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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Wo man einpacken kann

Als in Vor-Corona-Zeiten Diskussionen und Gespräche über Klimawandel, Umweltschutz und darüber, was jede/r Einzelne tun kann, an der Tagesordnung waren, hörte ich auch in unserer Kleinstadt immer wieder „Ich würde mir ja einen Unverpackt-Laden wünschen, aber dafür ist das Städtchen wohl zu klein“. Ich fürchte, genauso ist es, weshalb ich gerne die Gelegenheit nutze eine Mitfahrgelegenheit zu einem Laden in einer größeren Stadt zu erwischen.

Seit ich vor ein paar Jahren in Kiel zum ersten Mal in einem Unverpackt-Laden eingekauft habe, ist mein Verbrauch an Zahnpasta rapide zurück gegangen. Keine Sorge, ich putze mir nach wie vor regelmäßig und gründlich die Zähne (mag Bambus-Zahnbürsten immer noch nicht), aber eben nicht mit einer Paste aus der Plastiktube (die unschöne Flecken auf der Schlafanzugjacke hinterlassen kann), sondern mit kleinen Tabs, aus einem ausrangierten Schraubdeckelglas. Ich finde, meine Zähne werden damit schön sauber und mein Zahnarzt hat bisher auch nicht gemeckert.  

Auch festes Haarshampoo hat längst den Einzug in mein Badezimmer gehalten und der Griff zum Seifenstück unter der Dusche ist ebenfalls längst selbstverständlich. Weiterer Vorteil: So manche Seife riecht einfach viel besser als diverse mit viel Chemie versehene Schaumschlägerei aus der Plastikpulle.

Egal, was die Werbung verspricht, da wird meine Laune ziemlich mies.

Ja, ich bin grundsätzlich Fan von Bio-Produkten und mindestens ebenso großer Fan von Müllvermeidung. Umso enttäuschender finde ich es, wenn Bioprodukte nicht nur doppelt verpackt sind, und die äußerste Hülle nur dafür gut ist, mehr Masse vorzutäuschen. Und als ich auf der Zutatenliste für den 25 Gramm Inhalt der kleinen Tüte als erstes „Salz“ las, war mein erster Gedanke „Mist, reingefallen“. Und mein zweiter, dass ich mein Abendessen nur noch „Dinner“ nennen werde, wenn ich das teure Kräutersalz verwende.

Da stimmt dann ein Besuch im Unverpackt-Laden doch versöhnlich, wenn ich mit einem Korb leerer Gläser anrücke und genau die Menge der Produkte einfülle, die ich haben möchte. Hat beim Ein-Personen-Haushalt auch den Vorteil, dass ich einige Zutaten erst einmal in kleinen Mengen zum Probieren kaufe, bevor ich mich damit großzügig bevorrate, wie mit Lebensmitteln und Gewürzen, die ich schon kenne. Das gilt auch für Waschpulver und Reinigungsmittel.

Ein ganz neuer, gar nicht mal so weit entfernter Unverpackt-Laden ist kürzlich in der Region eröffnet worden, der mich allein schon aufgrund seiner Größe und seiner tollen Auswahl begeisterte. Einerseits schön, dass ich jetzt nicht mehr in irgendeine Großstadt fahren muss für die unverpackten Einkäufe, andererseits sind die Chancen, dass im hiesigen Städtchen mal so ein Geschäft aufmachen wird, weiter gegen Null gesunken. Aber frau kann eben nicht alles haben, und ich werde mir eben angewöhnen müssen, bei künftigen Einkäufen im Unverpackt-Laden einen Einkaufszettel mitzunehmen. Der Vorsatz ist da, an einer gelungenen Umsetzung zweifle ich noch. Ich kenn mich doch.

fl

Für Herz und Bauch

Wenn Kinder wohlwollend und sogar anerkennend über ihre Mütter sprechen, erzählen, wie lieb sie ihre Mama haben, dann freut das immer wieder die Glucke in mir. Nicht, dass ich da irgendwelchen unerfüllten Bedarf hätte, dafür haben meine Drei ihre Pubertät lange genug hinter sich, aber ich mag es immer wieder auch die Einschätzung und den Blick anderer Kinder auf ihre Mütter entdecken zu können. Migration ist, wie die treuen Leser/innen wissen, ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt, und Kochen (und Essen) ja sowieso.

Und ein Buch, das all diese Bereiche umfasst, hat – wenn es gut gemacht ist – das Zeug zu einem meiner Lieblingsbücher zu werden, das ich gerne weiter empfehle.

Also liebe Leute, „Mama Superstar“ müsst ihr unbedingt lesen! Sollte ich es mit einem einzigen Wort beschreiben, fällt mir nur „herzerwärmend“ ein. Elf (aus meiner Perspektive) junge Frauen beschreiben liebevoll, aber nicht ganz unkritisch ihre Mütter, die Eines gemeinsam haben, sie sind Migrantinnen.

Biographische Erzählungen von und über Migrant/innen, überhaupt Bücher und Artikel über Migration stellen sehr oft die kulturellen Hürden und sozialen Probleme in den Mittelpunkt. Es ist gut und wichtig, darüber zu informieren und wenn möglich Vorschläge zur Abhilfe zu machen. Aber es ist auch einfach mal schön zu lesen, wie starke Frauen aus verschiedenen Ländern in unterschiedlichen Lebenssituationen mit diesen Hürden und Problemen fertig werden. Der Wunsch, dass ihre Töchter (und Söhne) eine vielversprechende Zukunft haben, dass ihre Kindheit und Jugend besser und einfacher sein soll, als die eigene, verleiht diesen Müttern ganz viel Kraft selbstbewusst ihre Ziele zu verfolgen und zu erreichen und damit ihren eigenen, aber vor allem auch den Lebensweg ihrer Kinder zu ebnen.

Den Porträts, folgen im Buch nicht nur die Lieblingsrezepte der Migrant Mamas, wie sie von ihren Töchtern respekt- und liebevoll genannt werden, sondern die Autorinnen begründen auch jeweils, warum ihre Mutter eine Mama Superstar ist, und haben Empfehlungen für alle anderen Töchter, egal wo und woher. Jede einzelne davon ist es eigentlich wert, hier zitiert zu werden. Aber das verkneife ich mir, ebenso wie auf weitere Einzelheiten und Aspekte dieses Buches einzugehen -die schöne Illustration und das lebendige Layout sollen allerdings nicht unerwähnt bleiben –  sondern wiederhole lieber:

Liebe Leute, lest dieses Buch! Und vielleicht lasst ihr mich danach wissen, ob es euch ebenso gut gefallen hat.

fl

Dienstag? Nein, Montag bis Sonntag

Natürlich habe ich den Beitrag sofort geliked, als meine Lieblingsbücherei am Dienstag erklärte, dass sie sich am #blackouttuesday beteiligt, und fand die vielen schwarzen Profilbilder und Avatare im Netz wirklich gut und wichtig. Ob Bild sich daran beteiligt hat, habe ich nicht recherchiert, warum ich es zum Kotzen fände, darüber habe ich mich ja vor wenigen Tagen noch geäußert.

Und natürlich machen solch eine Aktion und vor allem deren Anlass uns nachdenklich. Die Bilder und Videos vom gewaltsamen Tod – als juristische Laiin erlaube ich mir von Mord zu sprechen – des Afroamerikaners George Floyd sind unerträglich. Nicht nur, weil sie unverpixelt dem Opfer in seinem Todeskampf jede Würde nehmen. Dass der weiße Polizist, der ihm die Luft abschnürt dabei mit der Hand in der Hosentasche völlig unbeteiligt wirkt, macht mich fast so fassungslos wie die Tat selber und die Mittäterschaft der beteiligten Polizisten.

Das Verbrechen ist überall auf Entsetzen gestoßen, außer vielleicht beim US-Präsidenten, dessen Vater dem Ku Klux Klan angehört haben soll, und anderen überzeugten Rassist/innen. Die Reaktionen weltweit waren viel größer und entschiedener als bei anderen Fällen. Nicht, weil der Tod von George Floyd durch Polizeigewalt etwas Außergewöhnliches gewesen wäre – solche Meldungen sind immer wieder in den Medien zu finden und geraten, je nach Entfernung vom Tatort, meistens schnell in Vergessenheit. Jetzt aber sind, erst in den USA und später in vielen anderen Ländern Menschen auf die Straße gegangen und haben gegen Rassismus und rassistische Gewalt protestiert.

Die gewaltsamen Ausschreitungen in den Vereinigten Staaten sind dabei durch nichts zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Dass der unempathische Regierungschef sie zu Wahlkampfzwecken nutzt, und entgegen zahlreicher Zeugenberichte ausschließlich Antifa und radikale Linke dafür verantwortlich macht, ist erbärmlich, Antifaschist/innen zu Terrorist/innen erklären zu wollen, einfach nur dumm. Vielleicht ist es an der Zeit das selbsternannte „stabile Genie“ mal darüber aufzuklären, dass die über 400 000 US-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus gelassen haben.

Ja, ich finde, Jede und Jeder haben das Recht, sich über Rassismus und rassistische Gewalttaten zu empören und dagegen friedlich(!) aufzubegehren und zu demonstrieren, aber ich finde, das sollten wir nicht nur tun, wenn gut 8 000 Kilometer entfernt Abertausende von Menschen in zahlreichen Städten uns das vormachen. Deshalb bin ich froh, dass es auch in deutschen Städten Demonstrationen, Kundgebungen und landesweite Aktionen gibt, um Gerechtigkeit nach dem Mord an George Floyd zu fordern und sich gegen Rassismus zu positionieren.

Aber ich finde es bedauerlich, wenn die öffentliche Positionierung immer wieder einen Anlass braucht. Ja, es ist gut, richtig und wichtig, wenn deutsche Demokrat/innen auf die Straße gehen, nachdem Flüchtlingsunterkünfte angezündet, Walter Lübke ermordet wurde, der Versuch ein Blutbad in einer Synagoge anzurichten Todesopfer geopfert hat und ausländische Gefängnis-Insassen in ihrer Zelle verbrennen – die Liste lässt sich leider(!) noch fortsetzen. Aber, solange Berichterstattung, Demonstrationen und Diskussionen über solche Fälle nicht dazu führen, dass wir alle uns mal Gedanken machen über unseren eigenen Alltagsrassismus, dann ist das alles nur Fassade. Und wer jetzt behauptet, niemals rassistische Gedanken zu haben, die/der soll sich bitte mal daran erinnern, wann sie/er zum letzten Mal einen Menschen mit nicht weißer Hautfarbe nach dessen Herkunft gefragt hat und sich mit der Antwort „aus Gelsenkirchen“ zufriedengegeben hat.

Rassismus ist in Deutschland ein Problem, dass mit dem Ende der Nazi-Diktatur nicht in der Versenkung verschwunden ist, sondern im Gegenteil seit einiger Zeit eine unrühmliche Renaissance erlebt, wie nicht nur die jüngste Kriminalstatistik, sondern auch vermehrte Arbeit für MAD und Verfassungsschutz deutlich machen. Es ist ein Problem, dass uns alle angeht, und gegen das – zumindest nach meinen Wunschvorstellungen –  alle aufstehen müssen, denen Werte wie Toleranz, Respekt, Weltoffenheit und Rechtsstaatlichkeit wichtig sind. Das dürfen wir nicht denen überlassen, die nur aufgrund von Hautfarbe und Aussehen Zeit ihres Lebens immer wieder Opfer von Rassismus werden, egal ob sie in Straubing oder Aleppo geboren sind. Ja, ich würde mir wünschen, dass jedes Mal, wenn in Bus und/oder Bahn das Wort „Kanacke“ fällt, die Mehrheit der Mitfahrenden reagiert, und sei es nur mit dem kollektiven Griff zum Handy um Anzeige wegen Beleidigung zu erstatten. Und warum nicht mal, wenn man dann ohnehin am Bahnhof ist, die behördliche Versicherung, es gäbe in Deutschland kein Racial Profiling überprüfen, indem man jemanden, dessen Aussehen als Hinweis auf andere Herkunft oder Religionszugehörigkeit herhalten muss, im Beisein von Polizei-Beamt/innen fragen, wie oft sie/er in dieser Woche schon die Ausweispapiere vorzeigen musste?

Ich weiß, der Moment zwischen Zivilcourage zeigen und blutend am Straßenrand zu liegen kann verdammt kurz sein. Aber auf erkannte Missstände an geeigneter Stelle aufmerksam zu machen, ist keine Heldentat, kann allerdings sehr langwierig sein. Und je mehr Menschen deutlich machen, dass sie Rassismus, egal in welchem Umfeld, zu welcher Gelegenheit und in welchem Ausmaß nicht akzeptieren, desto wirkungsvoller wird dieser Einsatz sein.

Wie sehr dauerhaftes, peinlich berührtes Schweigen oder bequemes Wegsehen den Grundsatz von Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Menschen unabhängig von Aussehen, Herkunft, Religion massiv gefährdet, sehen wir gerade jenseits des großen Teichs. Es liegt an uns, dass wir, unsere Kinder und Enkel es hier in dem Ausmaß nicht erleben müssen.

So, das war jetzt nicht – auch wenn es sich ein bisschen so anhören mag – mein Wort zum meteorologischen Sommeranfang, sondern ein Anliegen, das mir so wichtig ist, dass ich mir wünsche, schwarze Profilbilder und Avatare im Netz wären nur ein Anfang für eine wachsende, friedliche und solidarische Bewegung.

fl

„Organ der Niedertracht“

Es gibt Leute, bei denen frage ich mich immer wieder, wie die morgens in den Spiegel gucken können, ohne umgehend ihr Frühstück der Badkeramik im Wortsinn zu übergeben. Dazu gehören diejenigen, die von ganz Rechtsaußen die „politische Mitte“ reklamieren. Dazu gehören auch diejenigen, die bei unverschämt hohen Gewinnen jede Möglichkeit der beschönigend genannten „Steuervermeidung“ ausnutzen und in Krisenzeiten Kohle von genau dem Staat kriegen wollen, den sie um notwendige Einnahmen betuppt haben. Nicht zu vergessen diejenigen, wie ein Self-made-Koch und Möchtegern-Prominenter oder ein mehrfach wegen Drogenbesitzes vorbestrafter, rassistischer und antisemitischer Barde, die ihre eigenen Wahnvorstellungen mit ganz viel Aggressivität als Wahrheit und Mut zum Widerstand verkaufen wollen.

Aber ganz weit oben auf meiner (nationalen) Liste steht ein Mann zusammen mit seiner Belegschaft, dem Berufskollegen vorwerfen, er halte „den leisesten Zweifel an der eigenen Sichtweise schon für Verrat“ und arbeite mit „der Methode eines Revolver-Journalismus“, und dem ein ehemaliger Bundesrichter „kenntnisfreie Panikmache und rechtspolitische Scharfmacherei auf sehr niedrigem Niveau“ bescheinigte. (Zitate aus Wikipedia)

Foto: bildblog.de

Die Hetze der Springerpresse gegen die Studenten der 68er Bewegung, die von „langbehaarten Affen“ schrieb und Dutschke als „Politgammler“ bezeichnete, ist unvergessen, und Günter Wallraffs „Aufmacher“-Buch über seine undercover Tätigkeit als Bild-Redakteur barg für viele Leser/innen wenig Überraschung, aber umso mehr Bestätigung. Und so empfand ich es als heuchlerische Geschmacklosigkeit, als Bild sich im Jahr 2013 zur neuen APO ausrief.

Aber Bild wäre nicht Bild, wenn sie nicht auch weiterhin bei der Wahl ihrer Chefredakteure und deren Kampagnen unbeirrt nach dem Motto handeln würde „schlimmer geht immer“, wie die aktuelle Stimmungsmache gegen einen ausgewiesenen Fachmann auf dem derzeit überaus wichtigen Gebiet der Virologie zeigt. Ein Job in der Bild-Redaktion scheint vorauszusetzen, dass die Mitarbeiter/innen all das in Sekundenschnelle vergessen, was sie in ihrer Ausbildung –  so die nicht bei Springer und anderen Verlagen stattgefunden hat, die ebenfalls gute Aussichten aufs Siegertreppchen beim Niveau-Limbo haben – über Wahrhaftigkeit, Seriosität und Faktentreue gelernt haben. Mir ist und bleibt es immer ein Buch mit sieben Siegeln, warum Redakteur/innen und freie Mitarbeiter/innen jede hoffentlich früher mal vorhandene Anwandlung von Berufsethos über Bord werfen und sich in den Dienst eines, mit Verlaub, Schmierenjournalismus stellen.

Dass die, wie ich finde, angemessene Reaktion von Professor Drosten auf die Anfrage, mit der gleichzeitig (Zeit-)Druck aufgebaut werden sollte, „Ich habe Besseres zu tun“ den Bild-Chefredakteur schäumen ließ, war ja zu erwarten. Zudem ist ja nicht auszuschließen, dass er seinem Vorgänger auf dem Chefsessel hilfreich zur Seite springen wollte, dessen Media-Agentur derzeit mit Professor Streek einen anderen Virologen und dessen Arbeiten vermarkten möchte.

Natürlich war es ein gefundenes Fressen für Bild, dass Drosten anfangs dämlicherweise die komplette Anfrage des Bildredakteurs inklusive Kontaktdaten veröffentlichte. Das Gezeter war erwartungsgemäß groß, hielt aber die Bild nach dem Mimimi in eigener Sache nicht davon ab, wenige Tage darauf unverpixelte Bilder und Videos vom Todeskampf des durch Polizeigewalt ums Leben gekommenen Afroamerikaners George Floyd zu veröffentlichen. Die unterschiedliche Gewichtung des Respekts vor der Privatsphäre eines weißen Bild-Mitarbeiters und der Würde eines farbigen Ex-Basketballers ist eines der zahllosen Beispiele, weshalb ich der Feststellung Max Goldts aus dem Jahr 2001 über die Bildzeitung nur uneingeschränkt zustimmen kann:

„Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem Redakteur dieses Blattes freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz grade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“

fl

Unbedenkliches Mausgrau

In freundlichem Mausgrau kommen seit einigen Wochen in der schönsten Bücherei am Ort aus den kleinen, brummenden Druckern die Zettelchen, die die Leser/innen daran erinnern, welche Bücher zu welchem Termin wieder zur Bücherei gebracht werden sollten, um keine Mahngebühren zu bezahlen. Wer die Leihfrist verlängert, bekommt solche Zettel nur vor Ort, wer das per Telefon erledigt, sollte sich die Daten ganz altmodisch mit Stift und Zettel notieren.

Die mausgraue Farbe der Papierrollen hat jetzt nichts mit einem – von mir mal wieder verpassten – Modetrend zu tun, sondern mit der Gesundheit von Bücherei- Nutzer/innen und Mitarbeiter/innen und mit Umweltschutz. Bei deren Herstellung wird nämlich auf bestimmte, gesundheitsgefährdende Zusatzstoffe, vor allem aber auf Bisphenol A verzichtet. Diese chemische Verbindung, jahrelang Bestandteil eines jeden Bons an der Supermarktkasse, steht im Verdacht krebserregend zu sein und hormonverändernde Wirkungen zu haben. Seit Jahresanfang ist sie in einer Konzentration von mehr als 0,02 Prozent in Kassenbons verboten, aber einige Hersteller setzen stattdessen jetzt Bisphenol S, das sicher auch nicht das Prädikat „gesundheitlich wertvoll“ verdient.

Jetzt hat die Bücherei nicht nur eine Vielzahl von Medien zu den Themen „Gesundheit“ „Klima“ und „Umwelt“ im Regal stehen, sondern auch Verantwortliche, die diese Dinge durchaus ernst nehmen. Und deshalb werden die Bons eben auf Papier gedruckt, das ganz ohne Bisphenole und chemische Farbentwickler hergestellt wird und daher ohne Bedenken bei direktem Lebensmittelkontakt verwendet werden dürfte. Für die Bücherei keine notwenige Voraussetzung, die Tasse Kaffee oder Tee, die sich ab und an mal schwungvoll über eines der ausgeliehenen Bücher ergießt, ist damit nämlich nicht gemeint.

Anders als viele Kassenzettel, können die Erinnerungszettel aus der Bücherei bedenkenlos im Altpapier entsorgt werden. Immerhin verbraucht die Bücherei im Laufe eines Jahres soviel von diesem Papier, dass es aneinandergereiht zehn Mal durch die Fußgängerzone des Städtchens gelegt werden könnte. Wie schön wäre es, wenn alle Kassenbons auf umweltfreundlichem Papier gedruckt würden, denn nach Einführung der Bonpflicht haben die laut Handelsverband allein in Deutschland eine Gesamtlänge, die ausreicht um damit fünf Mal den Äquator zu umwickeln. Und anders als auf dem Öko-Papier kann man nicht mit dem Fingernagel darauf malen:

fl

Fixe Tippelei!

Nachdem wir fast drei Wochen lang die Wohnung miteinander geteilt haben, ist sie mir nicht mehr fremd, dennoch bleibt Naima, egal wie lange sie irgendwo bleibt, fremde Freireisende. Bis mindestens Oktober 2021, wenn sie möchte auch länger, denn so lange darf sie ihre Heimatstadt Hamburg im Umkreis von 50 Kilometern nicht betreten. Die junge Frau ist Tischlerin und hat sich nach der Gesellenprüfung aufgemacht, die Welt – oder wenigstens Teile davon – zu erkunden, also in die Fremde zu ziehen. Naima ist Wandergesellin.  

Jetzt liegt unser Städtchen ja nun nicht gerade so zentral, dass es zum Abstecher von den bevorzugten Routen für Wandergesellinnen und Wandergesellen einlädt, sondern es gab einen Grund für Naimas Aufenthalt hier. Treue Leser/innen dieses Blogs, treue Besucher/innen der Bücherei sowieso, erinnern sich hoffentlich noch an das „Internationale Café“, zu dem einmal im Monat Geflüchtete, Zugezogene und Einheimische in das Lesecafé der Bücherei eingeladen waren, ebenso wie an dessen Nachfolgerin, das nach wie vor gut besuchte Internationale Frauencafé, wenn nicht gerade Corona das verhindert.

Und jetzt steht ein weiteres Nachfolgeprojekt in den Startlöchern, bei dem die Begriffe „inter“ und „Café“ wieder nicht fehlen dürfen, nämlich ein interkulturelles Nähcafé namens „ZickZack“.

Ja, Naima kann richtig gut nähen, sogar Weste und Hose ihrer zünftigen Wandergeselinnen-Kluft, aber das war nicht der Grund, für ihren Aufenthalt, sondern während ihrer Zeit hier ein Nebeneffekt zur Freizeitgestaltung. Nein, sie war gekommen, um das Nähcafé als Tischlerin zu unterstützen und hat innerhalb relativ kurzer Zeit (zum Teil mit Unterstützung eines Wandergesellen-Kameraden – nochmal herzlichen Dank, Ben) für ebenso praktische, wie schöne Möblierung unseres künftigen Angebots gesorgt.

Allein schon ihre Expertinnen-Ideen waren phantastisch, denn sie tragen dazu bei, dass Corona-Auflagen einhalten können, und zwar so, dass sich die Besucherinnen und Besucher, sowie die Verantwortlichen nicht durch Plexiglas-Scheiben verständigen müssen. Und die problemlos gewährte finanzielle Unterstützung der Stadt Ochtrup für das wohl erste interkulturell geplante, organisierte und demnächst durchgeführte soziale Projekt im Städtchen sorgte dafür, das Naima überhaupt tätig wurde, denn wir konnten auf Spanplatten verzichten. Dabei kam uns die Unterstützung des hiesigen evangelischen Kirchenkreises gerade recht.

Entstanden sind in wenigen Tagen und vielen unbezahlten Arbeitsstunden (1 000 Dank dafür) in der Werkstatt der hiesigen Tischlerei Focke, die Naima dankenswerterweise nutzen durfte, vier Arbeitstische, das Gestell für einen Raumteiler – den mit Stoff schick zu machen, wird eines der ersten Nähprojekte sein – und eine Mischung aus Tisch, Regal und Küchentresen,

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist bunte-tassenspende.jpg.

damit wir nicht nur Kaffee und Tee kochen können, sondern auch die großzügige Tassenspende meiner Internetfreundin (vielen lieben Dank auch an dieser Stelle, Betsi) gut sichtbar unterzubringen, deren Zeichnungen schon viele meiner Blogbeiträge hier geschmückt haben, und der das neue Logo des Frauencafés (herzlichen Dank nochmal an Theresa dafür) so gut gefällt.

Ja, und wo soll das Ganze hinkommen? Auch hier darf ich mal wieder Danke sagen, in diesem Fall Alexandra, die die Idee hatte, dass das Nähcafé (zeitlich und politisch völlig unabhängige) Untermieterin des grünen Ortsvereins werden konnten, die ein leerstehendes Ladenlokal mitten in der Fußgängerzone als Wahlkampfbüro angemietet haben.

Eigentlich könnte es direkt losgehen im Zickzack, wenn die Möbel dort stehen, denn wir haben schon Nähmaschinen gekauft und von Sabine (wieder mal ein dickes Dankeschön) jede Menge Stoff und Garn bekommen, nachdem sie ihr Nähzimmer ausgeräumt hatte.

Noch steht nicht fest, wann wir das „ZickZack“ eröffnen werden, da macht uns gerade so ein fieser Virus Probleme, wie so vielen anderen auch. Aber, wenn wir weiterhin so viel Interesse, Zustimmung, Unterstützung und Spendenbereitschaft erfahren werden, wie bisher, dann wird das Projekt ein Erfolg für die Frauen vom Internationalen Frauencafé als Verantwortliche, aber auch für alle Besucherinnen und Besucher, egal ob sie ihre Deutschkenntnisse verbessern und vertiefen wollen, neue Kontakte knüpfen möchten, nähen lernen wollen, oder die vorhandenen Maschinen nutzen wollen.

Und wenn wir (hoffentlich gar nicht erst auftretende) Anfangsschwierigkeiten hinter uns gelassen haben und alles so läuft, wie wir es uns vorstellen und wünschen, dann werden das sicher mal zum Anlass nehmen, gemeinsam zu feiern. Und dazu laden wir dann auch Naima ein. Bis dahin wünschen wir ihr fixe Tippelei!


fl

Gute Zeiten für Knoblauch

So, jetzt ist sie da, die Maskenpflicht, und was da in den sozialen Medien, Internetforen und manchmal an der Straßenecke abgeht, dagegen ist die unselige Burka-Diskussion ein fröhliches Vogelgezwitscher. Inzwischen gibt es in diesem Land ja bedeutend mehr Corona-Expert/innen als Fußballtrainer/innen und nicht wenige von ihnen verkünden wirklich dummes, faktenfreies Zeug mit einer Überzeugungskraft, die so manche/n Pastor/in auf der Kanzel neidisch werden lässt.

Es ist die große Stunde derjenigen, deren Lebensmotto lautet „Was ist beschlossen? Ich bin dagegen!“ und natürlich der (politischen) Aluhut-Träger/innen. Wen deren Elegien gegen Lügenpresse, Systemparteien und Wahlschafe dann mit den Worten beginnen „Unter so einer Maske kann ich nicht atmen“, dann möchte ich ihnen ab und zu gerne zurufen „Ja, dann lass es doch, ist vielleicht besser so.“ Aber aus Gründen, die ihren Ausgangspunkt in der Erziehung durch meine Eltern haben, verkneife ich mir das.

Ja, es gibt zur Zeit Gesetze und Bestimmungen, die zeitweise Grundrechte einschränken, aber es gibt aktuell auch sinkende Infektionszahlen. Und nur darum geht es. Ja, Masken sind hinderlich und unangenehm, aber das ist es mir wert, wenn ich durch ihren Gebrauch möglicherweise jemanden vor der Intensivstation oder sogar vor dem frühzeitigen Ableben bewahren kann. Und nur, weil ich nicht weiß, ob das vielleicht die heißgeliebte Tante einer guten Freundin, oder eine unbeliebte Nebelkrähe aus der Nachbarschaft ist, nicht mal, ob gerade ich überhaupt Viren verteile oder nicht, kann ich doch nicht mit einer Scheiß-egal-Haltung gegenüber meinen Mitmenschen auf den Maskengebrauch verzichten. Ich verstehe die Menschen einfach nicht, die das aus politischen und überwiegend rechtspopulistischen Gründen gerade tun. Wer meint, Gleichgültigkeit gegenüber Gesundheit und sogar Überleben von Menschen könnte Wahlerfolge versprechen, sollte sich als Hobby vielleicht doch lieber dem Briefmarkensammeln verschreiben.

Nein, ich bin ganz sicher nicht immer mit allem einverstanden, was in diesem Land so passiert, was von Politik und Regierung beschlossen und umgesetzt wird, und sehe in vielen Bereichen dringenden Verbesserungsbedarf. Aber es ist weniger Patriotismus, als vielmehr, wie ich finde, gesunder Menschenverstand, der mir in diesen Zeiten klar gemacht hat, dass ich derzeit in keinem anderen Land der Welt leben möchte.

Um dieses Gefühl zu verstärken würde ich mir nicht nur eine Akzeptanz des Maskengebrauchs ohne Stimmungsmache wünschen, sondern auch einen rücksichtsvollen Umgang damit. Es ist wirklich nicht die Zeit mit dem Verkauf von Einwegprodukten den schnellen Euro zu machen, nur weil Masken Mangelware sind – was übrigens zu dem in Regierung und Politik gehört, was ich als dringend verbesserungswürdig einstufe.

Schön finde ich, welche Kreativität und handwerkliches Können derzeit durch selbstgenähte Stoffmasken sichtbar werden. Exemplare, wie die einer Twitter-Userin, die kundtat: „Am Anfängerkurs Schutzmasken nähen teilgenommen. Hat jemand zufällig einen Elefanten im Garten, der eine Windel braucht?“ sind mir bisher noch nicht begegnet. Dagegen aber unzählige, gelungene Angebote von Profi- und Hobby-Näher/innen. Und da eine Bitte an die Hobby-Näher/innen, bitte denkt daran, dass es Menschen gibt, die derzeit vom Maskenverkauf leben, weil sie kaum andere Einnahmequellen haben, und macht denen nicht die Preise kaputt. Und ein Hinweis an die potentielle Käuferschaft: Nein, Preise zwischen fünf und zehn Euro sind nicht unverschämt, denn da steckt nicht nur Arbeitszeit drin – Zuschneiden, Feststecken, Nähen, Bügeln – sondern die benötigten Stoffe fallen nicht vom Himmel. Gummibänder schon mal sowieso nicht, sie sind inzwischen das, was vor ein paar Wochen noch Nudeln und Hefe waren.

Foto: ABS-CBN News

Aber es gibt noch einen anderen Grund, weshalb ich Fürsprecherin von Stoffmasken bin: Sie halten länger, als die Corona-Krise hoffentlich andauert und landen nicht nach einmaligem Gebrauch auf der Straße und in einigen Ländern bereits in den ohnehin schon verschmutzen Meeren.  

Und diejenigen, die jetzt noch mit dem „Argument“ kommen, dass Masken und die neuesten Modetrend inkompatibel sind und die Träger/innen nicht unbedingt hübscher aussehen lassen: seid doch froh, dass es sich zur Zeit nicht lohnt, sich für ein irres Geld die Lippen aufspritzen oder den Zinken zum Stupsnäschen umformen zu lassen. Und an alle anderen, die aus anderen Gründen mit der Maske hadern: Ein Lächeln erkennt man auch an den Augen. Und außerdem kann man gerade Knoblauch essen, soviel man mag.

fl

Corona-Wettpinkeln

Besondere Zeiten bringen besondere Formate hervor, deshalb an dieser Stelle wieder ein offener Brief. Dieses Mal an ganz andere Adressat/innen, die mit Göttern und Göttinnen mal so gar nichts zu tun haben.

Liebe Politiker/innen und Politiker,
egal aus welcher Partei und aus welcher Region,

wie wir alle, betretet auch ihr in Sachen Corona Neuland, wisst (noch) nur wenigdarüber, was dieser Virus in den nächsten Wochen, Monaten und wahrscheinlich Jahren, so alles anrichten kann, und welche Maßnahmen im Einzelnen wirklich etwas bringen kann, um Schlimmes möglichst zu verhindern.

Vor dem Hintergrund dieser Unsicherheiten habt ihr bis vor Kurzem einen ziemlich guten Job gemacht (mit Ausnahme von einigen Rechtsradikalen, die meinen, ein Aluhut könne Hirntätigkeit ersetzen), weil ihr eingesehen und zugegeben habt, dass ihr wenig Ahnung von der Sache habt. Deshalb habt ihr genau zugehört, was gut qualifizierte Fachleute zu sagen haben. Für die ist dieser Coronavirus auch neu, aber sie kennen sich in Sachen Virologie und Epidemiologie dank guter Ausbildung und jahrelanger Forschung sehr gut aus. Ich wage zu behaupten, besser als Parlamente und Kabinette zusammen.

Es sah tatsächlich so aus, als hättet ihr aus eurem Umgang mit dem Klimawandel gelernt, und würdet endlich mal auf ausgewiesene Expert/innen und deren Fachwissen hören. Tusch und Applaus! Aber leider folgte die Enttäuschung auf dem Fuße. Auffällig, dass die meisten Politikerinnen sich wohltuend zurückhalten, während nicht wenige ihrer männlichen Kollegen sich öffentlichkeitswirksam einen Weitpinkel-Wettbewerb in Sachen Corona, Maßnahmen, Beschränkungen und deren Aufhebung liefern.

Für mich hat es einen ganz bitteren Beigeschmack, wenn Markus Söder eine Lieferung von mehreren Millionen Schutzmasken am Flughafen persönlich in Empfang nimmt und liebevoll tätschelt. Auspacken mussten sie dann andere, denn er hat sich nicht die Mühe gegeben, nach einer Maske zu suchen, die ihm eventuell weniger gut passt:

Empathie mit medizinischem und pflegerischem Personal in anderen Bundesländern, das verzweifelt auf Schutzausrüstung hofft, kann ich jedenfalls nicht entdecken.

Ansonsten zeigt sich der bayerische Ministerpräsident auch in Corona-Zeiten in seiner Lieblingsrolle. Nein, nicht als S(c)hre(c)k, sondern als unerschrockener Hardliner, der sogar mutig genug ist, Nachrichten zu verkünden, die die bayerische Volksseele bis ins Innerste erschüttern (diejenigen, die sich freuen, dass in diesem Jahr ihre Vorgärten nicht wochenlang vollgekotzt werden, sind wahrscheinlich zuagroast). Ja, im Jahr 2020 fällt das Münchener Oktoberfest aus. Und im Netz werden die ersten Vermutungen laut, dass Söders Amtskollege Laschet für Ersatz sorgen wird und in allen Städten NRWs einen Tanz in den Mai genehmigt, vorausgesetzt, die dafür benötigte Fläche ist kleiner als 800 Quadratmeter. Oder doch größer?

Ehrlich gesagt, würde mich so ein Schwachsinn so langsam auch nicht mehr wundern, wenn ich sehe, welche Prioritäten Laschet und sein Kabinett setzen, wenn es darum geht, Gesundheit und Leben der Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Für sie ist es kein Problem, wenn, wie hier im Städtchen ein Outlet-Center in wenigen Tagen wieder als Ausflugsziel für Menschen aus nah und fern dienen kann. Zwar für weniger, als sonst üblich, aber ohne den Hauch einer Möglichkeit, eventuelle Infektionsketten zurückzuverfolgen.

Nordrheinwestfälischen Bibliotheken, wie meiner Lieblingsbücherei wird aber ein beträchtlicher, dank DSGVO rechtlich fragwürdiger Aufwand zugemutet, wenn u.a. die Registrierung aller Besucher/innen vorgeschrieben ist. Bei Friseur-Besuchen ist das nicht erforderlich, obwohl ich meiner Friseurin ganz sicher sehr viel näher komme, als Bücherei-Besucher/innen und –Mitarbeiter/innen.

Was sich mir auch nicht erschließt ist, dass NRW sich in einigen Bereichen weder an die Anordnung der Kanzlerin („Einfach mal die Klappe halten“, also sinngemäß) noch an die gemeinsamen Beschlüsse von Bund und Ländern (Stichwort Möbelhäuser) hält, aber sich in Sachen Maskenpflicht lange zierte und gebetsmühlenartig darauf verwies, es sei doch mit der dringenden Empfehlung ein gemeinsames Vorgehen beschlossen worden. Ob das etwas damit zu tun hat, dass die angestrebte Rolle als Superman unter den möglichen Kanzlerkandidaten und die Unfähigkeit, eine Mund-Nasen-Bedeckung gleichzeitig über Mund und Nase zu ziehen, auch etwas mit fragwürdig erscheinender Kompetenz zu tun hat?

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Schick oder lieber solidarisch?

Es ist ein paar Wochen her, dass ich verkündete „Wenn mir beim Einkaufen demnächst jemand mit Schutzmaske begegnet, der das Ding nur wegen Corona trägt, den lache ich aus.“ Ein paar weniger Wochen ist es her, dass eine Freundin mir den Link zu einer mit (vermutlich) chinesischen Schriftzeichen betitelte und zum Glück nur mit Musik hinterlegte Nähanleitung auf Video zuschickte und wir beide witzelten, ob ich nicht lieber mal wieder im Wohnzimmer Staub putzen sollte, als so etwas zu tragen.

Inzwischen habe ich einiges dazu gelernt (unter anderem und nicht zum ersten Mal im Leben, dass unbedarfte Großspurigkeit nicht gerade das Gebot der Stunde ist), und fange an, mich ernsthaft mit dem Thema Mund- und Nasenschutz zu befassen. Wie bei vielen Aspekten rund um das Thema Corona war auch da ein Podcast von Christian Drosten ebenso interessant wie erhellend. Das trifft m. E. auch auf alle anderen Folgen zu, denn der Leiter der Virologie an der Berliner Charité erklärt nicht nur wissenschaftliche Zusammenhänge so gut, dass selbst ich sie verstehen kann, sondern vermittelt auch, dass wir (leider) keine Wunder erwarten können, und deshalb Geduld anstatt von Panikmache, Fake-News, Ignoranz oder Verharmlosung angesagt ist. Ich kenne einige Leute, die jeden Mittag schon gespannt auf die nächste Folge mit ihm warten, und auch welche, die ihn wahlweise am liebsten adoptieren oder heiraten möchten.

Jedenfalls hat dieser Fachmann einige Gedanken geäußert, denen ich gut folgen kann. Nämlich, dass ein Stück Stoff vor Mund und Nase, egal ob Schal, ein oben abgeschnittenes und zusammengezuppeltes T-Shirt oder eine selbstgenähte Maske, in erster Linie ein Zeichen von Rücksichtnahme und Solidarität sind. Hauptsache medizinische Masken bleiben denen vorbehalten, die sie als Mediziner/innen und Pfleger/innen dringend benötigen, während für alle anderen beim Einkaufen oder beim Gang zur Bank oder Post eben ein Do it yourself-Exemplar völlig ausreicht.

Es dürfte für treue Leser/innen keine große Überraschung sein, dass ich jetzt mal wissen wollte, wie sich so ein Ding anfühlt, und mich deshalb an die Nähmaschine gesetzt habe. Vorher habe ich mal wieder feststellen dürfen, dass das Internet nicht umsonst die Bezeichnung weltweit trägt, als ich mich auf die Suche nach einer Anleitung gemacht habe. Ebenfalls keineswegs überraschend, dass ich mich für eine recht einfache Variante ohne präzise Falten und akkurat genähte Einfassung entschieden habe.

Mit jedem Exemplar ging es schneller und sah auch besser aus, denn ja, ich habe inzwischen schon einige Exemplare genäht. Nachdem ich mich in meinem whatsapp-Status mit einem selbstgemalten Smiley auf gelbem Stoff statt Mund und Nase gezeigt hatte, kamen einige Anfrage. Jetzt gibt es nicht nur einen Bänker in Süddeutschland, der mit einer von mir selbstgenähten Maske anderer Leute Geld zählt, sondern eine Freundin kann mit einer Maske passend zum Einkaufsbeutel in den Supermarkt gehen.

Ehrlich gesagt, so wirklich angenehm finde ich es nicht, so ein Ding zu tragen, weil es mir ziemlich schnell ganz schön warm darunter wird, und ich auch ein wenig bewusster atmen muss. Das ist aber nur ein Grund, warum ich bisher vom Hals aufwärts noch „oben ohne“ aushäusig unterwegs bin. Ich hab auch ein bisschen die Befürchtung, irgendjemandem zu begegnen, die/der meint „Wenn mir beim Einkaufen demnächst jemand mit Schutzmaske begegnet, der das Ding nur wegen Corona trägt, den lache ich aus.“

fl

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