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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Zeit für einen Feminismus

„Ein Mann in Unterhose und einer, der den Mixer nicht bedienen kann: Große Empörung, Shitstorm und Boykott-Aufrufe wegen Sexismus und falscher Darstellung des Männerbildes.
Tiefe Ausschnitte, knappe Höschen und Frauen, die sich feiern, dass sie Wohnung und Wäsche sauber gekriegt und ihre Kinder mit Süßkram ruhig gestellt haben: Vögel zwitschern, und irgendwo hört man leise den Frühlingsregen plätschern.“

So habe ich vor wenigen Tagen die Diskussion über den Werbeclip von Edeka zum Muttertag kommentiert. Kurz vorher hatte ich zum Thema Staubsaugen mit der Google-Bildersuche ein paar Fotos gesucht. Zum Schlagwort „Mann mit Staubsauger“ wurden mir u.a. diese Bilder angezeigt, die Euch bekannt vorkommen könnten.

Zum Begriff „Frau mit Staubsauger“ wurde mir dann aber tatsächlich auch so etwas angezeigt:

Es ist also Zeit, dass wir alle mal wieder einen Feminismus kriegen (auch dagegen hilft Wick Medinight nicht, ich hab den manchmal in Anlehnung an Frau Jahnke „ganz doll“), und dazu kann ich die Bücher von Margarete Stokowski sehr empfehlen. Zugegeben, es gab und gibt Kolumnen von ihr auf Spiegel online, die mich nur mäßig begeistern, aber die Zusammenfassung von Beiträgen für taz und SPON aus sieben Jahren unter dem – für manche vielleicht verstörenden;-) –Titel „Die letzten Tage des Patriarchats“ gefallen mir ausnehmend gut.

Sollten sich auf diese Seite Feminismus-Gegner/innen verirrt haben, ich muss euch enttäuschen: Männerhass werdet ihr in dem Buch vergeblich suchen. Finden werdet ihr aber eine ehrliche Bestandsaufnahmen und gut begründete Meinungen zu früher und heute aktuellen Themen und Ereignissen. Da geht es beispielsweise um die Reaktionen auf die schlimme Silvesternacht 2015 auf der Kölner Domplatte, um den „Bullshit-Feminismus“, mit dem sich, gerne auch prominente Frauen schmücken, oder auch um sexistische Äußerungen und sexualisierte Drohungen im Internet. Die Autorin zeigt Defizite auf und macht Verbesserungsvorschläge, glücklicherweise aber ohne den erhobenen Zeigefinger einer Svenja Flaßpöhler oder einer zunehmenden Engstirnigkeit einer Alice Schwarzer. Okay, die Attitüde der Akademikerin im medialen Sonnenschein würde ihr auch nicht stehen, und für Altersstarrsinn ist Stokowski noch viel zu jung. Dafür scheut sie sich aber nicht, persönliche Erfahrungen – nicht immer mit für sie schmeichelhaftem Ausgang – zu beschreiben und zu bewerten und öffentlich ihre Lehren daraus zu ziehen.

Das ganz besonders in ihrem anderen Buch mit dem – für manche vielleicht verstörenden;-) – Titel „Untenrum frei“. Sie beschreibt Erziehung, Pubertät und Erwachsenwerden und-sein in einer Zeit, in der die Frauenbewegung schon eine Menge erreicht hat. In einer Zeit, in der aber auch Ungleichbehandlung und Abwertung von Frauen oft wahlweise mit einem Schulterzucken oder einem süffisanten Lächeln hingenommen, oder weitaus schlimmer, gar nicht mehr wahrgenommen werden. Für Frauen wie mich, für die schon aus Altersgründen bereits vor Jahrzehnten Frauenrechte, Emanzipation und Feminismus zum Thema wurden, findet sich nicht wirklich Neues in dem Buch. Es erinnert aber in einer sehr gelungenen Zusammenfassung an Vieles, das nicht in Vergessenheit geraten und erst recht nicht verdrängt werden sollte.

Beide Bücher sind für Frauen jeden Alters zu empfehlen, egal ob sehr jung oder schon ziemlich alt. Und auch Männern schadet es ganz sicher nicht, sie zu lesen. Stokowskis Stil, sehr direkt, manchmal sogar ein bisschen schnoddrig, gefällt mir persönlich sehr gut (woher das nur kommt). Aber vor allem bin ich sehr angetan von ihrer guten Recherche und ihrem umfassenden Wissen, die ihr einen sehr guten Überblick über viele Fragen und Antworten verschaffen. Der Blick in ihre Quellenangaben ist daher eine wahre Fundgrube.

Und wer nach der Lektüre der Bücher von Margarete Stokowski, oder auch nur nach diesem Beitrag mit einem genervten Augenrollen und dem Aufstöhnen „Die Frauen (wahlweise auch Weiber) sollen endlich mal Ruhe geben, sie sind doch längst gleichberechtigt (wahlweise auch: sie haben inzwischen doch schon mehr Rechte als Männer)“, der/dem empfehle ich von Herzen, sich über die aktuelle Aktion „Maria 2.0“, deren Fragen, Standpunkte und Forderungen zu informieren. Sie ist der Grund, warum ich diese Zeilen zu Hause geschrieben habe.

fl

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Bitte nicht!

Als ich vor über einem Jahr den Blogbeitrag „Horrido im Klassenzimmer“ schrieb, hatte ich doch ein bisschen stille Hoffnung, dass das von mir Beschriebene nie Wirklichkeit wird. Leider hat sich wieder mal erwiesen: Hoffnung auf gesunden Menschenverstand und USA unter Trump schließen sich gegenseitig aus, denn:

„Das Parlament des US-Bundesstaates Florida hat mit 65 zu 47 Stimmen ein Gesetz verabschiedet, das es Lehrern erlaubt, künftig Waffen im Klassenzimmer zu tragen.“ Tagesschau

Wieder einmal haben wirtschaftliche Interessen Vorrang vor Prävention u. a. durch Verbesserung des Schul- und Bildungswesens, ja letztendlich vor der Sicherheit von Kindern und Jugendlichen. Mit Verlaub, es ist zum Kotzen.

Jetzt hoffe ich inständig, dass nicht auch die von mir damals angeführten Horrorszenarien, was passieren kann, wenn Schusswaffen zur schulischen Normalität werden, irgendwann mal Wirklichkeit werden.

Blogbeitrag zum Projekt Storytelling

Im Rahmen des Verwendungsnachweises für das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW geförderten Projektes „Digital Storytelling“ haben wir einen Blogbeitrag geschrieben, der jetzt im Blog der Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken veröffentlicht wurde.

Hier der Link zum Blogbeitrag:

https://oebib.wordpress.com/2019/05/03/von-tablet-gedoens-zu-mach-deinen-film-digitale-werkstatt-und-voll-appgefahren-ein-kooperationsprojekt-aus-dem-muensterland/

Herr Oter unterm Sofa

Seit Kurzem habe ich einen Mitbewohner. Nein, Niemanden, der meinen Kühlschrank mit Bierflaschen voll räumt, ich muss auch keine Hundesteuer bezahlen und kein Katzenstreu kaufen. Gekocht wird nach wie vor nach meinen Vorlieben und Abneigungen, Lebensmittelunverträglichkeiten spielen keine Rolle. Mein neuer Mitbewohner – da ich seinen Vornamen Sau-Grob ebenso unschön wie unpassend finde, spreche ich ihn mit seinem Nachnamen an und nenne ihn respektvoll Herr Oter – begnügt sich damit, ab und zu damit, mal an der Steckdose zu nuckeln. Ansonsten macht er das, was er machen soll, er bewegt sich planlos hin und her durch meine Wohnung, gibt dabei ein beruhigendes, monotones Geräusch von sich (es gibt auch welche, die können anders, aber dazu später mehr) und saugt Staub und Krümel von Laminat und Teppich auf. Und findet reichlich.

Jetzt werden sich sicher einige fragen, wie eine alleinstehende Frau mit Tagesfreizeit (Kopfkino aus, liebe Lesende) auf die Idee kommt, sich einen Saugroboter anzuschaffen. Vorsichtig ausgedrückt: Ich kann mich fürs Putzen einfach nicht begeistern. Drastisch ausgedrückt: ich hasse Putzen und schiebe es gerne vor mir her, bis der anfallende Aufwand meine Abneigung nur noch weiter schürt. Das mag daran liegen, dass sämtliche Putz- (und auch Aufräum-)Gene der Familie meine Mutter für sich beansprucht hat, die mindestens zweimal wöchentlich Staub putzte, der bei der Frequenz ohnehin kaum vorhanden war, und die sehr darauf bedacht war, regelmäßig die Teppichfransen mit einem dafür extra vorgesehenen Blechkamm zu sortieren. Und all diese Gene hat sie dann auch leider mit ins Grab genommen. Für mich ist da kaum etwas übrig geblieben, für meine bedauernswerten Kinder noch viel weniger. Ob das eine Rolle gespielt hat, dass eines dieser Kinder für mindestens drei Jahre und einen Tag freiwillig auf einen festen Wohnsitz verzichtet, muss ich ihn mal fragen. Ich jedenfalls habe mich für Herrn Oter als Mitbewohner entschieden.

Herr Oter ist ein eher simples Modell seiner Art, was auch günstige Auswirkungen auf seine Anschaffungskosten hatte. Er ist aber außer mit dem Saugmechanismus und niedlichen, rotierenden Pinselchen für die Feinarbeit in den Ecken nicht noch mit besonderen Raffinessen ausgestattet. Das hat den Vorteil, dass er, anders als manche seiner Kollegen schweigt und nicht per Computer-Stimme verkündet, wenn er sich irgendwo festgefahren hat. Gerade bei Berufstätigen, die den Roboter saugen lassen, während sie außer Haus ihrem Broterwerb nachgehen, finde ich das irgendwie ziemlich überflüssig. Aber ich gehöre ja auch zu denen, die erwarten, dass der(!) kleine Helfer seine Arbeit macht und nicht rumschwätzt und mir erzählt „Reinigung beendet“. Fehlt dann bloß noch, dass er fragt, „Na Schatz, wie war ich?“ Schön dagegen finde ich, wenn Herr Oter mich überrascht, zum Beispiel, wenn er aus der hintersten Ecke unterm Sofa wieder ans Tageslicht schnurrt und dabei ganz vorsichtig ein halbes Wollknäuel vor sich herschiebt.

Zugegeben, ein bisschen dumm ist Herr Oter schon. Wenn ich ihm per Fernbedienung ein „Husch, husch ins Körbchen“ zufunke, macht er auf dem Weg zur Ladestation zig Umwege und stößt dabei auch schon mal gegen Stuhl-oder Tischbeine. Dann bleibt er einen Moment verdutzt stehen, setzt ein bisschen zurück und dreht sich um circa 358 Grad, um dann wieder gegen das selbe Hindernis zu dotzen. Nach vier bis fünf Mal hat er es dann aber meistens begriffen und setzt seinen Zickzack-Kurs Richtung Stromversorgung fort.

Ob das ein geschlechtsspezifisches Problem ist, kann ich nicht beurteilen, denn die(!) Spülmaschine zickt auch manchmal ganz schön rum, wenn sie sich der Reinigung von Teebelägen in meinem Lieblingsbecher verweigert. Mit anderen Worten: Kann sein, muss aber nicht.

Jedenfalls ist Herr Oter durchaus cleverer als manche Männer, die die Google-Bildersuche mir zum Stichwort „Mann mit Staubsauger“ anzeigt, und die das mit dem Männerspielzeug irgendwie nicht verstanden haben.

fl

Ein schön genähter Roman

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Schade, dass ich zwar gerne, aber nicht besonders gut und eher selten nähe. Ich finde nämlich die Idee für Vielnäherinnen einfach schön, ein eigenes Nähbuch anzufertigen, bestehend aus einem einfachen Notizbuch, bei dem nach erfolgreichem Abschluss einer Näharbeit zwei Seiten mit dem Faden, der ohnehin noch auf der Maschine steckt, zusammen mit einem kleinen Stück des verarbeiteten Stoffs zusammengenäht werden. Ein paar Notizen, wann, was für wen aus welchem Anlass gefertigt wurde, und es entsteht ein Erinnerungsbuch mit deutlich mehr Charme als das Fotoalbum, in dem die x-te Mallorca-Reise vom Warten auf den Abflug bis zur Rückkehr mit Wäschebergen festgehalten ist.

Aber noch schöner als die Idee des Nähbuches finde ich es, wenn jemand die Idee, über alte Nähbücher einen Roman zu verfassen, so gelungen umsetzt wie Natalie Fergie in „Die Nähmaschine“. Erschienen übrigens in dem von mir erst kürzlich entdeckten Wunderraum-Verlag, dessen Library Cookbook mich bekanntlich bereits in Verzückung versetzte.

Zugegeben, ein bisschen Nostalgie kommt auch ins Spiel, denn zu meiner frühen Kindheit gehört das Spiel mit dem Trittbrett der mechanischen Nähmaschine, auf der meine Mutter sehr viel und sehr gekonnt genäht hat. Nachdem ich mir einmal ihren heiligen Zorn zugezogen hatte, weil das Garn noch in der Nadel war und ich für entsprechende Verknotungen gesorgt hatte, nie mehr ohne vorherige Nachfrage.

Aber zurück zu Natalie Fergies Debutroman, der anfangs nur in ihrem Internet-Blog zu lesen war, und der einen Bogen vom Arbeitskampf in den Singer-Werken im schottischen Clydebank 1911 (zu einer Zeit, in der Singer weltweit der unangefochtene Marktführer in Herstellung und Verkauf von Nähmaschinen war) bis ins Jahr 2016 schlägt, wo die alten Nähmaschinen bestenfalls noch als Ersatzteillager dienen, oder – auch eine schöne Idee der Autorin –  Material zur Herstellung von Schmuck und Kunstobjekten.

Erzählt werden die Geschichten von Menschen und ihren Arbeits- und Lebensbedingungen. Von der Näherin mit für heutige Verhältnisse üblen Arbeitsbedingungen, der Krankenschwester in den 1980ern, die als ledige Schwangere um ihren Arbeitsplatz bangen muss oder als junger, beruflich wenig erfolgreicher Mann in unserem Jahrzehnt, der eher ein bisschen widerwillig seine Liebe zum Nähen entdeckt, und vielen mehr. Einige davon schon fast ein eigenes Buch wert. Auf verschlungenen, aber niemals verworrenen Wegen kommen deren Nachfahren schließlich zusammen und einem wohlgehüteten Familiengeheimnis auf die Spur. Nicht unbedingt vorhersehbar, vor allem aber ganz ohne Kitsch und Schwulst, sondern in einer wunderbaren Erzählweise, die die Leser/innen mitnimmt, und die es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Mehr will ich gar nicht verraten, sondern Euch das Buch uneingeschränkt zum Selberlesen empfehlen, egal ob Ihr gerne näht, oder nicht.

Wie intensiv sich Natalie Fergie sich mit der Geschichte der Singer-Nähmaschinen beschäftigt hat, zeigt der Einblick in ihre Sammlung auf http://www.nataliefergie.com

fl

Erbe der WELTkultur

Es waren schon schlimme Bilder, die in dieser Woche aus Paris über die weltweiten Bildschirme flackerten und die Berichterstattung in den Medien bestimmten. Ja, es macht betroffen, wenn ein Stück Jahrhunderte alter Geschichte zerstört wird. Aber warum macht es betroffener, als wenn ein Vielzahl historischer Bauwerke und Zeitzeugen einer Jahrtausende alten Geschichte in Trümmern liegen? Wo waren denn die tagelangen Schlagzeilen, die Forderungen nach Sondersendungen und unzählige von tränenreichen Betroffenheitsbekunden im Internet, als beispielsweise die Altstadt von Aleppo zerbombt war? Ist die Tragödie größer, wenn der Anlass wahrscheinlich ein Unfall bei Renovierungsarbeiten war, als wenn sie eine bewusste und gezielte Entscheidung zur Zerstörung war? Sowohl Notre Dame als auch die Altstadt von Aleppo (ebenso wie zahlreiche andere zerstörte Denkmäler in Syrien, in Afghanistan, in Afrika) sind von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Sind diese, nur weil sie in Europa stehen, wertvoller, als wenn die aus dem arabischen Raum stammen?

Mich befremden einige Reaktionen auf den Brand in Paris, auch aus der Politik. Was bitte hätten denn die gescholtenen öffentlich-rechtlichen Sender am Abend des Brandes über das hinaus, was sie gezeigt und geschrieben haben, berichten sollen? Was hätte denn der Inhalt der von einigen geforderten Sondersendungen sein können? Standbilder von der Feuerwehrleiter, von der aus unablässig Löschwasser in die Rauchwolken floss? Welche Informationen wurden denn den Zuschauer/innen vorenthalten, wenn es keine gab? Wünschte sich ernsthaft jemand Programmunterbrechungen für eine gebetsmühlenartigen Wiederholung der Tatsache, dass den Einsatzkräften die Rettung des Gebäudes, oder möglichst vieler seiner Teile wichtiger war, als die Sensationslust der Menschen auf dem heimischen Sofa? Anders gefragt: Warum kann man sich nicht einfach mal mit vorhandenen Informationen zufrieden geben, wenn es vor Ort weitaus Wichtigeres gibt, als Pressemitteilungen rauszugeben?

Was passiert, wenn bei Veröffentlichungen Gerüchte und Spekulationen einen höheren Stellenwert haben als Fakten, haben diverse rechte Medien und Organisationen gezeigt, die mal wieder islamfeindliche Verschwörungstheorien in die Welt setzten die Welt setzten. Da lobe ich mir das Verantwortungsbewusstsein seriöser Journalist/innen.

Und ja, zu der hohen Spendenbereitschaft für den Wiederaufbau eines europäischen Bauwerks könnte ich eine Menge schreiben und mich damit den üblichen Whataboutismus-Vorwürfen bestimmter Kreise aussetzen. Ich lasse es und zitiere lediglich den Kabarettisten Phillip Simon:

„Eine Kirche brennt. Niemand kommt glücklicherweise ums Leben.
Europa steht zusammen. Präsidenten und deren Sprecher schicken trostspendende Nachrichten. Finanzielle Soforthilfen sind über Nacht organisiert.

Auf dem Mittelmeer kentern Boote. Tausende von Menschen sterben. Europa ist seit Jahren zerstritten. Präsidenten und deren Sprecher reden nicht darüber. Ehrenamtliche Seenotretter werden kriminalisiert.
Das Wertesystem bleibt mir ein Rätsel.“

fl

Wenn Millionäre sparen…

Es ist schon erstaunlich, was für Auswirkungen es hat, wenn jemand jahrelang ohne Rücksicht auf Umwelt und Gesundheit anderer seine Kund/innen und die Öffentlichkeit betrügt, nur damit die ohnehin gigantischen Umsätze und vor allem die Gewinne noch weiter wachsen. Dieses unmoralische Verhalten hat den Volkswagen-Konzern eine Menge Geld gekostet, und deshalb ist jetzt Sparen angesagt. Selbstverständlich auf Kosten der Belegschaft. Nicht nur, dass wieder mal reflexartig bei Umsatzrückgängen Stelleneinsparungen ins Spiel gebracht werden, das Personal in den Verwaltungen muss sich und die Farbkopierer künftig umstellen, auf schwarz-weiß. Die Chefetage hat nämlich angeordnet, dass man an den deutschen Standorten künftig auf Farbausdrucke verzichten müsse. Statt bunter Balkendiagramme gibt es künftig nur noch Pünktchen und Striche zur Unterscheidung, alles in traurigem Schwarz gedruckt. Das hat natürlich den Vorteil, dass dem Aufsichtsrat die roten Zahlen nicht mehr als Erstes ins Auge fallen.

Dass die Ausdrucke ins Geld gehen, unbestritten, denn laut VW waren es allein in den deutschen Niederlassungen im vergangenen Jahr140 Millionen Seiten, also eine neunstellige Zahl (das entspricht übrigens einem Gewicht von 700 Tonnen). Dafür sind grob gerechnet 140 Fichten in nur einem Jahr gestorben. Wie viele für die Konstruktionspläne für Elektro-Autos, ist mir nicht bekannt.

Die Hälfte, also 7 000 000 Blätter sind laut VW schön bunt gewesen. Grob gerechnet ist eine Farbkopie etwa 5 Cent pro Seite teurer als die Variante, für die nur schwarzer Toner verbraucht wird, was also eine Einsparung durch den Verzicht auf Farbe von satten 350 000 Euro im Jahr macht, rein rechnerisch knapp 60 000 Euro pro Standort. Da kommt mir der Begriff „Portokasse“ in den Sinn. Der Vorschlag ist also das Papier kaum wert, auf dem er ausgedruckt wurde, denn notwendige Nachrüstungen bei Dieselfahrzeugen wird der Konzern damit wohl kaum begleichen können.

Ich hätte da so eine Idee: Der VW-Vorstand hat sich im vorletzten Jahr Gehälter von über 50 Millionen Euro gegönnt, der frühere Vorstandschef Müller bekommt vom Konzern bis nächstes Jahr noch jährlich ca. 10 Millionen fürs Nichtstun. Na, wie wär’s denn mal???

Ich fürchte allerdings, die Neigung da „Anpassungen“ vorzunehmen, dürfte eher gering ausfallen. Es sollte mich stattdessen nicht wundern, wenn die hochdotierten Entscheidungsträger (inkl. der Handvoll Entscheidungsträgerinnen) im Konzern schon drüber nachdenken, welche Einsparungen es bringen könnte, die Büro-Temperaturen auf 16 Grad zu senken, Wasserspülungen durch 1 Liter Kannen zu ersetzen und die Belegschaft aufzufordern, das Toilettenpapier künftig von zu Hause mitzubringen.

fl

Einser-Abi in Snobismus

Bald startet sie wieder, die Saison für Cocktail-Kleider und bodenlange Roben in allen Farben und Schattierungen, die die Bandbreite von geschmacklos bis todschick abdecken, und die Eines gemeinsam haben: Sie werden nur höchst selten ein zweites Mal getragen. Es steht die Zeit bevor, in der Kosmetiker/innen und Friseur/innen samstags Sonderschichten einlegen, und junge Männer sich seit ihrer Kommunion/Konfirmation erstmals in Anzug und Krawatte werfen, dieses Mal ganz ohne Druck der Eltern. Nein, es geht nicht um den Wonnemonat Mai, der gerne als Datum zur Eheschließung ausgesucht wird, sondern landauf landab stehen Abi-Bälle ins Haus.

Für die meisten Eltern ein Anlass zwischen Erstaunen und Entsetzen, nicht nur wegen der Fragen „Wo ist die Zeit geblieben, seitdem ich auf einem kleinen Kindergartenstühlchen eine Schultüte für mein Kind gebastelt habe?“ und „Was wird, wenn sie/er bald von zu Hause auszieht?“, sondern nicht selten auch wegen der Überlegung „Wer bitte soll das denn bezahlen?“

Ja, nicht nur die vergangenen Jahre, in denen der hoffnungsvolle Nachwuchs mit Essen, Trinken, (Marken?)Kleidung, Schulbüchern, Klassenfahrten – ach, was schreib ich Klassen-Fernreisen, Taschengeld, Handys und Spielkonsolen ein ordentliches Loch in das elterliche Budget riss, waren teuer, sondern auch der Endpunkt dieser Zeit schlägt mit den Kosten für so manchen Abiball nochmal gehörig zu Buche. Für die Abiturientinnen meist erheblicher als für ihre Schulkollegen.

Da ist erst mal die Jagd nach den passenden Kleidern. Eines für die Zeugnisübergabe inklusive oft ebenso langatmiger wie langweiliger Reden, so dass sich knitterarmes Material empfiehlt. Schließlich wollen die jungen Frauen auf dem abschließenden Gemeinschaftsfoto nicht aussehen, als wären sie am Vorabend nicht mehr in den Pyjama gekommen. Und dann natürlich das Kleid für den Abi-Ball, dass für viele der jungen Damen weniger die Kriterien für den ersten Wortteil des Anlasses erfüllen soll, sondern den letzten, weshalb wir an dieser Stelle ernsthaft von Ballkleidern sprechen. Und die sind selten zum Schnäppchenpreis im Schlussverkauf zu finden. Die ersten Kosten entstehen schon bei diversen samstäglichen Fahrten in die Nachbarstädte zum Ballkleid-Shopping. Eine Angelegenheit, die selbst Helikopter-Eltern vor nervliche Herausforderungen stellt, von vielen anderen Eltern tunlichst gemieden wird.

Ein Phänomen, wie immer in der Mode: auch hochpreisige Ballkleider bestechen nicht immer durch Schönheit und besondere Qualitätsansprüche ans Material, sondern können durchaus wie billige Fähnchen aussehen. Wohl dem, der schneidern kann oder jemanden kennt, der es kann. Viel billiger wird es nicht unbedingt, aber der Plastik-Anteil ist geringer.

Der nächste Schock kommt dann, wenn es um Eintrittskarten für den Abi-Ball geht. Nicht, dass Eltern über den Umweg des Taschengeldes nicht schon diverse Abi-Vo-Fi-Partys großzügig gesponsert haben, für Abi-Bälle werden heutzutage oft – und zum Glück nicht überall – Eintrittspreise von hundert und mehr Euro veranschlagt. Den Vogel dürfte in diesem Jahr ein Münsteraner Gymnasium abschießen mit ein!hun!dert!sech!zig Euro pro Karte. Nicht für die Familie, sondern pro Person. Das bedeutet für Eltern und ein Geschwisterkind fallen 480 Ocken an. Nicht eingerechnet das Taxi für den Heimweg, das Kleid für Muttern (manche Mütter stehen, was das Herausputzen zu diesem Anlass angeht, ihren Töchtern kaum nach), was Schickes für Schwester und Bruder und Vater kann mit den abgetretenen Schuhen, die er zuletzt auf Tante Lissis Beerdigung anhatte, auch nicht mehr mitgehen. Rechnet man dann noch Ballkleid, Cocktailkleid, passende Handtasche und zwei Paar Schuhe für die Abiturientin, oder einen Anzug für den Abiturienten (gerne dreiteilig und hochwertig, den kann der Junge hoffentlich noch anziehen, wenn er später mal seinen Doktortitel, oder wenigstens seinen Master, in Empfang nimmt) mit passendem Hemd, Krawatte, Einstecktuch und Schuhen, ausnahmsweise mal ohne Logo von Nike, adidas und Co, dann sind wir bei einer Gesamtsumme, mit der die Familie sich einen ausgedehnten, ziemlich luxuriösen Urlaub leisten könnte.

Und da frage ich mich ernsthaft: Habt Ihr sie noch alle? Was bitte ist denn passiert, dass solch einen Aufwand rechtfertigt? Da haben Kinder das getan, was sie in der Schule zu sollten: Sie haben gelernt. Bezahlt haben das der Staat (ja, dessen Angebote sind gerade im Verhältnis zu den Kosten durchaus verbesserungswürdig) und die Eltern, die darüber hinaus noch beim Lernen geholfen haben (oder haben fürs helfen lassen bezahlt) und mit ihrem Einsatz so manchen hochdotierten Motivations-Coach in den Schatten stellten. Bei den meisten Abi-Bällen werden diese Eltern dann übrigens zu einem gewissen Zeitpunkt nach Hause geschickt, während sich die Abiturient/innen auf deren Kosten weiter befeiern, als hätten sie ihr Lebensziel schon erreicht. Und dabei stehen sie gerade mal am Anfang ihres Weges, weshalb ich mich frage, wie sie später denn wohl feiern wollen, wen sie mal etwas ganz selbständig und ohne Unterstützung der Eltern erreicht haben?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Natürlich ist das Abitur ein Anlass sich zu freuen und mit Familien und Mitschüler/innen zu feiern. Das will den jungen Leuten auch niemand nehmen, aber es geht auch ein paar Nummern kleiner, wie zahlreiche Abi-Jahrgänge in der Vergangenheit es vorgemacht haben:

Und zum Schluss noch ein Vorschlag für diejenigen, die es für eine ganz besonders tolle Idee halten, eine Stretch-Limousine zu mieten und sich einen Tag, nachdem die ehemaligen Mitschüler/innen mal wieder für Umwelt- und Klimaschutz demonstriert haben und als faule Schulschwänzer/innen angepöbelt wurden, zum ausgelassenen Feiern auf Mammis und Pappis Kosten chauffieren lassen: Geht mal eine Woche in den nächstgelegenen Zoo und macht die Käfige von bedrohten Tierarten sauber. Ist auch eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung des Wortes Reifeprüfung nachzudenken.

fl

Das Ding mit der Zeit

In der schönsten Bücherei meines Wohnorts gibt es Ecken, die ich oft meide. Vor allem an Tagen, an denen ich noch andere Pläne habe, als durch die Regale zu stöbern. Die Ecken, die ich meine, sind nämlich regelrechte Zeitfresser, die es mit dem Surfen im Internet durchaus aufnehmen können.

Da sind als Erstes die etwa 750 Koch- und Backbücher, von denen mich eigentlich nur die zum Thema Thermomix und die über kunstvoll verzierte Torten nicht interessieren. In direkter Nachbarschaft stehen dann über 300 Handarbeitsbücher. Selbst wenn ich da Häkeln und Sticken außer Acht lasse, ist eine Stunde rum wie nix. Und richtig lange dauert es, wenn mir Hobby-Bücher ins Blickfeld geraten zu Themen, die mir ziemlich unbekannt sind. Da schlägt dann meine Neugier, äh mein Interesse, gnadenlos durch. Und manches Mal ist mir bisher das Wort „Schade“ durch den Kopf geschossen, weil ich es mir verkniffen habe, irgendwelches Equipment für neue Hobbys anzuschaffen, solange ich meine Wollvorräte nicht verstrickt habe. Dabei geht es um einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren.

Also, noch ein Grund, die Zeitfresser-Ecken zu meiden. Da hat mir allerdings die schönste Bücherei des Ortes jetzt einen Strich durch die Rechnung gemacht mit dem neuen Projekt „Bibliothek der Dinge“. Die unterschiedlichsten Utensilien für verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten stehen dort seit einigen Wochen zur Ausleihe und können von den Bücherei-Nutzer/innen für zwei Wochen mit nach Hause genommen werden.

Okay, eine Silikonform, in der süße Einhörner gebacken werden können, weckt mein persönliches Interesse jetzt nicht so sehr, sie führt aber in Sachen Ausleihzahl die Liste der insgesamt 16 Kuchenformen an. Eine Nähmaschine habe ich selber, finde aber die Idee klasse, dass jemand, die/der damit gut aber nicht gerade gerne umgeht, sie mal eben für nötige Ausbesserungs- und Änderungsarbeiten ausleiht. Und für diejenigen, die mal ausprobieren möchten, ob sie in der Lage sind, z. B. Kinderkleidung selbst zu nähen, bietet sie sich zu Testzwecken an. Liebe Interessent/innen, Ihr werdet überrascht sein, zu was Ihr mit Hilfe der richtigen Anleitungsbücher fähig seid. Probiert’s einfach mal aus, ist in den Jahresgebühren der Bücherei inbegriffen.

Das Slackline-Set steht jetzt auch nicht auf der Liste der Dinge, die ich mal 14 Tage lang nutzen möchte, das ist mir dann doch eine zu wackelige Angelegenheit, habe ich vor Jahren beim Ausprobieren mal festgestellt. Selbst, wenn ein gewisser sportlicher Ehrgeiz zu meinem Repertoire gehören würde, eine Action-Kamera um meine Bemühungen einzufangen, wäre zwar vorhanden, aber nicht nötig. Irgendwas mit Slow-Motion täte es auch.

Reizvoll dagegen finde ich das E-Drum-Set, wenn ich mich mal wieder darüber ärgern muss, dass das halbwüchsige Nachbarkind das Wort „Rücksichtnahme“ bestenfalls schreiben kann. Besonders liebäugele ich damit, mir demnächst mal das Buch „Gitarre für Dummies“ auszuleihen, selbstverständlich mit dem dazu passenden Übungsobjekt. Oder vielleicht probiere ich es doch lieber mit der Ukulele. Die Vorzüge eines Grafik-Tabletts auszutesten, hätte auch was. Vielleicht halte ich das dann mal im Bild fest, denn eine Sofortbild-Kamera gibt’s in der „Bibliothek der Dinge“ auch.

Ach ja, Gedanken zum Thema „Zeitfresser“ blende ich bei künftigen Bücherei-Aufenthalten einfach aus. Besser ist das.

fl

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