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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

#Me Too – wer nicht?

Diese Frage stellte sich vor drei Jahren, als unter dem Hashtag jeden Tag aufs Neue abertausende Frauen weltweit öffentlich davon erzählten, dass sie irgendwann in ihrem Leben mal Opfer von sexueller/sexualisierten Belästigungen, Übergriffen und Angriffen geworden waren. Das Thema hatte es in die Öffentlichkeit geschafft, und wer sich im eigenen Freundinnen- und Bekanntenkreis darüber unterhielt, konnte sich sehr schnell von dem Gedanken verabschieden, ein Einzel- oder sogar Ausnahmefall gewesen zu sein. Nicht nur als Selbstbetroffene, sondern vor allem als seit über vier Jahrzehnten bekennende Emanze, habe ich alle Nachrichten und Diskussionen geradezu aufgesogen und mich schwer über die Täter-Opfer-Umkehr von Kritikern der Bewegung, noch mehr von Kritikerinnen geärgert.

Wenn die Opfer solcher Übergriffe Jahre, sogar Jahrzehnte lang geschwiegen haben, haben sie ihre Gründe dafür gehabt, die ganz allein sie etwas angehen und ganz bestimmt nicht, von einer an Klatsch und Tratsch über Prominente interessierten Öffentlichkeit zu be- oder sogar verurteilen ist. Und wer sich beschwert(e), die Frauen, würden es sich in ihrer Opferrolle bequem machen wollen, wie z. B. Svenja Flaßpöhler, die nicht müde wurde, auf allen Kanälen Werbung für ihr nicht nur im Hinblick auf den Seitenumfang sehr schmales Büchlein zu bewerben, hat nie begriffen, dass sexuelle und sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein strukturelles Problem ist. Und das lässt sich nicht allein dadurch lösen lasst, dass es nicht mehr verschwiegen werden kann, und es lässt sich schon gar nicht allein von Frauen lösen (so schön das wäre, denn dann ginge das deutlich schneller).

Das Ganze ist jetzt drei Jahre her, aber noch genauso aktuell, auch wenn aus dem Blick der breiten Öffentlichkeit nahezu verschwunden. Vielleicht weckt das Buch „#ME Too – Von der ersten Enthüllung bis zur globalen Bewegung“ wieder das Interesse. Eine große Leserschaft hat es jedenfalls verdient, finde ich.

Die Autorinnen Jodi Kantor und Megan Twohey sind die Journalistinnen, die mit ihren Recherchen und deren Veröffentlichung in der New York Times über Harvey Weinstein den Anstoß zur weltweiten Me-Too-Bewegung gaben. Wenn ich hier, mal so eben die Begriffe Recherche und Veröffentlichung verwende, dann sind die schnell dahingeschrieben. Das Buch der beiden Journalistinnen beschreibt sehr nachvollziehbar, wie lang und arbeitsreich der Weg von den ersten Hinweisen bis zum gedruckten Zeitungsartikel war. Und fast schon wie ein Krimi liest es sich, wie sie es geschafft haben, sich dem Druck entgegenzusetzen, mit dem nicht nur eine Veröffentlichung verhindert werden sollte, sondern auch weitere journalistische Investigationsarbeit.

Es ist wirklich ein gut geschriebenes Buch, das nie langweilig oder trocken ist, was vor allem daran liegt, dass die beiden Journalistinnen die Gratwanderung zwischen neutraler Darstellung, Empathie für die Opfer und Abneigung gegen die Täter richtig gut hinbekommen haben, trotz aller Bedenken, ob gerade sehr prominente Opfer sexueller Übergriffe und Gewalt ihre mediale Unterstützung brauchten. Schließlich kamen sie zu dem Schluss (S. 72): Eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus war es doch, den Stummen eine Stimme zu geben, denen die meist übergangen werden.

Und so ging es für sie nicht nur um bekannte Schauspielerinnen, sondern auch um Frauen, die nach den sexuellen Angriffen Weinsteins in jungen Jahren umgehend das Filmbusiness verlassen hatten, aber das Geschehen auch nach Jahrzehnten noch nicht aufgearbeitet hatten. Die Zerrissenheit, die in dem Buch beschrieben wird, bei der Entscheidung, Anzeige zu erstatten und sich damit der Öffentlichkeit und deren möglicher Kritik preiszugeben, befeuert von denen, die Täter schützen wollten, um ihre eigene Rolle zu vertuschen, nötigt mir noch größeren Respekt als bisher vor all den Frauen ab, die diesen Schritt gewagt haben.

Sie ermöglichten, dass die in dem Buch beschriebenen seit Jahrzehnten manifestierten Strukturen ein Stück ins Wanken gerieten, die z. B. Weinstein jahrelang vor eine Anklage bewahrten. Sie wurden und werden zum Teil bis heute nicht nur durch Machtansprüche und eine Unmenge Geld gestärkt wurden, sondern auch durch das Schweigen all derer, die Angst um die eigene berufliche Existenz hatten und haben. . Aber auch von denen, die es sich einfach damit bequem gemacht haben wegzusehen, oder aus persönlichem Vorteil schweigen.

An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass trotz der schwierigen und auch beim Lesen oft belastenden Thematik der Stil von Jodi Kantor und Megan Twohey – sicher unterstützt durch die Übersetzerinnen Judith Elze und Kathrin Harlass – dazu beiträgt, das Buch gerne (weiter) zu lesen, was bei Sachbüchern nicht immer selbstverständlich ist. Dieses aber liest sich wie ein Roman oder Krimi, auch wenn es oft ganz üble Realität beschreibt. Mit anderen Worten: es lohnt sich, es aus dem Bücherei-Regal mit nach Hause zu nehmen.

fl

P.S.: Von mir persönlich noch ein ganz herzliches Dankeschön an alle, die ihren Beitrag dazu geleistet haben, heute noch leisten und hoffentlich in Zukunft noch leisten werden, dass das Zitat aus dem Buch (S. 234) für Opfer von sexueller Belästigung bis hin zu sexualisierter Gewalt immer selbstverständlicher wird (S. 234): Alle wollten – verständlicherweise – die Kraft und den Schutz der Gesellschaft.

Nicht in die Maske kotzen

Kennt ihr das, dass ihr etwas derart abstoßend findet, dass euch buchstäblich die Galle hochkommt und der Mageninhalt gleich hinterher? Mir geht das regelmäßig so, wenn ich in den Medien Bildern von Menschen sehen, die ohne Masken dichtgedrängt vor einer Bühne stehen, auf der irgendjemand von Liebe und Erleuchtung schwafelt. Und das vor einem Publikum in dem Menschen stehen, die es für eine gute Idee halten, ihren Ellbogen mit einem Symbol zu schmücken, das für Tod und Gewalt steht, zu deren Lieblingsbeschäftigungen es gehört wahlweise Ausländer, PoC, oder Menschen, die sie als „linke Zecken“ oder „Schwuchteln“ identifizieren, zu bedrohen und anzugreifen.

Wer quer- statt mitdenkt, kommt augenscheinlich nicht auf die Idee, dass Liebe ganz viel mit Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Schutz anderer vor Gefahren zu tun hat. Aber, was weiß ich Schlafschaf (wenn Leute, die ganz bestimmt den tiefen Teller nicht erfunden haben, mich so bezeichnen, kommt das schon fast einem Kompliment gleich) denn schon, wenn ich als medizinische Laiin den Aussagen von gut ausgebildeten, erfahrenen und weltweit anerkannten Fachleuten mehr Vertrauen schenke als den Absolvent/innen der Youtube- oder Telegram-Klötzchenschule.

Wie muss jemand gestrickt sein, der seine Bildungsferne dadurch unter Beweis stellt, dass er keinen einzigen seiner drei bis fünf Wort Sätze fehlerfrei aus der Tastatur kriegt, für den Interpunktion entweder ein völlig unbekanntes Fremdwort oder eine Mengenbezeichnung ist, wenn sie/er behauptet, eine überaus komplexes Geschehen wie eine Pandemie besser beurteilen zu können, als ausgewiesene Expert/innen? Ich denke, mit ganz vielen Fallmaschen und Knoten im Garn.

Die im Zuge der Anti-Corona-Überzeugungsarbeit (spannende Frage, wie und in welcher Sprache lässt sich ein Virus überzeugen?), plötzlich aus irgendwelchen dunklen Ecken aufgetauchten Verschwörungs-Gläubigen vom Schlage Qanon und Co sind mir keine Zeile wert, außer dass ich ihnen Erfolg bei der notwendigen psychologischen/psychiatrischen Behandlung wünsche.

Aber diejenigen, die für ihre asozialen Zwecke Kinder instrumentalisieren, machen mich wütend. Richtig, richtig wütend. Welche „Erleuchtung“ hat denn jemand erfahren, der in die Kamera schluchzend die nachgewiesen falsche Behauptung verbreitet, es seien mehrere Kinder wegen des Tragens von Masken verstorben? Mir tun dessen Kolleg/innen leid, die nach solchen verlogenen und unwürdigen Auftritten damit zu kämpfen haben, dass Schwindel-Arzt eine ziemlich zweideutige Berufsbezeichnung sein kann.

Wie menschlich verdorben muss man sein, vor Schulen auf Kinder zu warten zu wollen um sie davon zu überzeugen, dass der im Amtsdeutsch „textile Mund-und Nasenbedeckungen“ genannte Schutz nutzloses, aber gefährliches Teufelszeug ist, und vor 1 000 Schulen grobmaschige oder mit entsprechenden dummen Parolen bedruckte Masken an sie zu verteilen? Extra Schmankerl für besonders verunsicherte und verängstigte Kinder: eine voraussichtlich nicht fachmännisch ausgeführte und neutral bewertete CO2-Messung ihrer Atemluft unter der Maske. Dass das Ganze ausgerechnet am 9. November stattfinden soll, halte ich unter meinem so schiefgewickelten, dass gar nicht vorhandenem Aluhut ganz bestimmt nicht für einen Zufall.

Jedenfalls hoffe ich sehr, dass Eltern, deren Kindern von solchen ***(Selbstzensur) belästigt werden, ihren Nachwuchs schützen durch ein lautes „Sie Schwein, fassen Sie mein Kind nicht an.“ und einen ebenfalls unüberhörbaren Anruf bei der Polizei mit dem Hinweis, dass fremde Männer vor der Schule den Kindern auflauern.

Bei solchen und anderen perfiden Aktionen mit denen ganz bewusst die Gesundheit von zahllosen Unbeteiligten aufs Spiel gesetzt wird, könnte ich kotzen. Im Strahl. Bestimmten Leuten direkt vor die Füße. Aber nicht in die Maske!

fl



Die Maske ist eine „Leihgabe“ vom Onlineshop des Bestattungsmuseums Wien

Ich schäme mich

Wikipedia erklärt: >>Fremdscham tritt auf, wenn eine andere Person Normen oder Werte verletzt und das selbst nicht merkt oder nicht als peinlich empfindet. Sie ist damit ein wichtiges Regulativ.<<

Es ist eine Mischung aus Fremdscham, Fassungslosigkeit, Ärger/Wut, Hilflosigkeit und Mitleid, die ich seit den Nachrichten über den Brand im Elendslager Moira und der nachfolgenden Berichterstattung über die Situation vor Ort und die Reaktionen von verantwortlichen Politiker/innen und Regierungsmitgliedern lese.

Als direkt nach dem Brand in Moira EU-Migrationskommissar Margaritis Schinas, der übrigens auch für die „Förderung des europäischen Lebensstils“ in Brüssel zuständig ist, die Tagesschau in ihrer Online-Ausgabe zitierte mit >>„Die Zeit ist abgelaufen“, sagte er. Nun sei der richtige Moment, die seit Jahren bestehenden Probleme anzugehen.<< , war das einer meiner seltenen Momente von Sprachlosigkeit über eine Verhöhnung all der Menschen, die seit vielen Monaten, ja Jahren, im Lager Moira festsitzen, ohne dass sich jemand zielführend um sie kümmert.

Keinesfalls beruhigter war ich, als ich dann las, dass Politiker/innen, wie Saskia Esken oder Norbert Röttgen öffentlichkeitswirksam plötzlich ganz dringende Forderungen stellten, deutlich mehr als die von Minister „Migration ist die Mutter aller Probleme“ Seehofer letzte Woche in Aussicht gestellten 150 Kinder und Jugendliche aus Moria aufzunehmen. Herrschaften schon vergessen, dass ihr noch im März gegen die Aufnahme von 5 000 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen aus genau diesem Lager gestimmt habt? In der Unionsfraktion haben damals lediglich drei Abgeordnete dafür gestimmt, zwei haben sich enthalten, bei der SPD waren es zwei Stimmen und eine Enthaltung. Alle anderen über 500 anwesende Abgeordneten von Parteien, die Begriffe wie „christlich“ und „sozial“ im Namen tragen, haben dagegen gestimmt.

Es ist jetzt eine Woche her, dass die Zelte und Hütten im Lager auf Lesbos verbrannten, und immer noch müssen im hochtechnisierten und bestens ausgerüsteten Europa Familien mit kleinen Kindern hungrig und durstig auf der Straße schlafen. Seit Tagen schildern in den Medien Augenzeugen die unerträglichen Zustände, die Verhinderung von Hilfslieferungen, Polizeigewalt und rechtsextreme Übergriffe, ohne dass sich für die notleidenden Menschen etwas zum Besseren ändert.

Da ist für Viele erheblich wichtiger, dass „die“ Flüchtlinge die Brände im Lager ganz bestimmt selber gelegt haben, ohne dass die Untersuchungen abgeschlossen sind. Dazu zitiere ich mal den von mir geschätzten Cartoonisten Ralph Ruthe: >>Es ist Silvester. Eine fremde Person rennt mit Verbrennungen an der blutenden Hand die Straße entlang. Jeder normale Mensch würde helfen wollen und die Person direkt ins Krankenhaus bringen. Empathielose Arschlöcher hingegen fragen seelenruhig „Haben Sie den Böller selbst gebaut?<<

Und natürlich wird von interessierten Kreisen die Angst vor dem endgültigen finanziellen Ruin durch die Aufnahme von ein paar tausend Menschen geschürt, obwohl seit 2015 niemand einen Euro weniger auf dem Lohnstreifen/der Gehaltsabrechnung/im HartzIV- oder Rentenbescheid hat, weil Unterbringung, Bildungs- und Integrationsmaßnahmen für Geflüchtete finanziert werden mussten. Und selbstverständlich droht für manche mit der Einreise jedes arabischen 12Jährigen die Islamisierung Deutschlands, und kriegen Rassisten und Rechtsradikale von AfD und Konsorten gerade mal wieder Oberwasser, wenn es um Flüchtlingshetze geht. Manche Leute sollten sich nicht nur beim sonntäglichen Kirchgang von ihrem Gott erhoffen „und vergib uns unsere Schuld“, sondern im Stundentakt.

Tausende von traumatisierten und entwicklungsgestörten Flüchtlingskinder, nicht nur in den Elendslagen innerhalb Europas, haben seit Jahren keinen Zugang zu Gesundheitsvorsorge und Bildung und damit kaum Chancen auf Anschluss an Berufsleben und gesellschaftliche Integration. Und immer noch fabulieren Politiker/innen weiter über eine „gemeinsame europäische Lösung“ obwohl x Verhandlungen nicht erst seit gestern glasklar deutlich gemacht haben, dass die niemals zustande kommen wird. Bleibt abzuwarten, ob und wie der griechische Alleingang, den Flüchtlingen die Ausreise zu versperren, als „gemeinsame europäische Lösung“ verkauft wird, um weiterhin über Maßnahmen nur zu reden, statt sie endlich mal umzusetzen, bevor Corona schneller ist. Die Bekämpfung von Fluchtursachen? Ein Kapitel für sich, aber ganz bestimmt keine Erfolgsgeschichte.

Die Binse „Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe eine Arbeitskreis“ ist längst nicht mehr zeitgemäß. Im September 2020 sollte sie heißen: „Interessiert dich einen Sch**ß? Gründe einen Arbeitskreis.“

Ich schäme mich fremd.

fl

Der Geist von Corona

Corona geht mir immer noch, mal mehr mal weniger auf den Geist, und zunehmend geht es mir auf den Geist, wenn Corona mir mal nicht auf den geist geht. Alles klar?

Es ist wohl besser, wenn ich das mal ein bisschen aufdrösel. Und keine Angst, etwas, was mir an Corona aktuell wirklich auf den Geist geht, nämlich all die Spinner, Extremisten und Verschwörungs-Gläubigen, denen zum Thema Corona nichts besseres einfällt als „Keine Ahnung, was warum beschlossen wurde, ich bin auf jeden Fall dagegen.“ werden nicht Thema dieses Beitrags. Da wären nämlich zu viele Sternchen nötig, um die Beschreibung dieser *** Leute, die sich mit anderen *** zusammenrotten und von *** lauthals***, die von anderen, völlig *** und *** voller *** auch noch weiter verbreiten, auf einem erträglichen, sprachlichen Niveau zu beschreiben.

Was mir an Corona, wie wahrscheinlichen vielen Menschen nach wie vor auf den Geist geht, ist die auch nach Monaten noch ungewohnte Maske, die ich erfreulicherweise nur manchmal aufsetzen muss. Aber immer, wenn ich die gerade mal wieder besonders leid bin, gucke ich auf die Homepage der Stadtverwaltung nach den Infektionszahlen, die seit vielen Wochen zwischen null und drei bestätigten Fällen schwanken, und dann geht’s wieder. Hilfreich finde ich auch den Gedanken, dass ich, anders als den BH, den zu tragen auch nicht wirklich Freude bereitet, die Maske immer wieder zwischendurch abnehmen kann.

Aber ansonsten gibt es wieder Veranstaltungen, die ich besuchen kann, ich kann wieder in die Bücherei gehen, nicht nur wenn ich „Dienst“ habe, kann mich mit Freund/innen und Bekannten treffen, auch in der Eisdiele oder in der Kneipe. Es ist fast wieder ein ganz normaler Alltag mit für mich persönlich kleinen Einschränkungen, die ich nicht für problematisch halte. Aber ich habe auch das Glück, dass mein Einkommen nicht z. B. von größeren Veranstaltungen abhängig ist, die immer noch nicht stattfinden können.

Also geht mir Corona eigentlich nur noch ganz selten auf den Geist, was aber leider zur Folge hat, dass ich merke, dass ich nachlässiger werde. Die Sache mit den Abstandsregeln in der Öffentlichkeit klappt bei mir eigentlich ganz gut. Da ärgere ich mich höchstens ab und an mal vornehmlich über eine gewisse Spezies, deren Einschätzung von eineinhalb Metern darauf schließen lässt, dass sie bei der Sache mit den 20 Zentimetern auch hoffnungslos daneben liegt. Im privaten Bereich aber stelle ich immer öfter fest, dass ich sorgloser werde und Freund/innen auch schon mal zu nahe komme, wenn wir beide z. B. zur gleichen Zeit durch ein und dieselbe Tür gehen oder beide nach ein und demselben Gegenstand greifen wollen. Mein anschließendes schlechtes Gewissen beruhige ich dann immer mit den 0 bis 3 bekannten Infektionsfällen in Städtchen und guten Vorsätzen für künftige Gelegenheiten. Aber was mir so ganz derbe auf den Geist geht ist die Tatsache, dass ich es mit dem regelmäßigen Händewaschen unbewusst und ungewollt gar nicht mehr so ernst nehme, obwohl ich dachte, diese Routine wäre inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden. Zehn Minuten nach dem Nachhausekommen vom Einkaufen beim Lesen der whatsapp-Nachrichten auf einmal den siedend heißen Gedankenblitz zu haben „Verdammt (ohne***), du hast dir die Hände ja noch nicht eigeseift“ war in der Tat erschreckend. Die danach gefassten guten Vorsätze, mich zu bessern, habe ich aber wieder eingehalten. Falls es euch ähnlich geht, wie mir: Bitte seid  weiterhin vorsichtig und nehmt Rücksicht auf eure Gesundheit und die der anderen, denn wir dürfen nicht vergessen, es ist

fl

Der Erste nach über 160 Jahren

Mit ganzen 16 Büchern begann von über 160 Jahren die Geschichte der hiesigen Bücherei, in der es nicht nur mir Spaß macht (ehrenamtlich) zu arbeiten. Für deren Verwaltung reichte als Qualifikation Frömmigkeit und die Fähigkeit, handschriftliche Listen zu führen. Aktuell hat die schönste Bücherei im Städtchen über 40 000 Medien im Bestand, über 40 ehrenamtliche und drei hauptamtliche Mitarbeiter/innen und erstmals seit über eineinhalb Jahrhunderten einen Auszubildenden. Aber bestimmt keine handschriftlichen Listen mehr, um den Ausleibetrieb am Laufen zu halten.

Das, wie so vieles andere auch, ist nur noch mit Hilfe des Computers möglich, wobei die Katalogisierung der Medien nicht nur an unseren neuen Kollegen Phil auf seinem Weg hin zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste, Fachrichtung Bibliothek, besondere Anforderungen stellt. Kleine Kostprobe aus dem dazugehörigen Handbuch, das aktuell zwischen den hauptamtlichen Kolleg/innen kursiert:

Formalerschließung wird auch als Formalkatalogisierung, alphabetische Katalogisierung oder einfach nur als Katalogisierung bezeichnet. Sie ist eine zentrale bibliothekarische Dienstleistung: Ohne sie würde man sich im Bestand eine Bibliothek oder anderen Informationseinrichtung nicht zurechtfinden. Bei der Formalerschließung werden Ressourcen gemäß festgelegten Regeln nach äußerlichen, formalen Kriterien beschrieben und auffindbar gemacht.

Mit Ressourcen sind alle Arten von physischen und digitalen Objekten gemeint, die in Bibliotheken oder anderen Gedächtnis- und Informationseinrichtungen (z. B. Archiven, Museen, Dokumentationsstellen) als Sammlungsgegenstände vorkommen. Die Ressourcen müssen nicht zwangsläufig im physischen Besitz der jeweiligen Institution sein; es genügt, wenn diese den Zugang dazu vermitteln kann. Beispielsweise werden elektronische Zeitschriften, die eine Bibliothek lizensiert hat, häufig auf einem Server des Verlags vorgehalten.

Da fällt mir nur ein berühmtes Asterix-Zitat ein, das sich auf Römer bezieht, aber auch ganz gut auf Bibliothekar/innen zutrifft, die so etwas unter der Bezeichnung „Eine Einführung für deutschsprachige Anwender“ aufschreiben.

Für Phil sind solche Zeilen aber kein Grund, seine Berufswahl nochmal zu überdenken, versichert er, sondern sich zu freuen, dass er in einem Team arbeitet, in dem zumindest drei erfahrene Leute ihn tatkräftig unterstützen können und werden, bis auch der letzte Arbeitsschritt für Phil keine Theorie mehr bedeutet, sondern in der praktischen Arbeit flott von der Hand geht.

Überhaupt macht der 19jährige nach den ersten zweieinhalb Wochen seit Ausbildungsbeginn einen ganz zufriedenen Eindruck mit der Stelle, seinem täglich wechselnden Kolleg/innen-Kreis und einer Umgebung mit tausenden von Büchern, Zeitschriften und Spielen. Auch Phil gehört zu den Leseratten, deren Begeisterung für Gedrucktes schon im Kindesalter geweckt wurde, und ihn zu einem treuen Nutzer der Bücherei in seinem ostwestfälischen Heimatort werden ließ. Obwohl Phil dort ehrenamtlich bei Aktionen und Veranstaltungen mitgeholfen hat, stand ein Job in der Bücherei lange Zeit nicht auf der Liste der Wunschberufe. Warum, kann er sich auch nicht so richtig erklären:  „Irgendwie hab ich einfach nicht daran gedacht.“ Erst als Phil sich nach dem Abitur im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes mit unterschiedlichen Möglichkeiten der zielgerichteten Berufsfindung vertraut gemacht hatte, kam er auf die richtige Fährte und bewarb sich unter anderem bei der schönsten Bücherei im Städtchen für den ersten Ausbildungsplatz dort. Unter zwei Dutzend Beweber/innen wurde er ausgesucht, fand eine Wohnung hier und wurde von einer hauptamtlichen Kollegin unter die Fittiche genommen, die den IHK-Kurs für die Ausbildereignungsprüfung absolviert hatte.

Neben all dem Neuen, das die Ausbildung in der Bücherei und zweimal wöchentlich in der Berufsschule mit sich bringt, gab es auch noch die Herausforderung über hundert Kilometer weit entfernt von der Familie erstmals in eigenen vier Wänden zu leben und nach Feierabend einen eigenen Haushalt zu führen. Bis jetzt, so freut Phil sich, klappt das besser, als erwartet, er habe jedenfalls immer genug zu Essen und saubere Kleidung im Schrank.

Na, da stehen doch alle Zeichen auf Grün, und es ist Phil zu wünschen, dass das mindestens für die kommenden drei Jahre auch so bleibt, hoffentlich aber auch noch länger.

fl

Heitere Stimmung ist schon mal eine gute Voraussetzungen für die Zeiten, in denen die Fachlektüre praktisch umgesetzt werden muss.


Mit Nähmaschine und Mixer

Nein, ich kann keine Kaninchen aus irgendwelchen Zylindern zum Vorschein bringen, Blumensträuße aus dem Nichts auftauchen oder Geldscheine im Nirwana verschwinden lassen. Aber der Trick, aus einem langen Garnstrang in Sekundenschnelle eine gleichmäßig gedrehte Kordel zu produzieren und dabei nur einen einzigen Finger zu bewegen, sorgt immer wieder für Verblüffung. Ich wende ihn seit fast 30 Jahren an, seitdem ich ihn im Kindergarten meines Ältesten erstmals bewundern konnte, inzwischen soll er auch in Internet-Videos als brandneu angepriesen worden sein, habe ich mir sagen lassen.

Die insgesamt 15 Kindern, die sich an drei Nachmittagen in Fünfer-Gruppen am Ferienangebot zum Umgang mit der Nähmaschine beteiligten, staunten jedenfalls nicht schlecht, als ich den elektrischen Handmixer einstöpselte. Irgendwie müssen ihre neuen, selbstgemachten Rucksäcke ja auch auf dem Rücken getragen werden, am besten mit Kordeln. Also ein gaaaanz langes Stück Garn oder Wolle, je nach Dicke doppelt, vier oder sogar sechsfach gelegt und am Ende verknotet, wird an der einen Seite über eine Türklinke geschoben und an der anderen Seite über den Knethaken des Handmixers. Da der Handmixer beziehungsweise die Person, die ihn festhält, deutlich mobiler ist als eine Türklinke, ist jetzt der richtige Standort zu suchen, der nah genug an der Steckdose und weit genug entfernt von der Türklinke ist, dass die Strippe zwischen Klinke und Haken locker gespannt ist und auf gar keinen Fall durchhängt. Und dann kommt die erwähnte Fingerbewegung mit der der Quirl auf Höchststufe gestellt wird. Sobald man einen Zug auf der Kordel spürt, ist sie fertig.

Je nach Länge ist der Einsatz einer zweiten Person hilfreich, die die Kordel in der Mitte festhält, wenn man die Garnenden von der Türklinke und vom Mixer zusammenführt und verknotet. Sehr lange Kordeln müssen jetzt noch ein bisschen glattgestrichen werden, damit sie überall gleichmäßig verdreht sind. Kein Hexenwerk, aber ein Trick, der viele neue Fans und Nachahmerinnen gefunden hat und sicher demnächst von unserer Freundin Mina (Foto) auch in Teheran angewandt wird.

Über das oben genannte Ferienangebot hinaus werden an derselben Stelle bestimmt noch ganz oft Kordeln mit dem Handmixer „gezaubert“, denn die Kinder, die als Anfänger/innen innerhalb von knapp drei Stunden wunderschöne Rucksäcke angefertigt hatten, haben damit die Generalprobe für das inzwischen bestens ausgestattete interkulturelle Nähcafé „ZickZack“ absolviert. Über zwei Monate später als geplant – Corona lässt grüßen – kann jetzt endlich in der kommenden Woche das wohl erste Integrationsprojekt im Städtchen, das von Geflüchteten, Zugezogenen und Einheimischen gemeinsam geplant, vorbereitet und organisiert ist, seinen Betrieb aufnehmen.

Jeden Donnerstag von 15 bis 18 Uhr sind alle Interessierte, egal welcher Herkunft und welchen Geschlechts, ins Zickzack eingeladen. Dort können sie nähen (lernen) und sich dabei, wenn nötig helfen lassen, dort können sie sich aber auch einfach bei einer Tasse Kaffee und Tee mit anderen Besucher/innen unterhalten. Die offizielle „ZickZack“-Sprache ist dann Deutsch, denn Nicht-Muttersprachler/innen sollen hier die Gelegenheit haben, ihre Sprachkenntnisse zu erweitern und zu festigen.

Ich bin jetzt nicht nur gespannt, ob und wie dieses Angebot im Städtchen ankommen wird, sondern auch, wie lange es dauern wird, bis ich gelernt habe, nicht nur gerne, sondern endlich mal richtig gut nähen zu können.

fl

Wo man einpacken kann

Als in Vor-Corona-Zeiten Diskussionen und Gespräche über Klimawandel, Umweltschutz und darüber, was jede/r Einzelne tun kann, an der Tagesordnung waren, hörte ich auch in unserer Kleinstadt immer wieder „Ich würde mir ja einen Unverpackt-Laden wünschen, aber dafür ist das Städtchen wohl zu klein“. Ich fürchte, genauso ist es, weshalb ich gerne die Gelegenheit nutze eine Mitfahrgelegenheit zu einem Laden in einer größeren Stadt zu erwischen.

Seit ich vor ein paar Jahren in Kiel zum ersten Mal in einem Unverpackt-Laden eingekauft habe, ist mein Verbrauch an Zahnpasta rapide zurück gegangen. Keine Sorge, ich putze mir nach wie vor regelmäßig und gründlich die Zähne (mag Bambus-Zahnbürsten immer noch nicht), aber eben nicht mit einer Paste aus der Plastiktube (die unschöne Flecken auf der Schlafanzugjacke hinterlassen kann), sondern mit kleinen Tabs, aus einem ausrangierten Schraubdeckelglas. Ich finde, meine Zähne werden damit schön sauber und mein Zahnarzt hat bisher auch nicht gemeckert.  

Auch festes Haarshampoo hat längst den Einzug in mein Badezimmer gehalten und der Griff zum Seifenstück unter der Dusche ist ebenfalls längst selbstverständlich. Weiterer Vorteil: So manche Seife riecht einfach viel besser als diverse mit viel Chemie versehene Schaumschlägerei aus der Plastikpulle.

Egal, was die Werbung verspricht, da wird meine Laune ziemlich mies.

Ja, ich bin grundsätzlich Fan von Bio-Produkten und mindestens ebenso großer Fan von Müllvermeidung. Umso enttäuschender finde ich es, wenn Bioprodukte nicht nur doppelt verpackt sind, und die äußerste Hülle nur dafür gut ist, mehr Masse vorzutäuschen. Und als ich auf der Zutatenliste für den 25 Gramm Inhalt der kleinen Tüte als erstes „Salz“ las, war mein erster Gedanke „Mist, reingefallen“. Und mein zweiter, dass ich mein Abendessen nur noch „Dinner“ nennen werde, wenn ich das teure Kräutersalz verwende.

Da stimmt dann ein Besuch im Unverpackt-Laden doch versöhnlich, wenn ich mit einem Korb leerer Gläser anrücke und genau die Menge der Produkte einfülle, die ich haben möchte. Hat beim Ein-Personen-Haushalt auch den Vorteil, dass ich einige Zutaten erst einmal in kleinen Mengen zum Probieren kaufe, bevor ich mich damit großzügig bevorrate, wie mit Lebensmitteln und Gewürzen, die ich schon kenne. Das gilt auch für Waschpulver und Reinigungsmittel.

Ein ganz neuer, gar nicht mal so weit entfernter Unverpackt-Laden ist kürzlich in der Region eröffnet worden, der mich allein schon aufgrund seiner Größe und seiner tollen Auswahl begeisterte. Einerseits schön, dass ich jetzt nicht mehr in irgendeine Großstadt fahren muss für die unverpackten Einkäufe, andererseits sind die Chancen, dass im hiesigen Städtchen mal so ein Geschäft aufmachen wird, weiter gegen Null gesunken. Aber frau kann eben nicht alles haben, und ich werde mir eben angewöhnen müssen, bei künftigen Einkäufen im Unverpackt-Laden einen Einkaufszettel mitzunehmen. Der Vorsatz ist da, an einer gelungenen Umsetzung zweifle ich noch. Ich kenn mich doch.

fl

Für Herz und Bauch

Wenn Kinder wohlwollend und sogar anerkennend über ihre Mütter sprechen, erzählen, wie lieb sie ihre Mama haben, dann freut das immer wieder die Glucke in mir. Nicht, dass ich da irgendwelchen unerfüllten Bedarf hätte, dafür haben meine Drei ihre Pubertät lange genug hinter sich, aber ich mag es immer wieder auch die Einschätzung und den Blick anderer Kinder auf ihre Mütter entdecken zu können. Migration ist, wie die treuen Leser/innen wissen, ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt, und Kochen (und Essen) ja sowieso.

Und ein Buch, das all diese Bereiche umfasst, hat – wenn es gut gemacht ist – das Zeug zu einem meiner Lieblingsbücher zu werden, das ich gerne weiter empfehle.

Also liebe Leute, „Mama Superstar“ müsst ihr unbedingt lesen! Sollte ich es mit einem einzigen Wort beschreiben, fällt mir nur „herzerwärmend“ ein. Elf (aus meiner Perspektive) junge Frauen beschreiben liebevoll, aber nicht ganz unkritisch ihre Mütter, die Eines gemeinsam haben, sie sind Migrantinnen.

Biographische Erzählungen von und über Migrant/innen, überhaupt Bücher und Artikel über Migration stellen sehr oft die kulturellen Hürden und sozialen Probleme in den Mittelpunkt. Es ist gut und wichtig, darüber zu informieren und wenn möglich Vorschläge zur Abhilfe zu machen. Aber es ist auch einfach mal schön zu lesen, wie starke Frauen aus verschiedenen Ländern in unterschiedlichen Lebenssituationen mit diesen Hürden und Problemen fertig werden. Der Wunsch, dass ihre Töchter (und Söhne) eine vielversprechende Zukunft haben, dass ihre Kindheit und Jugend besser und einfacher sein soll, als die eigene, verleiht diesen Müttern ganz viel Kraft selbstbewusst ihre Ziele zu verfolgen und zu erreichen und damit ihren eigenen, aber vor allem auch den Lebensweg ihrer Kinder zu ebnen.

Den Porträts, folgen im Buch nicht nur die Lieblingsrezepte der Migrant Mamas, wie sie von ihren Töchtern respekt- und liebevoll genannt werden, sondern die Autorinnen begründen auch jeweils, warum ihre Mutter eine Mama Superstar ist, und haben Empfehlungen für alle anderen Töchter, egal wo und woher. Jede einzelne davon ist es eigentlich wert, hier zitiert zu werden. Aber das verkneife ich mir, ebenso wie auf weitere Einzelheiten und Aspekte dieses Buches einzugehen -die schöne Illustration und das lebendige Layout sollen allerdings nicht unerwähnt bleiben –  sondern wiederhole lieber:

Liebe Leute, lest dieses Buch! Und vielleicht lasst ihr mich danach wissen, ob es euch ebenso gut gefallen hat.

fl

Dienstag? Nein, Montag bis Sonntag

Natürlich habe ich den Beitrag sofort geliked, als meine Lieblingsbücherei am Dienstag erklärte, dass sie sich am #blackouttuesday beteiligt, und fand die vielen schwarzen Profilbilder und Avatare im Netz wirklich gut und wichtig. Ob Bild sich daran beteiligt hat, habe ich nicht recherchiert, warum ich es zum Kotzen fände, darüber habe ich mich ja vor wenigen Tagen noch geäußert.

Und natürlich machen solch eine Aktion und vor allem deren Anlass uns nachdenklich. Die Bilder und Videos vom gewaltsamen Tod – als juristische Laiin erlaube ich mir von Mord zu sprechen – des Afroamerikaners George Floyd sind unerträglich. Nicht nur, weil sie unverpixelt dem Opfer in seinem Todeskampf jede Würde nehmen. Dass der weiße Polizist, der ihm die Luft abschnürt dabei mit der Hand in der Hosentasche völlig unbeteiligt wirkt, macht mich fast so fassungslos wie die Tat selber und die Mittäterschaft der beteiligten Polizisten.

Das Verbrechen ist überall auf Entsetzen gestoßen, außer vielleicht beim US-Präsidenten, dessen Vater dem Ku Klux Klan angehört haben soll, und anderen überzeugten Rassist/innen. Die Reaktionen weltweit waren viel größer und entschiedener als bei anderen Fällen. Nicht, weil der Tod von George Floyd durch Polizeigewalt etwas Außergewöhnliches gewesen wäre – solche Meldungen sind immer wieder in den Medien zu finden und geraten, je nach Entfernung vom Tatort, meistens schnell in Vergessenheit. Jetzt aber sind, erst in den USA und später in vielen anderen Ländern Menschen auf die Straße gegangen und haben gegen Rassismus und rassistische Gewalt protestiert.

Die gewaltsamen Ausschreitungen in den Vereinigten Staaten sind dabei durch nichts zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Dass der unempathische Regierungschef sie zu Wahlkampfzwecken nutzt, und entgegen zahlreicher Zeugenberichte ausschließlich Antifa und radikale Linke dafür verantwortlich macht, ist erbärmlich, Antifaschist/innen zu Terrorist/innen erklären zu wollen, einfach nur dumm. Vielleicht ist es an der Zeit das selbsternannte „stabile Genie“ mal darüber aufzuklären, dass die über 400 000 US-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus gelassen haben.

Ja, ich finde, Jede und Jeder haben das Recht, sich über Rassismus und rassistische Gewalttaten zu empören und dagegen friedlich(!) aufzubegehren und zu demonstrieren, aber ich finde, das sollten wir nicht nur tun, wenn gut 8 000 Kilometer entfernt Abertausende von Menschen in zahlreichen Städten uns das vormachen. Deshalb bin ich froh, dass es auch in deutschen Städten Demonstrationen, Kundgebungen und landesweite Aktionen gibt, um Gerechtigkeit nach dem Mord an George Floyd zu fordern und sich gegen Rassismus zu positionieren.

Aber ich finde es bedauerlich, wenn die öffentliche Positionierung immer wieder einen Anlass braucht. Ja, es ist gut, richtig und wichtig, wenn deutsche Demokrat/innen auf die Straße gehen, nachdem Flüchtlingsunterkünfte angezündet, Walter Lübke ermordet wurde, der Versuch ein Blutbad in einer Synagoge anzurichten Todesopfer geopfert hat und ausländische Gefängnis-Insassen in ihrer Zelle verbrennen – die Liste lässt sich leider(!) noch fortsetzen. Aber, solange Berichterstattung, Demonstrationen und Diskussionen über solche Fälle nicht dazu führen, dass wir alle uns mal Gedanken machen über unseren eigenen Alltagsrassismus, dann ist das alles nur Fassade. Und wer jetzt behauptet, niemals rassistische Gedanken zu haben, die/der soll sich bitte mal daran erinnern, wann sie/er zum letzten Mal einen Menschen mit nicht weißer Hautfarbe nach dessen Herkunft gefragt hat und sich mit der Antwort „aus Gelsenkirchen“ zufriedengegeben hat.

Rassismus ist in Deutschland ein Problem, dass mit dem Ende der Nazi-Diktatur nicht in der Versenkung verschwunden ist, sondern im Gegenteil seit einiger Zeit eine unrühmliche Renaissance erlebt, wie nicht nur die jüngste Kriminalstatistik, sondern auch vermehrte Arbeit für MAD und Verfassungsschutz deutlich machen. Es ist ein Problem, dass uns alle angeht, und gegen das – zumindest nach meinen Wunschvorstellungen –  alle aufstehen müssen, denen Werte wie Toleranz, Respekt, Weltoffenheit und Rechtsstaatlichkeit wichtig sind. Das dürfen wir nicht denen überlassen, die nur aufgrund von Hautfarbe und Aussehen Zeit ihres Lebens immer wieder Opfer von Rassismus werden, egal ob sie in Straubing oder Aleppo geboren sind. Ja, ich würde mir wünschen, dass jedes Mal, wenn in Bus und/oder Bahn das Wort „Kanacke“ fällt, die Mehrheit der Mitfahrenden reagiert, und sei es nur mit dem kollektiven Griff zum Handy um Anzeige wegen Beleidigung zu erstatten. Und warum nicht mal, wenn man dann ohnehin am Bahnhof ist, die behördliche Versicherung, es gäbe in Deutschland kein Racial Profiling überprüfen, indem man jemanden, dessen Aussehen als Hinweis auf andere Herkunft oder Religionszugehörigkeit herhalten muss, im Beisein von Polizei-Beamt/innen fragen, wie oft sie/er in dieser Woche schon die Ausweispapiere vorzeigen musste?

Ich weiß, der Moment zwischen Zivilcourage zeigen und blutend am Straßenrand zu liegen kann verdammt kurz sein. Aber auf erkannte Missstände an geeigneter Stelle aufmerksam zu machen, ist keine Heldentat, kann allerdings sehr langwierig sein. Und je mehr Menschen deutlich machen, dass sie Rassismus, egal in welchem Umfeld, zu welcher Gelegenheit und in welchem Ausmaß nicht akzeptieren, desto wirkungsvoller wird dieser Einsatz sein.

Wie sehr dauerhaftes, peinlich berührtes Schweigen oder bequemes Wegsehen den Grundsatz von Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Menschen unabhängig von Aussehen, Herkunft, Religion massiv gefährdet, sehen wir gerade jenseits des großen Teichs. Es liegt an uns, dass wir, unsere Kinder und Enkel es hier in dem Ausmaß nicht erleben müssen.

So, das war jetzt nicht – auch wenn es sich ein bisschen so anhören mag – mein Wort zum meteorologischen Sommeranfang, sondern ein Anliegen, das mir so wichtig ist, dass ich mir wünsche, schwarze Profilbilder und Avatare im Netz wären nur ein Anfang für eine wachsende, friedliche und solidarische Bewegung.

fl

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