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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

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Refugees welcome in der Bücherei

Bitte kein zweites 2015

Es ist nicht einmal ein Jahr her, dass ich von einer „Mischung aus Fremdscham, Fassungslosigkeit, Ärger/Wut, Hilflosigkeit und Mitleid“ schrieb im Zusammenhang mit dem Umgang von Geflüchteten in Deutschland und Europa. Ich war nicht so naiv, dass ich dachte, da würde sich kurzfristig etwas zum Besseren entwickeln, aber genau diese Gefühle, sogar noch stärker, überrollen mich jetzt, wenn ich Nachrichten sehe/höre, Zeitung lese und Diskussionen verfolge.

Wenn ich afghanische Bekannte treffe, dann weiß ich nicht, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen kann. Da begegne ich Menschen, die sich viel Mühe gegeben haben, die deutsche Sprache zu lernen, sich in den deutschen Alltag mit all seinen Traditionen und kulturellen Normen einzufinden, die sich hier eine Existenz aufbauen oder neue berufliche Perspektiven entdeckt haben, die unsere Nachbar/innen und Mitbürger/innen geworden sind. Was kann ich ihnen sagen, wenn sie mich fragen, warum dem Land, das sie aufgenommen und ihnen all das ermöglicht hat, das Überleben ihrer Familien, Verwandte und Freunde in Afghanistan so schrecklich egal ist?

Ist es eine grandiose Unfähigkeit der verantwortlichen Regierungsmitglieder und ihrer Ministerialbeamt/innen, die Warnungen von Bundesswehrangehörigen, Botschaftspersonal und NGO-Mitarbeiter/innen nicht zu hören, geschweige denn zu verstehen? Oder ist es eine noch grandiosere Selbstüberschätzung aus über 6 000 Kilometer Entfernung, sicher und gemütlich hinter dem Schreibtisch oder in einer gepanzerten Dienstlimousine sitzend, die Lage in Afghanistan besser einschätzen zu wollen, als die Menschen vor Ort?

Wie kann man denn morgens noch in den Spiegel gucken, wenn man weiß, dass man dafür verantwortlich ist, dass hunderte Bundeswehr-Helfer/innen und ihrer Familien in Lebensgefahr schweben? Diejenigen, die abends in die Fernsehkameras gucken scheinen damit kein Problem zu haben.

Im Gegenteil, statt zu versuchen, den Schaden nicht noch zu vergrößern, wurde schon vor dem Start der ersten Bundeswehrmaschine nach Kabul zur Evakuierung von deutschen Staatsangehörigen und afghanischen Ortskräften Wahlkampf gemacht mit dem Slogan „Kein zweites 2015“. Ausgerechnet diejenigen, die in Sachen Flüchtlings-Schutz und –Politik versagt haben, glauben sie könnten eine Zeitmaschine konstruieren. Was für eine unerträgliche Hybris.

Grundsätzlich stimme ich diesem Slogan sogar zu, allerdings mit einem ganz anderen Inhalt. Nein, ich will auch nicht, dass sich das wiederholt, was wir seit 2015 immer wieder erlebt haben. Ich will nicht, dass Nazis, Rassisten, Rechtsextreme, Ausländerfeinde und Islamhasser als „besorgte Bürger“ verharmlost werden. Ich will nicht, dass Ängste vor Phantasiegebilden wie Zwangs-Missionierung und Bevölkerungsaustausch , geschürt werden von Leuten, die selber nur Angst haben, ein paar Krümel von einem Kuchen abgeben zu müssen, den sie nicht mal selber gebacken haben. Ich will nicht, dass Minderheiten für sich in Anspruch nehmen „Wir sind das Volk“ und ich will erst recht niemanden mehr „Ausländer raus“ grölen hören.

Und auch die ewige Leier“ dass können wir uns nicht leisten“ will ich nicht mehr hören. Ein Land, das es sich leistet jedes Jahr auf rund 125 Milliarden Euro (ca. ein Drittel der Gesamtsumme des Bundeshaushaltes durch Steuerhinterziehung zu verzichten, soll durch die Aufnahme von Geflüchteten pleite gehen? Wie viele Unterkünfte, Deutsch- und Integrationskurse und Therapiestunden für traumatisierte Kinder hätte man denn finanzieren können mit dem Geld, das Minister durch ihre Maut-Träume oder Schrottmasken-Deals versenkt haben?

Ja, es ist eine Mammutaufgabe mit unzähligen Problemen, Menschen zu integrieren, die ein anderes Weltbild haben, deren Lebensumstände für uns manchmal aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, deren Lebensplanung- und Ziele für uns teilweise nicht nachzuvollziehen sind, die uns genauso fremd sind, wie wir ihnen. Da hat es in der Vergangenheit viele Fortschritte gegeben, es hat aber auch Kriminalität und Gewalt bis zum Mord gegeben. Aber wird sind nicht mehr im Jahr 2015, als nur sehr schwer abzuschätzen war, welche Probleme im Einzelnen bewältigt werden müssen. Es wurden Strukturen geschaffen und Erfahrungen gesammelt, die heute zur Verfügung stehen und wir könnten aus vergangenen Fehlern lernen. Theoretisch.

Dafür, dass Politik und große Teile der Gesellschaft seit Jahren aus all dem so gut wie nichts gelernt haben, oder schlimmer noch nichts lernen wollen, schäme ich mich fast genauso, wie für menschenverachtende Empathielosigkeit, die gerade wieder genauso sichtbar wird, wie 2015.

fl

Ich schäme mich

Wikipedia erklärt: >>Fremdscham tritt auf, wenn eine andere Person Normen oder Werte verletzt und das selbst nicht merkt oder nicht als peinlich empfindet. Sie ist damit ein wichtiges Regulativ.<<

Es ist eine Mischung aus Fremdscham, Fassungslosigkeit, Ärger/Wut, Hilflosigkeit und Mitleid, die ich seit den Nachrichten über den Brand im Elendslager Moira und der nachfolgenden Berichterstattung über die Situation vor Ort und die Reaktionen von verantwortlichen Politiker/innen und Regierungsmitgliedern lese.

Als direkt nach dem Brand in Moira EU-Migrationskommissar Margaritis Schinas, der übrigens auch für die „Förderung des europäischen Lebensstils“ in Brüssel zuständig ist, die Tagesschau in ihrer Online-Ausgabe zitierte mit >>„Die Zeit ist abgelaufen“, sagte er. Nun sei der richtige Moment, die seit Jahren bestehenden Probleme anzugehen.<< , war das einer meiner seltenen Momente von Sprachlosigkeit über eine Verhöhnung all der Menschen, die seit vielen Monaten, ja Jahren, im Lager Moira festsitzen, ohne dass sich jemand zielführend um sie kümmert.

Keinesfalls beruhigter war ich, als ich dann las, dass Politiker/innen, wie Saskia Esken oder Norbert Röttgen öffentlichkeitswirksam plötzlich ganz dringende Forderungen stellten, deutlich mehr als die von Minister „Migration ist die Mutter aller Probleme“ Seehofer letzte Woche in Aussicht gestellten 150 Kinder und Jugendliche aus Moria aufzunehmen. Herrschaften schon vergessen, dass ihr noch im März gegen die Aufnahme von 5 000 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen aus genau diesem Lager gestimmt habt? In der Unionsfraktion haben damals lediglich drei Abgeordnete dafür gestimmt, zwei haben sich enthalten, bei der SPD waren es zwei Stimmen und eine Enthaltung. Alle anderen über 500 anwesende Abgeordneten von Parteien, die Begriffe wie „christlich“ und „sozial“ im Namen tragen, haben dagegen gestimmt.

Es ist jetzt eine Woche her, dass die Zelte und Hütten im Lager auf Lesbos verbrannten, und immer noch müssen im hochtechnisierten und bestens ausgerüsteten Europa Familien mit kleinen Kindern hungrig und durstig auf der Straße schlafen. Seit Tagen schildern in den Medien Augenzeugen die unerträglichen Zustände, die Verhinderung von Hilfslieferungen, Polizeigewalt und rechtsextreme Übergriffe, ohne dass sich für die notleidenden Menschen etwas zum Besseren ändert.

Da ist für Viele erheblich wichtiger, dass „die“ Flüchtlinge die Brände im Lager ganz bestimmt selber gelegt haben, ohne dass die Untersuchungen abgeschlossen sind. Dazu zitiere ich mal den von mir geschätzten Cartoonisten Ralph Ruthe: >>Es ist Silvester. Eine fremde Person rennt mit Verbrennungen an der blutenden Hand die Straße entlang. Jeder normale Mensch würde helfen wollen und die Person direkt ins Krankenhaus bringen. Empathielose Arschlöcher hingegen fragen seelenruhig „Haben Sie den Böller selbst gebaut?<<

Und natürlich wird von interessierten Kreisen die Angst vor dem endgültigen finanziellen Ruin durch die Aufnahme von ein paar tausend Menschen geschürt, obwohl seit 2015 niemand einen Euro weniger auf dem Lohnstreifen/der Gehaltsabrechnung/im HartzIV- oder Rentenbescheid hat, weil Unterbringung, Bildungs- und Integrationsmaßnahmen für Geflüchtete finanziert werden mussten. Und selbstverständlich droht für manche mit der Einreise jedes arabischen 12Jährigen die Islamisierung Deutschlands, und kriegen Rassisten und Rechtsradikale von AfD und Konsorten gerade mal wieder Oberwasser, wenn es um Flüchtlingshetze geht. Manche Leute sollten sich nicht nur beim sonntäglichen Kirchgang von ihrem Gott erhoffen „und vergib uns unsere Schuld“, sondern im Stundentakt.

Tausende von traumatisierten und entwicklungsgestörten Flüchtlingskinder, nicht nur in den Elendslagen innerhalb Europas, haben seit Jahren keinen Zugang zu Gesundheitsvorsorge und Bildung und damit kaum Chancen auf Anschluss an Berufsleben und gesellschaftliche Integration. Und immer noch fabulieren Politiker/innen weiter über eine „gemeinsame europäische Lösung“ obwohl x Verhandlungen nicht erst seit gestern glasklar deutlich gemacht haben, dass die niemals zustande kommen wird. Bleibt abzuwarten, ob und wie der griechische Alleingang, den Flüchtlingen die Ausreise zu versperren, als „gemeinsame europäische Lösung“ verkauft wird, um weiterhin über Maßnahmen nur zu reden, statt sie endlich mal umzusetzen, bevor Corona schneller ist. Die Bekämpfung von Fluchtursachen? Ein Kapitel für sich, aber ganz bestimmt keine Erfolgsgeschichte.

Die Binse „Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe eine Arbeitskreis“ ist längst nicht mehr zeitgemäß. Im September 2020 sollte sie heißen: „Interessiert dich einen Sch**ß? Gründe einen Arbeitskreis.“

Ich schäme mich fremd.

fl

Mit Nähmaschine und Mixer

Nein, ich kann keine Kaninchen aus irgendwelchen Zylindern zum Vorschein bringen, Blumensträuße aus dem Nichts auftauchen oder Geldscheine im Nirwana verschwinden lassen. Aber der Trick, aus einem langen Garnstrang in Sekundenschnelle eine gleichmäßig gedrehte Kordel zu produzieren und dabei nur einen einzigen Finger zu bewegen, sorgt immer wieder für Verblüffung. Ich wende ihn seit fast 30 Jahren an, seitdem ich ihn im Kindergarten meines Ältesten erstmals bewundern konnte, inzwischen soll er auch in Internet-Videos als brandneu angepriesen worden sein, habe ich mir sagen lassen.

Die insgesamt 15 Kindern, die sich an drei Nachmittagen in Fünfer-Gruppen am Ferienangebot zum Umgang mit der Nähmaschine beteiligten, staunten jedenfalls nicht schlecht, als ich den elektrischen Handmixer einstöpselte. Irgendwie müssen ihre neuen, selbstgemachten Rucksäcke ja auch auf dem Rücken getragen werden, am besten mit Kordeln. Also ein gaaaanz langes Stück Garn oder Wolle, je nach Dicke doppelt, vier oder sogar sechsfach gelegt und am Ende verknotet, wird an der einen Seite über eine Türklinke geschoben und an der anderen Seite über den Knethaken des Handmixers. Da der Handmixer beziehungsweise die Person, die ihn festhält, deutlich mobiler ist als eine Türklinke, ist jetzt der richtige Standort zu suchen, der nah genug an der Steckdose und weit genug entfernt von der Türklinke ist, dass die Strippe zwischen Klinke und Haken locker gespannt ist und auf gar keinen Fall durchhängt. Und dann kommt die erwähnte Fingerbewegung mit der der Quirl auf Höchststufe gestellt wird. Sobald man einen Zug auf der Kordel spürt, ist sie fertig.

Je nach Länge ist der Einsatz einer zweiten Person hilfreich, die die Kordel in der Mitte festhält, wenn man die Garnenden von der Türklinke und vom Mixer zusammenführt und verknotet. Sehr lange Kordeln müssen jetzt noch ein bisschen glattgestrichen werden, damit sie überall gleichmäßig verdreht sind. Kein Hexenwerk, aber ein Trick, der viele neue Fans und Nachahmerinnen gefunden hat und sicher demnächst von unserer Freundin Mina (Foto) auch in Teheran angewandt wird.

Über das oben genannte Ferienangebot hinaus werden an derselben Stelle bestimmt noch ganz oft Kordeln mit dem Handmixer „gezaubert“, denn die Kinder, die als Anfänger/innen innerhalb von knapp drei Stunden wunderschöne Rucksäcke angefertigt hatten, haben damit die Generalprobe für das inzwischen bestens ausgestattete interkulturelle Nähcafé „ZickZack“ absolviert. Über zwei Monate später als geplant – Corona lässt grüßen – kann jetzt endlich in der kommenden Woche das wohl erste Integrationsprojekt im Städtchen, das von Geflüchteten, Zugezogenen und Einheimischen gemeinsam geplant, vorbereitet und organisiert ist, seinen Betrieb aufnehmen.

Jeden Donnerstag von 15 bis 18 Uhr sind alle Interessierte, egal welcher Herkunft und welchen Geschlechts, ins Zickzack eingeladen. Dort können sie nähen (lernen) und sich dabei, wenn nötig helfen lassen, dort können sie sich aber auch einfach bei einer Tasse Kaffee und Tee mit anderen Besucher/innen unterhalten. Die offizielle „ZickZack“-Sprache ist dann Deutsch, denn Nicht-Muttersprachler/innen sollen hier die Gelegenheit haben, ihre Sprachkenntnisse zu erweitern und zu festigen.

Ich bin jetzt nicht nur gespannt, ob und wie dieses Angebot im Städtchen ankommen wird, sondern auch, wie lange es dauern wird, bis ich gelernt habe, nicht nur gerne, sondern endlich mal richtig gut nähen zu können.

fl

Fixe Tippelei!

Nachdem wir fast drei Wochen lang die Wohnung miteinander geteilt haben, ist sie mir nicht mehr fremd, dennoch bleibt Naima, egal wie lange sie irgendwo bleibt, fremde Freireisende. Bis mindestens Oktober 2021, wenn sie möchte auch länger, denn so lange darf sie ihre Heimatstadt Hamburg im Umkreis von 50 Kilometern nicht betreten. Die junge Frau ist Tischlerin und hat sich nach der Gesellenprüfung aufgemacht, die Welt – oder wenigstens Teile davon – zu erkunden, also in die Fremde zu ziehen. Naima ist Wandergesellin.  

Jetzt liegt unser Städtchen ja nun nicht gerade so zentral, dass es zum Abstecher von den bevorzugten Routen für Wandergesellinnen und Wandergesellen einlädt, sondern es gab einen Grund für Naimas Aufenthalt hier. Treue Leser/innen dieses Blogs, treue Besucher/innen der Bücherei sowieso, erinnern sich hoffentlich noch an das „Internationale Café“, zu dem einmal im Monat Geflüchtete, Zugezogene und Einheimische in das Lesecafé der Bücherei eingeladen waren, ebenso wie an dessen Nachfolgerin, das nach wie vor gut besuchte Internationale Frauencafé, wenn nicht gerade Corona das verhindert.

Und jetzt steht ein weiteres Nachfolgeprojekt in den Startlöchern, bei dem die Begriffe „inter“ und „Café“ wieder nicht fehlen dürfen, nämlich ein interkulturelles Nähcafé namens „ZickZack“.

Ja, Naima kann richtig gut nähen, sogar Weste und Hose ihrer zünftigen Wandergeselinnen-Kluft, aber das war nicht der Grund, für ihren Aufenthalt, sondern während ihrer Zeit hier ein Nebeneffekt zur Freizeitgestaltung. Nein, sie war gekommen, um das Nähcafé als Tischlerin zu unterstützen und hat innerhalb relativ kurzer Zeit (zum Teil mit Unterstützung eines Wandergesellen-Kameraden – nochmal herzlichen Dank, Ben) für ebenso praktische, wie schöne Möblierung unseres künftigen Angebots gesorgt.

Allein schon ihre Expertinnen-Ideen waren phantastisch, denn sie tragen dazu bei, dass Corona-Auflagen einhalten können, und zwar so, dass sich die Besucherinnen und Besucher, sowie die Verantwortlichen nicht durch Plexiglas-Scheiben verständigen müssen. Und die problemlos gewährte finanzielle Unterstützung der Stadt Ochtrup für das wohl erste interkulturell geplante, organisierte und demnächst durchgeführte soziale Projekt im Städtchen sorgte dafür, das Naima überhaupt tätig wurde, denn wir konnten auf Spanplatten verzichten. Dabei kam uns die Unterstützung des hiesigen evangelischen Kirchenkreises gerade recht.

Entstanden sind in wenigen Tagen und vielen unbezahlten Arbeitsstunden (1 000 Dank dafür) in der Werkstatt der hiesigen Tischlerei Focke, die Naima dankenswerterweise nutzen durfte, vier Arbeitstische, das Gestell für einen Raumteiler – den mit Stoff schick zu machen, wird eines der ersten Nähprojekte sein – und eine Mischung aus Tisch, Regal und Küchentresen,

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist bunte-tassenspende.jpg.

damit wir nicht nur Kaffee und Tee kochen können, sondern auch die großzügige Tassenspende meiner Internetfreundin (vielen lieben Dank auch an dieser Stelle, Betsi) gut sichtbar unterzubringen, deren Zeichnungen schon viele meiner Blogbeiträge hier geschmückt haben, und der das neue Logo des Frauencafés (herzlichen Dank nochmal an Theresa dafür) so gut gefällt.

Ja, und wo soll das Ganze hinkommen? Auch hier darf ich mal wieder Danke sagen, in diesem Fall Alexandra, die die Idee hatte, dass das Nähcafé (zeitlich und politisch völlig unabhängige) Untermieterin des grünen Ortsvereins werden konnten, die ein leerstehendes Ladenlokal mitten in der Fußgängerzone als Wahlkampfbüro angemietet haben.

Eigentlich könnte es direkt losgehen im Zickzack, wenn die Möbel dort stehen, denn wir haben schon Nähmaschinen gekauft und von Sabine (wieder mal ein dickes Dankeschön) jede Menge Stoff und Garn bekommen, nachdem sie ihr Nähzimmer ausgeräumt hatte.

Noch steht nicht fest, wann wir das „ZickZack“ eröffnen werden, da macht uns gerade so ein fieser Virus Probleme, wie so vielen anderen auch. Aber, wenn wir weiterhin so viel Interesse, Zustimmung, Unterstützung und Spendenbereitschaft erfahren werden, wie bisher, dann wird das Projekt ein Erfolg für die Frauen vom Internationalen Frauencafé als Verantwortliche, aber auch für alle Besucherinnen und Besucher, egal ob sie ihre Deutschkenntnisse verbessern und vertiefen wollen, neue Kontakte knüpfen möchten, nähen lernen wollen, oder die vorhandenen Maschinen nutzen wollen.

Und wenn wir (hoffentlich gar nicht erst auftretende) Anfangsschwierigkeiten hinter uns gelassen haben und alles so läuft, wie wir es uns vorstellen und wünschen, dann werden das sicher mal zum Anlass nehmen, gemeinsam zu feiern. Und dazu laden wir dann auch Naima ein. Bis dahin wünschen wir ihr fixe Tippelei!


fl

Es hat sich nichts geändert…

„Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich warm und trocken auf einem gut gepolsterten Stuhl, habe eine Tasse heißen Tee neben mir stehen und knabbere ab und zu mal an einem Keks. Und bei dem Thema, über das ich schreiben will, fühle ich mich gerade sehr privilegiert und zufrieden. Denn ich bin in einem Land geboren und aufgewachsen, in dem ich weder Krieg noch Verfolgung, weder Hunger noch Gewalt erleben musste. Darauf bin ich nicht stolz, denn ich kann nichts dafür, aber dafür bin ich dankbar.“

Es ist fast genau ein Jahr her, dass ich einen Blogbeitrag mit diesen Worten begonnen habe. Und sie passen auch nach einem Jahr noch, wenn ich wieder etwas schreibe über Geflüchtete, die unter ganz besonders üblen Umständen leben und auf Hilfe angewiesen sind, um überleben zu können. Und damals wie heute darf ich mal wieder Danke sagen für die großzügige Spendenbereitschaft, die ich erfahren habe. War Anfang 2019 ein ganzes Team überwiegend aus Frauen vom Internationalen Frauencafé sehr erfolgreich und hatte nach wenigen Wochen engagierten Einsatzes über 2 000 Euro an eine Hilfsorganisation überwiesen, so kamen kürzlich ohne große Vorbereitung an einem einzigen Nachmittag beim Internationalen Frauencafé stolze 140 Euro zusammen. Dafür, ebenso wie für die Medikamente und Sachspenden aus dem Städtchen ein ganz herzliches Dankeschön!!! Diese Spenden gingen an eine ganz andere, sehr viel kleinere Organisation, und ich hatte einen ganz persönlichen Grund sie unterstützen zu wollen: mein Sohn gehörte zu dem Team, das zum Jahresanfang einen Hilfstransport von „Grenzenlos – People in Motion“ nach Bosnien organisiert hatte.

Was er mir vorher und nach seiner Rückkehr erzählt hatte, aber auch das, was ich in dem Blog gelesen habe, den ich euch sehr empfehlen möchte, hat mir wieder mal gezeigt, welche menschliche Eiseskälte sich hinter der Fassade einer angeblich auf christlicher Grundlage sozial handelnden Gesellschaft in Europa verbergen kann.

Ich stehe sehr hilflos vor der Frage, wie man es denn abstellen kann, dass reiche europäische Länder ziemlich tatenlos zusehen, wenn für tausende Menschen auf der Flucht in kleinen, ärmeren Ländern erst einmal Endstation ist. Wenn es da zu Gewalt und Menschenrechtsverletzungen an den Grenzen kommt, bleibt das ohne wenn und aber unverzeihlich, egal ob die jeweiligen Behörden hoffnungslos überfordert sind. Gar nicht egal ist es, wenn politisch Verantwortliche in anderen Ländern das zulassen. Schlimmer noch, sie überlassen Ländern wie Griechenland, Italien, Bosnien und Kroatien die Drecksarbeit (sorry aber ein anderer Ausdruck fällt mir bei gewaltsamen, völkerrechtswidrigen push backs nicht ein) für ihr nationales Ziel, Flüchtlingen die Einreise unmöglich zu machen. Und richtig übel finde ich es, dass wir alle mit unseren Steuergeldern ungefragt dafür bezahlen, wenn schwarz gekleidete, vermummte Schlägertrupps, unter denen laut Augenzeugen einige deutsch sprechen, die Flüchtenden zurück über die Grenzen prügeln und ihnen vorher noch Geld, Handys und selbst bei Minusgraden Kleidung wegnehmen, also sie schlicht beklauen.

Nein, es hat sich nichts Grundlegendes geändert im Laufe des vergangenen Jahres. Es gibt weiterhin Gesetzesverschärfungen zum Zweck der Abschreckung statt umfassender Bekämpfung von Fluchtursachen. Die Kriege gehen weiter, allein in der syrischen Region um Idlib sind zur Zeit mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht vor Bomben aus dem In- und Ausland, vor Waffen die aus Deutschland und anderen europäischen Ländern gekauft wurden.

Menschen, die ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen, die seit Jahren unterwegs sind auf der Suche nach einem Leben ohne Verfolgung, Krieg und Bedrohung, wird nach wie vorgeworfen, sie wollten im reichen Europa nur auf der faulen Haut liegen und sich durchfüttern lassen. Es gibt immer noch Leute, die finden, Verhältnisse wie auf Lesbos oder in Bosnien würden nur deutlich machen, das es den „Asylfordernden“ noch viel zu gut gehe „hier bei uns“. Und es gibt immer noch viel zu viele Menschen, die dazu dann schweigen.

Nein, nicht das, was ihnen Rassisten, Nationalisten und notorische Geizkragen unterstellen, sind die Wünsche von Flüchtlingen. Sondern sie wünschen sich nur das, was ein junger Marokkaner der Autorin des Grenzenlos-Blogs geschildert hat:

„Dass wir nicht geschlagen werden. Vor Allem dass wir nicht geschlagen werden!! Dass uns nicht unser Geld weggenommen wird und nicht unsere Kleidung. Besonders nicht in dieser Kälte mit minus 10 Grad. Das ist sehr schwer. Das ist Leiden! Wir sind nur auf der Durchreise. Wir wollen keine Probleme. Wir sind aus unserem Land gegangen, weil wir dort Probleme haben. Dort gibt es religiöse Probleme und familiäre Probleme. Viele Sachen. Wir wollen keine Probleme. Wir haben nicht vor zu klauen. Nichts. Wir sind auch keine Terroristen, wie gesagt wird. Wir suchen nur Frieden.“

fl

©Giorgio-Morra, Kölner Spendenkonvoi

Bis bald. Hoffentlich!

Als Farshid im Sommer vor vier Jahren in das Team der schönsten Bücherei im Ort kam, war er der erste einer ganzen Reihe Geflüchteter, die uns bei unserer Arbeit unterstützen, und gleichzeitig ihre Deutschkenntnisse verbessern wollten. Über ein Jahr lang hat er zweimal in der Woche dafür gesorgt, dass die Medien am richtigen Platz standen, hat weitere Kontakte gesucht und gefunden zum Beispiel im Kirchen- und Posaunenchor. Er wurde dabei von vielen Ochtruper/innen unterstützt, allen voran von seiner Chorfreundin Barbara, die nicht nur für ihn da war, wenn er Heimweh nach seiner Familie hatte, sondern auch bei Behördengängen, der Suche nach Sprachkursen und schließlich nach einem Arbeitsplatz tatkräftig und mit großem Engagement und Zeitaufwand für ihn da war.

Am letzten Wochenende hat er mit dem Christlichen Posaunenchor Ochtrup noch für die passende Stimmung beim Martinsspiel gesorgt, einen Tag später, war er ganz auf sich allein gestellt, im derzeit von einem Rekordhochwasser überschwemmten Venedig. Für ihn völlig überraschend war er mitten in der Nacht von der Polizei aus dem Bett geholt worden, durfte noch ein paar Sachen einpacken und wurde zum nächsten Flieger nach Venedig gebracht. Abschied nehmen von Freund/innen, Kolleg/innen und Nachbar/innen war nicht möglich, das Ausländeramt informierte am nächsten Tag seinen Arbeitgeber.

Venedig ist die Stadt, in der er nach seiner Flucht aus dem Iran, wo er wegen seines christlichen Glaubens von Verfolgung, Folter und Gefängnis bedroht war, einige Zeit auf der Straße leben musste, ausgeraubt und bei einem Messerangriff verletzt wurde, bevor er sich schwer krank auf den weiteren Weg nach Deutschland gemacht hatte. Er hatte also schwere Zeiten hinter sich, bevor er in Ochtrup Fuß fassen konnte. Inzwischen hat einen guten Job als Pflegehelfer, der ihm jetzt hoffentlich die Chance bieten kann, mit einem Arbeitsvisum wieder zurück zu kommen.

Und ja, seine Abschiebung ist rechtmäßig, denn seinem Asylantrag war damals in Italien stattgegeben, der spätere Antrag in Deutschland folgerichtig abgelehnt worden. Aber er hat in den letzten viereinhalb Jahren in Ochtrup eine neue Heimat gefunden, ist gut integriert, arbeitet in einem Bereich, in dem händeringend Leute gesucht werden und ist nicht (mehr) auf staatliche Finanzleistungen angewiesen. Die Frage ist also, warum er mitten in der Nacht abtransportiert werden musste und in eine von einer Naturkatastrophe heimgesuchte Stadt geschickt wurde, wo er keinerlei Unterstützung bekommt.

Es macht mich nachdenklich, dass ich in einem Staat lebe, auf den ich eigentlich große Stücke halte, weil ich Demokratie und Menschenrechte sehr schätze, der aber Menschen, die schon durch ihre Fluchterfahrung stark belastet sind, so unmenschlich, wie ich finde, behandelt.

Wie viele Politiker/innen haben seit 2015 immer wieder betont, dass die Integration Geflüchteter eine gesellschaftliche Anstrengung ist, an der sich alle beteiligen müssen? Farshid ist für mich eines der vielen guten Beispiele dafür, wie gut Integration im Zusammenspiel von seinem persönlichen Einsatz und der breiten Unterstützung zahlreicher Beteiligter gelingen kann. Warum wird das, wie bei so vielen anderen Betroffenen unter ähnlichen Umständen auch, bei Nacht und Nebel geradezu blitzartig kaputt gemacht?

Nichtsdestotrotz drücke ich (und ganz bestimmt nicht ich alleine) Farshid ganz fest die Daumen, dass er bald wieder nach Ochtrup zurückkehren kann.

fl

Einfach nur: Danke!

Info-Veranstaltung des Internationalen Frauencafés zum Auftakt der Spendenaktion

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich warm und trocken auf einem gut gepolsterten Stuhl, habe eine Tasse heißen Tee neben mir stehen und knabbere ab und zu mal an einem Keks. Und bei dem Thema, über das ich schreiben will, fühle ich mich gerade sehr privilegiert und zufrieden. Denn ich bin in einem Land geboren und aufgewachsen, in dem ich weder Krieg noch Verfolgung, weder Hunger noch Gewalt erleben musste. Darauf bin ich nicht stolz, denn ich kann nichts dafür, aber dafür bin ich dankbar.

Das mag einer der Gründe sein, warum mich das Schicksal vieler Geflüchteter, die ich inzwischen nicht nur zu meinem Bekanntenkreis, sondern einige auch zu meinem Freundeskreis zählen darf, so berührt. Sie haben nicht nur traumatische Erlebnisse hinter sich, sondern mussten nahezu alles, was ihnen lieb und wert war, in ihren Heimatländern zurücklassen. Gesellschaftlich, beruflich und finanziell stehen sie (oft zum zweiten oder dritten Mal) vor einem kompletten Neuanfang, der durch Sprachbarrieren und Bürokratie nicht gerade erleichtert wird. Sie zahlen also einen sehr, sehr hohen Preis für das, was für mich von Geburt an selbstverständlich ist: Frieden, Freiheit und Sicherheit.

Und als wären sie damit nicht beschäftigt genug, haben sie auch die Sorgen um ihre Landsleute, egal ob verwandt oder befreundet in der Heimat oder in irgendeinem anderen fremden Land. Beim Internationalen Frauencafé, das kurz nach diesem Blogbeitrag vor einem Jahr Realität wurde sprechen wir oft darüber. Und im Januar erzählte meine Freundin Hind, dass sie im arabischen Fernsehen einen Bericht über die schlimmen Zustände in den Flüchtlingscamps im Libanon gesehen hatte, wo der Wintereinbruch für die vielen Familien in ungeheizten Zelten für lebensbedrohliche Umstände sorgte. Säuglinge und Kleinkinder sind erfroren, beim Versuch das Zelt mit offenem Feuer zu beheizen, kam eine Mutter mit ihren vier Kindern ums Leben, viele Menschen sind schwer krank, denn es fehlt nicht nur an Heizmaterial, sondern auch an Decken, warmer Kleidung und Schuhen. Alle anwesenden Frauen, unter ihnen viele Mütter, waren sich spontan einig: Wir wollen etwas tun. Aber was, tausende Kilometer weit entfernt und selber finanziell nicht gerade so ausgestattet, dass eine nennenswerte Unterstützung möglich ist? Wir sammeln Spenden und hoffen auf die Solidarität und Anteilnahme der Menschen in unserer westfälischen Kleinstadt. Gesagt, getan und überrascht – sehr positiv überrascht.

Schon bei der Suche nach Unterstützung rannten wir offene Scheunentore bei den hiesigen Kirchengemeinden beider Konfessionen ein, bei der Bücherei sowieso, deren Drucker wir für Handzettel, Plakate und Flyer ganz schön heiß laufen ließen. Dass die hiesige Sparkasse uns für unsere Aktion ein kostenloses Spendenkonto zur Verfügung stellte, machte die ganze Aktion deutlich einfacher.

Wohin unsere Spenden gehen sollten war von Anfang an klar, auch wenn die Organisation in Europa (noch) nicht sehr bekannt war. Ich befasste mich mit dem Molham-Team und mit jeder Zeile, die ich las, schätzte ich es mehr. Hatte ich gerade vor einer Woche noch geschrieben, wieviel Respekt ich vor dem Engagement junger Leute habe, dann muss ich die über 200 Freiwilligen weltweit, die sich intensiv und erfolgreich um das Schicksal ihrer Landsleute kümmern, ganz oben mit auf die Liste setzen. Wer sich die Zeit nimmt und sich diesen Film mal ansieht, wird ganz schnell verstehen warum.

20 Liter Heizöl in jedes der über 7 000 Zelte in den Flüchtlingscamps im libanesischen Arsal zu bringen, ist das Ziel eines Projektes, das wir zusammen mit einigen Stammgästen aus dem früheren Internationalen Café mit den gesammelten Spenden aus dem weit entfernten Münsterland unterstützen wollen. Und dafür standen einige von uns mit der Sammelbüchse auf dem Wochenmarkt, wurde für die Besucher/innen einer Informationsveranstaltung gebacken, wurde „Werbung“ in den Kirchen gemacht. Trotz Aufregung und Herzklopfen haben Hind und Mohammed die Besucher/innen von zwei Gottesdiensten über unsere Spendenaktion informiert, natürlich auf Deutsch. Sie sind, wie alle anderen auch, die sich beteiligt haben, wohl sehr überzeugend gewesen.

Als wir innerhalb von nur einer Woche die für uns traumhafte Summe von über 500 Euro erreicht hatten, war die Freude groß. Als wir eine Woche später die 1500-Euro-Marke überschritten hatten, dauerte es etwa, bis das ungläubige Staunen von Begeisterung abgelöst wurde. Begeisterung nicht nur über diesen Erfolg, mit dem dringende Hilfe für die, die sie unbedingt brauchen, ermöglicht wird. Begeisterung auch darüber, was wir als Team und Freund/innen gemeinsam erreicht haben. Und vor allem auch Begeisterung darüber, wie sich die Einheimischen für das Schicksal der Landsleute ihrer neuen Nachbar/innen interessierten und einsetzten. Alle zusammen haben wir über Nationalitäten und Religionen hinweg gemeinsam etwas erreicht und konnten zeigen, wie gut Integration in unserer Stadt funktioniert. Wenn das kein Grund ist, dankbar zu sein.

Liebe Leser/innen und Leser, wenn ich Euch mit diesen Zeilen davon überzeugen konnte, wie wichtig diese Spendenaktion ist, dann informiert doch bitte alle Eure Verwandten, Freund/innen, Bekannten und Kolleg/innen darüber. Ihr dürft ihnen auch gerne unsere Kontonummer geben.

fl

Werden wir doch Kartoffelhelden

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Sein erstes Buch „Ich komm auf Deutschland zu“ hat mich schwer beeindruckt, wie ich damals hier beschrieben habe, seine Videos im youtube-Kanal „Zukar“ finde ich ebenso amüsant wie wichtig, und ihm persönlich zu begegnen, ihm zuzuhören und sich mit ihm zu unterhalten war schon ein Erlebnis. Als Firas Alshater vor gut vier Wochen zu Gast in der Bücherei war, hat er natürlich die Gelegenheit genutzt, ganz dezent – wie er nun mal ist 😉 – auf sein neues Buch „Versteh Einer die Deutschen“ hinzuweisen, das seit kurzem auf dem Markt ist.

1GeschmökertNatürlich habe ich es sofort gelesen, als es in den Büchereibestand aufgenommen wurde, und mein Fazit: Firas Alshater und seinem Freund Jan Heilig ist ein gutes, sehr empfehlenswertes Buch gelungen!

So, jezz wisster Bescheid, wie wir Westfalen sagen, könnt den PC runterfahren und euch das Buch ausleihen. Oder ihr könnt am Bildschirm noch ein bisschen lesen, warum ich dieses Buch gerne vielen Verwaltungs-Menschen, Politiker/innen, Menschen, die sich für Geflüchtete engagieren und/oder mit ihnen befreundet sind, und Meckerköppen (an dieser Stelle fällt mir keine neutrale Bezeichnung ein), die Vorurteile gegen Ausländer und Geflüchtete haben und glauben, wenn sie Ängste schüren, könnten sie Probleme lösen.

Mutter MigrationIch gebe ja gerne zu, dass mir Menschen sympathisch sind, die den Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, den ich gerne mit dem irgendwo geklauten Namenszusatz Horst „Im Janker für Anker“ Seehofer nenne, kritisch betrachten und seine Wahlkampf-Rhetorik nicht in Einklang bringen können mit seinen ministeriellen Aufgaben wie Integration und Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Und wenn sie das auch noch gut begründen können und vor allem Vorschläge haben, wie diese ministeriellen Aufgaben deutlich besser und Erfolg versprechender ausgeführt werden können, dann kommt zu der Sympathie auch noch Wertschätzung.

Denn das ist es, was sich durch das gesamt Buch Alshaters zieht: Ein wacher Blick auf die Gegebenheiten in Kombination mit einer Einschätzung, die mal sachlich, mal gefühlsmäßig erfolgt, aber immer zutreffend ist und zu sehr überlegenswerten Vorschlägen führt. Dass er als Syrer dabei oft die Verhältnisse in seiner alten mit denen seiner neuen Heimat vergleicht, bringt mir als Leserin, wie schon im ersten Buch, nochmal einen tieferen Einblick in das frühere Leben von Syrer/innen, noch mehr Verständnis für ihre Erleichterung, in Frieden und Freiheit leben zu können, und Mitgefühl für ihr Heimweh.

Interessant ist dabei, welche Themen den Autor mit der Perspektive des Zugezogenen in eine bis dahin sehr unbekannte Kultur zum Teil bewegen, und beeindruckend mit welcher Toleranz er Dingen begegnet, die ihm bis dahin aufgrund von Erziehung und Sozialisation fremd waren. In anderen Bereichen ist es allerdings mit Toleranz nicht weit her, sondern es hagelt durchaus Kritik. Berechtigte Kritik, weil es z. B. um Benachteiligung von Alleinerziehende, die Zuverlässigkeit gewisser öffentlicher Transportunternehmen, oder immer wieder um die deutsche Bürokratie geht. Wer sich allerdings von dem Buch, in dem viele deutsche Gegebenheiten und Probleme erläutert werden, das Kapitel „Firas erklärt die deutsche Bürokrakratie, weil er sie endlich verstanden hat“ erhofft, der hat im Bücheregal daneben gegriffen. Daran scheitert er genauso, wie vor zwei Jahren, und daran wird er wohl auch noch in 20 Jahren scheitern und dieses Schicksal mit Abermillionen Deutschen teilen. Mit einem Unterschied: Er nimmt es (überwiegend) mit Humor.

Wer von und über ihn gelesen hat, wer seine Filme gesehen und/oder ihn persönlich kennengelernt hat, der weiß, einen Firas ohne Humor und Lebensfreude gibt es nicht – zumindest nicht öffentlich. Und bei allen nachdenklich machenden Passagen und erschütternden Erlebnissen, ist es auch ein kurzweiliger Spaß zu lesen, wie Firas sich selbst, sein Leben, seine Erfahrungen und sein Umfeld durch den sprichwörtlichen Kakao zieht. Mit Kaffee wäre das nicht möglich, denn der schmeckt ihm hier meistens wie „Sockensaft – frisch gepresst“.

Dass das Leben viel einfacher ist, wenn man nicht alles (und sich selber) zu ernst nimmt, zeigt zum Beispiel seine Einschätzung von gewissen politischen (Anmerkung von mir: meist strunzdummen) Äußerungen, die er dem „Kleine-Kläffer-Syndrom“ zuordnet. Ich muss mal überlegen, ob es „typisch Deutsch“ ist, dass ich da deutlich weniger Gelassenheit mitbringe. Das „Kleine-Kläffer-Syndrom“ ist übrigens auf keinen Fall in Zusammenhang damit zu bringen, dass Firas seit geraumer Zeit sein Leben mit einer winzig kleinen Hundeprinzessin teilt, die obwohl weder Vegetarierin noch Veganerin, auf den Namen „Zucchini“ hört, beziehungsweise hören sollte.

Titel VersteOb Firas sich als Hundeflüsterer bewähren könnte, kann ich ebenso wenig beurteilen, wie die Erfolgsaussichten eines Buches über Bartpflege, wenn er es wirklich mal schreiben sollte. Ich beurteile aber gerne „Versteh einer die Deutschen“, ebenso wie den Vorgänger „Ich komm auf Deutschland zu“ als gutes und wichtiges Buch. Es vermittelt den Leser/innen – egal welcher Herkunft – neue Perspektiven, beschert ihnen neue Erkenntnisse und motiviert sie hoffentlich, sich zusammen mit anderen dafür einzusetzen, was einem nach der Lektüre alles andere als utopisch vorkommt: Mehr Miteinander, weniger Vorurteile, mehr aufeinander zugehen statt übereinander zu schimpfen, mehr kennenlernen als abzulehnen. Warum wir dann, laut Firas, alle „Kartoffelhelden“ wären, lest ihr am besten selber.

fl

Riham und Osama schreiben

Regelmäßige Leser/innen unsere Blogs erinnern sich vielleicht noch an meine Freundin Riham, ehemalige Praktikantin in unserer Bücherei und sehr engagiert für ein harmonisches Miteinander von Menschen mit verschiedener Herkunft, Tradition, Kultur und Glauben. Riham absolviert zur Zeit ein Praktikum bei der UNICEF in Köln und hat für deren Homepage ihren ersten Blogbeitrag auf Deutsch geschrieben (Chapeau, meine Liebe). Anlass war ein Brief, den der 10jährige Osama, der wie seine Familie zu den regelmäßigen Bücherei-Besuchern gehört, zu einem für die Welt sehr beschämenden Datum geschrieben hat: dem siebten Jahrestag des Kriegsausbruchs in seiner Heimat Syrien.

Ein Artikel, der unter die Haut geht, und der angesichts der aktuellen Diskussionen eine große Leserschaft verdient hat (also gerne auch weiterleiten und verlinken). Aber lest selbst:

Körperteile von Kindern unter Ruinen

fl

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