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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Wenn Pink auf Blutrot trifft

Lesen bildet, aber wem sag, vielmehr schreib ich das, wenn ihr ja ohnehin schon auf der Seite einer Bücherei landet, für deren Mitarbeiter/innen es nicht nur Aufgabe, sondern auch Herzensangelegenheit ist, fürs Lesen zu begeistern indem sie helfen, sich in der Vielfalt von Unterhaltung und Informationen zurechtzufinden. Es gibt wohl kaum ein Thema, zu dem kein Sachbuch auf dem Markt ist, mal mehr oder weniger gelungen, meistens aber gut gemacht und gut geschrieben mit überraschenden Fakten und hilfreichen Tipps und Anleitungen.

Und so gibt es in meiner Lieblingsbücherei auch sehr gute Lektüre zu einem Thema, das engagierte Frauen seit Jahren aus der Tabuzone herausholen, um immer wieder mit einer Mischung von Enttäuschung und Entsetzen feststellen zu müssen, dass es gerade diejenigen sind, die selber niemals eigene Erfahrungen damit haben können, dieses Thema wieder in die „ pssssssssst „“-Ecke zurückdrängen wollen. Dabei geht es um etwas ganz Naturgegebenes, von dem nahezu alle Frauen etwa vier Jahrzehnte ihres Lebens betroffen sind, die Menstruation.

Ja, Frauen bluten, so durchschnittlich alle vier Wochen, drei bis fünf Tage, zu jeder Tages- und Nachtzeit und an jedem Ort, also im Büro, auf dem Sofa, im Bus oder beim Spazierengehen. Wie alle anderen Körperausscheidungen auch, kann und soll auch diese nicht einfach öffentlich vor sich hintröpfeln. Während viele Männer mal so gar kein Problem damit haben, auf dem Heinweg von der Kneipe in fremde Vorgärten zu pissen, oder sich am hellen Tag dabei hinter einem Laternenpfahl „verstecken“, geben europäische Frauen jährlich um die 500 Euro aus, um ihr Menstruationsblut vor den Blicken anderer Menschen verbergen und vor allem entsorgen zu können. Mit diesem Geld kaufen sie oft Produkte, die mit dem Schlagwort „Diskretion“ werben, nicht unbedingt aus gesundheitlich unbedenklichen Stoffen hergestellt und im schlimmsten Fall sogar parfümiert sind. Eine Menge Geld, bei dem anders als z. B. beim Schuhkauf oder Friseurbesuch nicht darüber gesprochen wird, wofür es ausgegeben wurde.

Ein unbefangener Umgang mit Menstruation, Menstruationsblut und allen möglichen damit verbundenen Unannehmlichkeiten sieht anders aus. Nicht zuletzt, weil auch im 21. Jahrhundert Unsicherheit und leider auch immer noch Unwissenheit eine Rolle spielen.

Und hier kommen Bücher ins Spiel, Bücher, wie sie auch in meiner Lieblingsbücherei zur Ausleihe bereit stehen. Und das ist jetzt keine brandneue Information schon vor über vier Jahren habe ich an dieser Stelle über „Ja, ich habe meine Tage! So what“ von Clara Henry geschrieben und es allen Frauen, vor allem jungen und ihren Müttern empfohlen.

Inzwischen verdient Vater Staat weniger am Verkauf von Tampons und Binden, gibt es dazu immer mehr, auch umweltfreundlichere Alternativen, und vor allem auch selbstbewusste Frauen, die über Menstruation nicht mehr mit hochrotem Kopf flüstern, sondern ganz gelassen sprechen. Und es gibt Männer, die sich ernsthaft als Frauenversteher begreifen, aber sich besser in der Bücherei mal Fachlektüre besorgen sollten, bevor sie verkünden „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, eine Lösung zu finden, die allen Frauen das Leben während der Periode erleichtert, ein sicheres Gefühl gibt und gleichzeitig ansprechend und stylisch ist.“ (Quelle: Basic thinking – Online Magazin)

Wer jetzt glaubt, die Jungs hätten einen selbstwechselnden Tampon mit Karomuster auf den Markt gebracht, irrt gewaltig. Nein sie wollen mit als Abfallbeutel zu verwendendem Plastikmüll in Handschuhform und der alles andere als stylischen Farbe Pink reich werden. Und damit schämen sie sich nicht mal öffentlich Werbung in einer Fernsehshow zu machen. Den darauf folgenden Shitstorm haben sie sich ebenso redlich verdient, wie ihr künftiger Geldgeber.

Auf ihre grandiose Idee sind die beiden Blitzbirnen gekommen, weil in ihren WG-Zeiten Mitbewohnerinnen in Klopapier gewickelte Tampons im Badezimmer-Mülleimer entsorgt hatten (wo bitte den sonst?), was die “Erfinder“, Zitat: „ziemlich unangenehm“ fanden. Nicht unangenehm genug, den Müll mal nach unten zu bringen, um das ihren Mitbewohnerinnen abzunehmen, die möglicherweise zur selben Zeit ihre Unterleibskrämpfe „ziemlich unangenehm“ fanden.

Nein, sie entwarfen ein wohl nur in ihren Augen stylisches Produkt, weil sie es Frauen ersparen wollen, bei der Entfernung des Tampons aus der Scheide mit ihrem eigenen Körper in direkten Kontakt zu kommen, und sich, oh Graus, möglicherweise die Finger blutig zu machen (was beim Einführen des neuen Tampons dann kaum vermeidbar ist). Um den gebrauchten Tampon herumgestülpt und mit einem Klebeband verschlossen, wandert der Handschuh, der ganz stylisch „Glove“ genannt wird, im Mülleimer, später auf riesigen Müllbergen und mit Pech irgendwann in kleinsten Teilen in den Weltmeeren. Dann können wenigsten Fische und andere Lebewesen sich am stylischen Pink erfreuen. Die potentielle Zielgruppe könnte allerdings  darauf verzichten, diese Dinger zu kaufen, die acht mal teurer sind, als ihre farblosen Konkurrenzprodukte ohne Klebeestreifen, und sich stattdessen mit diesem Gedanken anfreunden:

Kraken-Wahl

Erinnert ihr euch noch an die Krake Paul, die berühmt wurde, weil sie die Ergebnisse von Fußball-Länderspielen „voraussagen“ konnte (mich hat jüngst eine Twitter-Perle auf ihn gebracht)? Pauls Glaskugel waren zwei eckige Behälter, in denen jeweils eine Miesmuschel darauf wartete, von ihm verspeist zu werden. Ja, der Berliner Reichstag mit seiner Kuppel erinnert auch an eine Glaskugel, und das, was uns da als Corona-Politik verkauft wird, gefährlich an Spökenkiekerei.

Vor einem knappen Jahr gehörte ich noch zu denen, die die Ergebnisse von Corona-Sitzungen unter Leitung der Kanzlerin für nachvollziehbar und (meistens) richtig befunden habe. Inzwischen bleibt nicht viel mehr übrig als Respekt vor Merkel, dass sie die Landesmütter und Väter noch nicht in ein Aquarium gesperrt hat, damit sie auf der Suche nach Futter (=Wähler/innenstimmen) sich ganz zufällig an Acrylschachteln klammern.

Dabei bräuchte es gar keine Kraken und auch keine Politiker/innen-Runden, denn wir haben sehr kompetente Fachleute in diesem Land, deren düsteren, fachlich basierten Voraussagen zur Entwicklung der Pandemie hundertprozentig eingetroffen sind. Eine deutliche Mehrheit der Bürger/innen hatte sich bereits zu Weihnachten für deren Forderung ausgesprochen, die Anti-Corona-Maßnahmen deutlich zu verschärfen, endlich mal etwas anzuordnen, was den Namen Lockdown auch wirklich verdient.

Stattdessen gab es angeblich maßvolle Öffnungen, indem z. B. Kinder in die Schulen geschickt wurden, obwohl die versprochenen und notwendigen Schnelltests noch gar nicht zur Verfügung stehen. Es gab auch Überlegungen, nach Tübinger Vorbild Gastronomie, Handel und Kulturbetrieben abhängig von Testergebnissen zugänglich zu machen. Wenn da der Mann, der sich gerne in der Rolle des Landesvaters und künftigen Kanzlers sieht, im Landtag fragt „Warum sollten wir das nicht mal probieren?“ kriegt meine Geduld eine ganz, ganz kurze Lunte. Wie wäre es denn mal mit einem gut ausgearbeiteten, von Expert/innen abgesegneten Konzept? Oder sollen wir statt des in Todesanzeigen üblichen „Nach langer schwerer Krankheit…“ künftig tausende Male lesen müssen „Nach fehlgeschlagenem politischem Ausprobieren…“?

Die Pandemie und deren Opfer lassen kein „Trial and Error“ zu, und da nötigt es mir einigen Respekt zu, wenn die Kanzlerin einen Fehler ohne Beschönigung zugibt und die volle Verantwortung übernimmt. Wenn alle Politiker/innen diesem Beispiel mal folgen würden und zugäben, wo sie Mist gebaut oder lieber für das eigene Wohl, als für das Wohl des Volkes agiert haben, gäbe es wahrscheinlich tagelange Sondersitzungen von Bundestag und Kabinett.

Ja, mein Vertrauen in Politik und Regierung schwindet  immer mehr, wenn ich sehe, wie Corona-Schutzverordnungen zum Teil so zusammengestümpert werden, dass sie wenige Stunden nach der Veröffentlichung überarbeitet werden müssen. Es ist nicht lustig, wenn Leiter/innen öffentlicher Einrichtungen und Gewerbetreibende mit ihren Mitarbeiter/innen auf neue Anordnungen wie das Kaninchen auf die Schlange starren und immer wieder bitter enttäuscht werden, weil sich die Zuständigen keinen Deut um ihre gut ausgearbeiteten und oft teuren Schutzkonzepte scheren, sondern potentielle Kundschaft lieber zum Ballermann jetten lässt.

Aktuell kommen leise Töne aus der Politik, endlich mal das zu tun, was Expert/innen und Bürger/innen, die den monatelangen Eiertanz gründlich satt haben, immer wieder fordern. Zwei Wochen lang alles, was nicht lebensnotwendig ist, dicht machen, auch Büros und Firmen, ist m. E. längst überfällig. Auch den Verkauf auf Lebensmittel und wenige Drogerie-Artikel beschränken und kein Gedränge vor Wühltischen mit „Aktionsware“ zweimal die Woche. Außerdem abendliche und nächtliche Ausgangssperren, Aussetzen von Covidioten-Demonstrationen und Verhinderung von Einkaufstourismus in weniger betroffene Regionen. Gleichzeitig Impfen mit Hochdruck, und zwar in Hausarztpraxen und nicht mit hohem bürokratischen Aufwand in abgelegenen Impfzentren.

Ob das umgesetzt wird, und die Lage sich in den kommenden Monaten bis zu den Bundestagswahlen entspannt? Falls nicht, könnte man getrost so manchen gut gepolsterten Sessel in Berlin  gegen ein Kraken-Aquarium austauschen, ohne das jemand das merkt.

fl

Wenn es nicht mehr summt

„Die Geschichte der Bienen“ der Norwegerin Maja Lunde in der Übersetzung von Ursel Alleinstein war 2017 in Deutschland das meistverkaufte Buch und ist bis vor Kurzem über den Titel hinaus an mir vorbeigegangen. Als passionierte Krimileserin mit wenig Hang zu Düsternis und Brutalität gucke ich eher selten in die skandinavische Ecke, habe mir aber festgenommen, meine Vorurteile nicht länger auf andere Kategorien in den Bücherei-Regalen auszuweiten. Besten Dank an die Kolleg/innen, die mich meine Auswahlkriterien haben überdenken lassen, weil sie dieses tolle Buch als für mich geeigneten Lesestoff ganz richtig eingeschätzt haben.

Das Thema an sich, ist mir natürlich nicht neu und beschäftigt viele Menschen, auch schon lange vor Erscheinen von Lundes Buch. Es ist nicht sicher, ob das folgende Zitat tatsächlich von dem vor über 60 Jahren verstorbenen Albert Einstein stammt, es wird aber von Jahr zu Jahr aktueller und dringlicher:

„Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“

Einen Ausblick darauf, wenn das Ende dieser vier Jahre sich nähert, liefert in der „Geschichte der Bienen“ Tao, Mutter eines kleinen Sohnes und ebenso wie ihr Mann und viele andere Chines/innen zwangsverpflichtet zur manuellen Blütenbestäubung in einer Obstplantage im Jahr 2098. Auf den ersten Blick hat Tao nichts gemeinsam mit den anderen beiden Haupt-Protagonisten des Buches, dem vom Forscherglück verlassenen Biologen William im England des Jahres 1852 und dem Berufsimker George, der 2007 auf einer Farm im US-Staat Ohio lebt.

Die Geschichten der Drei werden in mehreren, sich abwechselnden Episoden erzählt, wobei der Wechsel von einem Erzählstrang zum anderen zwar abrupt, aber nicht störend ist. Das liegt nach meinem Empfinden daran, dass alle Geschichten gleich interessant, zum Teil spannend sind und die Empfindungen und Gemütslagen der Beteiligten sehr ein- und nachfühlsam beschrieben sind.

Wenn William monatelang Beruf (für den Lebensunterhalt seiner großen Familie arbeitet er als Samenhändler) und sich selbst völlig vernachlässigt, weil er es nicht mehr schafft aus dem Bett zu kommen, fällt nicht einmal das Wort „Depression“. Bis die als Krankheit (an)erkannt war, auch als eine, von der Männer betroffen sein können, gingen noch viele, viele Jahre ins Land. Deutlich erkennbar ist sie aber für die Leser/innen, ebenso wie eine therapeutische Wirkung der Beschäftigung mit Bienenvölkern. Die Zerrissenheit von George zwischen der Liebe zu Frau und Sohn, dem Wunsch, die berufliche Familientradition weiter zu führen und weiter zu geben und den zunehmenden existentiellen Problemen bis hin zum drohenden Ruin ist leider nicht nur Fiktion. Sie ist ebenso nachfühlbar dargestellt, wie das stille Aufbegehren Taos gegen ihr fremdbestimmtes Leben in Armut und ihre Hoffnung auf bessere Lebensumstände für ihren Sohn, der plötzlich unter mysteriösen Umständen seinen Eltern entrissen wird.

Jedes Schicksal der drei unter völlig unterschiedlichen Bedingungen lebenden Personen, wäre fast schon einen eigenen Roman wert. Zusammengefasst und gegenübergestellt in ihrem Buch hat Maja Lunde aber die große Chance geschaffen und genutzt, verständlich und nachvollziehbar zu machen, wie wichtig ein gerade mal knapp eineinhalb Zentimeter kleines Tierchen ist, damit das Zusammenspiel in der Natur als gesunde Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen auch weiterhin funktioniert.

Es liegt an uns allen dafür zu sorgen, dass in der Geschichte der Bienen nicht bald das letzte Kapitel geschrieben werden muss.

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Katzenstreu am Fenster

oder: Nummer Drei als letzte von Vieren

Vorab, es liegt nicht an der Auswahl der Kolleg/innen, dass ich über „Das Gewicht von Schnee“ in meinem Überraschungspaket nichts schreiben werde. Ich habe es nicht mal aufgeschlagen und plane auch erstmal nicht das nachzuholen, wenn die Schneeschäden aus dem Februar in meinem Wohnzimmer vollständig behoben sein werden.

Eigentlich war es ja ganz pfiffig, dass ausgerechnet dieses Buch vor ein paar Wochen seinen Weg in das Paket fand, als der Wetterbericht für die kommenden Tage ungewohnte Schneemengen für das Münsterland androhte. Niemand konnte ahnen, dass kurz drauf allein schon das Wort „Schnee“ bei mir für eine Laune weit unterhalb der Kellerkante sorgte, nachdem zwei Tage lang mehrere Liter Tauwasser stetig und gut hörbar in mein Wohnzimmer tropften.

Treue Leser/innen wissen, dass ich im Dachgeschoss wohne, ich jammere schließlich jeden Sommer, wenn bei 30 und mehr Grad die Innen- sich unaufhaltsam den Außentemperaturen nähern. Was wiederum ich (meine Vermieter wohl auch) bisher nicht wusste: Wenn feiner, leichter Schnee bei starkem Ostwind den Weg durch die Dachpfannen findet, um es sich auf der Isolierung gemütlich zu machen, muss das Tauwasser nicht zwangsläufig in der Dachrinne landen. Es kann sich seinen Weg auch über die Dachfenster-Verkleidung in ein gutes Dutzend Eimer und Schüsseln suchen. Frühlings-Deko im Wohnzimmer der besonderen Art…

Glücklicherweise fand wenige Tage drauf das für Februar ungewohnt laue Lüftchen seinen Weg zwischen den Dachpfannen zügig zur Isolierung, so dass die relativ schnell trocknete. Unterstützt von Innen durch schnell genähte, mit Katzenstreu gefüllte Säckchen, die ganz sicher auch nicht als Frühlings-Deko durchgingen. Der Trockenbauer war in der vergangenen Woche erfolgreich im Einsatz, der Anstreicher hat sich für die kommende Woche angesagt. In der Zwischenzeit verteilt sich der Inhalt von drei Regalen, die zur Seite geräumt werden mussten, im Wohnzimmer. Noch ein Spruch über Frühjahrs-Deko wäre jetzt albern.

Da ist es doch gut, dass mich Überraschungspaket-Buch Nummer Drei so gefesselt hat, dass mich das Drumherum nicht mehr störte. Warum ich hoffe, dass noch viele Menschen dieses Lese-Erlebnis mit mir teilen werden, schreibe ich in den nächsten Tagen. Gleiche Stelle, gleiche Welle.

fl

Paketlektüre Nummer Zwei

Nach dem kleinen unterhaltsamen Büchlein von Renate Bergmann, das sich in die gelungenen und witzigen Erzählungen von Torsten Rohde nahtlos einreiht (womit das Wichtigste darüber gesagt ist), war meine zweite Lektüre aus dem Überraschungs-Paket für Corona-Zeiten „Brandsätze“ von Stephen Cha, übersetzt von Karen Witthuhn. Mit seiner Einschätzung „Ich dachte, das wäre was für dich“ hat der beste Büchereileiter des Städtchen Recht behalten.

So sehr, dass ich dieses Buch uneingeschränkt weiterempfehlen kann an alle, die sich für aktuelle Fragen aus Politik und Gesellschaft interessieren und gerne gute und gut geschriebene Romane lesen. Ob Letzteres der Autorin, der Übersetzerin oder dem Zusammenspieler Beider zuzuschreiben ist, weiß ich nicht. Hauptsache gut.

Auch wenn die Handlung des Buches ganz aktuell im Jahr 2019 stattfindet, ist sie angelehnt an das Geschehen aus dem Jahre 1991 in Los Angeles, das neben anderen ein paar Monate später zu Unruhen mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Los Angeles führte, die über 50 Menschen das Leben kosteten, tausende Verletzte forderte und Sachschäden in Milliardenhöhe verursachte.

Damals wurde eine 15jährige Afroamerikanerin von einer koreanischen Ladeninhaberin, die sie fälschlich des Ladendiebstahls verdächtigte, durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet. Die Täterin kam mit einer Bewährungsstrafe davon und wird im Buch Jahre später mit neuer Identität auf einem Parkplatz angeschossen.

Um für künftige Leser/innen den Spannungsbogen nicht zu (zer)stören, möchte ich den fiktiven Handlungsfaden des Buches hier nicht näher beschreiben, kann aber versichern, dass er abwechslungsreich, fesselnd und sehr realistisch ist. Oft so realistisch, dass es für mich, die die Lebensumstände farbiger US-Bürger/innen im Alltag nur aus dritter Hand kennt, manchmal fast klischeehaft anmutet. Was letztlich zu der Erkenntnis führt: es ist Vieles dort noch schlimmer, als ich mir bisher, diesbezüglich wenig optimistisch, vorgestellt habe.

So ereifert sich der Cousin der damals 15jährigen Getöteten gegenüber seinem Neffen im nahezu gleichen Alter: „Ich bin von gar nichts überzeugt“, fauchte Shawn. „Was ich glaube, ist völlig egal. Was ich glaube, kann dich nicht vor dem Knast bewahren. … Kein einziger Richter würde auf mich hören. Wenn die denken, dass ein schwarzes Leben nichts wert ist, dann ist ein schwarzes Leben nichts wert.“

Die Verbindungen zwischen der schwarzen Familie des Opfers und der koreanischen Familie der Täterin, die Jahrzehnte später selber zum Opfer wird, sind oft unvermeidlich, meist unerwünscht, aber auch mal aktiv gesucht Sie zeichnen ein Bild von Problemen, Ängsten, Vorurteilen, aber auch Wünschen und Ansprüchen, die trotz gänzlich verschiedener Lebensweisen auch Gemeinsamkeiten haben.

Manche Entwicklungen sind absehbar, da nahezu unvermeidlich, andere völlig überraschend und erzeugen eine Spannung, die den Leseabend schon mal länger werden lässt, als eigentlich gedacht geplant.

Neben der Empfehlung an Bücherei-Nutzer/innnen, „Brandsätze“ auszuleihen/vorzubestellen, auch eine an die Bücherei-Mitarbeiter/innen: Packt das Buch öfter in ein Überraschungspaket.

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„Omi“ überrascht im Paket

Dialog zwischen einer ehrenamtlichen (E) und zwei hauptamtlichen (H) Bücherei-Mitarbeiter/innen:

E. „So ein Überraschungspaket hätte ich auch gerne. Stellt mal bitte eins für mich zusammen. Wenn’s geht, würde ich es mir gerne morgen abholen.“

H: „Hast du denn bestimmte Vorstellungen oder besondere Wünsche?“

E: „Nee, macht ihr mal, das ist doch das Besondere, zu sehen, wie ihr meine Lese-Vorlieben so einschätzt, nachdem wir uns ja schon ein paar Jährchen kennen. Lasst euch mal was einfallen, dann schreib ich vielleicht was darüber, was wir dann im Bücherei-Blog online stellen können.“

Am nächsten Tag lag mein Überraschungspaket prompt zur Abholung bereit, und das erste worauf mein Blick fiel war der Ausschnitt eines Buchcovers:

An dieser Stelle endet die Wiedergabe des Dialogs zwischen einer ehrenamtlichen (E) und zwei hauptamtlichen (H) Bücherei-Mitarbeiter/innen. Grund ist nicht das abgebildete Glas mit mutmaßlich alkoholischem Inhalt.

Der Blogbeitrag zum Thema „Überraschungspaket“ wird aber fortgesetzt, denn die Idee finde nicht nur ich einfach klasse, die Umsetzung bis auf einen kleinen Ausrutscher *räusper* ebenfalls.

Bekanntlich ist die Bücherei seit Wochen geschlossen, was aber nicht bedeutet, dass sich die Leser/innen nicht weiterhin mit Lesestoff versorgen können. Im Online-Katalog oder mit der Bücherei-App Bücher aussuchen, per Anruf oder Mail bestellen und am nächsten Tag abholen. Funktioniert super und wird auch gerne genutzt.

Was fehlt, ist der Gang durch die Regalreihen und der Griff, mal hier mal da ins Regal um in Ruhe seine persönliche Auswahl treffen zu können. Und was ganz besonders fehlt, ist sich von den Bücherei-Mitarbeiter/innen auf die Sprünge helfen zu lassen, wenn man von dem riesigen Angebot so überfordert ist, das man nicht fündig wird.

Und da hatte der beste Bücherei-Leiter des Städtchens die pfiffige Idee mit dem Überraschungspaket, ebenfalls zur kontaktlosen Abholung. Die interessierten Leser/innen können mit den Mitarbeiter/innen telefonisch absprechen, welche ihrer Interessensgebiete sich in dem Paket wiederfinden lassen und welche Prioritäten eventuell bei der Auswahl gesetzt werden könnten/sollten/dürften.

Der Leserschaft scheint diese Idee richtig gut zu gefallen, täglich gibt es mehrere Bestellungen. Die ersten Pakete wurden bereits nach Lektüre zurückgebracht, meist mit einem herzlichen Dank für die gelungene Auswahl und nicht selten mit der Bitte, ein weiteres zusammenzustellen.

Und auch diejenigen, deren Job es ist, die Wünsche der Leser/innen überraschend zu erfüllen, erledigen diese Aufgabe sehr gerne, denn im Normalbetrieb haben sie keine Zeit entspannt durch die Regalreihen zu schlendern, in Ruhe zahlreiche Klappentexte zu lesen und sich Gedanken über die Beliebtheit bestimmter Bücher zu machen. Und wenn Bilderbücher ins Überraschungspaket sollen, sind auch schon Kolleg/innen dabei gesehen worden, wie sie ganz in Ruhe von vorne bis hinten blätterten, weil sie auf besondere Schätze ganz hinten den Buchkisten gestoßen sind.

Wie mir meine Überraschungs-Bücher gefallen haben, werde ich euch demnächst erzählen, wenn ich sie durchgelesen habe. Nur soviel nach den ersten Seiten: Die Überraschungs-Omi macht Spaß, wenn auch mein Rezept für Rührkuchen besser ist als das von Renate Bergmann.

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Sie haben sich Gedanken gemacht, die Kolleg/innen, die mein Überraschungspaket zusammengestellt haben. Jedenfalls, was aktuell den Schnee betrifft…

Maskenpflicht mit Löchern

Klar trübt dieses winzig kleine Teilchen, das seit Monaten unseren Alltag bestimmt, meine Laune. Klar nervt es mich, dass das vertraute Beisammensein und die Unternehmungen mit Freund/innen und Bekannten eingeschränkt werden. Und klar, geht mir die Maske auf den Geist, ich bin nämlich Brillenträgerin und habe bisher unter den vielen guten Tipps, wie ich das Beschlagen der Brillengläser gerade im Winter vermeiden kann, noch keinen richtig wirksamen gefunden.

Aber ich habe, wie die meisten Menschen,  die Bestimmungen befolgt in der Hoffnung, dass die Situation sich möglichst schnell verbessert, wenn möglichst viele an einem Strang ziehen. Auch wenn ich einzelne Maßnahmen kritisiert habe, war ich im Großen und Ganzen zufrieden mit dem, was die Politik unter Leitung ihrer Chefin so gemacht hat und war überzeugt „In dieser Pandemie möchte ich in keinem anderen Land leben, als hier.“

Ja, ich habe bewusst geschrieben „ich war zufrieden“, denn im Moment bin ich stinksauer. Nicht darüber, dass ab kommendem Montag die Maskenpflicht verschärft wurde, sondern darüber, dass es den meisten Verantwortlichen gepflegt am Gesäß vorbeigeht, wie diese dann von allen Bürger/innen befolgt werden kann. Es zeigt sich gerade mal wieder, dass die Bezeichnung „sozial schwach“ in unserem Land völlig falsch verwendet wird, wenn damit Menschen mit geringem Einkommen und Bezieher/innen von Transferleistungen bezeichnet werden, und nicht Politiker/innen, denen es (mit Verlaub sch…) egal ist, ob und wie eine riesengroße Gruppe in unserem reichen, zivilisierten Land es finanziell stemmen kann, die angeordneten Masken zu bezahlen.

Geprüfte und zertifizierte (ohne, ist wahrscheinlich ein Kaffeefilter mit Haushaltsgummis mindestens so wirksam) FFP2 Masken kosten in etwa zwei bis drei Euro pro Stück. Wenn man sie nicht in Großpackungen kauft, für die man erst einmal die nötigen über hundert Euro übrig haben muss. Bei einem Regelsatz für Hartz4-Empfänger/innen von 446 Euro im Monat eher unwahrscheinlich. Das scheint auch in der Politik aufgefallen zu sein, so dass in Geschäften, öffentlichen Gebäuden, Bussen und Bahnen auch OP-Masken erlaubt sind. Die sind nicht nur preiswerter, sondern leider auch weniger schutzwirksam.

Mit anderen Worten, Politiker/innen tun nichts dagegen, dass nur diejenigen, die es sich leisten können von einem besseren Gesundheitsschutz profitieren können. Vom Abgeordneten über Minister bis hin zur Regierungschefin haben alle einen Eid auf das Grundgesetz geschworen. Da sollten sie doch wohl auch alle wissen, was drin steht, zum Beispiel in Artikel Drei. Trotzdem steuern sie weiter darauf hin, dass in Corona-Zeiten nicht nur die Bildungschancen, sondern auch der Gesundheitsschutz vom Einkommen abhängig ist, und erhebliche Bevölkerungsteile massiv benachteiligt sind.

Aber es ist nicht nur der Gesundheitsschutz derjenigen gefährdet, die sich die teuren Masken nicht leisten können, und für deren Anschaffung keine Unterstützung erhalten, sondern unser aller Schutz vor dem Virus, das durch Mutationen gerade immer ansteckender wird. Ich erinnere mich mit Grausen, was für abgeranzte, kaputte Einmal(!)-Masken ich im vergangenen Jahr gesehen habe, bevor sich kostengünstige, oft selbstgeschneiderte Alltagsmasken durchsetzten.

Machen wir doch mal die Rechnung auf für Hartz4-Bezieher/innen: Der Regelsatz sieht für Gesundheitspflege 17,02 Euro im Monat vor, umgerechnet etwa acht bis 10 FFP 2 Masken, die für eine maximale Schutzwirkung nicht länger als ca. acht Stunden getragen werden sollten. Deren Wirksamkeit durch ein halbes Stündchen im Backofen verlängern zu wollen, ist unter Fachleuten höchst umstritten, und der Strom dafür ja auch nicht umsonst.

Die Rechnung geht aber nur auf, wenn man nicht zwischendurch mal, gerade im Winter, Hustensaft, Nasensalbe oder Augentropfen braucht, und erst recht nicht für diejenigen, die das „Pech“ haben, eine Frau im gebärfähigen Alter zu sein. Sie können nämlich durchschnittlich jeden Monat gut sieben bis neun Euro für Tampons/Binden, Slipeinlagen und Schmerzmittel veranschlagen, dazu kommen noch Kosten z. B. für den Ersatz versauter Unterwäsche und erhöhten Schokoladen-Verbrauch.

Was also tun, wenn das Budget für die Masken aufgebraucht, aber noch viel Monat übrig ist? Einsparungen an anderer Stelle sind kaum möglich, wenn man eine Summe zur Verfügung hat, die nach Ansicht von Sozialverbänden nicht mal den Grundbedarf deckt. Konsequent die Wohnung nicht mehr verlassen, nicht mal zum Einkaufen von frischer Milch, oder wenn das Klopapier ausgegangen ist? Da werden doch wohl eher Masken getragen, bis sie anfangen zu zerfleddern, oder die ausgeleierten Gummibänder abgerissen sind. Mit anderen Worten, um die Bestimmungen zu erfüllen, die das Tragen von Einwegmasken vorschreiben, setzen sich Betroffene nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch ihre Umgebung einem beträchtlichen Ansteckungs-Risiko aus.

Das kann es doch wahrlich nicht sein, was die Politik erreichen wollte, als sie die Maskenpflicht verschärfte. Abhilfe zu schaffen, ist da gar nicht schwer: Ein bisschen weniger Corona-Staatsknete für Großunternehmen, die sich vor Steuerzahlungen in Deutschland drücken, und dafür Masken für Geringverdienende, Empfänger/innen von Sozialleistungen und deren Familien kaufen. Eine Rechnung, die aufgeht, und die ohne Hochbegabung, akademische Bildung oder ministerielle Amtsführung, auch von Menschen gelöst werden kann, die laut Regelsatz jeden Monat ganze 1,61 Euro für Bildung ausgeben können.

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Weihnachten mal ausnahmsweise besinnlich

Dieses Wort, das mit „Cor“ anfängt und mir „ona“ aufhört, geht mit inzwischen massiv auf die Eierstöcke, so dass ich mir hier mal wieder Luft mache, auch auf die Gefahr hin, dass ich euch mit dem nächsten Corona-Beitrag auf den Wecker gehe. Ich bin so genervt, dass ich dieses Virus mit den unterschiedlichsten Schimpfwörtern „schmücke“, je nachdem ob in Gedanken oder im Gespräch in verschiedenen Abstufungen. Mein derzeitiger Favorit ist „bBC“ = blöde Bitch Corona .

Als ich vor 15 Jahren die Ereignisse, die das Städtchen in die internationalen Schlagzeilen katapultierte, erleben durfte, hatte ich eigentlich für mich beschlossen, dass ich mit ein paar Tagen Stromausfall genug „Katastrophe“ für den Rest meines Lebens kennengelernt hatte. Als ich dann immer mehr Geflüchtete und ihre Geschichten kennenlernte, beschloss ich, dass das damalige Geschehen alles andere als eine Katastrophe war, aber ich bitte auch nichts Schlimmeres erleben möchte. Und seit ein paar Monaten bestimmt eine Pandemie mein kleines Leben, bedroht meine Wohlbefinden und meine Gesundheit, was dazu führt, dass zumindest meine Stimmungslage zunehmend katastrophal wird. Vor allem, wenn es um Auswirkungen wie Quergida und unfähige (Schul-)Politik geht.

Aber so richtig angepisst (sorry, nicht schön, aber treffend) bin ich über diese scheinheilige Debatte über Corona-Maßnahmen zu Weihnachten. Ja, Selbstverantwortung als Grundstein für nur ziemlich mäßig einschränkende Maßnahmen (das Wort Lockdown finde ich in diesem Zusammenhang, egal ob mit dem Adjektiv weich oder hart versehen, maßlos übertrieben, wenn es nicht um Gastronomie und Kulturbetrieb geht) war ja wohl ein Satz mit X. Die Aufnahmen von Fußgängerzonen und Einkaufszentren in den TV-Nachrichten zeigen zwar nicht so ein übles Gedränge, wie sonst zu dieser Zeit um Glühweinbuden üblich, aber immerhin noch so viele Leute, dass zwei Meter Abstand bestenfalls der erkennt, für den 20 Zentimeter auch… lassen wir das.

Eine ganz eindeutige Mehrheit der Bevölkerung ist laut Umfragen dafür, Corona-Maßnahmen über die kommenden Feiertage zu verschärfen, statt zu lockern, aber augenscheinlich hat die Mehrheit der Politiker/innen nicht genug Mumm, diesen Wunsch auch umzusetzen. Und wenn ich in dem Zusammenhang das hohe Lied auf Weihnachten „als Fest der Familie“ höre, dann verharre ich in einem Moment des ungläubigen Kopfschüttelns gepaart mit einem hämischen Lachen. Meine Schulzeit ist ja nun schon mehrere Jahrzehnte vorbei, aber seitdem weiß ich, wie Weihnachten und Familie geschrieben wird, auf jeden Fall nicht wie K-o-m-m-e-r-z und S-t-r-e-s-s.

Es kann doch nicht sein, dass sich ganz plötzlich so viele nicht mehr daran erinnern, wie sie jedes Jahr stöhnen, weil sie einen regelrechten Eiertanz hinkriegen müssen, wer, wann, wen besuchen muss, und dabei oft längere Zeit im Auto verbringen als unter irgendeinem Weihnachtsbaum. Liebe junge Eltern, dieses Jahr habt ihr endlich die Chance euren Wunsch umzusetzen, die Bescherung an Heiligabend nur im Kreis der Kleinfamilie, also ohne Omas, Opas, Patentanten- und -onkel zu erleben. Ich bin ganz sicher, dass niemand vermissen wird, wenn Schwiegermutter beim Anblick des Weihnachtsmenus unweigerlich feststellt „Also, ich mach meine Knödel ja immer aus rohen Kartoffeln.“

Stellt euch doch mal vor, ihr sinkt am späten Abend mal nicht im zerknitterten Sonntagsfummel mit schmerzenden Füßen aufs Sofa, gönnt euch einen doppelten Grappa wegen der erhöhten Abschalt-Wirkung und stöhnt der/dem Partner/in nicht vor, dass sich Onkel Rudi ja noch schlimmer benommen hat als letztes Jahr, und Vati ja sowieso immer so ungemütlich wird, wenn er Schnaps getrunken hat. Stattdessen könnt ihr euch in Wollsocken und Jogginghose (in Corona-Zeiten ist so manches Tabu gebrochen) auf dem Sofa und lümmeln, den teuren Wein genießen den Tante Hildegard sonst immer runterkippt wie Wasser (Stichwort: Familie schöntrinken) und euch freuen, wie glücklich und zufrieden die Kinder doch waren, weil sie ganz ohne Druck, sich mehrfach zu bedanken und dabei niemand der Anwesenden zu vernachlässigen, in Ruhe ihr neues Spielzeug ausprobieren konnten. Und ist es denn nicht klasse, endlich die Gewissheit zu haben, dass Kindern und Eltern Spaghetti Bolognese einfach besser schmecken als Weihnachtsgans mit Rotkohl und (pssst! Packungs-)Knödeln?

Wenn ihr dann noch in der Verwandtschaft durchsetzen könnt, dass ihr aus Rücksicht auf die ohnehin schon schwerst ackernden Post- und Paket-Bot/innen die sonst übliche Geschenkeflut etwas trockenzulegen, ist das mit dem Abstand in den Fußgängerzonen und Geschäften auch viel einfacher. Und wenn ihr doch etwas verschenken wollt, verfolgt doch mal eine ganz neue Einkaufsstrategie:  Nicht mehr vor Ort von fachkundigen Verkäufer/innen beraten lassen und dann im Netz bei denen bestellen, die eure Heimatstadt ganz sicher nicht mit Steuergeldern lebendig erhalten. Nein, nutzt die Homepages des Versandhandels von Amazon bis Zalando um euch über bestimmte Produkte zu informieren, und setzt euch dann mit dem örtlichen Einzelhandel in Verbindung, damit die euch das Wunschteil beschaffen, das ihr dann nur noch abholen müsst. Oder ihr verschenkt, wie sonst auch oft, Gutscheine. Jetzt aber bitte mal ausnahmslos(!) von Geschäften in der direkten Nachbarschaft der Empfänger/innen.

Mit anderen Worten: Egal, wie in welchem Bundesland die Entscheidungen über Corona-Maßnahmen zu den Feiertagen aussehen werden, bleibt doch einfach zu Hause, macht es euch gemütlich und probiert mal ein Weihnachten ohne aufwändige, stressige und eher unbeliebte Familientraditionen aus. Ihr werdet euch wundern, wie schön das sein kann, wenn ihr es zulasst, indem ihr nicht jammert, sondern euch bemüht die positiven Seiten zu sehen. Der Wunsch nach „besinnlichen“ Weihnachten hat in diesem Jahr mal echte Chancen, nicht nur als Floskel zu dienen, sondern umgesetzt zu werden. Der für ein gesundes Neues Jahr damit automatisch auch.

P.S.: Auch ein Single-Weihnachten, für das ihr nur so viel einkauft, wie ihr braucht, an dem ihr ausschließlich das auf den Tisch bringt, was euch am besten schmeckt, nur dann, wenn ihr Hunger darauf habt, an dem ihr ganz ohne schlechtes Gewissen an drei Tagen zwei Bücher durchlesen könnt, oder morgens vor dem Frühstück einen Waldspaziergang macht, ist eine tolle Sache, wenn ihr euch darauf einlasst. Erfahrungswert!

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Stoßlüften auch in Amtsstuben

Erinnert ihr euch noch an den Sommer, als man sich im Freien treffen durfte? Erinnert ihr euch auch noch daran, dass außer Trump noch einige Leute gedacht haben, das Virus mitsamt Ansteckungsgefahr sei sowas Ähnliches wie Butter und würde in der Sonne schmelzen, und deshalb sei die Zeit reif für große Partys? Damals noch, ohne dass irgendwelche Leute, die sich selber ganz stolz ein völlig verqueres Denkvermögen bescheinigen, ihre Finger im Spiel hatten. Zu der Zeit wurden diese Treffen von hundert und mehr Leuten ohne Einhaltung der Abstandsregeln von der Polizei aufgelöst. Und heute? Da findet das, was vor gar nicht langer Zeit als Corona-Partys mit Bußgeldern belegt wurde, ganz legal und auf ministerielle Anordnung jeden Tag in bundesdeutschen Schulen statt.

Ja, ich finde es gut und richtig, dass Schulunterricht auch in Corona-Zeiten eine Selbstverständlichkeit ist. Was ich aber ganz bestimmt nicht für selbstverständlich halte, dass die zuständigen Ministerien es schlicht und einfach vergeigt haben, den Schulunterricht an Corona-Bedingungen anzupassen und Schüler, Lehrer und Eltern schmählich im Stich lassen. Wie fühlt frau sich denn wohl als zuständige Ministerin, wenn sie im mit 240 Plexiglas-Kabinen ausgestatten Düsseldorfer Plenarsaal verkündet, dass ihre beste Idee für weiteren Infektionsschutz von Schüler/innen und Lehrer/innen in der zweiten Corona-Welle geöffnete Fenster und Strickjacken ist? Da kommt große Freude auf, vor allem, wenn man sich überlegt, warum nach über acht Monaten Leben mit dem Virus das geballte ministerielle Fachwissen mit viel gutem Willen gerade mal als übersichtlich einzuschätzen ist.

Wenn betroffene Mütter und Väter da zu einer weitaus drastischeren Wortwahl greifen – natürlich nur in Abwesenheit des Nachwuchses dem das elterliche Repertoire an Schimpfwörtern verborgen bleiben soll, ist das durchaus nachzuvollziehen. Egal, ob es um überfüllte Schulbusse, jämmerliche technische Ausstattung der Schulen, oftmals nicht viel bessere Kenntnisse der Lehrkräfte geht, da schwellen Hälse. Wenn dann noch hinzukommt, dass z. B. in den westmünsterländischen Bauernschaften die Internet-Anbindung derart lahm ist, dass die User/innen, anders als die zu verschickende Daten in Rekordzeithochgeladen sind, platzen auch schon mal Kragenknöpfe ab.

Wenn in Radio- und Fernsehinterviews Landes-Schulministerinnen auftreten, frage ich mich, woher sie die Arroganz nehmen, das Lüften als die beste aller Maßnahmen gegen Corona im Klassenzimmer zu bejubeln, obwohl bei weitergehenden journalistischen Nachfragen Unwissenheit und Unsicherheit deutlich, ja schon grell hervorblitzen. Diese Arroganz geht dann auch soweit, dass Eltern, die Luftreiniger spenden wollen, bürokratische Steine in den Weg gelegt werden, der recht kostengünstige Einbau von Abzugshauben aus akademischer Planung nur für Räume gestattet werden soll, in denen sich die Fenster nicht öffnen lassen, und gute und praktikable Ideen von Lehrer/innen und Direktor/innen abgelehnt statt diskutiert werden. Wenn Stoßlüften das Allheilmittel in diesen Zeiten ist, warum bleibt in vielen Amtsstuben alles verschlossen, was frischen Wind reinlassen könnte?

Ich habe ja schon häufig in diesem Jahr festgestellt, dass ich – bei aller Kritik an Politik und Regierung in verschiedenen Bereichen –  froh bin, in Corona-Zeiten in Deutschland zu leben. Bei dieser Feststellung kann ich auch weiter bleiben, allerdings nur, weil meine Kinder aus dem schulpflichtigen Alter lange raus sind.

Das „Wort des Jahres“ ist ja seit ein paar Tagen bekannt, mein Vorschlag für das „Unwort des Jahres“ lautet: Bildungspolitik. Wobei ich fürchte, dass es das Potential hat zum „Unwort des Jahrzehnts“ zu werden. Mindestens.

fl

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