog aber offen halten und hoffen auf eure Unterstützung.

Rechtlich heben wir mal nach bestem Wissen und Gewissen unsere Datenschutzerklärung angepasst. Herausgekommen ist ein Monströses Textwerk von 27 DIN-A4-Seiten! So viel mal zum Thema, das ganze soll leicht verständlich und gut lesbar sein. Wir hoffen jedenfalls, uns damit einigermassen gegen Abmahnung abgesichert zu haben. Wer noch etwas findet, was fehlt: Bitte melden, wir bessern gerne nach.

Und grundsätzlich gilt bei uns sowieso: Wir geben keinerlei Daten an Fremde weiter. Aber was WordPress mit euren Daten macht, können wir leider nicht beeinflussen. Wenn ihr hier also Beiträge kommentiert oder liked, dann geschieht das natürlich mit eurem Nicknamen hier bei worpress. Wer nur mitliest, wird – zumindest für uns sichtbar – nur in soweit erfasst, aus welchem Land der Besucher kommt und mit welcher Suchmaschine oder über welchen Link er auf unsere Seite gestossen ist. Persönliche Daten erfahren wir nicht und das ist auch gut so (obwohl wir natürlich schon gerne wüssten, wer die/der regelmässige Leser*in aus den USA ist).

Le

Mit Bienenrobotern auf dem Katholikentag

Katholikentag

Herr, use Gott, wi söökt Fräden
för de Welt un Europa, för use Land un
för de Sellskup, in de wi levet…

Keine Sorge, meine bekannte Abneigung gegen Anglizismen geht nicht soweit, dass ich jetzt einen sprachlichen Backslash (an dieser Stelle bitte einen Augenzwinker-Smiley denken) vollführe, und ich habe auch kein tief verschüttetes Missionierungs-Gen in mir entdeckt. Nein, ich finde es einfach schön, wenn die westfälische Metropole in ihre traditionellen Heimatsprache Gäste aus aller Welt ganz traditionell begrüßt.

Für diejenigen, die mit dem Plattdeutschen nicht so vertraut sind, oder vielleicht nur das Bokeltse Platt kennen, hier die Übersetzung:
Herr, unser Gott, wir suchen Frieden
für die Welt und Europa, für unser Land und
für die Gesellschaft, in der wir leben…

Mit diesen Worten beginnt das Gebet zum Katholikentag, der bekanntlich vom 9. Bis zum 13 Mai in Münster stattfindet. Es wird ein Programm geboten, bei dem sich sicher niemand beklagen kann, nicht das Passende gefunden zu haben, denn es umfasst rund 1 000 Veranstaltungen. Allein deren Spektrum hier aufzuzählen, ohne auf einzelne Termine einzugehen, dürfte den Rahmen des Blogbeitrages sprengen, aber das Stöbern auf der Seite http://www.katholikentag.de ist vielversprechend.

Und wenn den Besucher/innen am Donnerstag- und Freitagnachmittag plötzlich Bienenroboter, im Fachjargon Beebots genannt (womit wir fast schon wieder beim Thema… ach, lassen wir das), über den Weg rollen, dann stammen die aus meiner Lieblingsbücherei. Die nämlich wird auf der Medienmeile beim Stand des Borromäus-Vereins einen Einblick in ihr Schwerpunkt-Thema Spracherwerb und Leseförderung geben. Was es mit den rollenden und blinkenden Roboter-Bienen so auf sich hat, und warum zum Beispiel sprechende, dicke Stifte nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich sind, kann man dort erfahren. Ebenfalls gibt es neben Einblicken in die Welt der Kinderbücher ganz ohne Papier und Druckerschwärze umfangreiche Informationen und Beratung. Nicht nur Vorbeigehen, sondern auch Stehenbleiben dürfte sich lohnen.

fl

Schlimmer geht immer

Papier

Upcycling ist der aktuelle DIY-Trend. Wer weiß, was ich von Anglizismen  halte, bekommt gerade auch eine ungefähre Vorstellung davon, was ich von dieser Art von Verschlimmbesserung halte. Wohlgemerkt, ich rede von Upcycling am Esszimmertisch wobei nach detaillierter Anleitung unnütze Dinge hergestellt werden, bei deren Anblick vom Betrachter erwartet wird, sie über den grünen Klee zu loben. Es geht also nicht um alte Autoreifen, die als Schuhsohlen oder Feuerwehr-Schläuche und LKW-Planen die als Taschen auf dem Konsum-Gnadenhof noch ein paar schöne Jahre verbringen.

Nein, es geht eben um einen Zeitvertreib, der gerne von einschlägigen Zeitschriften als der ultimative Trend zur Steigerung des Wohlbefindens ausgerufen wird, der jede Wohnung zu einem wahren Schmuckkästen an Kreativität und Umweltbewusstsein macht. Falls hier jemand Spuren von Ironie entdeckt, ist das beabsichtigt. Denn mal ehrlich: Wer, außer denjenigen die kleine Kinder an regnerischen Nachmittagen beschäftigen müssen, kommt denn auf die Idee, Klopapierrollen aneinander zu kleben, alte Joghurt-Bescher zu bemalen und Pappschachteln mit Plastik-Glitzersteinchen zu bekleben? Mir fallen da überwiegend Mitarbeiter/innen der oben erwähnten Zeitschriften und Verfasser/innen von Ratgebern und youtube-Filmchen ein.

Sie alle sorgen unermüdlich für immer neue Trends, also in erster Linie für ihre Bankkonten. Egal was am Ende dabei rauskommt, wenn man ihre Anleitungen stundenlang, mit einer oft gar nicht mal so preisgünstiger Ausstattung an Werkzeug und Hilfsmitteln nacharbeitet. Selbstverständlich verfügt auch die beste Bücherei meines Wohnortes über eine ebenso umfang- wie abwechslungsreiche Sammlung von Anleitungsbüchern, die den unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht werden. Manchmal auch ziemlich niedrigen. Aber in der Regel finden sich zwischen den vielen Vorschlägen auch immer mal wieder welche, die interessant (im positiven Sinne) wirken. Nicht nur bei den von mir bevorzugten Handarbeitsbüchern.

Fragwürdig finde ich allerdings, wenn ansehnliche und geschmackvolle Dinge durch Upcycling grottenhässlich werden. Naturholz beispielsweise wird durch schweinchenrosa oder schwimmbadkachelblaue Farbe in der Regel nicht schöner. Und selbst wenn die Papierservietten, mit denen man Möbelstücke bekleben soll, ein nettes Blümchenmuster haben, rettet das Omas alten Couchtisch nicht unbedingt davor, nach zeitintensiver Bearbeitung wieder auf dem Dachboden zu verschwinden.

Bei sehr vielen Gegenständen, die als Upcycling-Objekt infrage kommen könnten, ist übrigens die Überlegung angebracht, warum wurden sie überhaupt gekauft? Tut man der Umwelt manchmal nicht einen größeren Gefallen damit, sein eigenes Konsumverhalten mal zu überdenken, statt sein Gewissen damit beruhigen zu wollen, etwas, was man wegwerfen möchte durch Upcycling so hässlich zu machen, dass man es wegwerfen muss?

Und dann gibt es noch die trendigen Upcycling-DIY-Tipps, bei denen es wohl nur ums Zeit totschlagen geht, und die man bestenfalls jemandem empfehlen möchte, der seine Finger anders beschäftigen will, als mit dem Festhalten von Zigaretten. Oder kommt sonst jemand ernsthaft auf die Idee, alte Zeitungen in feine Streifen zu schneiden, die zusammengefaltet zu Kreisen geformt und mit Kabelbindern fixiert als Wandschmuck dienen sollen? Oder alte Zeitungen sorgfältig zusammenzufalten, so dass sie als „Pompons“ bezeichnet am bunten Faden von der Decke baumeln?

Ja, manchmal bin ich altmodisch. Ich finde nämlich, dass man in alten Zeitungen am besten Fisch vom Marktstand nach Hause tragen kann, oder Kartoffelschalen zur Biotonne.

fl

Ein Socken für jede Söckin…

…oder: Wie ich doch noch zur Sockenstrickerin wurde

Keine Ahnung, wie viele Pullis, Jacken, Tücher, Schals und Mützen ich schon gestrickt hatte, als ich mich immer noch standhaft weigerte, Socken zu stricken. Ich habe lieber ein Bodenkissen mit über einem halben Meter Durchmesser in Filzwolle gestrickt, als mich an Käppchen und Zwickel für eine Sockenferse zu wagen. Wer die Technik des Strickfilzens kennt, weiß, von welcher Größenordnung ich spreche. Mein Jüngster fragte mich zwischendurch verwundert, warum ich einen Kinderschlafsack auf der Nadel habe.

Filzkissen

Für die Nichtinsider: Beim Strickfilzen werden die Strickstücke ein Drittel größer gestrickt als später erforderlich, um dann in der Waschmaschine das zu tun, was beim hochwertigen Wollpulli eine höchst ärgerliche Angelegenheit ist: Schrumpfen und Verfilzen.

Es gab auch keinen Grund, mich im Sockenstricken zu üben, da meine Mutter begeistert die gesamte Familie mit Socken in allen Farben und notwendigen Größen versorgte. So begeistert, dass wir Vorräte anlegen konnten, die auch noch einige Jahre gute Dienste taten, nachdem sie verstorben war. In der Zwischenzeit war mein Faible fürs Strickfilzen groß genug, dass ich mich auch an Filzpuschen herangewagt hatte. Angst vor dem Nadelspiel hatte ich also keine, aber keine Lust auf eben Käppchen und Zwickel und die damit verbundene Zählerei.

Irgendwann, als der größte Teil meines Sockenvorrats bedenklichen Verschleiß aufwies, liefen mir dann aus dem weltweiten Netz Socken über den heimischen Bildschirm, die versprachen, dass ich Socken ohne die lästige Ferse stricken könnte. Sie versprachen darüber hinaus sogar, dass diese auch gut am Fuß sitzen. Die Rede ist von sogenannten Spiral- oder Regenwurmsocken. Deren Fertigstellung ist in der Tat so kinderleicht, dass sich mir nicht erschließt, warum es Anleitungsbücher dafür gibt. Und ja, sie sitzen wirklich gut und sind vor allem bei Eltern von Neugeborenen beliebt, weil sie mitwachsen (und ich muss mir nicht den Kopf über Geschenke zerbrechen). Außerdem sind sie so schnell fertig, dass der Griff zu Stricknadel beim Einsetzen der Wehen – außer bei Sturzgeburt und Kaiserschnitt  – ein guter Zeitplan ist.

Spiralsocken

Ja, es macht Spaß, Spiralsocken zu stricken (auch Socken-Neulingen, die mir dann Beweisbilder schicken) aber verwöhnt von Liebmütterleins Strickkünsten waren es irgendwie keine „richtigen Socken“. Also begann ich nach weiteren Alternativen zu Käppchen und Zwickel zu suchen und wurde auf der Nadelspiel-Seite von EliZZZa, meiner Lieblingsanleiterin auf Youtube, fündig. Nicht nur ihr charmanter österreichischer Akzent macht ihre Videos hörenswert, sondern die geduldig in allen Einzelheiten erklärten und demonstrierten Arbeitsschritte machen sie sehenswert.

Das Zauberwort heißt „Bumerang“ und das Geheimnis sind verkürzte Reihen, und die hatte ich u. a. beim oben erwähnten Bodenkisssen hinreichend geübt. Ich muss nicht zählen, ich muss keine Maschen wieder einfangen und sie funktioniert, egal ob ich die Socken oben oder unten anfange.

Ja, ich hab mir im Laufe der Zeit einige Besonderheiten beim Sockenstricken angewöhnt: Ich nehme dafür nicht nur eckige Nadeln, die ein viel gleichmäßigeres Strickbild ergeben, als ihre runden Geschwister, sondern ich fange Socken an der Spitze an, die mir so besser gefällt.  Ich stricke inzwischen gerne Socken – für mich oder für Menschen mit ähnlicher Schuhgröße. Bei allem, was über Größe 40 hinausgeht, wird der Spaß schon mal von Langeweile verdrängt. Umso besser, dass einer meiner Söhne sich inzwischen seine Socken selber strickt – mit Käppchen und Zwickel für die Ferse.

fl

Socken stricken

„Lies das mal.“ Ja bitte!

„Lies das mal, das könnte was für dich sein. Und sag mir anschließend mal, ob du es für authentisch hältst. Du bist da näher dran als ich“ Mit diesen Worten drückte der Chef meiner Lieblingsbücherei mir das Buch „Unter Fremden“ von Jutta Profijt in die Hand. Ja, der Mann kennt mich. Gut genug um zu wissen, dass Flüchtlinge, syrische Frauen und Krimi (!) eine Kombination sind, die mich packt. Und was ich davon halte? Soviel, dass ich es nicht nur dem Bücherei-Chef sagen will, sondern auch aufgeschrieben habe als eindeutige Empfehlung, dieses Buch unbedingt zu lesen.

1Geschmökert

Wie beschreibe ich den Inhalt eines Kriminalromans, ohne zu viel zu verraten und Spannung zu zerstören? Am besten gar nicht, weshalb ich auch darauf verzichte und auf andere Aspekte eingehen möchte.

Zunächst einmal darauf, dass ich es großartig finde, wie die in der niederrheinischen Provinz lebende Jutta Profijt sich in die Denkweise und Gefühlswelt einer Analphabetin aus einem syrischen Dorf einfühlt. Vieles, was ich aus zahlreichen, intensiven Gesprächen mit Syrerinnen als Fakten mitgenommen habe, wird von der Hauptperson des Romans erlebt und erfahren, ohne dass die Autorin irgendeine Wertung vornimmt. Und so schüttelt der/die Leser/in beispielsweise nicht verwundert den Kopf, sondern fühlt einfach nur mit, wenn die gehbehinderte Madiha völlig erschöpft eine längere Busfahrt stehend hinter sich bringt, weil freie Sitzplätze nur direkt neben männlichen Fahrgästen verfügbar sind.

Die Schilderungen vom Alltag in einer Massenunterkunft würde ich gerne all denen zu lesen geben, die diese Unterbringung für akzeptabel halten. Und noch lieber denjenigen, die solche Dummheiten raushauen wie „Da ist doch alles viel besser, als sie es von Zuhause gewohnt sind.“ Auch wenn die Protagonistin erst lernen muss, ein Smartphone zu bedienen, bedeutet das sicher nicht, dass syrische Frauen mit den Segnungen der technischen Neuzeit nicht vertraut sind. Ja, es gibt (nicht nur) im arabischen Raum deutliche Unterschiede zwischen dem Leben in der Großstadt und auf dem Land. Aber auch in abgelegenen Dörfern wird dort das Wasser eher nicht mit Kamelen von einem weit entfernten Brunnen geholt, sondern kommt aus dem Kran. Meistens sogar warm.

Und auch denjenigen, die durch ihre Hilfe und ihr Engagement in solchen Unterkünften mit den Gegebenheiten vertraut sind, möchte ich das Buch gerne zu lesen geben und ihnen einige Abschnitte besonders empfehlen. Die Protagonistin lebte als Kind bei – nicht mit – einer Familie mit einer deutschen Mutter und ist aufgrund ihrer Sprachkenntnisse im Flüchtlingsheim als Dolmetscherin sehr gefragt. Gefragt wird sie selber allerdings nicht, ob und wann sie als Übersetzerin eingesetzt werden will, und ob sie diese Rolle nicht auch regelmäßig überfordert. Ich jedenfalls nehme, nachdem ich das Buch gelesen habe, mein Engagement genauer unter die Lupe, um der Falle „gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“ möglichst auszuweichen.

Um jetzt doch nochmal auf den Krimi zurückzukommen: er ist meiner Meinung nach spannend, realitätsnah und gut erzählt. Für mich ein großer Pluspunkt: Die Autorin verzichtet darauf, jegliche Art von Sensationsgier zu bedienen, sondern erzählt ruhig, besonnen und dennoch fesselnd.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich wünsche mir, dass „Unter Fremden“ in kurzer Zeit eine lange Liste von Vorbestellungen in der Bücherei hat. Verdient hat es das.

fl

Unter Fremden

Riham und Osama schreiben

Regelmäßige Leser/innen unsere Blogs erinnern sich vielleicht noch an meine Freundin Riham, ehemalige Praktikantin in unserer Bücherei und sehr engagiert für ein harmonisches Miteinander von Menschen mit verschiedener Herkunft, Tradition, Kultur und Glauben. Riham absolviert zur Zeit ein Praktikum bei der UNICEF in Köln und hat für deren Homepage ihren ersten Blogbeitrag auf Deutsch geschrieben (Chapeau, meine Liebe). Anlass war ein Brief, den der 10jährige Osama, der wie seine Familie zu den regelmäßigen Bücherei-Besuchern gehört, zu einem für die Welt sehr beschämenden Datum geschrieben hat: dem siebten Jahrestag des Kriegsausbruchs in seiner Heimat Syrien.

Ein Artikel, der unter die Haut geht, und der angesichts der aktuellen Diskussionen eine große Leserschaft verdient hat (also gerne auch weiterleiten und verlinken). Aber lest selbst:

Körperteile von Kindern unter Ruinen

fl

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