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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Achtung Tratsch nicht klatschen

Eine praktische Frisur ohne chemische Farbgebung, eine erfreulich stabile Gesundheit (heftig auf Holz klopfe) und vor allem Desinteresse an Könichs und allem, was mit „von und zu“ bezeichnet wird, umschreibt ganz gut meine Kenntnisse über das, was in europäischen Schlössern und Burgen  so vor sich geht. Umso mehr verblüfft mich, was da gerade auf allen Kanälen über das britische Königshaus und ein junges Ehepaar aus den hinteren Reihen der königlichen Rangfolge verbreitet wird.

Boulevard und Klatschpresse verdienen bekanntlich (oft unverdient) jede Menge Kohle damit, immer neue Gerüchte und (Fehl-)Einschätzungen breitzutreten, und nicht selten das Ganze, vor allem jenseits des Kanals zur Gewinn-Optimierung mit einer gehörigen Portion Bosheit zu garnieren. Und da ist es ganz gewiss kein Zufall, dass das in erster Linie auf Kosten einer Frau geht, die sich auch noch erdreistet, feministische Organisationen und deren Forderungen zu unterstützen. Allein die Bezeichnung Megxit spricht das Bände, denn Gatte Harry war sicherlich nicht unbeteiligt. Und Haxit hört sich sowieso viel lustiger an.

Ja, jetzt kommt mir ruhig damit, dass ich trotz Desinteresses ja wohl doch nicht ganz ahnungslos bin. Stimmt, Ursache ist aber weniger Informationsbedarf, als vielmehr eine Faszination des Grauens bei der (nicht lückenlosen) Lektüre eines Strangs im schon mal erwähnten Forum einer großen deutschen Frauenzeitschrift.

Es ist erschreckend, wieviel Missgunst und Häme da ausgeschüttet wird– wobei ich nicht ausschließe, dass dahinter auch hin und wieder eine Portion Rassismus versteckt werden soll. Und es ist höchst erstaunlich, welche Kenntnisse über das, was im Buckingham-Palast und anderen hochherrschaftlichen Wohnsitzen hinter verschlossenen Türen stattfindet, da kundgetan werden. Also entweder, sind diese Räumlichkeiten total verwanzt und die deutschen Internet-Nutzer/innen haben uneingeschränkten Zugriff auf lückenlose Gesprächsprotokolle, oder aber es gibt geheime Kaffeefahrten, bei denen statt Heizdecken ein Blick durch monarchische Schlüssellöcher verkauft wird.

Ärztliche Schweigepflicht scheinen fleißige Forums-Schreiber/innen ebenfalls außer Kraft gesetzt zu haben, wenn man staunend nachlesen kann, welche Psychogramme sie da zusammenbasteln. Dass Meghan nicht in Domina-Outfit mit Netzstrumpfhosen und Corsage das Ehegesponst nach Kanada peitschen musste, wundert nach der Lektüre da schon. Aber die Wahl der Strumpfhosen, sowie der Verzicht darauf, der eher mäßig begabten Seriendarstellerin kurz vor dem Karriere-Aus (nicht meine Einschätzung) wird da schon von allen Seiten betrachtet. Ebenso wie die Tatsache, dass es systemimmanent sein muss, wenn der Hochadel mal selbst die Autotür zuschlägt und damit die Dienerschaft brüskiert. Ach nee, Fehler meinerseits, wenn Meghan Sussex mal aus Versehen eine Autotür selber schließt, ist das ganz Iih, Pfui, Bah, wenn der Königsgemahl sich selbst ans Steuer setzte, war das bestenfalls Anlass für Spekulationen über die Kombination von Greisenalter und Fahrtüchtigkeit.

Eigentlich warte ich auch darauf, dass die Kaffeeröstereien so langsam mal über Verkaufsrekorde jubeln, bei soviel Kaffeesatz-Leserei, die über die Zukunft des nicht mehr royalen Paares betrieben wird. Eine Scheidung ist unvermeidbar, wenn der zum Handtaschenträger degradierte Gatte den Forist/innen endlich mal zustimmt, dass seine Ehefrau ihn aus purer Berechnung geheiratet hat. Und das Sorgerecht für Sohn Archie hat das höchst interessierte Publikum ebenfalls schon festgelegt.

Es ist eine Mischung aus Amüsement, Erstaunen und Widerwillen, die solche Lektüre bei mir verursacht. Es ist aber auch gehörige Fassungslosigkeit darüber, dass erwachsene Menschen so viel Zeit und Hirntätigkeit (nicht unbedingt von erwähnenswerter Qualität) darauf verwenden über eine einzelne Frau, die ihnen nie im Leben begegnet ist, solche Urteile zu fällen. Sie scheinen in der Tat nichts Besseres zu tun zu haben. Vielleicht sollte ich mal nachfragen, ob jemand von ihnen bereit ist, mal meine Fenster zu putzen.

fl

Mit heißen Nadeln für warme Hände

Für die Einen ist langweiliges Aneinanderreihen von Schlaufen, für die Anderen ist es Mediation mit den Händen, für die Einen modischer Fehltritt, für die Anderen eine willkommene Technik, individuelle Kleidungsstücke und Accessoires ohne langwierig und mühsam erworbene Vorkenntnisse anzufertigen. Die Rede ist vom Stricken und Häkeln, und klar gehöre ich bekanntlich zu den Letzteren, die diese Freizeitbeschäftigung überaus schätzen und sie gegen jede Form von Kritik verteidigen. In meinem Fall allerdings nur, solange hässliche Tierchen in Neonfarben, Emojis, Glitzerpullis und Rüschenschals nicht zur Debatte stehen.

Aber ehrlich gesagt, Stricken kann schon mal ganz schön öde sein, nicht nur wenn ich Socken in Größe 46 auf der Nadel habe, sondern auch wenn ich in der Bücherei in Büchern und Zeitschriften nach interessanten Neuheiten suche.

Vielleicht bin ich auch ja etwas anspruchsvoll, aber, wenn ich einmal begriffen habe, wie Spiralsocken gestrickt werden, halte ich ein weiteres Buch, in dem erläutert wird, wie man mit der ursprünglichen Technik Spiralsocken mit andersfarbiger Wolle strickt, für ausgesprochen langweilig und überflüssig. Ähnlich geht es mir mit Schals, Mützen, Dreieckstüchern, Raglan-Pullis und-Jacken und vielen anderen Handarbeiten.

Klar, irgendwann sind viele Techniken des Schlaufen Machens erschöpfend erklärt, da muss das Ganze eine neue Farbe oder einen neuen Namen bekommen, wenn man weiterhin Bücher verkaufen will. Oder man versucht auf den Nachhaltigkeits-Zug aufzuspringen, indem man die Herstellung farbenfroher Putzuntensilien zum neuesten Trend erklärt, und dafür dann ein ökologisch sehr fragwürdiges Garn empfiehlt. Nicht gerade das, was ich mir unter Strickspaß vorstelle, wie hier nachzulesen ist: klick

Aber, oh Glück oh Wonne vieler künftiger Strickabende auf dem heimischen Sofa: ich hab jetzt etwas ganz Neues entdeckt, eine neue Technik und ein neues Design.

Ausgetüftelt von einem deutschen Mann namens Bernd Kestler der in Japan lebt und begeisterter Motorradfahrer ist. Nicht, dass ich strickende Männer für exotisch halte (ich habe selber einen in der Familie), aber die Kombination von Biken und Stricken finde ich dann doch spannend.

Es kostete dann auch keine Überredungskunst, einen mir gut bekannten, hier regelmäßig erwähnten Büchereileiter zu überzeugen, dass das Buch ganz dringend und unbedingt so schnell wie möglich in den Bücherei-Bestand aufgenommen werden muss. Und so begann das neue Jahr für mich damit, mich durch Anleitungen zu fuchsen, was dank vieler Fotos und Strickschriften gar nicht schwer war, und mich mit der sogenannten Kabusehagi-Technik und dem „isländischen Abketten“ vertraut zu machen. Sicher ist seitdem, dass die Isländer in Zukunft ganz sicher auch an der Fertigstellung von anderen Strickstücken beteiligt sein werden.

Wichtiger Insider-Tipp: Überaus hilfreich ist es, sich die Anleitungen genau anzusehen, statt voller Euphorie (und einer Portion Selbstüberschätzung) nach kurzem Blick loszustricken. Dann kann man nämlich unter anderem zur Kenntnis nehmen, dass in den Strickschriften auch Reihen ohne Maschenzunahmen deutlich sichtbar sind. Diese mit einzuarbeiten, wirkt sich sehr positiv auf die Passform aus. Asche auf mein Haupt, aber danach hatte ich das Grundprinzip wirklich umsetzungsreif kapiert. Jedenfalls bin ich hellauf begeistert, sowohl davon, wie einfach es ist, diese Stulpen zu stricken, ohne dass es langweilig wird, als auch davon, welche tollen Effekte z.B. mit Farbverlaufs-Wolle und Mustern erzielt werden.

Auch wenn meine Stricknadeln fast schon heiß laufen, es gibt so viele Varianten, ob aus dem Buch oder nach eigenen Ideen, dass ich noch einige japanische Handstulpen stricken und verschenken werde. Ich bin mal gespannt, wann sich die ersten Träger/innen kennenlernen, weil ihnen auffällt, dass sie nahezu identische Handwärmer tragen. Angesichts der derzeitigen Temperaturen wird das wohl erst in einem anderen Winter pasieren.

Abschließend noch ein Tipp – nicht nur für Insider: Wer sich selbst an diesen Stulpen versuchen möchte mit Hilfe des Buchs von Bernd Kestler aus meiner Lieblingsbücherei, sollte es ganz schnell vorbestellen (die Warteliste ist noch nicht zuuu lang, jedenfalls bis gestern). Und wer sich alleine nicht ganz rantraut, oder sich mit anderen über Tipps und Tricks – auch für andere Techniken und Strickstücke – austauschen möchte: An jedem ersten Freitag im Monat ab 15 Uhr gibt es in der gemütlichsten Bücherei des Städtchens ein offenes Handarbeitstreffen für alle Interessierte, egal ob Anfänger/innen und Fortgeschrittene.

fl

Weihnachten für’n Ar***

Als der damalige Ehemann in spe vor Jahrzehnten am Tag vor Heiligabend von der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für mich nach Hause kam und enttäuscht verkündete „Das Bügelbrett, das ich dir schenken wollte, gabs nicht mehr“ hätte mir das ebenso eine Warnung sein sollen, wie das Folienschweißgerät, das dann letztendlich unterm Weihnachtsbaum lag. Es war der erste und letzte Mal in meinem Leben, dass jemand es gewagt hat, mir zu Weihnachten ein Haushaltsgerät zu schenken.

Der Ehemann ist zum Glück schon längst Geschichte, mein Unverständnis über so manches (Vor-)Weihnachtliche Gebaren ist geblieben und hat sich im Laufe der Jahre noch gesteigert. Laut einer repräsentativen Umfrage unter über Zwölfjährigen im Oktober dieses Jahres, planen die Deutschen in diesem Jahr 475 Euro für Weihnachten auszugeben. Vier-hun-dert-fünf-und-sieb-zig (diese merkwürdige Schreibweise ist der Schnappatmung geschuldet, die mich bei dieser Nachricht überkam) pro Kopf. Der deutsche Handel verkündete etwa zur selben Zeit, dass er auf einen weihnachtlichen Umsatz von über einer Milliarde hofft. Wer sagt jetzt den Unkenrufern, die seit ein paar Jahren den Niedergang von Staat und Gesellschaft versuchen herbei zu reden,  dass es uns viel zu gut geht, wenn solche Wahnsinnssummen ausgegeben werden für Dinge, von denen ich zu Recht annehme, dass sie nicht lebensnotwendig sind, sondern irgendwo zwischen Luxus und Schnickschnack rangieren.

Mein Kinder sind ja bekanntlich längst aus dem Wunschzettel-Alter, in dem sie noch an Nikolaus und Christkind glaubten, raus und wir haben seit einigen Jahren jeder festtäglichen Geschenkezwang abgeschafft. Unsere Weihnachtsfeste sind seitdem garantiert nicht weniger stimmungsvoll.

Wenn ich so sehe, was die Werbung uns in diesen Wochen versucht als Geschenkideen anzudrehen, wundert mich ohnehin, dass die jährliche Kriminalstatistik nicht um die Kategorie „Festtags-Gewalt“ erweitert wird. Hatte das Folienschweißgerät vor Jahrzehnten schon für eine bedenkliche Schieflage des Haussegens gesorgt, versagt meine Phantasie bei der Vorstellung, wie ich auf eine Geschenkidee reagiert hätte, die mir mein Handy (ohne Adblocker) kürzlich vorschlug. Als „Kleine, aber feine Weihnachtsüberraschung“ wurde mir da ein praktischer Käsehalter angepriesen. Dabei handelt es sich um zwei Plastikplatten mit Dornen, die man in ein Stück Käse stecken kann, um ihn beim Schneiden festzuhalten. Ja, wie wärs denn mal mit Wasser, Seife und einem Handtuch, bevor man den Käse aus der Packung holt? Und auch wenn der Käse für Stinkefinger sorgen sollte (in meiner Vorstellung tun das eher die Plastikteile) hat sich die seit langem praktizierte, gar nicht weihnachtliche Tradition des Händewaschens bewährt.

Getoppt wurde das von einem anderen Angebot, das ebenfalls ernsthaft als weihnachtliche Gabe für unterm Baum angepriesen ist, und eigentlich was für’n Arsch ist. Es handelt sich hierbei um einen Halter mit eingebautem Wassertank, der jedes haushaltsübliche Klopapier mit Wasser befeuchtet und als umweltfreundliche Alternative zu feuchtem Toilettenpapier beworben wird. Besonders erwähnt wird , dass auch „echte Kerle“ es verwenden können. Ich gehe mal positiv davon aus, dass auch echte Kerle ebenso wie ihre „Ladys“ mit Wasser und Seife umgehen können. Und wenn ich sehe, dass dieses Blechteil extra zu Weihnachten auf knapp 60 Euronen reduziert ist, bekomme ich so langsam eine Ahnung, wie man es schaffen kann, mehrere hundert Euro für Weihnachtsgeschenke auszugeben. Das Patenrezept heißt: Viel ebenso sinnloses wie unnützes Zeug kaufen. Und wenn die Geschenke-Werbung erfolglos war, dann bleiben ja noch die kunterbunten, hektisch blinkenden Weihnachtsbeleuchtungen, die in manchen Straßen dafür sorgen, dass PKW mit auswärtigen Kennzeichen umherirren, in denen einzelne Männer mit zunehmend enttäuschtem Gesichtsausdruck sitzen.

In diesem Sinne euch allen schöne Weihnachten jenseits von jedem Geschenkewahn und Konsumblödsinn, dafür mit schönen, geselligen, fröhlichen und harmonischen Stunden vorzugsweise im Kreis lieber Menschen.

fl

Kartoffelsalat-Challenge und eine Portion Senf dazu

Gänsebraten, Filet, Kalbsragout – zum Feste nur das Beste. Entsprechend überschlagen sich die Lebensmittelketten mit Werbung für Spezialitäten und besonders teure Lebensmittel, als hätte noch niemand den Begriff Kalorien erfunden. Und obwohl es ein Riesenangebot von Gänsebraten über Kalbsragout bis Filetstreifen fürs Fondue gibt, hat sich in vielen Familien die Tradition gehalten, an Heiligabend so etwas ganz Profanes, wie Würstchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch zu bringen. 

Woher diese Tradition stammt, ist im Gegensatz zu anderen, noch viel unwichtigeren Dingen nicht aufwändig erforscht, man geht aber davon aus, dass sie aus Zeiten stammt, in denen Heiligabend ein ganz normaler Arbeitstag war, an dem bis zum Abend die Bude noch auf Weihnachtsglanz  gebracht werden musste. Die Hausfrauen  hatten wahrscheinlich schlicht keinen Bock drei Tage hintereinander sehr aufwändig, zeit- und arbeitsintensiv zu kochen, während der Anteil der Herren des Hauses, darin bestand, sich an den gedeckten Tisch zu setzen. Möglich, dass die Tatsache, dass sich heute mehr Männer als früher an den Weihnachtsvorbereitungen beteiligen (müssen), dazu beiträgt, dass sich Würstchen mit Kartoffelsalat an Heiligabend auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen.

Während sich um die Würstchen Industrie und Handel kümmern (ich warte noch auf die Dosen mit aufgedruckten Weihnachtsmännern und Tannengrün und entsprechendem Preisaufschlag), ist die Zubereitung des Kartoffelsalats dagegen eine ganz wichtige Angelegenheit, ja oft schon Glaubenssache. Denn welches Rezept ist das Beste? Das von Mutter, Schwiegermutter, Oma oder Tante? Kartoffelsalat warm oder kalt, mit Mayonnaise oder Essig und Öl? Bekanntlich sind Familienstreitigkeiten zu den Festtagen besonders häufig. Nicht auszuschließen, dass Kartoffelsalat dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Wann immer in gemütlicher Runde das Thema Kartoffelsalat aufkommt, sind alle Beteiligten sich einig: Mein Rezept (von Oma, Mutter, Tante) ist das Beste! Genau diese Diskussion kam vor einiger Zeit beim monatlichen Ochtruper Spieletreffen auf, und der meist geäußerte Satz war „Hört sich gut an, aber meiner schmeckt besser.“ Den Wahrheitsgehalt dieser Aussage werden wir jetzt beim letzten Spieletreffen (herzlich willkommen am Samstag, 14.12. ab 16 Uhr in der Begegnungsstätte der Villa Winkel im Ochtruper Stadtpark) des Jahres überprüfen, denn es gibt eine Kartoffelsalat-Challenge. Wer sich daran beteiligen möchte, bringt eine mittlere Schüssel Kartoffelsalat mit, natürlich nach dem vermeintlich besten Rezept, das es überhaupt gibt. Die Schüssel sollte groß genug sein, dass alle Besucher/innen probieren können, aber nicht so groß, dass mit einer einzigen Sorte Kartoffelsalat alle Besucher/innen satt werden. Egal, welche Zutaten, alle Salate werden probiert und beurteilt (sollten Erbsen drin sein, steht mein Urteil schon im Voraus fest: Kann man machen, sollte man aber nicht). Für die dazugehörigen Würstchen sorgen die Veranstalter, selbstverständlich gibt es auch die nötige Portion Senf dazu.

P.S.: Wer nicht an der Kartoffelsalat-Challenge teilnehmen kann, darf gerne ihr/sein Rezept für den besten Kartoffelsalat der Welt in den Kommentaren veröffentlichen. Vielleicht ergibt sich daraus noch die eine oder andere weihnachtliche Kartoffelsalat-Challenge im privaten Kreis.

fl

Freude über 120 Millionen? Nö!

„Stink sauer“ ist wohl die passende Bezeichnung für meine erste Reaktion auf die Statements und die Berichterstattung Anfang der Woche zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Inzwischen bin ich wieder so weit abgekühlt, dass ich aufschreiben kann, was mich daran so ärgert, ohne eine Vielzahl von Worten durch das in Funk und Fernsehen so beliebte „piiiiieeeep“ ersetzen zu müssen.

Auch ich gehöre zu den vielen hunderttausend Frauen in diesem Land, die im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt erleben mussten. Deshalb kenne auch ich das Gefühl von Fassungslosigkeit, Entsetzen, Angst, Scham – die völlig unangebracht ist, denn wenn sich jemand schämen muss, dann der Täter, Zweifel an den eigenen Menschenkenntnissen und daran, mit dieser Situation und ihren Folgen fertig zu werden.

Ich hatte Glück, ich kam mit leichten Prellungen und Hautabschürfungen davon, der damalige Ehemann kam nur noch einmal ins Haus um seine Sachen abzuholen. Das Alles ist viele Jahre her, ist inzwischen in meinem Kopf und meiner Gefühlswelt als einmalige, unangenehme Erfahrung ganz weit hinten abgespeichert, die mir und den vielen anderen, sehr oft viel schlimmer betroffenen Frauen zeigt, dass die Binse „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ hier bestenfalls für kurze Zeit zutrifft.

Deshalb, weil in unserer Gesellschaft immer noch nicht vollumfänglich anerkannt ist, was auch in der Präambel des „Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ steht:

… dass Gewalt gegen Frauen der Ausdruck historisch gewachsener ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern ist, die zur Beherrschung und Diskriminierung der Frau durch den Mann und zur Verhinderung der vollständigen Gleichstellung der Frau geführt haben;
… dass Gewalt gegen Frauen als geschlechtsspezifische Gewalt strukturellen Charakter hat,
… dass Gewalt gegen Frauen einer der entscheidenden sozialen Mechanismen ist, durch den Frauen in eine untergeordnete Position gegenüber Männern gezwungen werden;

Dieses als Istanbul-Konvention bezeichnete Übereinkommen hat Deutschland übrigens erst acht Jahre nachdem es von den ersten Mitgliedsstaaten unterschrieben wurde und drei Jahre nachdem es in Kraft getreten war, ratifiziert. Bittere Randnotiz: in der namensgebenden Stadt, in der so wichtige Forderungen für den Schutz von Frauen vor Gewalt ausgearbeitet und festgelegt worden sind, wurde in dieser Woche eine friedliche Demonstration von Frauen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, von der Polizei GEWALTSAM aufgelöst, ohne dass die Behörden einen Grund dafür genannt haben.

Ja, selbstverständlich bin ich froh und dankbar, dass wir Frauen in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern unbehelligt für unsere Rechte und damit für den Schutz vor Gewalt demonstrieren dürfen. Richtig begeistert wäre ich, wenn alle Demos und Aktionen von Frauen auch wirklich etwas bringen würden, außer ein paar betroffenen, aber oft beschwichtigenden Worten und Finanz-Zusagen von eher symbolischem Wert.

Wenn Familienministerin Giffey dieser Tage angesichts der Kriminalitäts-Statistik mit über 140 000 Opfern feststellt, es müsse dringend etwas gegen häusliche Gewalt getan werden, dann stellt sich die Frage, warum ist denn bisher so wenig dagegen getan worden, dass die Zahlen seit vielen Jahren gleichbleibend erschreckend hoch sind?

Mal ein paar Fakten aus der bislang größten europaweiten Erhebung der FRA (Agentur der Europäischen Union für Grundrechte) von 2014:

  • 33 % der Frauen haben seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Dies entspricht etwa 62 Millionen Frauen.
  • 22 % der Frauen haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt.
  • 67 % meldeten die schwerwiegendsten Gewaltvorfälle innerhalb einer Partnerschaft nicht der Polizei oder einer anderen Organisation.

Mit anderen Worten, die über 114 000 weiblichen Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland, die im vergangenen Jahr in der Kriminalstatistik erfasst wurden und die in keinem Medienbericht über den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in den letzten Tagen gefehlt haben, machen gerade mal ein Drittel der tatsächlichen Opferzahl aus.

Ja, die Zahlen aus der Erhebung sind fünf Jahre alt, es gibt meines Wissens keine aktuellere Untersuchung in dem Umfang. Und das Bundesfamilienministerium gibt sich immer noch damit zufrieden, sich in Veröffentlichungen im Jahr 2019 auf Studien aus den Jahren 2004 und 2009 zu beziehen. Noch Fragen zur Relevanz, die diesem Thema beigemessen wird? Meine Antwort wäre bestenfalls Zähneknirschen.

Und deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, mit welchem Stolz Frau Giffey in dieser Woche verkündet hat, dass die Regierung in den kommenden vier Jahren 120 Millionen für Frauenhäuser und Beratungsstellen zur Verfügung stellen will. Scham darüber, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten so wenig dafür getan wurde, und dass die Summe im Vergleich zu anderen Ausgaben des Bundes geradezu lächerlich ist, wäre m. E. eher angebracht. Vor meinem geistigen Auge tauchen zum Beispiel gerade die Worte „Scheuer“ und „Maut-Desaster“ auf. Ebenso wie die Überlegung, dass Giffeys Partei die große Koalition endgültig vor die Füße zu fallen droht, und sie noch schnell ein paar Pluspunkte bei den Wählerinnen sammeln möchte, bevor die Bedeutungslosigkeit droht.

Seitdem ich mich Ende der 70er Jahre zusammen mit vielen anderen Frauen für die Einrichtung eines Frauenhauses am damaligen Wohnort engagiert habe (es wurde fast 20 Jahre später eröffnet , an dieser Stelle vorsichtshalber ein „piiiiieeeep“ ), weiß ich, dass die Frauenhäuser in Deutschland immer mit ungesicherter Finanzierung zu kämpfen haben, die jährlichen Zuschüsse eher von Politik und nicht von Notwendigkeit bestimmt sind. Vor allem aber ist bekannt, dass die Zahl von 350 Häuser mit 6 800 Plätzen hinten und vorne nicht ausreicht, das ist umgerechnet nämlich nur ein Platz auf 16 350 Einwohner/innen. Die bereits erwähnte Istanbul-Konvention, die, wie bereits ebenfalls erwähnt, auch für Deutschland verbindlich ist, sieht 2,5 Plätze pro 10 000 Einwohner/in vor. Es fehlen also aktuell in Deutschland 800 Frauenhäuser mit 14 600 Plätzen.

Mal angenommen, die von Frau Giffey versprochenen 120 Millionen in den kommenden vier Jahren würden ausschließlich für die Einrichtung neuer Frauenhäuser verwendet, wären das pro Haus gerade mal 15 000 Ocken. Also für die Betreiber-Organisationen ist ein Ende des Klinkenputzens bei Kommunal- und Landes-Parlamenten und des Spenden-Sammelns nicht abzusehen. Von den misshandelten und verletzten Frauen und ihren Kindern, die wegen Platzmangels vor der Tür bleiben müssen, will ich gar nicht erst anfangen. Nochmal: „piiiiieeeep“

Wohlgemerkt, die Rede ist von der Finanzierung neuer Frauenhäuser, nicht von Folgekosten, Stellenschlüsseln und angemessener Bezahlung. Vor allem aber ist nicht die Rede davon, wie die Politik dagegen angehen will, dass Gewalt gegen Frauen ein strukturelles gesellschaftliches Problem ist und bleibt. Nebenbei: lediglich rund fünf Prozent der angezeigten Fälle führen zu einer Verurteilung des Täters.

Vor über 40 Jahren habe ich mir in jugendlichem Enthusiasmus einen Ketten-Anhänger mit dem Frauenzeichen gekauft und lange Zeit umgehabt. Seit einigen Jahren trage ich diese Kette wieder. Bestimmt nicht aus Enthusiasmus, sondern mit dem Gefühl dass es leider immer noch notwendig ist, darauf hinzuweisen zu wollen, dass das Ziel eines gleichwertigen, gewaltfreien Miteinanders von Frauen und Männern noch ein ganz schönes Stück weit weg ist. Lasst uns mal Tempo machen, um es schneller zu erreichen. Wir könnten zum Beispiel der Politik zeigen, dass wir uns mit milden Gaben von 30 Millionen Euro pro Jahr für den Schutz von hunderttausenden Frauen vor Gewalt nicht mehr zufriedengeben.

fl

Klima ja, Engel nein

Nein, mein Versprechen, dass ich im September auf meine alten Tage das erste und letzte Mal bei der Polizei eine Demonstration, korrekt ausgedrückt, eine „Versammlung unter freiem Himmel“, anmelden würde, habe ich nicht eingehalten. Ich habe schon das Okay der zuständigen Kreispolizeibehörde für das nächste Mal.

Am weltweiten Streik- und Aktionstag von „fridays for future“ Ende September, fand auch im hiesigen Städtchen erstmals eine Veranstaltung statt, auf der Jede/r ein Zeichen setzen konnte für Klima- und Umweltschutz. An der Planung, Vorbereitung und Organisation war ich nicht unerheblich mitbeteiligt und konnte meine Begeisterung über den Erfolg der Aktion mit vielen Akteur/innen teilen. Wie in vielen Städten kamen auch hier mehr als doppelt so viele Menschen, wie erwartet zusammen. Wir waren also ein kleiner, aber ziemlich stolzer Teil einer Bewegung, die an einem einzigen Tag 1,4 Millionen Menschen auf die Straße gebracht hatte.

Nach dieser Veranstaltung gründete sich eine Initiative, in der Interessierte sich über diesen einen Tag hinaus austauschen, aber auch öffentlich und gemeinsam auf ihre Anliegen aufmerksam machen können. (Für alle Leser/innen aus Ochtrup und Umgebung: Wir treffen uns an jedem ersten Mittwoch im Monat in der Begegnungsstätte der Villa Winkel im Stadtpark – herzlich willkommen).

Was uns zusammenbrachte, war nicht nur das gemeinsame Engagement und die Freude darüber, welches Interesse Umwelt- und Klimaschutz auch hier finden, sondern auch die Enttäuschung, dass sich hinter dem vollmundig „Klimapaket“ genannten Aktionsplan der Regierung ein winziges Päckchen verbarg, das (gar nicht so) böse Zungen sogar als „Klimapostkarte“ bezeichnen.

Da blieb uns ja nichts Anderes übrig, als beim nächsten weltweiten Aktionstag am 29. November wieder dabei zu sein, genehmigt ist das Ganze ja bereits. Und so haben wir in der Öffentlichkeit schon mal darauf aufmerksam gemacht, dass an diesem Freitag um 17.30 Uhr unter dem Motto „Dein Licht für’s Klima“ alle Engagierten und Interessierten mit Kind und Kegel, Nachbar/innen, Freund/innen und Kolleg/innen zur Lamberti-Kirche kommen mögen. Mit Kerzen, Laternen Taschenlampen und allem, was sonst so leuchten kann, wollen wir unseren bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass den politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich Verantwortlichen endlich mal ein Licht aufgeht, dass es allerhöchste Zeit für wirksame Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz ist.

Und was passierte? Das was immer passiert, wenn jemand zum Thema nichts Essentielles zu sagen hat, aber meint unbedingt meckern zu müssen. Es gab Vorwürfe, dass die weltweiten CO2 Emissionen durch ein paar Teelichter auf dem Kirchplatz erhöht werden und Kinder möglicherweise für das Vergnügen, ihre Martinslaternen nochmal auszuführen, oh Schreck, Batterien verwenden könnten.

Hiermit bekenne ich öffentlich: Ich kaufe immer wieder, nicht selten mangels Alternativen, verpackte Lebensmittel und Haushaltsprodukte, ich erlaube mir den Luxus, bei Dunkelheit das Licht und bei Kälte die Heizung anzumachen, ich benutze im Ein-Personen-Haushalt sogar regelmäßig den Backofen und gönne mir ab und zu mal Fleisch, Fisch, oder sogar Meeresfrüchte und andere Tiefkühlprodukte. Ja, mein Weg in die Hölle ist geradezu vorgezeichnet: alle paar Wochen schmeiße ich mangels Möglichkeiten Bettwäsche auf eine Leine zu hängen, sogar mal den Wäschetrockner an.

Ich gebe mir allerdings Mühe, so wenig Müll, wie möglich zu verursachen, produziert haben ihn schon die Verpackungshersteller, und sparsam mit Energie umzugehen. Eines ist aber sicher, das Prädikat Umweltengel strebe ich nicht an, und habe (meistens) nicht mal ein schlechtes Gewissen deswegen. Immerhin tu ich doch einiges mehr für Umwelt und Klima, als diejenigen, die über fridays for future, Schulstreiks, öffentliche Aktionen und wichtige Forderungen meckern, dabei den achten Einweg-Becher der Woche in der Hand halten, den sie als „Kaffee Togo zum Mitnehmen“ bestellt haben, und zu Hause ihren Kaffee mit Hilfe von Alu-Kapseln zubereiten, von denen jedes Jahr in Deutschland rund 3,1 Milliarden im Müll landen.

Für die Vorstellungen und Forderungen solcher „Kritiker/innen“, dass diejenigen, die sich für Klima- und Umweltschutz engagieren, das auch im Alltag absolut fehlerlos und vollkommen umsetzen müssen, also auf einer tagelangen Zugfahrt von Stockholm nach Davos Kohldampf schieben sollen, statt ausnahmsweise mal Lebensmittel aus Plastikverpackung zu essen, habe ich nur ein müdes Lächeln übrig. Ich setze mich nämlich beispielsweise auch für die Gleichstellung und Rechte von Homosexuellen ein, ohne dass irgendjemand erwarten sollte, dass ich vorhabe, zur Alters-Lesbe zu mutieren.

fl

Bis bald. Hoffentlich!

Als Farshid im Sommer vor vier Jahren in das Team der schönsten Bücherei im Ort kam, war er der erste einer ganzen Reihe Geflüchteter, die uns bei unserer Arbeit unterstützen, und gleichzeitig ihre Deutschkenntnisse verbessern wollten. Über ein Jahr lang hat er zweimal in der Woche dafür gesorgt, dass die Medien am richtigen Platz standen, hat weitere Kontakte gesucht und gefunden zum Beispiel im Kirchen- und Posaunenchor. Er wurde dabei von vielen Ochtruper/innen unterstützt, allen voran von seiner Chorfreundin Barbara, die nicht nur für ihn da war, wenn er Heimweh nach seiner Familie hatte, sondern auch bei Behördengängen, der Suche nach Sprachkursen und schließlich nach einem Arbeitsplatz tatkräftig und mit großem Engagement und Zeitaufwand für ihn da war.

Am letzten Wochenende hat er mit dem Christlichen Posaunenchor Ochtrup noch für die passende Stimmung beim Martinsspiel gesorgt, einen Tag später, war er ganz auf sich allein gestellt, im derzeit von einem Rekordhochwasser überschwemmten Venedig. Für ihn völlig überraschend war er mitten in der Nacht von der Polizei aus dem Bett geholt worden, durfte noch ein paar Sachen einpacken und wurde zum nächsten Flieger nach Venedig gebracht. Abschied nehmen von Freund/innen, Kolleg/innen und Nachbar/innen war nicht möglich, das Ausländeramt informierte am nächsten Tag seinen Arbeitgeber.

Venedig ist die Stadt, in der er nach seiner Flucht aus dem Iran, wo er wegen seines christlichen Glaubens von Verfolgung, Folter und Gefängnis bedroht war, einige Zeit auf der Straße leben musste, ausgeraubt und bei einem Messerangriff verletzt wurde, bevor er sich schwer krank auf den weiteren Weg nach Deutschland gemacht hatte. Er hatte also schwere Zeiten hinter sich, bevor er in Ochtrup Fuß fassen konnte. Inzwischen hat einen guten Job als Pflegehelfer, der ihm jetzt hoffentlich die Chance bieten kann, mit einem Arbeitsvisum wieder zurück zu kommen.

Und ja, seine Abschiebung ist rechtmäßig, denn seinem Asylantrag war damals in Italien stattgegeben, der spätere Antrag in Deutschland folgerichtig abgelehnt worden. Aber er hat in den letzten viereinhalb Jahren in Ochtrup eine neue Heimat gefunden, ist gut integriert, arbeitet in einem Bereich, in dem händeringend Leute gesucht werden und ist nicht (mehr) auf staatliche Finanzleistungen angewiesen. Die Frage ist also, warum er mitten in der Nacht abtransportiert werden musste und in eine von einer Naturkatastrophe heimgesuchte Stadt geschickt wurde, wo er keinerlei Unterstützung bekommt.

Es macht mich nachdenklich, dass ich in einem Staat lebe, auf den ich eigentlich große Stücke halte, weil ich Demokratie und Menschenrechte sehr schätze, der aber Menschen, die schon durch ihre Fluchterfahrung stark belastet sind, so unmenschlich, wie ich finde, behandelt.

Wie viele Politiker/innen haben seit 2015 immer wieder betont, dass die Integration Geflüchteter eine gesellschaftliche Anstrengung ist, an der sich alle beteiligen müssen? Farshid ist für mich eines der vielen guten Beispiele dafür, wie gut Integration im Zusammenspiel von seinem persönlichen Einsatz und der breiten Unterstützung zahlreicher Beteiligter gelingen kann. Warum wird das, wie bei so vielen anderen Betroffenen unter ähnlichen Umständen auch, bei Nacht und Nebel geradezu blitzartig kaputt gemacht?

Nichtsdestotrotz drücke ich (und ganz bestimmt nicht ich alleine) Farshid ganz fest die Daumen, dass er bald wieder nach Ochtrup zurückkehren kann.

fl

Mensch, ich ärgere mich

Auf einer Wand steht geschrieben: Aus Hass macht Liebe.
Bild: Irmela Mensah-Schramm

Wenn eine über 70jährige Rentnerin Nazi-Schmierereien, wie Hakenkreuze und Hetzparolen übersprüht, findet sich in diesem Land jemand, der das Ganze fotografiert, und zur Anzeige bringt. Es findet sich eine Staatsanwaltschaft, die dieses Vergehen vor ein Gericht bringt, und es findet sich ein Richter, der ein Urteil über 1 500 Euro Geldstrafe und Übernahme der Verfahrenskosten wegen Sachbeschädigung fällt. Die Sachbeschädigung durch Nazi-Schmierereien hatte niemand angezeigt, und die jetzt Verurteilte, Irmela Mensah-Schramm,  ist „Wiederholungstäterin“ und wurde bereits mehrfach für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus ausgezeichnet, auch von der Bundesregierung.

Keine Fotos, sondern Videoaufnahmen, allerdings wieder keine Anzeige und erst recht keine Verurteilung gab es, als bei einer Pegida-Kundgebung in Dresden im Zusammenhang mit der Seenotrettung durch die Dresdener „Mission Lifeline“ deutlich und unüberhörbar von „Absaufen, absaufen“ gegröhlt wurde. Nicht einmal darüber, ob mit schöner Regelmäßigkeit solche Hetzveranstaltungen genehmigt werden müssen, wird nachgedacht, so dass auch weiterhin AfD-Abgeordnete aus Bundestag und Länderparlamenten daran teilnehmen können.

200 Menschen wurden seit der Wiedervereinigung in Deutschland von rechtsextremen Gewalttätern verurteilt. Fünf von acht Gedenkstätten für die Opfer der NSU-Terroristen wurden beschädigt, in Rostock bereits drei Mal.

Bei der kommenden Landtagswahl in Thüringen ist ein Mann Spitzenkandidat einer Partei, der gerichtlich bestätigt als „Faschist“ bezeichnet werden darf. Begründung des Gerichts ist, dass diese Bezeichnung „auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage beruht“.

Die Liste solcher unsäglicher Vorgänge ließe sich endlos fortsetzen, aber erst der gewaltsame Tod des Politikers Walter Lübcke veranlasste Innenminister Horst Seehofer zu dem Bekenntnis „Dieser Mord motiviert mich, alle Register zu ziehen“ und das schreckliche Attentat in Halle mit zwei Toten und mehreren Schwerverletzten bezeichnete er als „Schande für Deutschland“. Nicht als Schande für Politik und Behörden, die auf das Bekanntwerden von ellenlangen Todeslisten , regelmäßige Waffenfunde, Bestelllisten für Leichensäcke und Ätzkalk, Radikalisierung und Hitlergrüße auf sogenannten Rechtsrock-„Konzerten“ augenscheinlich nicht mit der sonst so oft beschworenen „Härte des Gesetzes“ vorging.

Nein, der Mann, der gerne in seinem Hobby-Keller mit der Modell-Eisenbahn spielt, hat die wahren Schuldigen für das Attentat in Halle schnell ausfindig gemacht: Die Gamer-Szene. Keine Frage, wie überall im Internet versuchen rechte Bratzen auch die Chats und Foren von Gamern für ihre politischen Zwecke zu kapern, aber gleich die gesamte Szene für die jüngsten Opfer von Rechtsextremisten verantwortlich zu machen, zeigt die Hilflosigkeit – oder vielleicht sogar den Unwillen – anzuerkennen, dass man anfängt zu schielen, wenn man sich jahrelang ein Auge, und zwar immer dasselbe zuhält.

Wenn dem alten Mann und seinen Kolleg/innen in den Plenarsälen und Ministerien nichts Besseres einfällt, bin ich mal gespannt, wann Spiele auf dem Index stehen werden, in deren Spielregeln Begriffe zu finden sind wie: „möglichst oft ihre Gegner rauszuschmeißen… Figuren des Gegners schlagen…durch eine feindliche Figur hinausgeworfen“. Es wäre echt schade um das gute alte „Mensch ärgere dich nicht“.

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Nur ohne Mehlschwitze

„Wenn ich mal groß bin, dann esse ich das nie!“ Ganz bestimmt bin ich nicht die Einzige, die sich das in Kindertagen geschworen hat, hoffentlich aber auch nicht die Einzige, die diesen Schwur gebrochen hat. Ich gehöre ja noch zu der Generation, bei der „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, zum Erziehungskonzept gehörte. Glücklicherweise nicht mit den Auswüchsen, dass ich mit zunehmendem Brechreiz vor einem Mittagessen sitzen musste, dessen Optik sich im Laufe von Stunden immer mehr dem verhassten Geschmack anpasste. Nein, es gab für mich sogar zwei Ausnahmen von der Regel: Linsensuppe und Dicke Bohnen. Wenn diese Leibspeisen meines Vaters auf dem Speiseplan standen, bekam ich im ersten Fall irgendwelche Reste vom Vortag und im zweiten Fall ein Spiegelei zu den bereits vorhandenen Salzkartoffeln.

Ich war deutlich über 40 Jahre alt, als ich zum Ersten Mal Linsen gegessen habe, und zwar aus Versehen auf der dämmrigen Restaurant-Terrasse vor dem historischen Rathaus in Tallin, als ich ein Beilagen-Türmchen, dessen Farbe sich dem schwindenden Tageslicht angepasst hatte, optisch nicht identifizieren konnte. Wenn’s ums Essen geht, bin ich  durchaus mutig, es gibt wenig, das ich nicht probiere. Zu meinem Erstaunen waren es Linsen, die sich geschmacklich erfreulich von der braunen Suppe unterschied, die traditionell mit einem ordentlichen Schuss Essig angeblich verfeinert werden musste.

Braune Linsen sind auch heute noch nicht unbedingt mein Lieblingsgericht, sondern stehen auf der Hitliste irgendwo in der Mitte. Aber Spaghetti Bolognese, bei der das Hackfleisch durch rote Linsen ersetzt wird, stehen schon deutlich höher, werden aber noch von diversen Salaten mit den niedlichen schwarzen Beluga-Linsen übertroffen.

Nur Dicke Bohnen hatten weiterhin das Prädikat „kriege ich nicht durch den Hals“, denn die kannte ich nur aus der Dose mit einer dicken Mehlpampe und noch dickeren Speckstücken, die nach dem Kochen in nicht ganz so dicke Scheiben geschnitten wurden. Bohnenkraut tat sein Übriges, mir das Gericht gründlich zu vermiesen.

Neugierig machte mich eine junge Iranerin, die mir ein Rezept aus ihrer Heimat empfahl (den Spruch mit der Integration, die dick macht, erspare ich euch an dieser Stelle mal) , allerdings mit einer Bohnensorte, deren deutsche Bezeichnung wir nicht herausfinden konnten, so dass sich der Einkauf schwierig gestaltete. Dicke Bohnen wiesen durchaus eine Ähnlichkeit auf. Nur in der Dose kommen die mir garantiert nicht über die Schwelle, so dass ich mich für TK-Ware entschied, die, wie im Rezept vorgesehen, schon gepellt war.

Das Rezept sieht Knoblauch vor, also schon mal vielversprechend, denn Knoblauch geht bei mir immer (außer in Süßspeisen, egal wie die Rezeptbilder aussehen). In diesem Fall angedünstet in Ghee zusammen mit den Bohnen und Gewürzen wie Kurkuma, Sumak, einer Spur Minze, getrocknetem Dill und natürlich Salz und Pfeffer. Schade, dass ich nie erleben werde, wie meine Mutter auf den Anblick dieser Mischung reagiert hätte. Mit einem kleinen Glas Brühe fünf Minuten gekocht, dann vorsichtig zwei Eier in den Topf gegeben und stocken lassen ist von ihrer Mehlschwitzensauce natürlich meilenweit, in dem Fall Kontinente weit, entfernt. Und Reis als Beilage zu Dicken Bohnen hätte meinen Vater wahrscheinlich an meiner kulinarischen Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen.

Was soll ich sagen? Es hat hervorragend geschmeckt, und gehört ab sofort zu meinen immer wiederkehrenden Alltagsgerichten. Irgendwie bin ich ganz froh, dass ich in meiner Kindheit nicht mehr Gemüsesorten in der Kategorie „Geht gar nicht“ hatte. Wer weiß, was mir im Laufe von Jahrzehnten noch so entgangen wäre.

Liebe Eltern, wenn ihr beim nächsten Mal lange Debatten mit eurer heimischen Tischgesellschaft über die Vorzüge und Nachteile bestimmter Gemüsesorten führt, denkt dran: es wird besser, auch eure Kinder werden irgendwann mal auf den Geschmack kommen. Wenn ihr Glück habt, früh genug, dass ihr das noch miterlebt.

Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Büchereileiters hier das Rezept im Detail für 2 Portionen, das ein bisschen vom Original abweicht:

2 Tassen Reis, mit ½ TL Salz, und wer (wie ich) mag 1 TL „7Gewürze“ aus dem türkisch/arabischen Laden in 4 Tassen Wasser garen.
300 g Dicke Bohnen ohne Schale
1 EL Ghee (wer Öl nimmt, bekommt ein veganes Gericht)
2 Zehen Knoblauch (die Diskussion ob zerquetscht oder feinst gewürfelt überlasse ich anderen, ich benutze nach wie vor die Knoblauchpresse
½ TL Kurkuma
eine große Prise Sumak
eine kleine Prise getrocknete Minze
1 TL getrockneter (in dem Fall die richtige Wahl) Dill
Salz und Pfeffer
150 ml Gemüsebrühe
2 Eier

Die aufgetauten Bohnen mit den Gewürzen im Ghee/Öl andünsten Brühe dazu geben und aufkochen lassen. Gut fünf Minuten garen lassen, dann vorsichtig zwei Eier auf das Gemüse geben (ich schlage sie vorsichtshalber in der Tasse auf und lasse sie in den Topf gleiten). Jetzt auf gar keinen Fall umrühren, sondern Deckel auf den Topf und die Eier stocken lassen.

Wenn ihr es ausprobiert, lasst mich bitte wissen, wie es euch geschmeckt hat. Dicke-Bohnen-Phobiker/innen natürlich zuerst.

P.S.: Gekocht, gegessen und beschrieben mit ganz liebem Dank an Mehrnaz!

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