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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Gutscheine gegen die Krise

Noch gibt es sie, die mittleren, kleineren und ganz kleinen Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe im Städtchen, in dem ich lebe – und natürlich auch anderswo. Fast alle haben schon seit langem zu kämpfen gegen die Geiz-ist-geil-Mentalität in unserer Wegwerf-Gesellschaft, in der Fachwissen, gute Beratung, gute und nachhaltige Qualität kaum eine Rolle spielen, wenn man 50 Cent sparen kann. Ach, wäre das schön, wenn jetzt so manche Leute die zusätzliche Zeit auf dem heimischen Sofa mal nutzen würden, sich ein paar Gedanken zu machen, was das mit unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft und der Umwelt macht.

Hinzukommt aktuell, dass es den Läden, Friseur- und Kosmetiksalons und vielen anderen in der Nachbarschaft gerade finanziell so richtig an den Kragen geht. Ja, es wird staatliche Hilfen geben, aber das sind die entsprechenden Gesetze noch nicht beschlossen, geschweige denn Ausführungsbestimmungen erlassen. Bis da die Antragsteller/innen den ersten Euro auf dem Konto haben, wird es noch einige Zeit dauern. Zeit, in der aber viele Kosten weiterbezahlt werden müssen, die wahrscheinlich bei den allermeisten dieser Gewerbetreibenden ohnehin nicht üppigen Rücklagen sind da schneller weg, als das Klopapier aus den Supermarkt-Regalen.

Ein bisschen kann da jede/r von helfen. Das Geld, das wir momentan vor Ort nicht ausgeben können für ausgiebige Shoppingtouren im Internet auszugeben, ist eine ganz schlechte Idee, wenn wir auch Weihnachten noch im Lieblings-Woll- oder Stoffladen, im bevorzugten Buch- oder Bekleidungs-Handel einkaufen wollen, die Haare weiterhin von der/dem Lieblingsfriseur/in schön gemacht kriegen wollen. Frustkäufe im Netz waren noch nie eine gute Idee, auch nicht in Zeiten von Corona.

Ihr könnt euer Geld nach wie vor im örtlichen Handel ausgeben, auch wenn die Ladentüren geschlossen sind.

Kauft Gutscheine!

Für euch selber, für die, denen ihr immer schon mal ein Zeichen eurer Wertschätzung zukommen lassen wolltet, für die, die Geburtstag haben und für die, denen ihr einfach mal Danke sagen wollt, oder für die, denen ihr den Blumenstrauß zur Zeit nicht direkt geben könnt.

Ihr helft damit nicht nur den Geschäfts-Inhaber/innen, sondern auch deren Mitarbeiter/innen, die vielleicht dann weniger Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes haben müssen.

Ach ja, und ganz wichtig: Wenn ihr die Gutscheine irgendwann mal direkt vor Ort einlösen könnt, denkt daran, dass sie für die nicht stattgefundenen Einkäufe aus der Vergangenheit sind, und jetzt noch on top kommen. Gebt also, wie gewohnt euer Geld vor Ort aus, und gönnt euch zusätzlich etwas für den Gutschein. Was ihr im März oder April für einen Gutschein ausgegeben habt, tut eurem Portemonnaie in ein paar Wochen nicht mehr weh, dann sind Handel und Dienstleistung aber weiter auf treue Kundinnen angewiesen.

Also ran ans Telefon oder an den Mail-Account und klärt mit den Inhaber/innen ab, wie ihr am einfachsten miteinander ins Gutschein-Geschäft kommen könnt. Viel Erfolg dabei für alle Beteiligten!

fl

Mehlwurm an Seifenschaum

Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass ich in Sachen Corona einen offenen Brief an die Göttinen und Götter der Katastrophen, Epidemien, Panikmache und Dummheit geschrieben habe, auf den die zwar erwartungs- aber nicht wunschgemäß damit reagiert haben, nochmal Gas zu geben. Ich wüsste ja zu gerne, in welcher Ecke die jetzt hocken und sich ins Fäustchen lachen, darüber, wie dumm Menschen in Zeiten sein können, in denen sie sich mal ein bisschen einschränken müssen und ein bisschen nachdenken sollten.

Ja, ich schreibe bewusst „ein bisschen“ einschränken, wohlwissend, dass nicht wenige derzeit um ihre Existenz und/oder ihren Job bangen. Für die, wie für alle anderen, hoffe ich wirklich das Beste, gebe aber zu bedenken, dass die allermeisten von uns nach wie vor ein warmes Dach überm Kopf, jeden Tagg satt zu essen und Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung haben (nur etwas anders, als noch vor wenigen Wochen). Und anstatt mal einen Moment inne zu halten und für dieses privilegierte Leben dankbar zu sein, gibt es großes Gemecker über Politik, Regierung und Behörden, die selbst, wenn sie ein Anti-Corona-Wunderheilmittel, aus karierten Krokussen extrahieren könnten, alles falsch machen würden. Ja, da sind Fehler gemacht worden und werden voraussichtlich auch noch weiter Fehler gemacht, und es ist sehr, sehr bitter, wenn diese Fehler sogar Menschenleben kosten sollten. Aber weder Experten noch die politisch Verantwortlichen konnten voraussehen, was Covid 19 anzurichten vermag. Sie hatten kaum Zeit sich gründlich vorzubereiten, mussten und müssen viel lernen und betraten Neuland, als Schulen und Einrichtungen geschlossen wurden und das öffentliche Leben in vielen Bereichen praktisch lahmgelegt wurden. Und die Reaktion der Bürger/innen, zu deren Wohl all diese Maßnahmen getroffen wurden? Dummheit, Ignoranz und Rücksichtlosigkeit bei viel zu Vielen.

Hat eigentlich niemand einen Zollstock zu Hause um mal abzumessen, wie lang zwei Meter sind? Laut DIN 33402 (ja, sowas gibt’s, ich hab das extra für euch gegoogelt) ist die Armlänge irgendwas zwischen circa 70 Zentimetern bei Frauen und bis über 80 cm bei hochgewachsenen Männern. Um mir also an der Supermarktkasse jemanden zwei Meter von der Jacke zu halten, ist es mit einmal Hand weit ausstrecken nicht getan. Aber nicht mal die berühmt/berüchtigte eine Armlänge halten viele Menschen ein. Ebenso wenig, wie den dringenden Appell, sich bei schönem Wetter nicht auf Parkbänken zu drubbeln und gelangweilte Halbwüchsige nicht zum Treffen mit der Clique in die Fußgängerzone zu schicken. Der Plausch unter Müttern, manchmal auch Vätern, auf dem Spielplatz ist ebenfalls zu unterlassen. Im Wald kann man mit den Kindern auch sehr gut spielen, muss sich aber daran mehr beteiligen, als in Sandkastennähe.

Das alles kann doch nicht so schwer zu verstehen sein, oder ist es tatsächlich vielen Menschen völlig egal, dass sie möglicherweise für die schwere Erkrankung, wenn nicht gar für den Tod ihres betagten Nachbarn verantwortlich sind, wenn sie alle Bestimmungen und Empfehlungen in den Wind schießen?

Nicht viel weniger fassungslos macht mich, dass auch nach über zwei Wochen diese elenden Hamsterkäufe eher zu- als abgenommen haben. Mir graut vor dem Gedanken, wie viele Lebensmittel im Sommer in die Tonne gekloppt werden, weil in der Tiefkühltruhe Platz für jede Menge Grillfleisch gemacht wird. Außerdem überlege ich, ob die emsigen Käufer/innen von Mehl, Reis, Nudeln, Müsli und Haferflocken schon mal was von Lebensmittelmotten gehört haben. Die einmal im Schrank, und zack ist der komplette Vorrat hin.

Dass in Drogeriemärkten alles, was irgendwie nach Desinfektion aussieht, egal ob für die Kloschüssel, die Waschmaschine oder die Hände anscheinend Kofferraum weise abtransportiert wurde, verwundert ja kaum noch mehr. Aber bitte, warum sind die Regale mit den Seifenstücken leergefegt? Die Leute müssen Vorräte für Jahrzehnte bunkern, wenn man bedenkt, dass es echt lange dauert, bis so ein Seifenstück aufgebraucht ist. So ein bisschen beschleicht mich ja das Gefühl, dass diejenigen, die so viel feste Seife horten, sich bisher eher selten und nicht sonderlich gründlich die Hände gewaschen haben, wenn sie keine Ahnung haben, nach wie vielen Wochen sich auch der letzte Rest in Schaum verwandelt hat. Auch bei mehrmaligem Händewaschen täglich, egal ob man dabei „Happy Birthday“, „Ave Maria“, die Internationale oder „Atemlos“ singt, Hauptsache es dauert mindestens 30 Sekunden.

An „ich, ich, ich“ als oberste Devise fürs Zusammenleben habe ich mich ja nie gewöhnen können und wollen. Wenn jetzt noch ganz viel „haben, haben, haben“ dazu kommt, macht mich das einerseits ganz schön sauer, aber vor allem traurig.

fl

Eigentlich würde ich meinen Hamster-Kumpel ganz gerne mal langsam in Urlaub schicken, er hat ihn sich verdient. Ich fürchte allerdings, ich werde ihn in nächster Zeit noch brauchen.

Liebe Göttinnen und Götter

der Katastrophen, Epidemien, Panikmache und Dummheit,

da habt ihr euch in den letzten Wochen ja mal so richtig ins Zeug gelegt um den Klopapier-, H-Milch-, Konserven-, Desinfektionsmittel-Herstellern und unseriösen Sensationsmedien deutliche Gewinnzuwächse zu bescheren und unzählige Menschen mit dem Titel Dres. h.c. der angewandten Hausmütterchen-Medizin zu schmücken.

Mögt ihr mal verraten, warum ihr das getan habt? Damit bekennende und geheime Aluhut-Träger/innen mal wieder ihre Phantasien hochleben lassen können, dass das alles sowieso von der Regierung, oder schlimmer noch, von der alleinherrschenden ̶k̶a̶̶i̶̶s̶̶e̶, äh Kanzlerin in Auftrag gegeben wurde, um unbemerkt von der ständig maulenden Öffentlichkeit mal wieder (nie verschlossene) Grenzen zu öffnen, Klimaziele durchzusetzen, ein Tempolimit auf Autobahnen anzuordnen oder die heilige Kuh der schwarzen Null zu schlachten? Wohl eher nicht, obwohl das noch wahrscheinlicher ist, als effektive Maßnahmen gegen Rassisten, Neonazis und Faschisten durchzusetzen, bevor es noch mehr Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland gibt. Ach ja, um wieviel höher liegt seit Jahresbeginn deren Zahl im Vergleich zu Corona-Toten in Deutschland?

Irgendwie habt ihr es jedenfalls hingekriegt, dass derzeit nahezu alle Panik, die dieses Land aufbieten kann, sich auf den Virus konzentriert, der nach offiziellen Angaben (Stand Montagmittag, 2. März) 150 Menschen in Deutschland befallen hat. Das sind gerade mal 0,00018 Prozent der deutschen Bevölkerung, die für gähnende Leere in den Supermarkt-Regalen sorgen, da wo üblicherweise zum Beispiel Reis (aus China!) und Nudeln (aus Italien!) zu finden sind. Und Bild und Co überschlagen sich mit dümmlichen Schlagzeilen und höchst mäßig interessanten Eilmeldungen und würden am liebsten jeden Einzelnen der Erkrankten mit Namen, Foto und Adresse präsentieren.

Ab welcher Größenordnung sorgen eigentlich andere Viren für so einen Hype? Die Influenza mit rund 80 000 Erkrankten und 130 Todesfällen seit vergangenem Oktober schon mal nicht. Und der MRSA-Krankenhaus-Keim mit ca. 600 000 Infektionen und bis zu 20 000 Toten jedes Jahr genauso wenig.

Ja, natürlich kann ich irgendwann auch im kleinen Städtchen im beschaulichen Münsterland an Corona erkranken. Und dann? Komme ich, wenn’s schlimm ist, ins Krankenhaus, wo ich drei Mahlzeiten am Tag und roten Früchtetee bis zum Abwinken kriege, ansonsten unter häusliche Quarantäne. Ja und dann? Dann habe ich ausreichend verlässliche, nette und hilfsbereite Sozialkontakte, die mir bestimmt mal eine Schüssel Suppe, einen Kuchen oder die gewünschten Einkäufe vor die Tür stellen. Und dann, ihr Götter und Göttinnen der Katastrophen und Panikmache, hab ich euch mal gezeigt, was eine Harke ist (oder einen bestimmten, nach oben gestreckten Finger).

Entspannte Grüße

knitter57

P.S. Wenn ich jetzt nicht darüber geschrieben habe, dass die Menschen, die dringend auf Desinfektionsmittel oder Schutzmasken angewiesen sind, diese nicht bekommen können, weil skrupellose, asoziale Widerlinge davon so viel wie möglich bunkern, um diese Dinge zu Mondpreisen im Netz zu verhökern, dann hat das was mit Erziehung, Nettikette und dem Vermeiden unzähliger *** zu tun.

Es hat sich nichts geändert…

„Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich warm und trocken auf einem gut gepolsterten Stuhl, habe eine Tasse heißen Tee neben mir stehen und knabbere ab und zu mal an einem Keks. Und bei dem Thema, über das ich schreiben will, fühle ich mich gerade sehr privilegiert und zufrieden. Denn ich bin in einem Land geboren und aufgewachsen, in dem ich weder Krieg noch Verfolgung, weder Hunger noch Gewalt erleben musste. Darauf bin ich nicht stolz, denn ich kann nichts dafür, aber dafür bin ich dankbar.“

Es ist fast genau ein Jahr her, dass ich einen Blogbeitrag mit diesen Worten begonnen habe. Und sie passen auch nach einem Jahr noch, wenn ich wieder etwas schreibe über Geflüchtete, die unter ganz besonders üblen Umständen leben und auf Hilfe angewiesen sind, um überleben zu können. Und damals wie heute darf ich mal wieder Danke sagen für die großzügige Spendenbereitschaft, die ich erfahren habe. War Anfang 2019 ein ganzes Team überwiegend aus Frauen vom Internationalen Frauencafé sehr erfolgreich und hatte nach wenigen Wochen engagierten Einsatzes über 2 000 Euro an eine Hilfsorganisation überwiesen, so kamen kürzlich ohne große Vorbereitung an einem einzigen Nachmittag beim Internationalen Frauencafé stolze 140 Euro zusammen. Dafür, ebenso wie für die Medikamente und Sachspenden aus dem Städtchen ein ganz herzliches Dankeschön!!! Diese Spenden gingen an eine ganz andere, sehr viel kleinere Organisation, und ich hatte einen ganz persönlichen Grund sie unterstützen zu wollen: mein Sohn gehörte zu dem Team, das zum Jahresanfang einen Hilfstransport von „Grenzenlos – People in Motion“ nach Bosnien organisiert hatte.

Was er mir vorher und nach seiner Rückkehr erzählt hatte, aber auch das, was ich in dem Blog gelesen habe, den ich euch sehr empfehlen möchte, hat mir wieder mal gezeigt, welche menschliche Eiseskälte sich hinter der Fassade einer angeblich auf christlicher Grundlage sozial handelnden Gesellschaft in Europa verbergen kann.

Ich stehe sehr hilflos vor der Frage, wie man es denn abstellen kann, dass reiche europäische Länder ziemlich tatenlos zusehen, wenn für tausende Menschen auf der Flucht in kleinen, ärmeren Ländern erst einmal Endstation ist. Wenn es da zu Gewalt und Menschenrechtsverletzungen an den Grenzen kommt, bleibt das ohne wenn und aber unverzeihlich, egal ob die jeweiligen Behörden hoffnungslos überfordert sind. Gar nicht egal ist es, wenn politisch Verantwortliche in anderen Ländern das zulassen. Schlimmer noch, sie überlassen Ländern wie Griechenland, Italien, Bosnien und Kroatien die Drecksarbeit (sorry aber ein anderer Ausdruck fällt mir bei gewaltsamen, völkerrechtswidrigen push backs nicht ein) für ihr nationales Ziel, Flüchtlingen die Einreise unmöglich zu machen. Und richtig übel finde ich es, dass wir alle mit unseren Steuergeldern ungefragt dafür bezahlen, wenn schwarz gekleidete, vermummte Schlägertrupps, unter denen laut Augenzeugen einige deutsch sprechen, die Flüchtenden zurück über die Grenzen prügeln und ihnen vorher noch Geld, Handys und selbst bei Minusgraden Kleidung wegnehmen, also sie schlicht beklauen.

Nein, es hat sich nichts Grundlegendes geändert im Laufe des vergangenen Jahres. Es gibt weiterhin Gesetzesverschärfungen zum Zweck der Abschreckung statt umfassender Bekämpfung von Fluchtursachen. Die Kriege gehen weiter, allein in der syrischen Region um Idlib sind zur Zeit mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht vor Bomben aus dem In- und Ausland, vor Waffen die aus Deutschland und anderen europäischen Ländern gekauft wurden.

Menschen, die ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen, die seit Jahren unterwegs sind auf der Suche nach einem Leben ohne Verfolgung, Krieg und Bedrohung, wird nach wie vorgeworfen, sie wollten im reichen Europa nur auf der faulen Haut liegen und sich durchfüttern lassen. Es gibt immer noch Leute, die finden, Verhältnisse wie auf Lesbos oder in Bosnien würden nur deutlich machen, das es den „Asylfordernden“ noch viel zu gut gehe „hier bei uns“. Und es gibt immer noch viel zu viele Menschen, die dazu dann schweigen.

Nein, nicht das, was ihnen Rassisten, Nationalisten und notorische Geizkragen unterstellen, sind die Wünsche von Flüchtlingen. Sondern sie wünschen sich nur das, was ein junger Marokkaner der Autorin des Grenzenlos-Blogs geschildert hat:

„Dass wir nicht geschlagen werden. Vor Allem dass wir nicht geschlagen werden!! Dass uns nicht unser Geld weggenommen wird und nicht unsere Kleidung. Besonders nicht in dieser Kälte mit minus 10 Grad. Das ist sehr schwer. Das ist Leiden! Wir sind nur auf der Durchreise. Wir wollen keine Probleme. Wir sind aus unserem Land gegangen, weil wir dort Probleme haben. Dort gibt es religiöse Probleme und familiäre Probleme. Viele Sachen. Wir wollen keine Probleme. Wir haben nicht vor zu klauen. Nichts. Wir sind auch keine Terroristen, wie gesagt wird. Wir suchen nur Frieden.“

fl

©Giorgio-Morra, Kölner Spendenkonvoi

Achtung Tratsch nicht klatschen

Eine praktische Frisur ohne chemische Farbgebung, eine erfreulich stabile Gesundheit (heftig auf Holz klopfe) und vor allem Desinteresse an Könichs und allem, was mit „von und zu“ bezeichnet wird, umschreibt ganz gut meine Kenntnisse über das, was in europäischen Schlössern und Burgen  so vor sich geht. Umso mehr verblüfft mich, was da gerade auf allen Kanälen über das britische Königshaus und ein junges Ehepaar aus den hinteren Reihen der königlichen Rangfolge verbreitet wird.

Boulevard und Klatschpresse verdienen bekanntlich (oft unverdient) jede Menge Kohle damit, immer neue Gerüchte und (Fehl-)Einschätzungen breitzutreten, und nicht selten das Ganze, vor allem jenseits des Kanals zur Gewinn-Optimierung mit einer gehörigen Portion Bosheit zu garnieren. Und da ist es ganz gewiss kein Zufall, dass das in erster Linie auf Kosten einer Frau geht, die sich auch noch erdreistet, feministische Organisationen und deren Forderungen zu unterstützen. Allein die Bezeichnung Megxit spricht das Bände, denn Gatte Harry war sicherlich nicht unbeteiligt. Und Haxit hört sich sowieso viel lustiger an.

Ja, jetzt kommt mir ruhig damit, dass ich trotz Desinteresses ja wohl doch nicht ganz ahnungslos bin. Stimmt, Ursache ist aber weniger Informationsbedarf, als vielmehr eine Faszination des Grauens bei der (nicht lückenlosen) Lektüre eines Strangs im schon mal erwähnten Forum einer großen deutschen Frauenzeitschrift.

Es ist erschreckend, wieviel Missgunst und Häme da ausgeschüttet wird– wobei ich nicht ausschließe, dass dahinter auch hin und wieder eine Portion Rassismus versteckt werden soll. Und es ist höchst erstaunlich, welche Kenntnisse über das, was im Buckingham-Palast und anderen hochherrschaftlichen Wohnsitzen hinter verschlossenen Türen stattfindet, da kundgetan werden. Also entweder, sind diese Räumlichkeiten total verwanzt und die deutschen Internet-Nutzer/innen haben uneingeschränkten Zugriff auf lückenlose Gesprächsprotokolle, oder aber es gibt geheime Kaffeefahrten, bei denen statt Heizdecken ein Blick durch monarchische Schlüssellöcher verkauft wird.

Ärztliche Schweigepflicht scheinen fleißige Forums-Schreiber/innen ebenfalls außer Kraft gesetzt zu haben, wenn man staunend nachlesen kann, welche Psychogramme sie da zusammenbasteln. Dass Meghan nicht in Domina-Outfit mit Netzstrumpfhosen und Corsage das Ehegesponst nach Kanada peitschen musste, wundert nach der Lektüre da schon. Aber die Wahl der Strumpfhosen, sowie der Verzicht darauf, der eher mäßig begabten Seriendarstellerin kurz vor dem Karriere-Aus (nicht meine Einschätzung) wird da schon von allen Seiten betrachtet. Ebenso wie die Tatsache, dass es systemimmanent sein muss, wenn der Hochadel mal selbst die Autotür zuschlägt und damit die Dienerschaft brüskiert. Ach nee, Fehler meinerseits, wenn Meghan Sussex mal aus Versehen eine Autotür selber schließt, ist das ganz Iih, Pfui, Bah, wenn der Königsgemahl sich selbst ans Steuer setzte, war das bestenfalls Anlass für Spekulationen über die Kombination von Greisenalter und Fahrtüchtigkeit.

Eigentlich warte ich auch darauf, dass die Kaffeeröstereien so langsam mal über Verkaufsrekorde jubeln, bei soviel Kaffeesatz-Leserei, die über die Zukunft des nicht mehr royalen Paares betrieben wird. Eine Scheidung ist unvermeidbar, wenn der zum Handtaschenträger degradierte Gatte den Forist/innen endlich mal zustimmt, dass seine Ehefrau ihn aus purer Berechnung geheiratet hat. Und das Sorgerecht für Sohn Archie hat das höchst interessierte Publikum ebenfalls schon festgelegt.

Es ist eine Mischung aus Amüsement, Erstaunen und Widerwillen, die solche Lektüre bei mir verursacht. Es ist aber auch gehörige Fassungslosigkeit darüber, dass erwachsene Menschen so viel Zeit und Hirntätigkeit (nicht unbedingt von erwähnenswerter Qualität) darauf verwenden über eine einzelne Frau, die ihnen nie im Leben begegnet ist, solche Urteile zu fällen. Sie scheinen in der Tat nichts Besseres zu tun zu haben. Vielleicht sollte ich mal nachfragen, ob jemand von ihnen bereit ist, mal meine Fenster zu putzen.

fl

Mit heißen Nadeln für warme Hände

Für die Einen ist langweiliges Aneinanderreihen von Schlaufen, für die Anderen ist es Mediation mit den Händen, für die Einen modischer Fehltritt, für die Anderen eine willkommene Technik, individuelle Kleidungsstücke und Accessoires ohne langwierig und mühsam erworbene Vorkenntnisse anzufertigen. Die Rede ist vom Stricken und Häkeln, und klar gehöre ich bekanntlich zu den Letzteren, die diese Freizeitbeschäftigung überaus schätzen und sie gegen jede Form von Kritik verteidigen. In meinem Fall allerdings nur, solange hässliche Tierchen in Neonfarben, Emojis, Glitzerpullis und Rüschenschals nicht zur Debatte stehen.

Aber ehrlich gesagt, Stricken kann schon mal ganz schön öde sein, nicht nur wenn ich Socken in Größe 46 auf der Nadel habe, sondern auch wenn ich in der Bücherei in Büchern und Zeitschriften nach interessanten Neuheiten suche.

Vielleicht bin ich auch ja etwas anspruchsvoll, aber, wenn ich einmal begriffen habe, wie Spiralsocken gestrickt werden, halte ich ein weiteres Buch, in dem erläutert wird, wie man mit der ursprünglichen Technik Spiralsocken mit andersfarbiger Wolle strickt, für ausgesprochen langweilig und überflüssig. Ähnlich geht es mir mit Schals, Mützen, Dreieckstüchern, Raglan-Pullis und-Jacken und vielen anderen Handarbeiten.

Klar, irgendwann sind viele Techniken des Schlaufen Machens erschöpfend erklärt, da muss das Ganze eine neue Farbe oder einen neuen Namen bekommen, wenn man weiterhin Bücher verkaufen will. Oder man versucht auf den Nachhaltigkeits-Zug aufzuspringen, indem man die Herstellung farbenfroher Putzuntensilien zum neuesten Trend erklärt, und dafür dann ein ökologisch sehr fragwürdiges Garn empfiehlt. Nicht gerade das, was ich mir unter Strickspaß vorstelle, wie hier nachzulesen ist: klick

Aber, oh Glück oh Wonne vieler künftiger Strickabende auf dem heimischen Sofa: ich hab jetzt etwas ganz Neues entdeckt, eine neue Technik und ein neues Design.

Ausgetüftelt von einem deutschen Mann namens Bernd Kestler der in Japan lebt und begeisterter Motorradfahrer ist. Nicht, dass ich strickende Männer für exotisch halte (ich habe selber einen in der Familie), aber die Kombination von Biken und Stricken finde ich dann doch spannend.

Es kostete dann auch keine Überredungskunst, einen mir gut bekannten, hier regelmäßig erwähnten Büchereileiter zu überzeugen, dass das Buch ganz dringend und unbedingt so schnell wie möglich in den Bücherei-Bestand aufgenommen werden muss. Und so begann das neue Jahr für mich damit, mich durch Anleitungen zu fuchsen, was dank vieler Fotos und Strickschriften gar nicht schwer war, und mich mit der sogenannten Kabusehagi-Technik und dem „isländischen Abketten“ vertraut zu machen. Sicher ist seitdem, dass die Isländer in Zukunft ganz sicher auch an der Fertigstellung von anderen Strickstücken beteiligt sein werden.

Wichtiger Insider-Tipp: Überaus hilfreich ist es, sich die Anleitungen genau anzusehen, statt voller Euphorie (und einer Portion Selbstüberschätzung) nach kurzem Blick loszustricken. Dann kann man nämlich unter anderem zur Kenntnis nehmen, dass in den Strickschriften auch Reihen ohne Maschenzunahmen deutlich sichtbar sind. Diese mit einzuarbeiten, wirkt sich sehr positiv auf die Passform aus. Asche auf mein Haupt, aber danach hatte ich das Grundprinzip wirklich umsetzungsreif kapiert. Jedenfalls bin ich hellauf begeistert, sowohl davon, wie einfach es ist, diese Stulpen zu stricken, ohne dass es langweilig wird, als auch davon, welche tollen Effekte z.B. mit Farbverlaufs-Wolle und Mustern erzielt werden.

Auch wenn meine Stricknadeln fast schon heiß laufen, es gibt so viele Varianten, ob aus dem Buch oder nach eigenen Ideen, dass ich noch einige japanische Handstulpen stricken und verschenken werde. Ich bin mal gespannt, wann sich die ersten Träger/innen kennenlernen, weil ihnen auffällt, dass sie nahezu identische Handwärmer tragen. Angesichts der derzeitigen Temperaturen wird das wohl erst in einem anderen Winter pasieren.

Abschließend noch ein Tipp – nicht nur für Insider: Wer sich selbst an diesen Stulpen versuchen möchte mit Hilfe des Buchs von Bernd Kestler aus meiner Lieblingsbücherei, sollte es ganz schnell vorbestellen (die Warteliste ist noch nicht zuuu lang, jedenfalls bis gestern). Und wer sich alleine nicht ganz rantraut, oder sich mit anderen über Tipps und Tricks – auch für andere Techniken und Strickstücke – austauschen möchte: An jedem ersten Freitag im Monat ab 15 Uhr gibt es in der gemütlichsten Bücherei des Städtchens ein offenes Handarbeitstreffen für alle Interessierte, egal ob Anfänger/innen und Fortgeschrittene.

fl

Weihnachten für’n Ar***

Als der damalige Ehemann in spe vor Jahrzehnten am Tag vor Heiligabend von der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für mich nach Hause kam und enttäuscht verkündete „Das Bügelbrett, das ich dir schenken wollte, gabs nicht mehr“ hätte mir das ebenso eine Warnung sein sollen, wie das Folienschweißgerät, das dann letztendlich unterm Weihnachtsbaum lag. Es war der erste und letzte Mal in meinem Leben, dass jemand es gewagt hat, mir zu Weihnachten ein Haushaltsgerät zu schenken.

Der Ehemann ist zum Glück schon längst Geschichte, mein Unverständnis über so manches (Vor-)Weihnachtliche Gebaren ist geblieben und hat sich im Laufe der Jahre noch gesteigert. Laut einer repräsentativen Umfrage unter über Zwölfjährigen im Oktober dieses Jahres, planen die Deutschen in diesem Jahr 475 Euro für Weihnachten auszugeben. Vier-hun-dert-fünf-und-sieb-zig (diese merkwürdige Schreibweise ist der Schnappatmung geschuldet, die mich bei dieser Nachricht überkam) pro Kopf. Der deutsche Handel verkündete etwa zur selben Zeit, dass er auf einen weihnachtlichen Umsatz von über einer Milliarde hofft. Wer sagt jetzt den Unkenrufern, die seit ein paar Jahren den Niedergang von Staat und Gesellschaft versuchen herbei zu reden,  dass es uns viel zu gut geht, wenn solche Wahnsinnssummen ausgegeben werden für Dinge, von denen ich zu Recht annehme, dass sie nicht lebensnotwendig sind, sondern irgendwo zwischen Luxus und Schnickschnack rangieren.

Mein Kinder sind ja bekanntlich längst aus dem Wunschzettel-Alter, in dem sie noch an Nikolaus und Christkind glaubten, raus und wir haben seit einigen Jahren jeder festtäglichen Geschenkezwang abgeschafft. Unsere Weihnachtsfeste sind seitdem garantiert nicht weniger stimmungsvoll.

Wenn ich so sehe, was die Werbung uns in diesen Wochen versucht als Geschenkideen anzudrehen, wundert mich ohnehin, dass die jährliche Kriminalstatistik nicht um die Kategorie „Festtags-Gewalt“ erweitert wird. Hatte das Folienschweißgerät vor Jahrzehnten schon für eine bedenkliche Schieflage des Haussegens gesorgt, versagt meine Phantasie bei der Vorstellung, wie ich auf eine Geschenkidee reagiert hätte, die mir mein Handy (ohne Adblocker) kürzlich vorschlug. Als „Kleine, aber feine Weihnachtsüberraschung“ wurde mir da ein praktischer Käsehalter angepriesen. Dabei handelt es sich um zwei Plastikplatten mit Dornen, die man in ein Stück Käse stecken kann, um ihn beim Schneiden festzuhalten. Ja, wie wärs denn mal mit Wasser, Seife und einem Handtuch, bevor man den Käse aus der Packung holt? Und auch wenn der Käse für Stinkefinger sorgen sollte (in meiner Vorstellung tun das eher die Plastikteile) hat sich die seit langem praktizierte, gar nicht weihnachtliche Tradition des Händewaschens bewährt.

Getoppt wurde das von einem anderen Angebot, das ebenfalls ernsthaft als weihnachtliche Gabe für unterm Baum angepriesen ist, und eigentlich was für’n Arsch ist. Es handelt sich hierbei um einen Halter mit eingebautem Wassertank, der jedes haushaltsübliche Klopapier mit Wasser befeuchtet und als umweltfreundliche Alternative zu feuchtem Toilettenpapier beworben wird. Besonders erwähnt wird , dass auch „echte Kerle“ es verwenden können. Ich gehe mal positiv davon aus, dass auch echte Kerle ebenso wie ihre „Ladys“ mit Wasser und Seife umgehen können. Und wenn ich sehe, dass dieses Blechteil extra zu Weihnachten auf knapp 60 Euronen reduziert ist, bekomme ich so langsam eine Ahnung, wie man es schaffen kann, mehrere hundert Euro für Weihnachtsgeschenke auszugeben. Das Patenrezept heißt: Viel ebenso sinnloses wie unnützes Zeug kaufen. Und wenn die Geschenke-Werbung erfolglos war, dann bleiben ja noch die kunterbunten, hektisch blinkenden Weihnachtsbeleuchtungen, die in manchen Straßen dafür sorgen, dass PKW mit auswärtigen Kennzeichen umherirren, in denen einzelne Männer mit zunehmend enttäuschtem Gesichtsausdruck sitzen.

In diesem Sinne euch allen schöne Weihnachten jenseits von jedem Geschenkewahn und Konsumblödsinn, dafür mit schönen, geselligen, fröhlichen und harmonischen Stunden vorzugsweise im Kreis lieber Menschen.

fl

Kartoffelsalat-Challenge und eine Portion Senf dazu

Gänsebraten, Filet, Kalbsragout – zum Feste nur das Beste. Entsprechend überschlagen sich die Lebensmittelketten mit Werbung für Spezialitäten und besonders teure Lebensmittel, als hätte noch niemand den Begriff Kalorien erfunden. Und obwohl es ein Riesenangebot von Gänsebraten über Kalbsragout bis Filetstreifen fürs Fondue gibt, hat sich in vielen Familien die Tradition gehalten, an Heiligabend so etwas ganz Profanes, wie Würstchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch zu bringen. 

Woher diese Tradition stammt, ist im Gegensatz zu anderen, noch viel unwichtigeren Dingen nicht aufwändig erforscht, man geht aber davon aus, dass sie aus Zeiten stammt, in denen Heiligabend ein ganz normaler Arbeitstag war, an dem bis zum Abend die Bude noch auf Weihnachtsglanz  gebracht werden musste. Die Hausfrauen  hatten wahrscheinlich schlicht keinen Bock drei Tage hintereinander sehr aufwändig, zeit- und arbeitsintensiv zu kochen, während der Anteil der Herren des Hauses, darin bestand, sich an den gedeckten Tisch zu setzen. Möglich, dass die Tatsache, dass sich heute mehr Männer als früher an den Weihnachtsvorbereitungen beteiligen (müssen), dazu beiträgt, dass sich Würstchen mit Kartoffelsalat an Heiligabend auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen.

Während sich um die Würstchen Industrie und Handel kümmern (ich warte noch auf die Dosen mit aufgedruckten Weihnachtsmännern und Tannengrün und entsprechendem Preisaufschlag), ist die Zubereitung des Kartoffelsalats dagegen eine ganz wichtige Angelegenheit, ja oft schon Glaubenssache. Denn welches Rezept ist das Beste? Das von Mutter, Schwiegermutter, Oma oder Tante? Kartoffelsalat warm oder kalt, mit Mayonnaise oder Essig und Öl? Bekanntlich sind Familienstreitigkeiten zu den Festtagen besonders häufig. Nicht auszuschließen, dass Kartoffelsalat dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Wann immer in gemütlicher Runde das Thema Kartoffelsalat aufkommt, sind alle Beteiligten sich einig: Mein Rezept (von Oma, Mutter, Tante) ist das Beste! Genau diese Diskussion kam vor einiger Zeit beim monatlichen Ochtruper Spieletreffen auf, und der meist geäußerte Satz war „Hört sich gut an, aber meiner schmeckt besser.“ Den Wahrheitsgehalt dieser Aussage werden wir jetzt beim letzten Spieletreffen (herzlich willkommen am Samstag, 14.12. ab 16 Uhr in der Begegnungsstätte der Villa Winkel im Ochtruper Stadtpark) des Jahres überprüfen, denn es gibt eine Kartoffelsalat-Challenge. Wer sich daran beteiligen möchte, bringt eine mittlere Schüssel Kartoffelsalat mit, natürlich nach dem vermeintlich besten Rezept, das es überhaupt gibt. Die Schüssel sollte groß genug sein, dass alle Besucher/innen probieren können, aber nicht so groß, dass mit einer einzigen Sorte Kartoffelsalat alle Besucher/innen satt werden. Egal, welche Zutaten, alle Salate werden probiert und beurteilt (sollten Erbsen drin sein, steht mein Urteil schon im Voraus fest: Kann man machen, sollte man aber nicht). Für die dazugehörigen Würstchen sorgen die Veranstalter, selbstverständlich gibt es auch die nötige Portion Senf dazu.

P.S.: Wer nicht an der Kartoffelsalat-Challenge teilnehmen kann, darf gerne ihr/sein Rezept für den besten Kartoffelsalat der Welt in den Kommentaren veröffentlichen. Vielleicht ergibt sich daraus noch die eine oder andere weihnachtliche Kartoffelsalat-Challenge im privaten Kreis.

fl

Freude über 120 Millionen? Nö!

„Stink sauer“ ist wohl die passende Bezeichnung für meine erste Reaktion auf die Statements und die Berichterstattung Anfang der Woche zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Inzwischen bin ich wieder so weit abgekühlt, dass ich aufschreiben kann, was mich daran so ärgert, ohne eine Vielzahl von Worten durch das in Funk und Fernsehen so beliebte „piiiiieeeep“ ersetzen zu müssen.

Auch ich gehöre zu den vielen hunderttausend Frauen in diesem Land, die im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt erleben mussten. Deshalb kenne auch ich das Gefühl von Fassungslosigkeit, Entsetzen, Angst, Scham – die völlig unangebracht ist, denn wenn sich jemand schämen muss, dann der Täter, Zweifel an den eigenen Menschenkenntnissen und daran, mit dieser Situation und ihren Folgen fertig zu werden.

Ich hatte Glück, ich kam mit leichten Prellungen und Hautabschürfungen davon, der damalige Ehemann kam nur noch einmal ins Haus um seine Sachen abzuholen. Das Alles ist viele Jahre her, ist inzwischen in meinem Kopf und meiner Gefühlswelt als einmalige, unangenehme Erfahrung ganz weit hinten abgespeichert, die mir und den vielen anderen, sehr oft viel schlimmer betroffenen Frauen zeigt, dass die Binse „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ hier bestenfalls für kurze Zeit zutrifft.

Deshalb, weil in unserer Gesellschaft immer noch nicht vollumfänglich anerkannt ist, was auch in der Präambel des „Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ steht:

… dass Gewalt gegen Frauen der Ausdruck historisch gewachsener ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern ist, die zur Beherrschung und Diskriminierung der Frau durch den Mann und zur Verhinderung der vollständigen Gleichstellung der Frau geführt haben;
… dass Gewalt gegen Frauen als geschlechtsspezifische Gewalt strukturellen Charakter hat,
… dass Gewalt gegen Frauen einer der entscheidenden sozialen Mechanismen ist, durch den Frauen in eine untergeordnete Position gegenüber Männern gezwungen werden;

Dieses als Istanbul-Konvention bezeichnete Übereinkommen hat Deutschland übrigens erst acht Jahre nachdem es von den ersten Mitgliedsstaaten unterschrieben wurde und drei Jahre nachdem es in Kraft getreten war, ratifiziert. Bittere Randnotiz: in der namensgebenden Stadt, in der so wichtige Forderungen für den Schutz von Frauen vor Gewalt ausgearbeitet und festgelegt worden sind, wurde in dieser Woche eine friedliche Demonstration von Frauen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, von der Polizei GEWALTSAM aufgelöst, ohne dass die Behörden einen Grund dafür genannt haben.

Ja, selbstverständlich bin ich froh und dankbar, dass wir Frauen in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern unbehelligt für unsere Rechte und damit für den Schutz vor Gewalt demonstrieren dürfen. Richtig begeistert wäre ich, wenn alle Demos und Aktionen von Frauen auch wirklich etwas bringen würden, außer ein paar betroffenen, aber oft beschwichtigenden Worten und Finanz-Zusagen von eher symbolischem Wert.

Wenn Familienministerin Giffey dieser Tage angesichts der Kriminalitäts-Statistik mit über 140 000 Opfern feststellt, es müsse dringend etwas gegen häusliche Gewalt getan werden, dann stellt sich die Frage, warum ist denn bisher so wenig dagegen getan worden, dass die Zahlen seit vielen Jahren gleichbleibend erschreckend hoch sind?

Mal ein paar Fakten aus der bislang größten europaweiten Erhebung der FRA (Agentur der Europäischen Union für Grundrechte) von 2014:

  • 33 % der Frauen haben seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Dies entspricht etwa 62 Millionen Frauen.
  • 22 % der Frauen haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt.
  • 67 % meldeten die schwerwiegendsten Gewaltvorfälle innerhalb einer Partnerschaft nicht der Polizei oder einer anderen Organisation.

Mit anderen Worten, die über 114 000 weiblichen Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland, die im vergangenen Jahr in der Kriminalstatistik erfasst wurden und die in keinem Medienbericht über den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in den letzten Tagen gefehlt haben, machen gerade mal ein Drittel der tatsächlichen Opferzahl aus.

Ja, die Zahlen aus der Erhebung sind fünf Jahre alt, es gibt meines Wissens keine aktuellere Untersuchung in dem Umfang. Und das Bundesfamilienministerium gibt sich immer noch damit zufrieden, sich in Veröffentlichungen im Jahr 2019 auf Studien aus den Jahren 2004 und 2009 zu beziehen. Noch Fragen zur Relevanz, die diesem Thema beigemessen wird? Meine Antwort wäre bestenfalls Zähneknirschen.

Und deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, mit welchem Stolz Frau Giffey in dieser Woche verkündet hat, dass die Regierung in den kommenden vier Jahren 120 Millionen für Frauenhäuser und Beratungsstellen zur Verfügung stellen will. Scham darüber, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten so wenig dafür getan wurde, und dass die Summe im Vergleich zu anderen Ausgaben des Bundes geradezu lächerlich ist, wäre m. E. eher angebracht. Vor meinem geistigen Auge tauchen zum Beispiel gerade die Worte „Scheuer“ und „Maut-Desaster“ auf. Ebenso wie die Überlegung, dass Giffeys Partei die große Koalition endgültig vor die Füße zu fallen droht, und sie noch schnell ein paar Pluspunkte bei den Wählerinnen sammeln möchte, bevor die Bedeutungslosigkeit droht.

Seitdem ich mich Ende der 70er Jahre zusammen mit vielen anderen Frauen für die Einrichtung eines Frauenhauses am damaligen Wohnort engagiert habe (es wurde fast 20 Jahre später eröffnet , an dieser Stelle vorsichtshalber ein „piiiiieeeep“ ), weiß ich, dass die Frauenhäuser in Deutschland immer mit ungesicherter Finanzierung zu kämpfen haben, die jährlichen Zuschüsse eher von Politik und nicht von Notwendigkeit bestimmt sind. Vor allem aber ist bekannt, dass die Zahl von 350 Häuser mit 6 800 Plätzen hinten und vorne nicht ausreicht, das ist umgerechnet nämlich nur ein Platz auf 16 350 Einwohner/innen. Die bereits erwähnte Istanbul-Konvention, die, wie bereits ebenfalls erwähnt, auch für Deutschland verbindlich ist, sieht 2,5 Plätze pro 10 000 Einwohner/in vor. Es fehlen also aktuell in Deutschland 800 Frauenhäuser mit 14 600 Plätzen.

Mal angenommen, die von Frau Giffey versprochenen 120 Millionen in den kommenden vier Jahren würden ausschließlich für die Einrichtung neuer Frauenhäuser verwendet, wären das pro Haus gerade mal 15 000 Ocken. Also für die Betreiber-Organisationen ist ein Ende des Klinkenputzens bei Kommunal- und Landes-Parlamenten und des Spenden-Sammelns nicht abzusehen. Von den misshandelten und verletzten Frauen und ihren Kindern, die wegen Platzmangels vor der Tür bleiben müssen, will ich gar nicht erst anfangen. Nochmal: „piiiiieeeep“

Wohlgemerkt, die Rede ist von der Finanzierung neuer Frauenhäuser, nicht von Folgekosten, Stellenschlüsseln und angemessener Bezahlung. Vor allem aber ist nicht die Rede davon, wie die Politik dagegen angehen will, dass Gewalt gegen Frauen ein strukturelles gesellschaftliches Problem ist und bleibt. Nebenbei: lediglich rund fünf Prozent der angezeigten Fälle führen zu einer Verurteilung des Täters.

Vor über 40 Jahren habe ich mir in jugendlichem Enthusiasmus einen Ketten-Anhänger mit dem Frauenzeichen gekauft und lange Zeit umgehabt. Seit einigen Jahren trage ich diese Kette wieder. Bestimmt nicht aus Enthusiasmus, sondern mit dem Gefühl dass es leider immer noch notwendig ist, darauf hinzuweisen zu wollen, dass das Ziel eines gleichwertigen, gewaltfreien Miteinanders von Frauen und Männern noch ein ganz schönes Stück weit weg ist. Lasst uns mal Tempo machen, um es schneller zu erreichen. Wir könnten zum Beispiel der Politik zeigen, dass wir uns mit milden Gaben von 30 Millionen Euro pro Jahr für den Schutz von hunderttausenden Frauen vor Gewalt nicht mehr zufriedengeben.

fl

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