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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Bis bald. Hoffentlich!

Als Farshid im Sommer vor vier Jahren in das Team der schönsten Bücherei im Ort kam, war er der erste einer ganzen Reihe Geflüchteter, die uns bei unserer Arbeit unterstützen, und gleichzeitig ihre Deutschkenntnisse verbessern wollten. Über ein Jahr lang hat er zweimal in der Woche dafür gesorgt, dass die Medien am richtigen Platz standen, hat weitere Kontakte gesucht und gefunden zum Beispiel im Kirchen- und Posaunenchor. Er wurde dabei von vielen Ochtruper/innen unterstützt, allen voran von seiner Chorfreundin Barbara, die nicht nur für ihn da war, wenn er Heimweh nach seiner Familie hatte, sondern auch bei Behördengängen, der Suche nach Sprachkursen und schließlich nach einem Arbeitsplatz tatkräftig und mit großem Engagement und Zeitaufwand für ihn da war.

Am letzten Wochenende hat er mit dem Christlichen Posaunenchor Ochtrup noch für die passende Stimmung beim Martinsspiel gesorgt, einen Tag später, war er ganz auf sich allein gestellt, im derzeit von einem Rekordhochwasser überschwemmten Venedig. Für ihn völlig überraschend war er mitten in der Nacht von der Polizei aus dem Bett geholt worden, durfte noch ein paar Sachen einpacken und wurde zum nächsten Flieger nach Venedig gebracht. Abschied nehmen von Freund/innen, Kolleg/innen und Nachbar/innen war nicht möglich, das Ausländeramt informierte am nächsten seinen Arbeitgeber.

Venedig ist die Stadt, in der er nach seiner Flucht aus dem Iran, wo er wegen seines christlichen Glaubens von Verfolgung, Folter und Gefängnis bedroht war, einige Zeit auf der Straße leben musste, ausgeraubt und bei einem Messerangriff verletzt wurde, bevor er sich schwer krank auf den weiteren Weg nach Deutschland gemacht hatte. Er hatte also schwere Zeiten hinter sich, bevor er in Ochtrup Fuß fassen konnte. Inzwischen hat einen guten Job als Pflegehelfer, der ihm jetzt hoffentlich die Chance bieten kann, mit einem Arbeitsvisum wieder zurück zu kommen.

Und ja, seine Abschiebung ist rechtmäßig, denn seinem Asylantrag war damals in Italien stattgegeben, der spätere Antrag in Deutschland folgerichtig abgelehnt worden. Aber er hat in den letzten viereinhalb Jahren in Ochtrup eine neue Heimat gefunden, ist gut integriert, arbeitet in einem Bereich, in dem händeringend Leute gesucht werden und ist nicht (mehr) auf staatliche Finanzleistungen angewiesen. Die Frage ist also, warum er mitten in der Nacht abtransportiert werden musste und in eine von einer Naturkatastrophe heimgesuchte Stadt geschickt wurde, wo er keinerlei Unterstützung bekommt.

Es macht mich nachdenklich, dass ich in einem Staat lebe, auf den ich eigentlich große Stücke halte, weil ich Demokratie und Menschenrechte sehr schätze, der aber Menschen, die schon durch ihre Fluchterfahrung stark belastet sind, so unmenschlich, wie ich finde, behandelt.

Wie viele Politiker/innen haben seit 2015 immer wieder betont, dass die Integration Geflüchteter eine gesellschaftliche Anstrengung ist, an der sich alle beteiligen müssen? Farshid ist für mich eines der vielen guten Beispiele dafür, wie gut Integration im Zusammenspiel von seinem persönlichen Einsatz und der breiten Unterstützung zahlreicher Beteiligter gelingen kann. Warum wird das, wie bei so vielen anderen Betroffenen unter ähnlichen Umständen auch, bei Nacht und Nebel geradezu blitzartig kaputt gemacht?

Nichtsdestotrotz drücke ich (und ganz bestimmt nicht ich alleine) Farshid ganz fest die Daumen, dass er bald wieder nach Ochtrup zurückkehren kann.

fl

Mensch, ich ärgere mich

Auf einer Wand steht geschrieben: Aus Hass macht Liebe.
Bild: Irmela Mensah-Schramm

Wenn eine über 70jährige Rentnerin Nazi-Schmierereien, wie Hakenkreuze und Hetzparolen übersprüht, findet sich in diesem Land jemand, der das Ganze fotografiert, und zur Anzeige bringt. Es findet sich eine Staatsanwaltschaft, die dieses Vergehen vor ein Gericht bringt, und es findet sich ein Richter, der ein Urteil über 1 500 Euro Geldstrafe und Übernahme der Verfahrenskosten wegen Sachbeschädigung fällt. Die Sachbeschädigung durch Nazi-Schmierereien hatte niemand angezeigt, und die jetzt Verurteilte, Irmela Mensah-Schramm,  ist „Wiederholungstäterin“ und wurde bereits mehrfach für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus ausgezeichnet, auch von der Bundesregierung.

Keine Fotos, sondern Videoaufnahmen, allerdings wieder keine Anzeige und erst recht keine Verurteilung gab es, als bei einer Pegida-Kundgebung in Dresden im Zusammenhang mit der Seenotrettung durch die Dresdener „Mission Lifeline“ deutlich und unüberhörbar von „Absaufen, absaufen“ gegröhlt wurde. Nicht einmal darüber, ob mit schöner Regelmäßigkeit solche Hetzveranstaltungen genehmigt werden müssen, wird nachgedacht, so dass auch weiterhin AfD-Abgeordnete aus Bundestag und Länderparlamenten daran teilnehmen können.

200 Menschen wurden seit der Wiedervereinigung in Deutschland von rechtsextremen Gewalttätern verurteilt. Fünf von acht Gedenkstätten für die Opfer der NSU-Terroristen wurden beschädigt, in Rostock bereits drei Mal.

Bei der kommenden Landtagswahl in Thüringen ist ein Mann Spitzenkandidat einer Partei, der gerichtlich bestätigt als „Faschist“ bezeichnet werden darf. Begründung des Gerichts ist, dass diese Bezeichnung „auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage beruht“.

Die Liste solcher unsäglicher Vorgänge ließe sich endlos fortsetzen, aber erst der gewaltsame Tod des Politikers Walter Lübcke veranlasste Innenminister Horst Seehofer zu dem Bekenntnis „Dieser Mord motiviert mich, alle Register zu ziehen“ und das schreckliche Attentat in Halle mit zwei Toten und mehreren Schwerverletzten bezeichnete er als „Schande für Deutschland“. Nicht als Schande für Politik und Behörden, die auf das Bekanntwerden von ellenlangen Todeslisten , regelmäßige Waffenfunde, Bestelllisten für Leichensäcke und Ätzkalk, Radikalisierung und Hitlergrüße auf sogenannten Rechtsrock-„Konzerten“ augenscheinlich nicht mit der sonst so oft beschworenen „Härte des Gesetzes“ vorging.

Nein, der Mann, der gerne in seinem Hobby-Keller mit der Modell-Eisenbahn spielt, hat die wahren Schuldigen für das Attentat in Halle schnell ausfindig gemacht: Die Gamer-Szene. Keine Frage, wie überall im Internet versuchen rechte Bratzen auch die Chats und Foren von Gamern für ihre politischen Zwecke zu kapern, aber gleich die gesamte Szene für die jüngsten Opfer von Rechtsextremisten verantwortlich zu machen, zeigt die Hilflosigkeit – oder vielleicht sogar den Unwillen – anzuerkennen, dass man anfängt zu schielen, wenn man sich jahrelang ein Auge, und zwar immer dasselbe zuhält.

Wenn dem alten Mann und seinen Kolleg/innen in den Plenarsälen und Ministerien nichts Besseres einfällt, bin ich mal gespannt, wann Spiele auf dem Index stehen werden, in deren Spielregeln Begriffe zu finden sind wie: „möglichst oft ihre Gegner rauszuschmeißen… Figuren des Gegners schlagen…durch eine feindliche Figur hinausgeworfen“. Es wäre echt schade um das gute alte „Mensch ärgere dich nicht“.

fl

Nur ohne Mehlschwitze

„Wenn ich mal groß bin, dann esse ich das nie!“ Ganz bestimmt bin ich nicht die Einzige, die sich das in Kindertagen geschworen hat, hoffentlich aber auch nicht die Einzige, die diesen Schwur gebrochen hat. Ich gehöre ja noch zu der Generation, bei der „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, zum Erziehungskonzept gehörte. Glücklicherweise nicht mit den Auswüchsen, dass ich mit zunehmendem Brechreiz vor einem Mittagessen sitzen musste, dessen Optik sich im Laufe von Stunden immer mehr dem verhassten Geschmack anpasste. Nein, es gab für mich sogar zwei Ausnahmen von der Regel: Linsensuppe und Dicke Bohnen. Wenn diese Leibspeisen meines Vaters auf dem Speiseplan standen, bekam ich im ersten Fall irgendwelche Reste vom Vortag und im zweiten Fall ein Spiegelei zu den bereits vorhandenen Salzkartoffeln.

Ich war deutlich über 40 Jahre alt, als ich zum Ersten Mal Linsen gegessen habe, und zwar aus Versehen auf der dämmrigen Restaurant-Terrasse vor dem historischen Rathaus in Tallin, als ich ein Beilagen-Türmchen, dessen Farbe sich dem schwindenden Tageslicht angepasst hatte, optisch nicht identifizieren konnte. Wenn’s ums Essen geht, bin ich  durchaus mutig, es gibt wenig, das ich nicht probiere. Zu meinem Erstaunen waren es Linsen, die sich geschmacklich erfreulich von der braunen Suppe unterschied, die traditionell mit einem ordentlichen Schuss Essig angeblich verfeinert werden musste.

Braune Linsen sind auch heute noch nicht unbedingt mein Lieblingsgericht, sondern stehen auf der Hitliste irgendwo in der Mitte. Aber Spaghetti Bolognese, bei der das Hackfleisch durch rote Linsen ersetzt wird, stehen schon deutlich höher, werden aber noch von diversen Salaten mit den niedlichen schwarzen Beluga-Linsen übertroffen.

Nur Dicke Bohnen hatten weiterhin das Prädikat „kriege ich nicht durch den Hals“, denn die kannte ich nur aus der Dose mit einer dicken Mehlpampe und noch dickeren Speckstücken, die nach dem Kochen in nicht ganz so dicke Scheiben geschnitten wurden. Bohnenkraut tat sein Übriges, mir das Gericht gründlich zu vermiesen.

Neugierig machte mich eine junge Iranerin, die mir ein Rezept aus ihrer Heimat empfahl (den Spruch mit der Integration, die dick macht, erspare ich euch an dieser Stelle mal) , allerdings mit einer Bohnensorte, deren deutsche Bezeichnung wir nicht herausfinden konnten, so dass sich der Einkauf schwierig gestaltete. Dicke Bohnen wiesen durchaus eine Ähnlichkeit auf. Nur in der Dose kommen die mir garantiert nicht über die Schwelle, so dass ich mich für TK-Ware entschied, die, wie im Rezept vorgesehen, schon gepellt war.

Das Rezept sieht Knoblauch vor, also schon mal vielversprechend, denn Knoblauch geht bei mir immer (außer in Süßspeisen, egal wie die Rezeptbilder aussehen). In diesem Fall angedünstet in Ghee zusammen mit den Bohnen und Gewürzen wie Kurkuma, Sumak, einer Spur Minze, getrocknetem Dill und natürlich Salz und Pfeffer. Schade, dass ich nie erleben werde, wie meine Mutter auf den Anblick dieser Mischung reagiert hätte. Mit einem kleinen Glas Brühe fünf Minuten gekocht, dann vorsichtig zwei Eier in den Topf gegeben und stocken lassen ist von ihrer Mehlschwitzensauce natürlich meilenweit, in dem Fall Kontinente weit, entfernt. Und Reis als Beilage zu Dicken Bohnen hätte meinen Vater wahrscheinlich an meiner kulinarischen Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen.

Was soll ich sagen? Es hat hervorragend geschmeckt, und gehört ab sofort zu meinen immer wiederkehrenden Alltagsgerichten. Irgendwie bin ich ganz froh, dass ich in meiner Kindheit nicht mehr Gemüsesorten in der Kategorie „Geht gar nicht“ hatte. Wer weiß, was mir im Laufe von Jahrzehnten noch so entgangen wäre.

Liebe Eltern, wenn ihr beim nächsten Mal lange Debatten mit eurer heimischen Tischgesellschaft über die Vorzüge und Nachteile bestimmter Gemüsesorten führt, denkt dran: es wird besser, auch eure Kinder werden irgendwann mal auf den Geschmack kommen. Wenn ihr Glück habt, früh genug, dass ihr das noch miterlebt.

Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Büchereileiters hier das Rezept im Detail für 2 Portionen, das ein bisschen vom Original abweicht:

2 Tassen Reis, mit ½ TL Salz, und wer (wie ich) mag 1 TL „7Gewürze“ aus dem türkisch/arabischen Laden in 4 Tassen Wasser garen.
300 g Dicke Bohnen ohne Schale
1 EL Ghee (wer Öl nimmt, bekommt ein veganes Gericht)
2 Zehen Knoblauch (die Diskussion ob zerquetscht oder feinst gewürfelt überlasse ich anderen, ich benutze nach wie vor die Knoblauchpresse
½ TL Kurkuma
eine große Prise Sumak
eine kleine Prise getrocknete Minze
1 TL getrockneter (in dem Fall die richtige Wahl) Dill
Salz und Pfeffer
150 ml Gemüsebrühe
2 Eier

Die aufgetauten Bohnen mit den Gewürzen im Ghee/Öl andünsten Brühe dazu geben und aufkochen lassen. Gut fünf Minuten garen lassen, dann vorsichtig zwei Eier auf das Gemüse geben (ich schlage sie vorsichtshalber in der Tasse auf und lasse sie in den Topf gleiten). Jetzt auf gar keinen Fall umrühren, sondern Deckel auf den Topf und die Eier stocken lassen.

Wenn ihr es ausprobiert, lasst mich bitte wissen, wie es euch geschmeckt hat. Dicke-Bohnen-Phobiker/innen natürlich zuerst.

P.S.: Gekocht, gegessen und beschrieben mit ganz liebem Dank an Mehrnaz!

fl

Spätstück im Lieblingscafé

Da sitze ich jetzt an meinem 85. Beitrag für diesen Blog (ja, die Statistik, die wordpress liefert, ist sehr interessant, auch wenn ich die Zahlen nur zur Kenntnis nehme, ohne sie nutzen zu wollen) und habe schon zigmal meinen Senf irgendwo dazu gegeben. Ich habe in über drei Jahren hin und wieder kleine Einblicke in meine Lebensverhältnisse und mein Privatleben gegen, habe sehr oft meine Auffassung und meine Meinung deutlich gemacht, aber Eines habe ich bisher schlicht vergessen: euch von meinem Lieblingscafé vorzuschwärmen.

Auch wenn die Optik es nicht unbedingt vermuten lässt, bin ich jetzt kein ausgesprochener Fan von Kaffeeklatsch mit Sahnetorte und anderem Kuchen. Ein ausgiebiges, abwechslungsreiches Frühstück, bitte nicht zu früh am Morgen, also eher ein Spätstück (Danke liebe Itzi für diese schöne Wortschöpfung, woher auch immer du sie hast), steht dagegen sehr weit oben auf der Hitliste der von mir bevorzugten Schlemmereien.

Und da gibt es wirklich keinen besseren Ort, um diese Vorliebe auszuleben, als in meinem Lieblingscafé Knitterfrei direkt neben der schönsten Bücherei im Ort.

Bekanntlich hat sich diese, als sie im historischen, aber viel zu kleinen Gebäude aus allen Nähten platzte, vor nunmehr gut fünf Jahren in einem ehemaligen Lebensmittel-Supermarkt etabliert. Ein beträchtlicher Teil meiner Blogbeiträge ist im Bereich der ehemaligen Fleischtheke entstanden, obwohl ich den Gedanken an Gulasch oder Würstchen gar nicht so inspirierend finde. Jedenfalls haben jetzt sämtliche Medien, ebenso wie die Mitarbeiter/innen und erst recht die Besucher/innen, auch mit Rollstuhl oder Kinderwagen, ausreichend Platz. Aber trotzdem war damit die Supermarktfläche noch nicht voll.

Eine Chance für den besten Büchereileiter vor Ort, seinen Herzenswunsch nach einem Lesecafé zu verwirklichen, die er sich nicht entgehen lassen konnte. Kaffee kochen allerdings sollte sein ohnehin schon reichliches Arbeitspensum nicht belasten, so dass nach einigen Verhandlungen mit der Caritas ein für Ochtrup einmaliges Angebot aus der Taufe gehoben werden konnte. Die Caritas-Werkstätten konnten nicht nur ihre Heißmangel in die Stadtmitte verlegen und in einem Werkstatt-Laden Produkte aus den Werkstätten ausstellen und verkaufen, sondern es gibt mit dem Café Knitterfrei den ersten und bisher einzigen integrativen Gastronomie-Betrieb im Ort. Und davon nur durch eine, während der Öffnungszeiten immer weit offenstehende Glastür getrennt ist das Lesecafé der Bücherei, dessen Besucher/innen vom Knitterfrei bewirtet werden. Kaffee, Tee, kalte Getränke, auch mal ein Stück Kuchen oder ein belegtes Brötchen, während man in Zeitschriften blättert, oder sich im neuesten Bestseller vertieft, das Angebot wird gerne angenommen.

Und ebenso gerne wird mein Lieblingsangebot von den Gästen angenommen, das Spätstück, oft auch früher am Morgen. Ich finde es einfach wunderschön, mich dort mal bei Brötchen, Käse (den Aufschnitt überlasse ich meinem Gegenüber), Ei, Saft und Tee (den Kaffee überlasse ich ebenfalls meinem Gegenüber) mit Freundinnen festzuquatschen bis zum Abwinken. Aber auch für gemeinsame Planungen und Absprachen mit Kooperations-Partner/innen ist es, dann als „Arbeitsfrühstück“ deklariert, eine tolle Sache.

Und ja, so ein ähnliches Frühstück gibt es auch woanders im Städtchen, allerdings nicht zu dem unschlagbar günstigen Preis und bestimmt nicht mit der Hingabe, mit der ich, ebenso wie alle anderen Gäste, dort regelrecht betüddelt werde. Sonderwünsche? Aber gerne doch, werden im Rahmen der Möglichkeit umgehend freudestrahlend erfüllt. Regelmäßiges Nachfragen, ob noch etwas fehle, und ob man zufrieden sei, ist ebenfalls selbstverständlich.

Und noch etwas empfinde ich als wohltuende Besonderheit: die Abwesenheit von Unzufriedenheit und Stress. Ja gut, an manchen Tagen, kommt schon mal ein bisschen Nervosität bei den Mitarbeiter/innen auf, wenn der Andrang so groß ist, dass das Bücherei-Forum als Ausweichquartier benötigt werden muss. Kleine Anmerkung: Viel besser ist die gute Zusammenarbeit beider Einrichtungen wohl nicht zu beschreiben.

Ansonsten aber geht es im Knitterfrei immer etwas langsamer zu, was daran liegt, dass keine/r der Mitarbeiter/innen eine gastronomische Ausbildung hat und auch daran, dass Handicaps nicht unbedingt die beste Voraussetzung dafür sind, mehr als ein Gedeck oder eine Tasse mit Untertasse zu servieren. Also lieber etwas langsamer, aber dafür ist es im Knitterfrei dann auch fast immer kleckerfrei.

Alles in allem also eine Atmosphäre, in der es nicht darum geht, dass schnell Platz gemacht werden muss für den nächsten Gast, dass selbiger für möglichst viel Umsatz sorgen soll, sondern eine Atmosphäre des Willkommen Fühlens und dem Bemühen, dass sich alle wohlfühlen, egal ob an der Kaffeemaschine oder am Tisch. Außerdem schmeckt es im Knitterfrei immer hervorragend, und so ein Spätstück ist so opulent, dass auch wenn es zu Frühstückszeiten serviert wurde, das Mittagessen noch ausfallen kann.

fl

Lasset die Würfel rollen

Nix da mit altmodisch und langweilig. Wer geglaubt hat, Spiele am Computer, Tablet oder Handy würden das gute alte Brettspiel erfolgreich und dauerhaft von den Wohnzimmertischen oder Teppichen unzähliger Familien verbannen, hat glücklicherweise nicht Recht behalten. Das liegt jetzt nicht daran, dass elektronische Spiele je nach Sichtweise zu anspruchslos/zu anspruchsvoll/pädagogisch fragwürdig/pädagogisch wertvoll/zu bunt/nicht bunt genug/zu schnell/zu lahm sind. Sondern das liegt ganz einfach daran, dass es toll war, ist und bleibt mit anderen Menschen zusammen nach für alle gültigen Regeln unterhaltsame Zeit zu verbringen, so dass einem gleichberechtigten Nebeneinander von virtueller und analoger Spielerei nichts im Wege steht.

Nach Jahrzehnten, die zugestaubte Schachtel aus der hintersten Schrankecke zu ziehen und mal wieder eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen, weckt nicht nur so manche Kindheitserinnerungen, sondern macht auch jede Menge Spaß. Mir jedenfalls, vorausgesetzt, das wird keine Dauerschleife. Aber dafür gibt es auch viel zu viele andere tolle Spiele für jeden Geschmack, jede Altersklasse und auch jeden Geldbeutel. Das letzte Kriterium ist ein unumstößliches Argument, mich regelmäßig der Qual der Wahl in meiner Lieblingsbücherei zu stellen. Dort stehen nämlich gut 800 Brett- und Kartenspiele zur Auswahl. Selbst wenn ich die für Kinder im Vor- und Grundschulalter nicht beachte, fällt die Entscheidung nicht unbedingt leicht. Dass es aber mit schöner Regelmäßigkeit ein paar Lieblingsspiele sein müssen, vereinfacht die Sache natürlich.

Treue Leser/innen mögen sich gerade vielleicht erinnern, dass ich ein glückliches Single-Dasein führe, nachdem meine Kinder ausgezogen sind, so dass ich Mitspieler/innen nicht mal eben hinter der nächsten Zimmertür hervorholen kann. Wie es der Zufall wollte, fiel mir vor einigen Jahren in der Bücherei ein junges Paar auf, dass regelmäßig ein bis zwei Klappkörbe voller Spiele auslieh. Ganz schnell wurde aus der Idee regelmäßige Spieletreffen zu organisieren Realität und das seit über fünf Jahren an jedem zweiten Samstag im Monat. Inzwischen mit einem harten Kern von Teilnehmer/innen und immer wieder neuen Interessierten. Spiele kennenzulernen steht ebenso im Mittelpunkt, wie Spieler/innen kennenzulernen und sie möglicherweise für das eigene Lieblingsspiel zu begeistern. Mal so am Rande: Bislang ist es mir fast bei jedem Spieletreffen gelungen, eine Runde für Dixit zusammenzutrommeln, mal mich vier bis sechs Leuten, aber auch schon mal mit einem guten Dutzend.

Den Höhepunkt in unserem Spielejahr teilen wir Anfang September mit fast 200 anderen Organisationen bundesweit, wenn es auch in Ochtrup heißt „Stadt Land spielt“. Traditionell sind dazu alle Interessierten in die schönste Bücherei am Ort eingeladen, die dann zum ersten Mal die Neuanschaffungen für die neue Spielesaison ab Herbst rausrückt. Für viele Besucher/innen willkommene Gelegenheit schon mal auszutesten, was sie sich für die nächsten Ausleihen vormerken sollten.

Und in diesem Jahr gibt es eine Besonderheit: Die örtlichen Veranstalter von „Stadt Land spielt“ können sich für Turniere bewerben, bei denen es nicht nur um Ruhm und Ehre geht, sondern für die auch die notwendigen Spiele-Packungen zur Verfügung gestellt werden. Und Tadaa, in diesem Jahr haben wir den Zuschlag für sage und schreibe vier Spiele bekommen, was Spieletreffen und Bücherei zum Anlass genommen haben wertvolle Preise zur Verfügung zu stellen. Also, liebe Leser/innen aus Ochtrup und Umgebung, tragt in euren Kalender den 7. September ab 14 Uhr ein und kommt dann in die Bücherei St. Lamberti, Marktstraße 8. Es lohnt sich.

Ja, das könnte ein langer Spieletag werden, der vielleicht auch ein bisschen anstrengend wird, für uns, die wir uns um den Ablauf, die Turniere und nebenbei um Kaffee und Tee kümmern müssen. Aber spätestens ab Mitte der darauffolgenden Woche freuen wir uns dann schon auf das nächste Spieletreffen eine Woche später, bei dem wir uns hoffentlich ein bisschen feiern können, weil alles gut gelaufen ist.

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Tüddelüddeldüm

Tüddelüddeldüm. Egal ob mir dieser Jingle morgens, mittags oder abends durch den Telefonhörer entgegen schallte, er wurde stets begleitet von dem Hinweis auf längere Wartezeiten, weil alle Hotline-Leitungen der DHL gerade belegt waren. Auf die Idee, dafür zu sorgen, dass sich nicht so viele Kund/innen beschweren oder Informationen nicht finden können, scheint man bei dem Unternehmen ebenso wenig zu kommen, wie darauf, dass vielleicht ein paar zusätzliche Arbeitsplätze die Kosten im Gesundheitswesen deutlich senken können. Blutdruck in gefährlicher Höhe kann nämlich erhebliche Behandlungskosten verursachen.

Dass ich die Zahlenfolge 00340434270263723293 so gut auswendig gelernt habe, dass ich sie im Schlaf singen könnte, hatte übrigens keine sonderlich beruhigende Wirkung auf mich. Immerhin aber freute sich ein Hotline-Mitarbeiter, dass ich die notwendigen Angaben zu meiner Beschwerde äußern konnte, ohne dass er fragen musste. Er war ja auch der Dritte, dem ich schildern durfte, dass es schwer nachvollziehbar ist, wenn ein Päckchen zum Absender zurück kommt mit der Begründung „Der Empfänger war nicht zu ermitteln: Name nicht auf Klingel/Briefkasten“, wenn genau zehn Tage zuvor ein Päckchen die Empfängerin problemlos erreicht hatte.

Meine Erlebnisse mit der DHL-Hotline kann ich nur verkürzt wiedergeben, die jeweils 15 bis 20 Minuten Tüddelüddeldüm plus gelegentlicher Bandansage mit dem Hinweis, ich könne mein Anliegen auch im Internet loswerden – ach, was, überlasse ich der Phantasie der Leser/innen.

Überrascht war ich beim ersten Anruf, als ich plötzlich statt des Jingles eine Art Rauschen zu vernehmen war. Es stellte sich auf meine Nachfrage hin heraus, dass ich tatsächlich eine lebendige Person in der Leitung hatte, die es aber nicht für nötig hielt, sich wenigstens durch ein „Hallo“ als solche zu erkennen zu geben, geschweige dann zu verraten, dass sie einen Namen hat. An dieser Stelle muss ich mich (auch für mich erschreckend) rassistisch angehauchter Vorurteile schuldig bekennen, aber es hat mich nicht überrascht, als die Dame schließlich mit einem ausgeprägten sächsischen Dialekt sprach. Dass sie mein Anliegen nachvollziehen konnte, keine vier Ocken für die unbestellte Rundreise eines Päckchens ausgeben zu wollen, machte eine gewisse Unhöflichkeit verzeihlich und ich kam ihrer Aufforderung „Nähm sisch mo wos zom Schröibn“ (oder so ähnlich) nach und notierte mir einen sogenannten Kulanz-Code. Selbiger sollte mich in die Lage versetzen, online eine „Mobile Paketmarke“ ohne Bezahlung zu erwerben. So weit die Theorie.

In der Praxis stellte die DHL-Netztechnik fest, dass der Code für ein Päckchen der schon mal versandten Größe, welche ich selbstverständlich im Telefonat (und den noch folgenden) angegeben hatte, nicht verwendet werden konnte. Wohlweislich, dass es mich Nervenstärke kosten würde, griff ich wieder zum Telefonhörer, wählte die Hotline-Nummer und durfte mir das Tüddelüddeldüm zum gefühlt fünfundrölfzigsten Mal anhören. Die freundliche Mitarbeiterin (sie kannte sowohl Tageszeit als auch ihre Namen und ließ mich beides wissen) hörte sich die ganze Geschichte nochmal an, gab die 00340434270263723293 ins System ein. Daraufhin musste sie bekennen,  dass sie erst seit Kurzem bei der Hotline arbeite, noch eingeschränkte Kompetenzen habe und sie mich daher leider weiter verbinden müsse. Ich solle gleich bitte einfach die 1 wählen.

Gesagt, getan, allerdings fiel mir beinahe das Telefon aus der Hand, als mir das zum Überdruss vertraute Tü…, na ihr wisst schon, nebst Bandansage aus selbigem entgegenschallte. Zur Abwechslung war es dann mal ein Mann, dem ich die Nummer 0034…, na ihr wisst schon, meine Absender-Adresse, Päckchengröße, und die gesamte Geschichte vom zurückgeschickten Päckchen bis zum nicht funktionierenden Code schilderte. In Erwartung eines neuen Kulanz-Codes rechnete ich mit einer hochdeutschen Abwandlung von „Nähm sisch mo wos zom Schröibn“ und hielt Papier und Stift bereit.  Umsonst, denn ich bekam die gänzlich unerwünschte Information, mein Anliegen könne leider nicht telefonisch gelöst werden. Ich solle bitte das Online-Formular auf der DHL-Homepage nutzen. Meine Stimmung hob sich nur unwesentlich, als der Mensch am anderen Ende der Telefonleitung doch tatsächlich Verständnis dafür signalisierte, dass ich mich in dem Moment so richtig, sorry, verarscht fühlte.

Also auf ein Neues, dieses mal ohne Tüddelüddeldüm – nicht, dass ich es vermisst hätte – aber mit den bereits dreimal vorgebrachten Angaben von Paketnummer über Adressen bis zur Päckchengröße. Postwendend 😉 bekam ich natürlich eine automatische Antwort, dass man sich schnellstmöglich um mein Anliegen kümmern werde. Vorsichtshalber wurde ich schon mal um Geduld gebeten für den Fall, dass es zu Verzögerungen kommen könnte.

Nur mühsam bewahrte ich meine Contenance, als wenige Tage später abends um 19 Uhr ein leibhaftiger Mitarbeiter von DHL ganz ohne Tüddelüddeldüm bei mir anrief um allen Ernstes zu fragen, welche Päckchengröße ich denn versendet hätte. Jedenfalls bekam ich am selben Abend per Mail einen Kulanz-Code zugeschickt, mit dem ich sogar ein größeres und schwereres Päckchen hätte frankieren können. Als ob ich Lust gehabt hätte, da nochmal was ein- und auszupacken. Dass es dann tatsächlich am Tag nach dem Absenden bei der Empfängerin problemlos angekommen war, versöhnte mich nur unwesentlich mit der Tatsache, dass eine für mich wichtige Bestellung auf dem Weg zu mir eine fünftägige Pause im zuständigen Paketzentrum einlegen durfte. Wenigstens hatte die Hotline des Händlers kein Tüddel…., ach, lassen wir das.

fl

Pro Stich ein Euro

Es ist schon ziemlich verrückt. Das Münsterland ist in heller Aufregung wegen des massenhaften Aufkommens von Raupen, deren Brennhärchen üble Auswirkungen bis hin zum anaphylaktischen Schock haben können und gleichzeitig gibt es viele Ideen, Vorschläge und Initiativen, um einem weiteren Aussterben von Insekten entgegen zu wirken. Es ist also, wie so oft: Von den Bösen gibt es viel zu viel, von den Guten viel zu wenig. Ich könnte jetzt behaupten, die Idee „Tu mal was für die Guten“ wäre ausschlaggebend dafür gewesen, dass ich meine Balkonkästen mit einem Saat-Vlies für „Bauerngarten-Blumen“ bestückt habe. Die Wahrheit ist, dass kein einziger meiner Daumen irgendeine grüne Färbung aufweist.

Für die Vlies-Dinger reichen meine gärtnerischen Fähigkeiten durchaus. Dass sich, wie auf der Packung versprochen, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten magnetisch angezogen fühlen, konnte ich allerdings nicht feststellen. Reichten im Vorjahr Lavendel, Tomaten und ein paar Kräuter, dass sich in schöner Regelmäßigkeit Bienen bis in den dritten Stock verirrten, habe ich bislang nur Blattläuse gesehen. Und Ameisen. Jede Menge Ameisen, die sich über die Läuse ganz sicher mehr freuen als ich. Der dicke Kreidestrich, den ich vor der Balkontür gezogen habe, hat übrigens keine esoterische Bedeutung.

Als Alternative eine Patenschaft für Blühstreifen zu übernehmen, wie sie von Landwirten angeboten wird, kommt allerdings für mich nicht in Frage. Dabei geht es nicht darum, dass ich etwas dagegen hätte, wenn statt totgespritzter Mais-Brachen mehr und mehr blühende Wiesen zu finden sind, im Gegenteil. Ich habe nur etwas dagegen, dass diejenigen, die ganz sicher nicht unbeteiligt sind am Insektensterben sich jetzt loben und vor allem großzügig bezahlen lassen, wenn sie wenigstens auf kleinen Randflächen diese Schäden wieder wett machen wollen. Außerdem leiste ich persönlich einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zum Fortbestand von Insekten, allerdings nur für blutsaugende Mücken. Die nämlich gibt es im Gegensatz zu Bienen und Schmetterlingen im Blumenkasten in meinem Wohnzimmer und meinem Schlafzimmer reichlich. Diese Mistviecher scheinen ihr nervtötendes Surren, mit dem man sie lokalisieren kann, in diesem Jahr eingestellt zu haben. Dafür haben sie sich aber anscheinend die Fähigkeit zugelegt, durch Shirts, Blusen und dünne Hosen stechen zu können und haben im Vergleich zu den Vorjahren das Juck-Potential ihrer Stiche verdoppelt.

Um zwischen 30 und 100 Eier ablegen zu müssen, brauchen die Mückenweibchen Blut, ich habe also in den vergangenen Tagen die Existenz von einigen hundert, wenn nicht gar tausend Mücken gesichert und damit auch Gutes für die Vogelwelt getan. Und für Fledermäuse – nicht, dass mir das ein besonderes Anliegen wäre. Es wäre also nicht die schlechteste Geschäftsidee, wenn ich für einen Euro eine Patenschaft pro Mückenstich anbieten würde. Interessierte bitte melden!

Und bis ich mir davon einen Urlaub leisten kann, genieße ich auf Balkonien den Anblick von Bauerngarten-Blumen. Sie sehen nämlich wirklich schön aus.

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Frisch aus dem Container

Es ist kein Geheimnis, dass ich gerne und gut esse, denn das sieht man mir an. Der Hang zu gutem Essen mit der gleichzeitigen Wut über Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln könnte fast Anlass dazu geben, dass ich kriminell werde, wenn nicht Übergewicht in Verbindung mit beschämender Unsportlichkeit mich davon abhalten würde. Denn leider sind die Container der Supermärkte in der Regel von hohen Zäunen umgeben, um die Lebensmittel kurz bevor sie vernichtet werden vor dem Verzehr zu bewahren. Großartige Geste :-(.

Ja, ich finde Containern, also noch gut verwendbare Lebensmittel aus Abfallbehältern vor der Vernichtung zu retten, gut. Natürlich wäre es mir lieber, das Konsumverhalten würde solche Container überflüssig machen. Aber leider gibt es viel zu viele Kund/innen, die darauf beharren, kurz vor Ladenschluss unter mindestens zehn statt drei Brotsorten auswählen zu können. Die Folge: Supermärkte vermieten Ladenflächen nur an Bäckereifilialen, die sich verpflichten, auch am späten Nachmittag mehr Waren im Angebot zu haben, als sie bis Feierabend verkaufen können. Und vielen Vebraucher/innen ist es nicht begreiflich zu machen, dass der Verzehr eines Erdbeerjoghurts einen Tag nach dem MINDESThaltbarkeitsdatum nicht den sicheren Tod oder wenigstens tagelange Beschwerden bedeuten, die eine größere Entfernung von der Badkeramik nicht ratsam erscheinen lassen. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass ein Fruchtjoghurt auch noch Wochen nach dem vom Hersteller empfohlenen Verzehr-Termin keinerlei gesundheitliche Schäden hervorruft und kann versichern, dass er sogar noch schmeckt.

Dass übrigens ist es, was mich in der ganzen Debatte um Haltbarkeitsdatum, Verzehrempfehlung und Warnung vor Verdorbenem aus dem Container immer wieder erstaunt: Warum vertraut niemand mehr auf den gesunden Menschenverstand, der einem sagt, dass Lebensmittel, die mit einem weißgrünen Flaum überzogen sind, ebenso in die Tonne gehören und dort bleiben müssen wie die, die einem zu widerlichen olfaktorischen Erlebnissen verhelfen. Und wenn eine  Messerspitze Testportion auf der Zunge britzelt oder muffig schmeckt, wird wohl kein vernünftiger Mensch zum Löffel greifen.

Ich bin immer mal wieder für mehrere Tage zu Gast in einer kleinen Landkommune, deren Bewohner/innen sich neben Erzeugnissen aus dem eigenen, nicht gerade kleinen Garten, vorwiegend mit Lebensmitteln verpflegen, die sie beim Containern ergattern können. Anders, als bei vielen Menschen, bei denen die Bedürftigkeit Anlass fürs Containern ist, ist es bei ihnen der Umweltgedanke und die Ablehnung der immer mehr um sich greifenden Wegwerf-Mentalität.

Die Folge: Ein sehr abwechslungsreicher Speiseplan, zum Teil mit Zutaten, die durchaus der Luxusklasse zuzuordnen sind. Das Kochen dort macht mir richtig Spaß, nicht nur weil an Singlemahlzeiten gewöhnt, die Mengen und Portionsgrößen eine Herausforderung sind, sondern weil mein Improvisationstalent gefordert wird. Zu kochen mit dem, was da ist und nicht erst einzukaufen um ein bestimmtes Gericht zu kochen, ist eine Herangehensweise die man auch ohne Containern viel häufiger praktizieren sollte. Spart nicht nur Geld, sondern bewahrt davor, dass der Kühlschrank irgendwann mit Resten überfüllt ist, die solange eingetuppert bleiben, bis sie wirklich hinüber sind.

Es macht mich immer wieder leicht fassungslos, welche Lebensmittel meine Gastgeber/innen aus den Containern fischen. Kistenweise Artischocken, teure Bio-Brotaufstriche (gerne auch mit MHD erst in zwei Wochen) und sogar ganze Käseräder wurden da schon „erbeutet“. Letztere hatten nur einen einzigen Makel: Es fehlte das Etikett mit der Zutatenliste und dem Mindeshaltbarkeitsdatum. Ach ja, die Bezeichnung fehlte damit natürlich auch, aber der Käse sah nicht nur aus wie Gouda sondern schmeckte auch so.

Aber, egal wie gut erhalten die Lebensmittel noch sind, wer sie braucht, und wie gut sie schmecken: es ist und bleibt strafbar, sie aus den Containern der Supermärkte zu nehmen. Das haben die CDU-Justizminister jüngst bekräftigt, als sie gegen den Vorstoß ihres grünen Kollegen aus Hamburg stimmten, das Containern zu legalisieren. Das allein finde ich schon ärgerlich, weil vermutlich in erster Linie Parteiräson und nicht Intelligenz und Einsicht ausschlaggebend dafür ist. Wirklich haarsträubend aber finde ich die Begründung der Unionsminister, die den Umweltgedanken in Zeiten von Friday für Future oder populären Videobotschaften wohl für unwichtig halten : „Wir wollen nicht, dass sich Menschen in eine solche menschenunwürdige und hygienisch problematische Situation begeben.“

Ja Herrschaften, wie wärs denn mal dafür zu sorgen, dass Menschen in unserem reichen Land nicht unter solchen menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen, dass sie oft keine andere Wahl haben, als sich in solche Situationen zu begeben? Zum Donnerschlag nochmal!

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P.S.: Ratet mal, wer diese Petition schon unterschrieben hat: Containern ist kein Verbrechen

Egal, wie die Haare sind

Das Kunststück einen handtuchgroßen Wahlzettel in einen C6 Briefumschlag so zu stopfen, dass Letzterer auch verschlossen werden kann, habe ich schon bewältigt. Und dabei habe ich in Gedanken den vielen Frauen und Männern Beileid und Hochachtung gezollt, die am Sonntagabend feststellen müssen, an welchen der 40 möglichen Stellen jemand ein Kreuz gemacht hat, um dann anschließend die Stimmen für die einzelnen Parteien zusammenzuzählen.

Da ich, wie seit Jahren – und ja, ich gebe es zu, aus Bequemlichkeit – Briefwahl mache, könnte das Thema Europa-Wahlkampf eigentlich für mich abgeschlossen sein. Nicht zuletzt, weil ich noch kein einziges Wahlplakat gesehen habe, dass ich nur ein klitzekleines bisschen interessant fand.

Wenn ich aber lese, mit welchen Mitteln einige Parteien und Gruppierungen Wahlkampf betreiben, dann werde ich ziemlich sauer. Die Organisation Avaaz hat laut Tagesschau eine Vielzahl von Fake-Profilen auf Facebook aufgespürt, die im Vorfeld der Europawahl Falschinformationen verbreitet haben. Auch Deutschland ist massiv betroffen, von den 550 verdächtigen Seiten und Gruppen aus fünf Ländern steht Deutschland mit 119 Fällen auf Rang zwei hinter Polen mit 197 Fällen. Bei den 328 vermuteten Fake-Profilen ist Deutschland unangefochtener Spitzenreiter mit 204 Fällen. Insgesamt hatten die verdächtigen Seiten, Gruppen, Netzwerke und Profile 31 991 749 Follower (Deutschland: 898 918) und 67 442 042 Interaktionen (Deutschland: 2 203 344). Von 230 von Facebook nach der Avaaz-Untersuchung entfernten Seiten waren 131 aus Deutschland. Muss ich noch erwähnen, dass eine Vielzahl der Seiten der AfD zugeordnet wurden, die auf diesen Wegen nicht nur Falschinformationen, sondern auch rechtsextreme Inhalte verbreitet hat.

Mal ganz ehrlich: Was soll das? Warum meinen Menschen, die nicht mit anständiger Sacharbeit und guten Argumenten überzeugen können, sie müssten Politik machen? Und warum bedienen sich ausgerechnet diejenigen der schmutzigsten Kniffe, die sich als nimmermüde Saubermänner im selbstlosen Einsatz „fürrr unserrr Vaterrrland“ verkaufen wollen? Ja, ich weiß, es gibt auch ein paar selbsternannte Sauberfrauen, aber die geben sich meistens mit der Rolle des emanzipatorischen Feigenblatts zufrieden.

Und was bitte ist das für ein „Wahlkampf“, wenn ein Youtuber der größten Regierungspartei mit einer Vielzahl von durch Quellen belegten Fakten aufzeigt, wo diese in den letzten Jahren versagt hat, und die Reaktionen der Kritisierten darauf fast durchgehend irgendwas mit den blaugefärbten Haaren des Mannes zu tun haben. Sollen wir jetzt den Vorsitzenden einer (zumindest in 2017) regierungsunwilligen kleinen Partei im Bundestag ständig nur noch mit implantiertem Haupthaar in Verbindung bringen? Obwohl dabei wird einem ja in den Kopf gestochen, vielleicht sollte das nicht ganz unberücksichtigt bleiben…

Ja, da macht wählen gehen nicht immer Spaß, was aber der Notwendigkeit keinen Abbruch tut. Ganz nach dem kürzlich von einer jungen Frau gehörten Motto „Mein Opa hat immer gesagt, Wählen ist wie Zähne putzen. Wenn man es lässt, wird’s braun.“

Sollte zufällig jemand derjenigen, die mit ihrer Wahlentscheidung dafür sorgen wollen, dass es braun wird, und die gerade nicht das Netz mit blauen Herzchen fluten, diese Zeilen lesen, nicht vergessen: Wenn Ihr den Wahlzettel unterschreibt, dann zählt Eure Stimme doppelt. Ja, ich weiß, der Witz ist uralt, aber aus seriöser Stimmzählerquelle weiß ich, dass er immer wieder funktioniert.

Wie auch immer:

fl

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