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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Freiheit nur für Meinungen

Wie so viele andere Lichtblicke auf dem Weg zu einer hoffentlich baldigen Post-Corona-Zeit gehören die unterschiedlichsten Veranstaltungen, wie Konzerte, Ausstellungen und Messen mit leibhaftigem Publikum. Freunde von mir haben auf der Spielemesse ihre Bankkarte zwar nicht gerade glühen aber schon ordentlich zum Einsatz kommen lassen und freuten sich, dass sie endlich, das schon für das vergangene Jahr veranschlagte Budget für  bunte Pappkartons mit unterschiedlichstem Inhalt und ganz, ganz vielen spannenden und unterhaltsamen Stunden ausgeben konnten.

Die Veranstalter/innen von Großevents haben sich viele Gedanken gemacht und Ideen umgesetzt, wie nach der Zwangspause Pandemie-Regeln in die Abläufe einzubringen sind, aber vor allem natürlich welche Angebote wie  zeitgemäß präsentiert werden können. Nur die Frankfurter Buchmesse hat augenscheinlich vergessen, dass Rassismus und Hass auf Andersdenkende in Zeiten von gewalttätigen Corona-Schwurblern genauso ein Problem sein dürfte, wie vor der Pandemie.

Frankfurter Buchmesse 2017, Quelle: stern.de

Ich habe als weiße Frau in einer Kleinstadt im Westmünsterland glücklicherweise keine Erfahrung mit rassistischen Beschimpfungen und kann sicher nicht wirklich nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn einem „Sei dankbar, dass wir dich von den Bäumen geholt haben, Drecksviech!“ und „Sklavenhändler hinbestellen mitnehmen lassen.” vor den Latz geknallt und die Ausweisung einer zwischen Sauerland und Ruhrgebiet geborenen Staatsbürgerin gefordert wird. Und ich kann auch nur ansatzweise nachvollziehen, wenn eine schwarze Autorin Angst um sich und ihre Kinder hat, wenn nach Morddrohungen von rechten *** (Selbstzensur) ihre Privatadresse im Netz veröffentlicht wird. Ich weiß aber ganz sicher, dass ich mich ganz sicher nicht mit solchen Hetzer/innen in einem Raum aufhalten würde.

Ja, ich finde es bedrückend, wenn Janina Kuhnert bei einer öffentlichen TV-Veranstaltung auf der Buchmesse vorab nicht namentlich genannt, sondern als Überraschungsgast angekündigt wird, um ihre persönliche Sicherheit nicht zu gefährden. Und ich habe großes Verständnis, dass ihr ihre Sicherheit wichtiger ist als Promotion für ihr Buch, wenn einer derjenigen, die ihre Ausweisung forderte, als Verleger mit einem Stand an prominenter Stelle in direkter Nähe zum „Blauen Sofa“ platziert ist. Nach 2017 sollten die Verantwortlichen wissen, wie Gesinnungsfreund/innen rechtsextremer Verlage mit Meinungsfreiheit umgehen, die man mit deren Teilnahme unter Beweis zu stellen glaubt. Nicht nur Kuhnert auch andere schwarze Autor/innen und haben ihre Teilnahme an der Buchmesse – sicherlich schweren Herzens – abgesagt, ebenso wie weiße für ihren Einsatz für Menschenrechte bekannte  eingeladene Gäste.

Und natürlich heulen gewisse Kreise jetzt sofort wieder über Cancel Culture, statt sich mal Gedanken zu machen, dass Bedrohungen von Kulturschaffenden genau dahin führen. Und es entzündet sich die siebentausenddrölfzigste Debatte über Meinungsfreiheit und deren Grenzen. Nicht falsch verstehen, ich finde sie wichtig, wünsche mir aber, dass sie auch zielführend sein sollen.

Der rechte Verlag, dessen Teilnahme an der Buchmesse so viele Fragen und Proteste aufwirft, gehört einem Mann, über den man auf Wikipedia erfährt: „Philip Stein (* 1991 in Fritzlar) ist ein rechtsextremer deutscher Verleger und Aktivist im Kontext der Neuen Rechten und der Alternative für Deutschland. Er gilt als „ultrarechter Burschenschafter“, „völkischer Stratege“ und „rechter Netzwerker“. Er war Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft (DB) und ist Leiter des rechtsextremen Gemeinschafts-Projekts Ein Prozent für unser Land.“ Der Initiative „Ein Prozent“ bescheinigte das Oberlandesgericht Dresden übrigens im vergangenen Jahr, dass sie „nicht nur die Hassorganisation „Identitäre Bewegung“ unterstützt habe, sondern selbst eine Hassorgansiation sei“.

Selbstverständlich ist es richtig und wichtig, wenn so eine renommierte Veranstaltung wie die Frankfurter Buchmesse das gesamte gesellschaftliche und politische Meinungsspektrum von rechts bis links abbildet und Debatten zwischen Linken und Rechten eine Bühne bietet. Voraussetzung muss aber m. E.  sein, dass sich ausnahmslos alle Verlage, deren Mitarbeiter/innen und Autor/innen an Gesetze und Bestimmungen halten, allen voran das Grundgesetz. Extremistischen Büchermacher/innen, gut vernetzt mit nachgewiesen verfassungsfeindlichen Organisationen, eine öffentliche, viel beachtete Bühne zu bieten hat aber nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, denn Rassismus, Antisemitismus und Faschismus sind keine Meinungen, sondern Verbrechen. Ich feiere jeden Verlag auf der Frankfurter Buchmesse, der das zum Ausdruck bringt.

fl

Ein paar Maschen Hund auf der Nadel

Start up, Nachhaltigkeit, Umwelt und Ressourcen schonen, fair produziert, regional, all das sind Stichworte, die ganz sicher nicht nur mir immer wieder in Online-Foren über den Weg laufen und mein Interesse wecken. Wenn dann aber noch Stichworte wie stricken und Wolle dazu kommen, schnappe ich zu, wie der Hund nach der Scheibe Wurst.

Womit wir auch gleich beim Thema wären, denn per Zufall las ich von einem Start-Up-Unternehmen, das Hundehaare zu Strickwolle verarbeitet. Treue Leser/innen erinnern sich vielleicht, dass ich sehr wählerisch bin, wenn es um die Qualität von Wolle geht und auch schon gewisse Merkwürdigkeiten ausprobiert habe, was diesem Blog seit über vier Jahren immer wieder ungeahnte Aufmerksam sogar im Ausland beschert. Und so hatte ich auch im Hinterkopf sofort die Idee eines Blogbeitrags mit praxisnaher Schilderung der Qualität von Hunde-Wolle, als ich den Link in einem Forum anklickte.

Bei der Überschrift „Ist auch deine Fellnase Teil der System-Revolution?“ war ich kurz davor, die Seite wieder zu verlassen, da die einzigen Haustiere in meinem Haushalt Wollmäuse im Großfamilien-Verbund sind, und Herr Oter bislang keine revolutionären und/oder systemverändernde Ambitionen gezeigt hat. Gering war dementsprechend mein Interesse daran Tierschutz zu unterstützen durch die Einsendung von Hundehaaren, zumal ich auf der Homepage keine Hinweise finden konnte, an welche Institutionen bisher wieviel Geld gespendet wurde.

Aber mir gings ja auch ums Stricken, um berichten zu können, wie sich die Wolle anfühlt, wie gut oder schlecht sie zu verarbeiten ist, und ob das Versprechen eingehalten wird, dass sie nach dem Waschen und vor dem Trocknen nicht doch nach dem sprichwörtlichen nassen Hund stinkt. Also klickte ich auf den Shop und ließ meine Gesichtszüge entgleisen und die Kinnlade runterfallen, bevor ich beschloss, mich in Rekordzeit von dem Gedanken an einen neuen Pullover zu verabschieden und selbst auf ein kleines Probestück zu verzichten. 100 Gramm Wolle mit einer Lauflänge von 360 Metern in bester Hundegarn-Qualität, die nach Herstellerangaben immerhin für ein Paar Socken reichen soll, kosten nämlich stolze neunundsiebzigfünfundneunzig Euro. Bevor ihr dreimal nachlest:

79,95 €!

Für einen ganz normalen Pullover kann man also gut und gerne (gerne?) über 600 Euro veranschlagen, bei aufwändigen Zopfmustern kommt bestimmt nochmal ein Hunderter obendrauf. Und für den Fall, dass der gut ausgebürsteten „Fellnase“ (welche Tiere haben eigentlich Fell auf oder in der Nase?) mangels zu verspinnendem, wärmendem Unterfell ein Schnupfen oder Husten droht, kann man im Internet-Shop auch einen fertig gestrickten Hundepullover für den Schnäppchenpreis von 170 Ocken in Pinschergröße aus den Haren von Pfiffis Artgenossen käuflich erwerben.

Wohlgemerkt, der Rohstoff wird der Firma kostenlos von unweltbewussten Tierliebhaber/innen zur Verfügung gestellt, gegen das Versprechen von Spenden für einen Baum, ein Tierheim oder einen Gnadenhof. Bei einer derartigen „System-Revolution“ müssten sich der gute alte Karl und sein Kumpel Friedrich eigentlich mal so langsam beharrlich aus dem Grab schrauben.

fl

Bitte kein zweites 2015

Es ist nicht einmal ein Jahr her, dass ich von einer „Mischung aus Fremdscham, Fassungslosigkeit, Ärger/Wut, Hilflosigkeit und Mitleid“ schrieb im Zusammenhang mit dem Umgang von Geflüchteten in Deutschland und Europa. Ich war nicht so naiv, dass ich dachte, da würde sich kurzfristig etwas zum Besseren entwickeln, aber genau diese Gefühle, sogar noch stärker, überrollen mich jetzt, wenn ich Nachrichten sehe/höre, Zeitung lese und Diskussionen verfolge.

Wenn ich afghanische Bekannte treffe, dann weiß ich nicht, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen kann. Da begegne ich Menschen, die sich viel Mühe gegeben haben, die deutsche Sprache zu lernen, sich in den deutschen Alltag mit all seinen Traditionen und kulturellen Normen einzufinden, die sich hier eine Existenz aufbauen oder neue berufliche Perspektiven entdeckt haben, die unsere Nachbar/innen und Mitbürger/innen geworden sind. Was kann ich ihnen sagen, wenn sie mich fragen, warum dem Land, das sie aufgenommen und ihnen all das ermöglicht hat, das Überleben ihrer Familien, Verwandte und Freunde in Afghanistan so schrecklich egal ist?

Ist es eine grandiose Unfähigkeit der verantwortlichen Regierungsmitglieder und ihrer Ministerialbeamt/innen, die Warnungen von Bundesswehrangehörigen, Botschaftspersonal und NGO-Mitarbeiter/innen nicht zu hören, geschweige denn zu verstehen? Oder ist es eine noch grandiosere Selbstüberschätzung aus über 6 000 Kilometer Entfernung, sicher und gemütlich hinter dem Schreibtisch oder in einer gepanzerten Dienstlimousine sitzend, die Lage in Afghanistan besser einschätzen zu wollen, als die Menschen vor Ort?

Wie kann man denn morgens noch in den Spiegel gucken, wenn man weiß, dass man dafür verantwortlich ist, dass hunderte Bundeswehr-Helfer/innen und ihrer Familien in Lebensgefahr schweben? Diejenigen, die abends in die Fernsehkameras gucken scheinen damit kein Problem zu haben.

Im Gegenteil, statt zu versuchen, den Schaden nicht noch zu vergrößern, wurde schon vor dem Start der ersten Bundeswehrmaschine nach Kabul zur Evakuierung von deutschen Staatsangehörigen und afghanischen Ortskräften Wahlkampf gemacht mit dem Slogan „Kein zweites 2015“. Ausgerechnet diejenigen, die in Sachen Flüchtlings-Schutz und –Politik versagt haben, glauben sie könnten eine Zeitmaschine konstruieren. Was für eine unerträgliche Hybris.

Grundsätzlich stimme ich diesem Slogan sogar zu, allerdings mit einem ganz anderen Inhalt. Nein, ich will auch nicht, dass sich das wiederholt, was wir seit 2015 immer wieder erlebt haben. Ich will nicht, dass Nazis, Rassisten, Rechtsextreme, Ausländerfeinde und Islamhasser als „besorgte Bürger“ verharmlost werden. Ich will nicht, dass Ängste vor Phantasiegebilden wie Zwangs-Missionierung und Bevölkerungsaustausch , geschürt werden von Leuten, die selber nur Angst haben, ein paar Krümel von einem Kuchen abgeben zu müssen, den sie nicht mal selber gebacken haben. Ich will nicht, dass Minderheiten für sich in Anspruch nehmen „Wir sind das Volk“ und ich will erst recht niemanden mehr „Ausländer raus“ grölen hören.

Und auch die ewige Leier“ dass können wir uns nicht leisten“ will ich nicht mehr hören. Ein Land, das es sich leistet jedes Jahr auf rund 125 Milliarden Euro (ca. ein Drittel der Gesamtsumme des Bundeshaushaltes durch Steuerhinterziehung zu verzichten, soll durch die Aufnahme von Geflüchteten pleite gehen? Wie viele Unterkünfte, Deutsch- und Integrationskurse und Therapiestunden für traumatisierte Kinder hätte man denn finanzieren können mit dem Geld, das Minister durch ihre Maut-Träume oder Schrottmasken-Deals versenkt haben?

Ja, es ist eine Mammutaufgabe mit unzähligen Problemen, Menschen zu integrieren, die ein anderes Weltbild haben, deren Lebensumstände für uns manchmal aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, deren Lebensplanung- und Ziele für uns teilweise nicht nachzuvollziehen sind, die uns genauso fremd sind, wie wir ihnen. Da hat es in der Vergangenheit viele Fortschritte gegeben, es hat aber auch Kriminalität und Gewalt bis zum Mord gegeben. Aber wird sind nicht mehr im Jahr 2015, als nur sehr schwer abzuschätzen war, welche Probleme im Einzelnen bewältigt werden müssen. Es wurden Strukturen geschaffen und Erfahrungen gesammelt, die heute zur Verfügung stehen und wir könnten aus vergangenen Fehlern lernen. Theoretisch.

Dafür, dass Politik und große Teile der Gesellschaft seit Jahren aus all dem so gut wie nichts gelernt haben, oder schlimmer noch nichts lernen wollen, schäme ich mich fast genauso, wie für menschenverachtende Empathielosigkeit, die gerade wieder genauso sichtbar wird, wie 2015.

fl

Das I-Wort

Na, könnt ihr das Wort noch hören, das mit „Imp“ anfängt und mit „fen“ endet und das sich mit jeder Nachrichtensendung, aber auch in fast jedem privaten Gespräch in eure Gehörgänge schraubt? Ja, es nervt, ständig vorgehalten zu kriegen, nur wenn genügend Menschen geimpft sind, wird die vierte Infektionswelle hoffentlich in Schach gehalten werden können. Aber dieser Nervfaktor kann ganz schnell ausgeschaltet werden, wenn eben möglichst viele Menschen der Aufforderung ganz schnell nachkommen.

Und das am liebsten freiwillig, aber auch ohne irgendwelche „Geschenke“, sondern aus Solidarität mit den unzähligen Gastronomen, Händler/innen, Kulturschaffende und anderen Solo-Selbständigen die ein erneuter, sogenannter Lockdown endgültig in die Pleite treiben wird. Und auch aus Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen, die nicht schon wieder alleine Zuhause in einem uneffektiven Distanzunterricht hocken sollten, und aus Verständnis für die Eltern, die auf dem Zahnfleisch gehen, weil sie mit den Aufgaben als Hilfslehrer/innen, Tröster/innen und Alleinunterhalter/innen mit jeder neuen Woche geschlossener Schulen und Kitas erneut überfordert wären. Aber vor allem auch aus Rücksicht auf die, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können und für die jede Virus-Infektion eine Gefahr bedeutet.

Nein, ich bin keine Befürworterin einer allgemeinen Impfpflicht, sondern möchte auf Selbstverantwortung setzen, auch wenn die damals schon nicht geholfen hat bei Shoppingtouren und Urlaubsreisen in Länder ohne Maskenpflicht, bei Nichteinhaltung von Quarantäne („Weiß doch keiner.“) oder jüngst bei der Veranstaltung von Fußballturnieren. (Ich bin und bleibe eben Optimistin, auch wenn manchmal schwer fällt.)

Aber wie sieht es bei Mitarbeiter/innen von Krankenhäuser und Pflegepersonal aus, bei Lehrer/innen und Erzieher/innen? Shopping-Touren, Urlaubsreisen, Partys und Sport-Events kann mensch meiden um einer Corona-Infektion möglichst aus dem Weg zu gehen. Aber niemand kann sich aussuchen, ob sie/er von geimpften oder ungeimpften Ärzt/innen im Krankenhaus behandelt werden möchte, ob nur geimpftes Personal das Krankenzimmer betreten darf. Und auch Schüler/innen und deren Eltern können nicht entscheiden, geimpfte oder ungeimpfte Lehrer/innen in der Klasse stehen. Wessen Recht auf freie Entscheidung wiegt schwerer? Das der Menschen, die ihren Anspruch auf körperliche Unversehrtheit gewahrt wissen möchten, oder das von den Menschen, die auf Selbstbestimmung verweisen und sich nicht impfen lassen wollen?

Und welche Gründe für eine Impfverweigerung können/sollen/dürfen/müssen akzeptiert werden? Die des Aluhut-Trägers, der sicher ist, dass ihm kein Impfstoff, sondern ein Chip injiziert wird, der irgendwas Schlimmes im Körper anrichtet, das nur dazu dient, dass irgendeine „Elite“ die Welt beherrschen kann? Die der jungen Frau, die ihren Kinderwunsch in ein paar Jahren verwirklichen möchte und deren Zweifel an der Unbedenklichkeit der Covid-Impfung nicht durch langjährige Erfahrungswerte besänftigt werden können? Die der Mutter, die ihrem impfwilligen 14Jährigen die Unterschrift verweigert, weil ihre selbsternannte „Heilerin“ (im früheren Beruf Bauzeichnerin), ihr rät abzuwarten, bis bestimmt ganz bald jemand nachgewiesen hat, dass Bleichmittel eine adäquate Alternative zum Impfstoff ist? Oder die des Nachbarn, dessen Körper jedes Mal begeistert „Hier!“ schreit, wenn irgendein potentielles Allergen in weiter Ferne auftaucht?

Solche und viele andere Aspekte werden in den unterschiedlichsten Zusammenhängen be- und angesprochen und viele Menschen versuchen die Antworten auf ihre Fragen bei Professor Google , auf der Facebook-Akademie oder in einem Telegram-Symposium zu finden. Das zusammen mit den ständigen Impfaufrufen Und Debatten in den Medien führt dazu, dass das I-Wort „Impfung“ irgendwann das Zeug zum Unwort des Jahres haben dürfte.

Dabei ist es so einfach das zu verhindern, wenn jede/r sich an der richtigen Stelle informiert. Und die ist und bleibt für mich die Praxis der Hausärztin oder des Hausarztes des Vertrauens mit seriöser, medizinischer Fachkompetenz und dem notwenigen Wissen über Körper und Gesundheit der oft langjährigen Patient/innen. Die meisten Menschen vertrauen „ihren“ Ärzt/innen, wenn sie ihnen Medikamente verschreiben, besorgen sich die in der Apotheke und nehmen sie nach Anweisung ein. Oft über Jahre hinweg. Warum dann nicht auch einer personalisierten, professionellen Impfempfehlung trauen?

Der Wunsch, dass dieser vermaledeite Corona-Spuk so bald wie möglich seinen Schrecken verliert, erfüllt sich nicht von allein. Da muss schon eine solidarischen Gesellschaft was für tun.

fl

Impfen tut echt nicht so weh…

Wieder ein Turnier ohne Fußballhelden

Die Begeisterung mancher Menschen für Fußball kann ich nicht teilen. Aber das macht nichts, ich erwarte ja auch nicht, dass alle Menschen sich für Stricken oder Nähen begeistern. Ich hab nichts gegen Fußball-Fans, solange sie nicht gewalttätig sind, oder sich mit Rechtsextremisten verbünden.

Ich gönne es ihnen vor allem, wenn sie jetzt während der Europameisterschaft  nicht mehr alleine oder im Kreis der bestenfalls ebenso begeisterten Familie vor dem heimischen Fernseher für Stimmung sorgen müssen, sondern zusammen mit Freund/innen, Bekannten, Nachbar/innen und anderen Gleichgesinnten auf der Terrasse wieder ein Stück Fußball-Fan-Alltag erleben können. Warum schon nach einem gewonnnen Vorrundenspiel lautes Hupen ziellos herumfahrender Autos zu hören ist, erschließt sich mir nicht und lässt mich (etwas ängstlich) fragen, welche Steigerungsmöglichkeiten umgesetzt werden, falls die deutsche Mannschaft das Endspiel erreichen sollte.

Im Allgemeinen ist mir Fußball herzlich egal. Politik eher nicht, und deshalb gefällt mir die regenbogenfarbene Armbinde von Manuel Neuer ausnehmend gut, optisch wie inhaltlich-symbolisch. Was ich darüber denke, dass im Vorfeld der Bundestagswahlen Mitglieder einer in Teilen rechtsextremistischen Partei die Maske der grundgesetztreuen Demokraten fallen lassen und die Fratze der (nicht nur) homophoben Hetzer gegen Minderheiten zeigen, muss ich wohl nicht erläutern.

Dagegen ist es geradezu wohltuend, dass die Hauptstadt eines nicht unbedingt für besonders progressive Gesellschaftspolitik bekannten Bundeslandes ihr Stadion in Regenbogenfarben beleuchten wollte, wenn die Mannschaft eines Landes dort spielt, dessen Regierung geradezu berüchtigt ist für ihre Diskriminierung von LBGTQ-Personen. Dass dieses wichtige Zeichen für Toleranz und Gleichstellung nicht zu sehen sein wird, macht mich richtig sauer und das gleich aus mehreren Gründen. Es geht, wie so oft im Fußball in den höheren Rängen um Geld und Profilierung und nicht um Solidarität und Mitmenschlichkeit, ja nicht mal um die Gesundheit sehr vieler Menschen beim Austragungsort für das EM-Endspiel.

Wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Corona-Virus und der damit verbundenen einschränkenden Maßnahmen befürchtet die UEFA, dass die Eitelkeit ihrer Sponsoren nicht ausreichend bedient werden kann, wenn nicht genügend Plätze in den VIP-Logen zur Verfügung stehen. Das sagt meiner Meinung nach nicht nur eine Menge darüber aus, wie der Verband die Motivation derjenigen einschätzt, die den medienwirksamen Fußball-Zirkus finanziell unterstützen, sondern auch darüber, wie sehr er fürchtet, sein Vermögen von rund 3,8 Milliarden nicht ungestört vergrößern zu können.

Die Bilder in der vergangenen Woche aus Budapest mit abertausenden Fans ohne Masken und Abstand im Stadion haben dann wohl bei der UEFA Begehrlichkeiten geweckt, ein Endspiel mit über 60 000 Zuschauer/innen dort möglich werden zu lassen. Da passen natürlich Regenbogenfarben und ungarische Nationalmannschaft drei Wochen vorher nicht gut zusammen, weshalb die UEFA sich laut aktuellen Medienberichten auf irgendwelche Formalien beruft, um als Veranstalter die bunte Beleuchtung des Münchner Olympistadions morgen zu untersagen. Wir werden nie erfahren, wie oft bei der Entscheidungsfindung die Worte „Corona“, „Mutante“, „Covid 19“, „Delta—Variante“ oder wenigstens „Infektionsschutz“ und „Gesundheit“ gefallen sind. Sie haben jedenfalls wohl keine bedeutende Rolle gespielt. Das Stadion, in dem die ungarische Nationalmannschaft spielt, wird sein wird wie immer, nämlich hell. Und der mächtige und einflussreiche Verband hat sich schwer blamiert, weil er gezeigt hat, was von seinen Lippenbekenntnissen für Toleranz und gegen Diskriminierung zu halten ist.

Eines ist jedenfalls ist für mich mich deutlich: Dem Fußball fehlen echte Helden. Nämlich die schwulen Spieler (und Funktionäre), die sich trauen (können), sich im Jahr 21. Jahrhundert zu ihrer sexuellen Identität zu bekennen. Jeden einzelnen, der dazu mutig genug ist, und alle, die sie unterstützen und vor ebenso dummen wie überflüssigen Angriffen schützen, werde ich feiern. Mit großer Begeisterung und mehr als alle Torschützen irgendwelcher Meisterschaften zusammen.

fl

Haus, Auto, Boot, Impfstoff

Zwei ehemalige Schulkameraden sehen sich nach Jahren unverhofft in einem Nobelrestaurant wieder. Großes Trara  und auf die Frage „Wie geht’s dir?“ kein Moment des Zögerns, ob erst die Kinder oder erst die Gattin belobhudelt werden sollen. Stattdessen, werden mit passender akustischer Untermalung nacheinander Fotos auf den Tisch geknallt „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“, um mit Erfolg und Reichtum zu protzen. Diese legendäre TV-Werbung aus den 90er Jahren ist heute, anders als der geniale Spot „Wenn ich mal groß bin, will ich auch Spießer werden“, ein wenig aus der Zeit gefallen. Im Jahre 2021, wird nämlich nach meiner Befürchtung demnächst beim Stammtisch neben den Aufnahmen vom schlimmstenfalls(?) Reihenhäuschen, Mini-SUV und Schlauchboot, bestenfalls(?) Villa mit Pool, Ferrari und Motorjacht noch mit nicht weniger Stolz der Impfpass als Statussymbol daneben gelegt. Vorausgesetzt, der passende Impfstoff ist darin vermerkt. Am besten der aus guter deutscher Laborarbeit und nicht der, dem Dank emsiger medialer und politischer Verunsicherung der Hauch des Ladenhüters anhaftet.

Liebe Reporter/innen, Journalist/innen und Redakteur/innen, ja in Zeiten, in denen das öffentliche und kulturelle Leben eingeschränkt ist, ist es schwierig Zeitungen so zu füllen, dass nicht irgendwo der weiße Kasten mit dem Hinweis „Platz für Notizen“ auftaucht. Aber der in Saure-Gurken-Zeiten gerne umgesetzte Anspruch „aus einem Furz einen Donnerschlag“ machen zu können, sollte gerade dann, wenn wissenschaftliche Expertise gefragter ist als Sensationslust, nur mit größter Sorgfalt angewendet werden.

Tauschen sich Diabetiker/innen regelmäßig darüber aus, welche Insulin-Marke sie spritzen? Oder begrüßen sich junge Frauen mit, „Du, ich nehm jetzt die Pille von xyz“? Was kommt als Nächstes? Ein Wettbewerb in Sachen Saugfähigkeit von Inkontinenz- und/oder Menstruations-Produkten beim Brunch im Familienkreis?

Ich kann es sehr gut verstehen, dass jemand ihre/seine Mitmenschen gerne an der Freude teilhaben lässt, endlich den ersehnten Impftermin bekommen zu haben (ich habe auch direkt meine Kinder benachrichtigt). Aber spielt es eine Rolle, welches Präparat dabei zum Einsatz kommt?

Millionen Menschen lassen sich jedes Jahr gegen Grippe impfen. Diejenigen darunter, die ich kenne, haben mir noch nie erzählt, mit welchem Präparat, und welche Untersuchungsergebnisse und Informationen sie vor dem Impftermin ergoogelt haben.

Und wer nach Afrika oder Asien reist, lässt vorher freiwillig zwischen einem halben und einem Dutzend Impfungen über sich ergehen, übrigens ganz ohne von Impflicht zu faseln oder unerträgliche historische Vergleiche mit selbst gebastelten „Abzeichen“ zu ziehen. Ich wage es, finanziell schmerzhafte Wetten anzubieten, dass nur ein Bruchteil der Reisenden den Hauch einer Ahnung hat, auf welcher Wirkungsweise die Impfstoffe basieren, oder von wem und wo sie hergestellt wurden. Nichts, dasss es darüber keine Infoormationen gäbe, es interessiert nur so gut wie niemanden.

Glauben diejenigen, die nicht selten mit einem gewissen Anflug von so etwas wie Stolz mitteilen, dass ihnen der Corona-Impfstoff einer bestimmten Hersteller-Firma gespritzt wurde, tatsächlich Qualitätsunterschiede beurteilen zu können? Auf welcher Basis denn bitte? Persönliche Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Präparaten und deren Langzweitwirkungen sind da eher ausgeschlossen. Und dass sich Laien durch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen diverser Impfstoffe wühlen und dabei in regelmäßigen, je nach Vorbildung kürzeren oder längeren Zeitabständen mit Fachbegriffen konfrontiert werden, die sie erst mal nachschlagen müssen, übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

Stiftung Warentest eignet sich in diesem Fall auch nicht wirklich als Informationsquelle. Der nicht selten überheblich anmutende Stolz auf Forschungsergebnisse „Made in Germany“ einiger Presseorgane aber erst recht nicht.

Ja, ich persönlich finde es gut und richtig, wenn sich möglichst viele Menschen gegen Corona impfen lassen. Und ich finde es erst recht gut und richtig, sich vorher zu informieren und bei eventuellen Unsicherheiten Antworten auf die jeweiligen Fragen zu suchen, um sich für oder gegen ein bestimmtes Präparat zu entscheiden. Aber bitte bei denen, die diese Fragen am besten beantworten können, nämlich den Hausärzt/innen des Vertrauens. Die können dann auch erklären, was es mit dem Begriff „Impfstatus“ auf sich hat, und warum der mal so gar nichts mit „mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Impfstoff“ zu tun hat.

fl

Mr. Right für den Kopf

Ob wohlriechend oder ein bisschen muffig, klassisch gerundet oder kantig, liegend oder hängend, farblos oder eher braun-beige, überraschend oder nur Schaumschlägerei, mit saurem oder kaltem Finish, so richtig zufrieden bin ich bisher mit keinem Exemplar. Ich werde sie also fortsetzen müssen, meine ganz persönliche Suche nach einem festen Shampoo oder nach Haarseife, die sich für mich schwieriger gestaltet, als für manch andere Leute die Suche nach der/dem (vermeintlich) passenden Partner/in.

An anderer Stelle schrieb ich ja schon mal, dass ich ganz sicher nicht zur bevorzugten Zielgruppe der nationalen und internationalen Kosmetik-Industrie gehöre. Das liegt nicht nur daran, dass der Besuch im Baumarkt Erfolg versprechender sein dürfte, falls ich mal meine Falten unsichtbar werden lassen wollte. Nein, auch an meinem Realitätssinn für die Versprechen der Wirksamkeit von Cremes, die mich schlagartig um Jahre verjüngen lassen, während die Fotoshop-Arbeiten an den Werbegesichtern auf den ersten Blick zu erkennen sind. Außerdem sind durch bestimmte Präparate verursachte Pickel nicht zwangsläufig ein Beweis für jugendliches Aussehen. Also sind für meine ganz normale Gesichtscreme unbedenkliche Inhaltsstoffe, bevorzugt in Bio-Qualität, ein gutes Hautgefühl und ein Preis, der im Verhältnis zum Inhalt nicht in Karat bemessen wird, kaufentscheidend.

Ähnlich sieht es bei der Haarpflege aus, wobei es in diesem Bereich geradezu eine Frechheit ist, was da in der Vergangenheit schon mal beigemixt wurde, um einen großen Anteil Wasser mit einem kleinen Anteil an Pflege-und Wirkstoffen zum Schäumen zu bringen im Kampf gegen fettiges Haar, trockenes Haar, schuppige Kopfhaut, juckende Kopfhaut und was mensch sonst so alles nicht braucht. Ja, in meinen jungen Jahren, als eine bestimmte Marke noch „Schönheit direkt ins Haus“ brachte, prangte auf deren Shampooflaschen tatsächlich zu Werbezwecken gut sichtbar der Hinweis „Jetzt mit Formaldehyd“ (wer weiß, wann dieser Stoff als krebserregend eingestuft wurde, hat eine ungefähre Vorstellung, wie lange es her ist, dass meine Aussehen tatsächlich mal das Attribut „jugendliche Frische“ verdient hat).

Mindestens so fragwürdig finde ich es ja, wenn Shampoo-Hersteller jetzt damit werben, dass ihre Produkte „frei von Silikonen“ sind, zeigen sie doch deutlich, dass der Kunststoff mit dem sie viele Jahre lang eine Menge Geld verdient haben, völlig überflüssig ist, zumal er weder Kopfhaut, Haar und vor allem auf Dauer der Umwelt Gutes tut.

Genauso ist es mit dem plötzlich immer größer werdenden Angebot von Haarseifen und festen Shampoos. Sie signalisieren doch nichts anderes, als dass die Industrie jahrelang mit Produkten überwiegend aus Wasser in umweltschädlichen Plastikflaschen richtig Kohle gemacht hat, während die Haarpflege auch ohne auskommen kann. Finde ich richtig, richtig gut, dass ich Plastikmüll vermeiden und auf überflüssige Inhaltsstoffe verzichten kann, aber ich habe leider ein Problem damit.

Während ich im Laufe des Lebens irgendwann mal ein oder zwei Shampoo-Sorten als gut für mich befunden habe und beim Nachkauf der treffsichere Griff ins Regal mich wissen ließ, welche Reinigungs- und Pflege-Wirkung ich erwarten durfte, fange ich bei der trockenen Variante im Pappkarton oder mit Papierbanderole ganz von Vorne an.

Meine ersten Versuche startete ich vor einigen Jahren, als die Kosmetikindustrie immer noch auf Wasser in Plastik setzte, mit Aleppo-Haarseife. Wie später bei vielen Nachfolgeprodukten war ich, nachdem meine Haare sich dran gewöhnt hatten, eine Zeitlang ausgesprochen zufrieden, bis mal meine Haare mit strohiger  Trockenheit oder beleidigten Strähnen reagierte.

Den Geruch zum Hauptkriterium für die Kaufentscheidung zu machen, weil mir der Deoduft der Firma so gut gefällt, erwies sich als phänomenale Pleite. Obwohl ich befürchten musste, Ärger mit den Nachbar/innen zu kriegen, weil ich gefühlt den gesamten Warmwasservorrat mehrere Haushalte fürs Ausspülen ver(sch)wendet hatte, sahen meine Haare zwei Stunden später aus, als hätte ich mir eine  Honig-Senf-Salat-Sauce mit einer zusätzlichen Portion Olivenöl extra vergine übers Haupt geschüttet. Der Effekt war erst drei Haarwäschen später vollständig verschwunden.

Aktuell wechsle ich zwischen festem Bio-Haarshampoo der Hausmarke vom örtlichen Drogerie-Markt, einem festen Sonderangebot einer bekannten Shampoomarke und zwischendurch mal Flüssig-Shampoo aus der Plastik-Pulle. Mein Sortiment an quadratischen, ovalen und runden Fehlkäufen ist inzwischen beträchtlich, eignet sich aber für Abwechslung beim Einseifen unter der Dusche. Eine überdurchschnittlich große Hautoberfläche ist da ausnahmsweise mal vorteilhaft, um die ungewollten Vorräte zeitnah abbauen zu können. Auch deshalb greife ich weiterhin immer wieder zu neuen, mir noch unbekannten festen Produkten in der Hoffnung, irgendwann mal den Volltreffer schlechthin zu landen. Ich weiß auch schon, wie ich das gute Shampoo-/Seifen-Stück dann nennen werde: Mr. Right.

fl

Der gestrichelte Froschkönig

Von wegen, Freizeitaktivitäten in diesen verrückten Zeiten einschränken. Im Gegenteil, neue suchen und finden ist jetzt angebracht. Keine Sorge, ich bin nicht plötzlich zur Corona-Rebellin mutiert, ich werde nur nicht aufhören Bücher zu lesen, zu stricken und zu nähen (die ersten beiden Tätigkeiten bei gutem Wetter sogar aushäusig aussüben). Und ich habe eine neue Freizeitaktivität für mich entdeckt, ich übe mich im Zeichnen.

Daran, dass in jedem Menschen irgendwelche Talente schlummern, glaube ich fest. Sollte in mir allerdings ein Talent zum Zeichnen und Malen schlummern, liegt es seit über einem halben Jahrhundert in einem nahezu komatösen Tiefschlaf. Begriffe wie „Perspektive“ und „Proportionen“ sind mir durchaus bekannt – auch ihre Bedeutung, an der praktischen Umsetzung scheitere ich aber immer wieder, nicht selten in grandiosem, aber amüsantem Ausmaß. Mal eben schwungvoll einen Kreis aufs Papier zu bringen, sieht bei mir meistens aus, als wolle ich eine Grußkarte zu Ostern gestalten.

Da ich jetzt kein großer Fan von Misserfolgen bin, habe ich zeichnerisches Können immer gerne neidlos anderen überlassen und mich gewundert, aus welchem Genpool meine Lieblingstochter sich diesbezüglich wohl bedient hat. Ja, ich weiß, Üben, Üben, Üben kann gewisse fehlende Talente ein ganzes Stück weit ausgleichen, aber mir fehlte oft die Zeit und meist auch die Lust, mich am Bleistift zu versuchen, um mehr damit anzustellen, als einen Einkaufszettel zu schreiben oder Abnäher zu markieren.

Und dann kam dieser vermaledeite Virus, der mir meine aushäusigen, ehrenamtlichen Aktivitäten versaute. Lust zu putzen, zu schrubben, zu wienern und ständig auf und umzuräumen ist in meinem genetischen Pool auch nicht vorgesehen (in dem der Lieblingstochter ebenfalls  nicht, also hat sie doch was von mir geerbt), und als mein Erstgeborener in einem ganz anderen Zusammenhang von dem Buch „Ich kann 1 000 Dinge zeichnen“ erzählte, war mein Interesse geweckt.

Allein schon der Titel gefiel und gefällt mir ausnehmend gut, denn ich kann eben nicht 1 000 Dinge zeichnen, möchte aber gerne lernen, erst mal zehn Dinge zeichnen zu können. Und zwar so, dass man sie nicht nur auf den ersten Blick ohne Raterei erkennen kann, sondern dass die Zeichnung auch noch nett aussieht.

Also habe ich dem örtlichen Buchhandlung in Corona-Zeiten mit telefonischer Bestellung und persönlicher Abholung ein Umsatzplus im niedrigen zweistelligen Euro-Bereich beschert. Zu den unter zehn Ocken für das Buch kamen noch Bleistift, Anspitzer und ganz, ganz wichtig zum Zwecke der Ressourcenschonung von Wäldern und Wasser für die Papierherstellung ein Radiergummi.*

Beim ersten Blick ins Buch kam erst einmal Staunen darüber, welche 1 000 Dinge man denn so alles zeichnen kann mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung mit maximal sechs Einzelbildern. Auf den zweiten Blick kam die Ernüchterung: Weder Strickzeug noch Nähmaschine gehören dazu.

Dafür aber übersichtlich in neun verschiedene Kategorien unterteilt, deutlich mehr Dinge von Aal bis Zypresse , als ich sie in diesem Leben jemals zeichnen werde. Dank eines Registers am Ende kann ich mir zielgerichtet aussuchen, womit ich vielleicht einfach aus Spaß an der Freude einen Erinnerungszettel oder ein leeres Blatt im Notizbuch verzieren möchte. Den Ehrgeiz, meine Wände irgendwann mit Selbstgestricheltem, vielleicht sogar durch Farbe ergänzt, schmücken zu wollen, habe ich sicherlich nicht. Ich kenne meine Grenzen und viele abschreckende Beispiele.

Warum auch immer, habe ich mir als eines meiner ersten Übungsobjekte einen Froschkönig ausgesucht, und war tatsächlich ein bisschen stolz über das Ergebnis. Vor allem aber habe ich gemerkt, dass das Zeichnen für mich eine entspannende Wirkung hat. Wenn mir mal wieder tausend Sachen durch den Kopf gehen, ich mich  über irgend etwas mächtig ärgere (häufig über Politik und aktuell über politisierende Schauspieler/innen), oder ich mir Sorgen um Freundinnen machen, denen gerade die üblichen Kontakte und Aktivitäten noch mehr fehlen als mir, dann kann ich tatsächlich sehr gut abschalten, wenn ich mich in Linienführung und Proportionen übe. Es ist beim Zeichnen eine Konzentration, die mich nicht anstrengt, aber wunderbar ablenkt. Zugegebenermaßen löst sie manchmal auch etwas Ärger aus, wenn das Ergebnis meiner Bemühungen ziemlich stümperhaft aussieht. Das liegt aber an mir und meinem Unvermögen und nicht an den Anleitungen im Buch. Im Gegenteil, das motiviert mich, es solange zu versuchen, bis ich mit dem gezeichneten Gegenstand einigermaßen zufrieden bin. Sogar ohne den sonst oft dringlichen Wunsch „Göttin, schenk mir Geduld. SOFORT!“

*Inzwischen ist das Buch auch in der schönsten Bücherei des Städtchens zur Ausleihe coronakonform zu bestellen und abzuholen. Ratet, wer vorgeschlagen hat, es in den Bestand aufzunehmen ;-)?

fl

Für’s allerallererste Mal doch gar nicht sooo schlecht, oder?

Wenn Pink auf Blutrot trifft

Lesen bildet, aber wem sag, vielmehr schreib ich das, wenn ihr ja ohnehin schon auf der Seite einer Bücherei landet, für deren Mitarbeiter/innen es nicht nur Aufgabe, sondern auch Herzensangelegenheit ist, fürs Lesen zu begeistern indem sie helfen, sich in der Vielfalt von Unterhaltung und Informationen zurechtzufinden. Es gibt wohl kaum ein Thema, zu dem kein Sachbuch auf dem Markt ist, mal mehr oder weniger gelungen, meistens aber gut gemacht und gut geschrieben mit überraschenden Fakten und hilfreichen Tipps und Anleitungen.

Und so gibt es in meiner Lieblingsbücherei auch sehr gute Lektüre zu einem Thema, das engagierte Frauen seit Jahren aus der Tabuzone herausholen, um immer wieder mit einer Mischung von Enttäuschung und Entsetzen feststellen zu müssen, dass es gerade diejenigen sind, die selber niemals eigene Erfahrungen damit haben können, dieses Thema wieder in die „ pssssssssst „“-Ecke zurückdrängen wollen. Dabei geht es um etwas ganz Naturgegebenes, von dem nahezu alle Frauen etwa vier Jahrzehnte ihres Lebens betroffen sind, die Menstruation.

Ja, Frauen bluten, so durchschnittlich alle vier Wochen, drei bis fünf Tage, zu jeder Tages- und Nachtzeit und an jedem Ort, also im Büro, auf dem Sofa, im Bus oder beim Spazierengehen. Wie alle anderen Körperausscheidungen auch, kann und soll auch diese nicht einfach öffentlich vor sich hintröpfeln. Während viele Männer mal so gar kein Problem damit haben, auf dem Heinweg von der Kneipe in fremde Vorgärten zu pissen, oder sich am hellen Tag dabei hinter einem Laternenpfahl „verstecken“, geben europäische Frauen jährlich um die 500 Euro aus, um ihr Menstruationsblut vor den Blicken anderer Menschen verbergen und vor allem entsorgen zu können. Mit diesem Geld kaufen sie oft Produkte, die mit dem Schlagwort „Diskretion“ werben, nicht unbedingt aus gesundheitlich unbedenklichen Stoffen hergestellt und im schlimmsten Fall sogar parfümiert sind. Eine Menge Geld, bei dem anders als z. B. beim Schuhkauf oder Friseurbesuch nicht darüber gesprochen wird, wofür es ausgegeben wurde.

Ein unbefangener Umgang mit Menstruation, Menstruationsblut und allen möglichen damit verbundenen Unannehmlichkeiten sieht anders aus. Nicht zuletzt, weil auch im 21. Jahrhundert Unsicherheit und leider auch immer noch Unwissenheit eine Rolle spielen.

Und hier kommen Bücher ins Spiel, Bücher, wie sie auch in meiner Lieblingsbücherei zur Ausleihe bereit stehen. Und das ist jetzt keine brandneue Information schon vor über vier Jahren habe ich an dieser Stelle über „Ja, ich habe meine Tage! So what“ von Clara Henry geschrieben und es allen Frauen, vor allem jungen und ihren Müttern empfohlen.

Inzwischen verdient Vater Staat weniger am Verkauf von Tampons und Binden, gibt es dazu immer mehr, auch umweltfreundlichere Alternativen, und vor allem auch selbstbewusste Frauen, die über Menstruation nicht mehr mit hochrotem Kopf flüstern, sondern ganz gelassen sprechen. Und es gibt Männer, die sich ernsthaft als Frauenversteher begreifen, aber sich besser in der Bücherei mal Fachlektüre besorgen sollten, bevor sie verkünden „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, eine Lösung zu finden, die allen Frauen das Leben während der Periode erleichtert, ein sicheres Gefühl gibt und gleichzeitig ansprechend und stylisch ist.“ (Quelle: Basic thinking – Online Magazin)

Wer jetzt glaubt, die Jungs hätten einen selbstwechselnden Tampon mit Karomuster auf den Markt gebracht, irrt gewaltig. Nein sie wollen mit als Abfallbeutel zu verwendendem Plastikmüll in Handschuhform und der alles andere als stylischen Farbe Pink reich werden. Und damit schämen sie sich nicht mal öffentlich Werbung in einer Fernsehshow zu machen. Den darauf folgenden Shitstorm haben sie sich ebenso redlich verdient, wie ihr künftiger Geldgeber.

Auf ihre grandiose Idee sind die beiden Blitzbirnen gekommen, weil in ihren WG-Zeiten Mitbewohnerinnen in Klopapier gewickelte Tampons im Badezimmer-Mülleimer entsorgt hatten (wo bitte den sonst?), was die “Erfinder“, Zitat: „ziemlich unangenehm“ fanden. Nicht unangenehm genug, den Müll mal nach unten zu bringen, um das ihren Mitbewohnerinnen abzunehmen, die möglicherweise zur selben Zeit ihre Unterleibskrämpfe „ziemlich unangenehm“ fanden.

Nein, sie entwarfen ein wohl nur in ihren Augen stylisches Produkt, weil sie es Frauen ersparen wollen, bei der Entfernung des Tampons aus der Scheide mit ihrem eigenen Körper in direkten Kontakt zu kommen, und sich, oh Graus, möglicherweise die Finger blutig zu machen (was beim Einführen des neuen Tampons dann kaum vermeidbar ist). Um den gebrauchten Tampon herumgestülpt und mit einem Klebeband verschlossen, wandert der Handschuh, der ganz stylisch „Glove“ genannt wird, im Mülleimer, später auf riesigen Müllbergen und mit Pech irgendwann in kleinsten Teilen in den Weltmeeren. Dann können wenigsten Fische und andere Lebewesen sich am stylischen Pink erfreuen. Die potentielle Zielgruppe könnte allerdings  darauf verzichten, diese Dinger zu kaufen, die acht mal teurer sind, als ihre farblosen Konkurrenzprodukte ohne Klebeestreifen, und sich stattdessen mit diesem Gedanken anfreunden:

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