Suche

Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Kategorie

Portion Senf dazu?

Kriegerisches Mimimi

Sie machen in Deutschland 50 Prozent der Bevölkerung aus. In ein Bürgermeister/in-Büro haben es circa 20 Prozent geschafft, gut 30 Prozent in den Bundestag oder den Aufsichtsrat einer der 200 größten Firmen. Sie verdienen im Durchschnitt 20 Prozent weniger als ihre Kollegen, übernehmen aber täglich über 50 Prozent mehr an, natürlich unbezahlter Arbeit in Haushalt, Erziehung und Pflege als ihre Partner. Wie muss mann da gestrickt sein, sich von Frauen bedroht zu fühlen, die viel zu beschäftigt sein dürften, sich mit ihren eigenen Rechten zu befassen,  sie einzufordern und durchzusetzen, als dass sie noch Zeit und Energie hätten, Männern irgendwelche Rechte streitig machen zu wollen?

Ja, solche Männer gibt es. Weltweit, gut vernetzt in ihrer Mischung aus Frauenfeindlichkeit, Antifeminismus, Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus zunehmend gefährlich,  wie Tobias Ginsburg nach ausgiebiger Undercover-Recherche, nicht nur in Deutschland, in seinem Buch „Die letzten Männer des Westens – Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats“ beschreibt. Wie diese selbsternannten Krieger ticken wird in einem erschreckenden Beispiel ziemlich zu Anfang des Buches deutlich, als Ginsburg von einer Veranstaltung des FDP nahen Vereins „Liberale Männer“ berichtet.

Achtung, Triggerwarnung!

Dort bezeichnete ein Redner es als „Genitalverstümmelung“, wenn eine Frau sich mit einem gezielten Tritt gegen einen Vergewaltiger wehrt und empfiehlt gleichzeitig, dass Männer ebenfalls zutreten sollen um sich gegen gewaltbereite Frauen zu wehren können, die ihre Autos zu zerkratzen drohen.

Zitat auf Seite 51: So ein „Tritt gegen die Klitoris“ würde Wunder wirken. Sicher, die Frau „dort günstig zu treffen“ sei bedeutend schwerer als bei einem Mann, aber dafür nicht ansatzweise so inhuman: „Denn bei einem Mann sind zerstörte Genitalien langfristig. Er wird auf Dauer seines Lebens zeugungs- oder geschlechtsunfähig sein. Wenn hingegen die Klitoris zerstört wird, zieht das wohl in den Bauchraum rein, aber die Frau kann natürlich noch Kinder austragen.

Das war das erste, aber nicht letzte  Mal, dass ich überlegt habe, das Buch zuzuschlagen und wegzulegen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich es für wichtig halte, nicht nur um von den offensichtlichen Erscheinungen von Frauenfeindlichkeit zu wissen, sondern auch von der seltener beschriebenen Verbreitung und Vernetzung.

Bekannt, nicht zuletzt durch Terroristen wie Anders Breivink (Utøya) und Stefan B. (Halle), sind die selbsternannten Incels (involuntary celibates), die ihr „unfreiwilliges Zölibat“ den gemeinen, fiesen, selbstsüchtigen Frauen zuschieben, anstatt mal drüber nachzudenken, ob regelmäßiges Duschen, gepflegte Kleidung und angemessene Umgangsformen ihr Leiden nicht beenden könnte. Ganz ehrlich: immer, wenn ich deren Jammerei irgendwo lese, fällt mir als erstes der dumme Spruch ein, „wer poppen will, muss freundlich sein“ (nicht meine Wortwahl, der Spruch lautet so – oder ähnlich, wobei die Abwandlungen auch nicht besser klingen).

Weniger bekannt ist die Frauenfeindlichkeit in stramm rechten Männerbünden, angefangen von dem bereits erwähnten politischen Verein und Gleichgesinten in der AfD, über radikale, angebliche „Lebensschützer“ (ebenfalls mit AfD-Beteiligug) bis hin zu ewiggestrigen, rassistischen Studentenverbindung, gerne auch von der Sorte, die mit Säbeln aufeinander losgehen, um sich freiwillig ihre Gesichter zu verunstalten.

Und kaum bekannt sind die internationalen Netzwerke, Verflechtungen und Kollaborationen der misogynen Paschas und ihren weiblichen Mitstreiterinnen, die emanzipatorisch irgendwo in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stecken geblieben sind.

Die von Tobias Ginsburg geschilderten Erlebnisse und Begegnungen sorgen allerdings dafür, dass der Kampf gegen den Feminismus, und damit gegen selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen nicht länger im Verborgenen bleibt. Und das ist m. E. sehr wichtig, denn neben ihrer Frauenfeindlichkeit eint die Protagonisten der Bewegung auch ein unverblümter Rechtsextremismus mit den bekannten Begleiterscheinungen wie eben Rassismus, aber auch Antisemitismus und Queer-Feindlichkeit.

Es ist ganz sicher keine leichte Lektüre, unterhaltsam schon mal gar nicht. Dennoch eine glasklare Empfehlung von mir, denn die Fakten sind gut recherchiert und dargestellt, wobei Ginsburg dafür ein besonderer Dank gebührt. Sich als Jude undercover unter bierseelige Rechtsextreme zu mischen, hätte auch ganz böse enden können.

Dass sich einiges in dem Buch wiederholt, liegt nicht am Autor, sondern an der Ausbreitung des Antifeminismus und immer gleichen Motiven von Männern, die sich selber durchaus als Helden stilisieren, sich aber sehr schnell als, mit Verlaub, Schlappschwänze entlarven. Einerseits neigen sie zwar zu Brutalität und Ausübung körperlicher Gewalt, andererseits haben sie aber nicht mehr zu bieten, als ihre eigentliche Erfolgslosigkeit und ihre Furcht vor selbstbewussten Frauen zu bejammern, statt mal selber selbstbewusst genug zu werden sich um soziale und gesellschaftliche Anerkennung zu bemühen. Unentwegtes und unbegründetes Mimimi ist da keine erfolgversprechende Ausgangsposition.  

fl

Wie Erinnerung bleibt

Sie werden immer weniger, die Zeitzeug/innen des Zweiten Weltkrieges, der Nachkriegsjahre mit Hunger und Kälte, deren körperlichen und psychischen Auswirkungen und dem Bemühen um die Verarbeitung des Schreckens, der nicht selten im Bemühen um schweigendes Vergessen mündete. Umso wichtiger, dass Erinnerungen überliefert und erhalten bleiben, und auch die Kinder der damaligen Zeitzeug//innen diese Aufgabe übernehmen und aus ihrer Perspektive ganz neue Denkanstöße liefern. So trägt das Buch „Sieben Heringe“ von Jürgen Wiebicke den Untertitel „Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben“ und ist mit der Widmung versehen „Meinen Kindern. Damit aus Erzählen Weitererzählen wird.“

Mein Vater, hat die letzten Kriegsjahre als fast noch jugendlicher Soldat erlebt, meine Mutter war 15 Jahre, als der Krieg endete und ich kam 12 Jahre später zur Welt. In meiner Kindheit und Jugend hatten alle Erwachsenen, die ich kannte, das so genannte Dritte Reich, Krieg und Nachkriegszeit mehr oder weniger bewusst erlebt. Auch meine Generation, jünger als die Beteiligten der 68er Proteste, ist davon noch strark geprägt, wie stark ist mir erst in späteren Jahren bewusst geworden. Es erklärt mein Interesse an Büchern, beispielsweise von Sabine Bode, und eben dem im vergangenen Frühjahr erschienen von Jürgen Wiebicke.

Mit seinen Eltern hat Wiebicke in den Wochen vor ihrem Tod jeweils Gespräche über deren Vergangenheit geführt, bei seiner Mutter dabei Notizen gemacht, aus der Befürchtung heraus, Wichtiges zu schnell zu vergessen. Die schonungslose Beschreibung der Schrecken der Kriegs-Gewalt und der Armut der frühen Nachkriegsjahre sind beim Lesen oft schwer zu ertragen. Aber an dem, was die Menschen damals mitmachen mussten, ist nun mal Nichts zu beschönigen. Und ja, ich persönlich finde es darf und muss uns Jahrzehnte danach immer wieder mal vor Augen geführt werden, was Menschen sich gegenseitig Entsetzliches antun können, damit wir aus den Fehlern vorheriger Generationen lernen, statt sie nachzumachen. Besonders, da das aktuelle Geschehen in der Ukraine uns zeigt, dass Krieg auch in Europa leider nicht der Vergangenheit angehört und von Menschen verursacht wird, die den Verbrechern von damals in Sachen Machtgier und Grausamkeit in Nichts nachstehen.

Dafür, dass Wiebicke dazu beiträgt die Erinnerungen an den damaligen Kriegsterror und seine Nachwirkungen wach zu halten, bin ich ihm dankbar. Aber auch dafür, wie er mit dem Thema Tod und Sterben umgeht, wie er fragende Hilflosigkeit und Zerrissenheit der Zurückbleibenden schildert. Auch hier, wie im gesamten Buch, gibt er tiefe Einblick in Persönliches, ohne jemals seine eigene Privatsphäre und die seiner Angehörigen zu verletzen, lässt an pragmatischen und philosophischen Überlegungen teilhaben und hält, last but not least, ein überzeugendes Plädoyer für ein Lebensende im Hospiz, wenn Alltag in den eigenen vier Wänden und Unterstützung und  eventuell notwendige Pflege durch Angehörige an ihre Grenzen gekommen sind.

Als ich angefangen habe, dieses Buch zu lesen, habe ich nach wenigen Seiten beschlossen, an dieser Stelle darüber zu schreiben und Stellen markiert, die mir so auf-/gefielen, oder die ich für so wichtig fand, dass ich sie dabei zitieren wollte. Es sind so viele geworden, dass ich mich jetzt auf Eines beschränke: die Empfehlung, dieses Buch unbedingt zu lesen. Für mich gehört es zu denen, die ich nach der Rückgabe in der Bücherei im örtlichen Buchhandel kaufen werde, damit es jederzeit griffbereit im Regal steht, weil ich bestimmt viele Passagen oder auch nur einzelne Absätze noch mal nachschlagen möchte. Nachdem ich es irgendwann das zweite oder sogar dritte Mal von vorne bis hinten gelesen habe.

fl

1,70 Meter Ärgernis

Besser gut gekauft, als schlecht gemacht, ist ein Motto, mit dem ich nicht nur meine Fähigkeiten als Hobby-Schneiderin gut beschreiben kann, sondern das auch im Zusammenhang mit meiner Lieblings-Kohlenhydrat-Zufuhr in Form von Nudeln recht treffend ist. Nein, an dieser Stelle, soll es nicht darum gehen, ab welchem (in der Regel selbst definierten) gesellschaftlichen Status man nicht mehr Nudeln sagen, sondern von Pasta sprechen muss, und ob Buchstaben-Nudeln auch darunter fallen. Es geht nicht mal um Nudeln an sich, sondern unter anderem am Beispiel einer von mir bevorzugten Marke um das leidige Thema Verpackungs- und Plastikmüll. Diese am blauen Karton zu erkennende Marke schmeckt mir nicht nur sehr gut, sie hat gegenüber der in grün verpackten Konkurrenz auch den Vorteil, dass ich mit ihrem Kauf nicht die Konzern-Kranke Nestlé unterstütze.

Was mich an der blauen Sorte allerdings stört, ist das Sichtfenster im Karton, mit dem die Firma den Beweis antritt, dass in der Packung auch das drin ist, was drauf steht. Als ob das deutsche Lebensmittelrecht es zulassen würde, dass mit Spaghetti-Fotos für Kartoffelpüree-Flocken geworben werden darf.

Seit Jahrzehnten konditioniert auf eine angeblich „deutsche Tugend“, nämlich die Mülltrennung, ist mir klar, dass das Zellophan-Fenster im Papiermüll ebenso wenig zu suchen hat, wie der Pappkarton im Plastikmüll. Also zerrupfe ich die Schachtel und teile ihre Bestandteile auf im gelben Sack und im Altpapier.

Nein, damit werde ich die Weltmeere nicht retten, aber irgendwo muss frau ja mal anfangen. Und weiter mache ich bei m Einpackenmeiner Einkäufe für den Heimtransport. Die weißen Gemüsenetze (meiner Meinung nach nicht die glücklichste Farbwahl für Kartoffeln, braune Champignons) waren schon lange bevor die Ohrentüten aus sehr dünnem, aber erstaunlich tragfähigem Plastik aus den Supermärkten verschwunden sind, bei mir in Gebrauch.

Brötchen kommen in einen Stoffbeutel mit eingenähtem Sichtfenster, in dem sie auch aufbewahrt werden, was die bis dato stabilen Zähnen danken. Aus einem Herrenhemd entstand ein Rucksack, dessen Tragekomfort ich einem Korb vorziehe, und aus einem Stück Textil-Werbebanner und den Hosenbeinen ausrangierter Jeans eine sehr große Einkaufstasche, die zum Beispiel dann zum Einsatz kommt, wenn die Nudeln in der blauen Pappschachtel mit Kunststoff-Fenster mal wieder im Angebot sind.

In einem früheren Beitrag schrieb ich ja schon von meinem Faible für den Unverpackt-Laden im Nachbarort , aber aus geographischen und finanziellen Gründen erstehe ich meine Lebensmittel auch im örtlichen Supermarkt oder bei Discountern. Und da begegne ich regelmäßig einem Produkt, das auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala immer schon ganz weit unten stand. Anfangs, weil sein Gebrauch sehr häufig mit nervraubendem Gefriemel verbunden ist, später wegen eines gewachsenen Umweltbewusstseins und der Überzeugung, dass (in Anlehnung an Loriot) ein Leben ohne dieses Zeugs sehr gut möglich und sinnvoll ist. Die Rede ist von Frischhalte-Folie, die sich beharrlich an ihre Rolle klammert und sich am liebsten  in Fetzen von der Abrisskante portionieren lässt wird.

Anders scheinen Profis damit umgehen zu können, was sicherlich auch an der Ausstattung mit Folienrollen in Stoffballen-Größe und entsprechendem Schnittwerkzeug liegen mag. Jedenfalls scheint beispielsweise die Begeisterung von Käsefachverkäufer/innen im Supermarkt so groß zu sein, dass sie erst nach der fünften bis sechsten Folienumrundung für 150 Gramm Brie glücklich sind. Von der Schweinerei beim Auspacken, wenn der Käse einen bestimmten Reifegrad erreicht hat, fange ich erst gar nicht an.

Ein gewisses Unbehagen ist auch im Spiel, wenn beim Discounter Gemüse in Kunststoff-Verpackung gehüllt ist. Da ist nicht nur die Bio-Gurke oder der Kohlkopf in Ganzkörper-Präservativen eingeschweißt, auch Frischhaltefolie versucht ihrem Namen alle Ehre zu machen. Dient meiner Meinung nach aber eher dazu, mit ein paar zugefügten Bröckchen ein Einheitsgewicht zu erreichen, damit die Kassierer/innen ihre Rekordzeiten einhalten können. Sehr verlockend war kürzlich der Anblick von Brokkoli, weil er nicht nur die Frage „Was könnte ich den heute mal kochen?“ beantwortete, sondern beim Gedanken ihn als Zutat für einen mit Käse überbackenen Auflauf zu verwenden, für verstärkten Speichelfluss sorgte. Da spielte die Verpackung nur noch eine sehr unwesentliche Rolle, eigentlich gar keine. Bis ich in der Küche stand und mich an die alte Spruchweisheit erinnerte, dass die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben. Die diversen Gummibänder am Brokkoli-Strunk waren schnell entfernt, sie erfüllten ohnehin keinen Sinn, denn die Folie war derart stramm um das Gemüse gewickelt, dass es auch nach einem Dampfwalzen-Unfall noch in Form geblieben wäre. Der Einsatz der Schere  schien mir unter solchen Bedingungen nicht angebracht.

Gut, der Aufkleber dessen Aufdruck mir versicherte, dass ich tatsächlich einen Brokkoli in den Händen hielt, markierte den Anfang einer Wickeltechnik, für die archäologische Grabfunde in ägyptischen Pyramiden als Vorbild gedient haben müssen. Das Auswickeln dauerte gefühlsmäßig endlos – gut, nicht sooo lange, dass zu befürchten war, der Brokkoli wäre inzwischen mumifiziert. Jedenfalls hielt ich zum guten Schluss ein Stück Frischhaltefolie von erstaunlicher Länge in den Händen. So erstaunlich, dass ich wissen wollte, wie lang es tatsächlich war und es nachgemessen habe. Heraus  kamen 170 Zentimeter, eine Zahl, die in meinem Personalausweis steht um meine Körpergröße zu dokumentieren.

Irgendwo las ich mal, dass bei irgendwelchen Schönheitsbehandlungen bedauernswerte Menschen sich von Kopf bis Fuß in Frischhaltefolie wickeln lassen, weil sie glauben, wenn sie viel Geld dafür bezahlen, würden sie ihre Wunschfigur im Hand-, äh Folienumdrehen erreichen können. Ich habe den Gedanken, mich in die Brokkoli-Verpackung zu wickeln gar nicht aufkommen lassen. Denn auch wenn die Länge stimmte, die Folienbreite hätte nur einen sehr geringen Teil meiner (kreisförmigen) Rundungen bedecken können. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich mir jetzt vorgenommen habe, mein Gemüse wieder öfter unverpackt auf dem Wochenmarkt zu kaufen, denn Meeresgetier braucht keine vermeintlichen Schönheitsbehandlungen mit Plastikfolie, sondern saubere Gewässer und Böden ganz tief da unten.

fl

1,70 Meter Folie für 500 Gramm Gemüse

Kritik ja, aber differenziert

Nicht umsonst heißt dieser Blog „Portion Senf dazu?“, denn hier wurde in über fünf Jahren zu den unterschiedlichsten Themen herumgesenft, über Bücher, Hobbys, Zwischenmenschliches, Aktuelles und Politisches, woran ich nicht unbeteiligt war. So manches Mal war der Senf Gelegenheit Dampf abzulassen, ganz oft habe ich mich aber auch auf die Finger gesetzt, statt zu tippen.

Über die Schlagzeilen, für die die katholische Kirche aktuell sorgt, fällt mir eine ganze Menge ein, was ich dazu schreiben könnte (und möchte), auch wenn ich als nicht praktizierende Protestantin das Elend von außen betrachte. Gar keine Frage, dass ich nicht den Hauch von Verständnis für Täter aufbringe, die ihre Machtstellung missbrauch(t)en, indem sie wehrlosen Kindern Gewalt antun, ebenso wenig wie für diejenigen, die ein erschreckendes Ausmaß an kriminellen Taten über viele Jahre verschwiegen, vertuscht und verharmlost haben, statt den Opfern angemessene Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. Darüber könnte ich mich hier jetzt seitenlang aufregen, persönliche Urteile fällen und Forderungen stellen. Abgesehen davon, dass sich dadurch nichts ändern wird, geht es mir aber an dieser Stelle um etwas ganz anderes, nämlich um die vielen, vielen Menschen, die jetzt in die Rolle gedrängt werden für das einzustehen, was einige wenige (immer noch zu viele) verbrochen haben.

Privatleute, die meilenweit entfernt sind von jeglicher Verantwortung für Verbrechen und dem verantwortungslosen Umgang damit, werden auf sexualisierte Gewalttaten von ihnen völlig unbekannten Tätern angesprochen und aufgefordert persönliche Konsequenzen aus dem zu ziehen, was starrköpfige Funktions- und Würdenträger ganz bewusst und gezielt falsch gemacht haben. Nicht selten gipfelt es in ungebetenen Ratschlägen doch aus der Kirche austreten, statt sie weiter mit Steuergeldern zu finanzieren. Ich bin sicher, dass viele Katholik/innen darüber nachgedacht haben und noch darüber nachdenken. Über deren Ergebnisse und  Schlussfolgerungen dürfen meiner Meinung nach Außenstehende gerade mal eventuelles Unverständnis äußern, aber keine Urteile abgeben, vor allem keine Verurteilungen.

Ortspfarrer, die jahrzehntelang mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet haben, ohne dass auch nur der leiseste Verdacht auf sexuelle/sexualisierte Übergriffigkeiten aufkommen konnte, werden völlig grundlos mit üblen Straftätern gleichgesetzt. Irgendwelche dummen Bemerkungen, sind da nicht witzig, sondern verletzend – nicht nur für die ganz große Mehrheit der integren Berufskollegen der Täter, sondern auch für die Opfer.

Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen. Kritik an der katholischen Kirche, an ihren patriarchalisch geprägten Machtstrukturen, an der Unterdrückung von Meinungen und Erkenntnissen, an der Ausgrenzung bestimmter Personengruppen, an den Fällen von Versagen in Sachen christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit, kann, soll und muss meiner Meinung nach geübt werden. Durchaus auch laut und hörbar. Und auch berechtigte Kritik an persönlichem Fehlverhalten von Kirchenangehörigen halte ich für angebracht. Aber nur dann, wenn sie sich gegen die direkt Verantwortlichen richtet und nicht völlig Unbeteiligte mit vereinnahmt.

Der sichtbare Vertrauensbruch durch Teile des kirchlichen Personals auf höherer Ebene hat viele Gläubige, die sich „ihrer“ Kirche verbunden fühlen, welche von „ihrem“ Seelsorgerteam, „ihren“ ehrenamtlich Engagierten und „ihren“ katholischen Einrichtungen vor Ort repräsentiert werden, in eine Vertrauenskrise gestürzt. Da braucht es nicht noch unreflektierte Verallgemeinerungen, haltlose Verunglimpfungen oder Häme von Außenstehenden. Unterstützung dafür, dass sich eine feste Basis von auch weiterhin engagierten Menschen mit ihren Forderungen nach grundlegenden Änderungen in der katholischen Kirche durchsetzt, dagegen schon.

fl

Der Wert der Masche

Socken stricken – eine ganz besondere Disziplin für all diejenigen, deren Hobby mit längeren Nadeln und Wolle zu tun hat. Ich habe mich viele Jahre dagegen gewehrt, weil ich nicht gerne nach Anleitung stricke, was aber in der Anfänger/innenphase bei der Sockenferse nun mal so gar nicht funktioniert. Außerdem war meine Mutter eine begeisterte Sockenstrickerin, die zu Lebzeiten die gesamte Familie hinreichend versorgte.

Nicht nur ihre Lebenszeit war begrenzt, sondern auch Socken haben bekanntlich kein ewiges Leben. Und nur diejenigen, die die Waschmaschine vermeintlich gefressen hat, können manchmal eine Wiederauferstehung für sich in Anspruch nehmen. Irgendwann ist aber der Moment erreicht, an dem die Löcher unter der Hacke nicht mehr gestopft werden können. Was also tun, wenn mensch sich an den Luxus der Selbsgestrickten so gewöhnt hat, dass die preisgünstigen Zehnerpacks aus dem Sonderangebot keine akzeptable Alternative darstellen?

Meine (seltenen) Stricksocken fange ich an der Spitze an

Als ich dann die fersenlosen Spiralsocken entdeckte, die auch unter der weniger attraktiven Bezeichnung „Regenwurmsocken“ im Netz zu finden sind, konnten meine Füße das gewohnte Gefühl von Wolle in rechten und linken Maschen genießen. Und mit der so genannten Bumerangferse, die ganz ohne Käppchen und Zwickel auskommt, war ich bald darauf sogar in der Lage etwas zu stricken, das nicht nur wie Socken getragen wird, sondern auch so aussieht.

Meine persönliche Achillesferse war dann leider auch recht schnell ausgemacht, ich finde Sockenstricken sehr, sehr langweilig. Vor allem, wenn Größen im oberen 40er Bereich gefordert sind, wie bei meinen Söhnen. Randbemerkung: Pullover in XXL mit Nadelstärke 4 habe ich regelmäßig auf der Nadel  – vielleicht fühlen sich Expert/innen in angewandter Küchentisch-Psychologie gerade herausgefordert :-).

Gut, dass es da (hoffentlich bald mal wieder) Basare und andere Gelegenheiten gibt, bei denen begeisterte Socken-Stricker/innen ihr Können in den Dienst einer guten Sache stellen. Eine gute Quelle für mich ist da der hiesige Eine-Welt-Laden, nicht nur weil keine 100 Meter von meiner Wohnung entfernt, sondern vor allem mit einer (außer in den ersten Wochen nach Weihnachten) beeindruckenden Auswahl in allen Größen und Farben und oft mit tollen Mustern ausgestattet.

Klar können die Preise dort mit dem schon erwähnten Zehnerpack nicht mithalten, aber ich finde sie ausgesprochen moderat. Allein schon, weil gute Wolle ihren Preis hat, aber besonders, weil in einem Paar Socken jede Menge Arbeit steckt. Entsprechend habe ich wenig Verständnis, wenn die ehrenamtlich Engagierten dort sich immer wieder anhören müssen, dass ihre Socken doch ganz schön teuer wären. Nein, sind sie nicht! Ganz bestimmt nicht!

Die Arbeitszeiten bei Handarbeiten sind kaum zu berechnen, denn die einen stricken schneller, die anderen häkeln langsamer und wieder andere, so wie ich, müssen beim Nähen regelmäßíg mal etwas auftrennen. Geübte Stricker/innen ohne Ambitionen auf Rekorde schaffen ein paar Socken an drei Abenden. Gehen wir mal davon aus, dass sie jeweils etwa vier Stunden pro Abend mit den Socken beschäftigt sind, kommt jetzt der Gedanke auf, welcher Stundenlohn wohl angemessen sein könnte. Der aktuelle Mindestlohn liegt bei 9.50, in die Rolle von Arbeitgebern geschlüpft, gibt es da natürlich Abzüge. Schließlich wird Socken-Arbeitszeit ganz gemütlich auf dem heimischen Sofa verbracht, wo keine Anforderungen an ein Business-Outfit gestellt werden, und es bedarf keines Gesellenbriefs nach dreijähriger dualer Ausbildung oder sogar eines Hochschul-Studiums, um Wollfäden durch Schlaufen zu ziehen. Eine fiktive Stricker/innen-Gewerkschaft müsste jetzt dagegen halten, dass die (Ab-)Nutzung der privaten Couch ebenso in Rechnung zu stellen ist, wie eventuelle Nachtzuschläge ab 22 Uhr. Bevor ich jetzt noch von Streiks und Aussperrungen phantasiere, lege ich einfach mal eine Bezahlung von sieben Euro pro Stunde fest mit dem Bewusstsein, dass gute Handarbeit viel mehr wert ist. Kurz und knackig: Ein paar handgestrickte Socken in durchschnittlicher Größe müsste nach dieser Rechnung für 84 Euro plus Materialkosten verkauft werden.

Klar kann man diese Überlegungen durchaus als Milchmädchen-Rechnung kritisieren, da neben der Strick-Geschwindigkeit auch Routine bei Ferse und Spitze, vor allem aber Muster eine wichtige Rolle dabei spielen, wie schnell Socke und Söckin fertig werden. Eine feste Größe ist allerdings die Maschenzahl, die unabhängig von Fertigkeit und Übung nur davon abhängig ist, ob das fertig Gestrickte Baby-Füßchen wärmen oder Handwerker-Füße vor  übermäßigem Schweißgeruch bewahren soll.

Wie ich ja schon erwähnte, gehört, anders als Maschen zu stricken, Maschen zu zählen wahrlich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, weshalb ich einem mir unbekannten Menschen sehr dankbar bin, dass er vor Jahren mal ausgerechnet hat, aus wie vielen Maschen eine Socke besteht, und das auch noch in einem Forum veröffentlicht hat. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

82 + ( 2 * 82) + 80 + (2 * 80) + 78 + (2 * 78) + 76 + (2 * 76) + 74 + (2 * 74) + 72 + (2 * 72) + 70 + (2 * 70) + 68 + (2 * 68) + 66 + (2 * 66) + 64 =
3 * (82 + 80 + 78 + 76 + 74 + 72 + 70 + 68 + 66) + 64 =
3 * (4 * 148 + 74) + 64 =
3 * (592 + 74) + 64 =
2062

Hierbei sind lediglich die Abnahmerunden des Fersenzwickels berechnet. Insgesamt hat die Socken-Mathematik das sagenhafte Endergebnis von vierzehntausendfünfhundertsechsundzwanzig Maschen – pro Socke wohlgemerkt.

Wer jetzt noch meint, für einen guten Zweck von Hand gefertigte Socken, seien mit gerade mal um die 15 Euro zu teuer, darf gerne mal überlegen, wie viel Cent eine handgestrickte Masche denn wohl wert sein darf. Und wem dann ein Paar immer noch zu „teuer“ ist, die/der könnte zum Zweck des Perspektiv-Wechsels mal zu Wollknäuel und Nadelspiel greifen und selber stricken. Diejenigen, deren geübtes Nadelklappern über Jahre hinweg schon viele soziale Projekte unterstützt hat, geben bestimmt gerne Hilfestellung. Auch beim Stricken.

fl

Zum Fest geschraubt

Keine Ahnung, ob es Zufall oder besondere Aufmerksamkeit war, auf jeden Fall spielte wohl die Vorliebe der Bücherei-Kollegin für Petterson und Findus eine nicht unbeträchtliche Rolle, als sie eine besondere Duplizität in einem Bilderbuch und einer Hobby-Handwerker-Anleitungs-Zeitschrift entdeckte – passend zur Jahreszeit in Sachen Weihnachtsbaum. Hinter den Bücherei-Kulissen sorgte der Fund für vorweihnachtliche Heiterkeit, an der umgehend auch die treuen und aufmerksamen Beobachter/innen des Facebook-Auftritts der Bücherei teilhaben konnten.

In den vielen Jahren meines Lebens habe ich schon viele Handarbeitszeitungen unterschiedlichster Güte durchgeblättert, mir aus einigen Anleitungen und Anregungen geholt, andere schnell wieder zur Seite gelegt. Ganz sicher werde ich nämlich keinen Pullover nachstricken, wenn es keine Strickschrift und kein grobes Schnittmuster mit Maßangaben dafür gibt. Ich greife nämlich eindeutig lieber zum Maßband, statt gefühlt hunderte von Reihen zu zählen um zu wissen, wann der Halsausschnitt dran ist.

Heimwerker-Zeitungen gehören nicht zu meiner bevorzugten Lektüre, weshalb ich nicht beurteilen, wie gut sich die Anleitungen nacharbeiten lassen, oder ob an der einen oder anderen Stelle nach dem Motto „kommt ja noch Farbe drauf“ gewerkelt wird. Aber die Kollegin hatte mich auf den Nachbau des Petterson-Weihnachtsbaum in dem Blatt neugierig gemacht. Dass der in der Ausgabe 1/2022 und nicht in der Dezemberausgabe dieses Jahres erscheint, machte mich genauso stutzig wie die Tatsache, dass die Januar-Ausgabe Anfang Dezember ausgeliefert wird. Rechnen Heimwerker und Hobby-Bastler anders als Strickerinnen, oder ist das generell so ein Frauen-Männer-Ding, weshalb die einen nicht in den Himmel kommen und die anderen keine Stadtpläne lesen können? Auffällig jedenfalls ist, dass in besagter Zeitschrift Frauen lediglich im Impressum als Redaktions-Mitarbeiterinnen eine Rolle spielen, ansonsten aber nirgendwo in der Nähe von Hammer, Bohrmaschine oder Säge auftauchen.

Und so ist auch der Do-it-yourself-Baum reine Männersache, was sich meiner Meinung nach dadurch erklärt, dass Frauen kaum auf eine solche , mit Verlaub, bescheuerte Idee kommen, Holz und Tannenzweige in stundenlanger Arbeit zusammenzuklöppeln. Und das in einer Zeit, wenn Holzstämme mit daran festgewachsenen Tannenzweigen, so wie von Mutter Natur mit Unterstützung von Baumschulen-Besitzer/innen geschaffen, auf jedem Wochen- und vor jedem Baumarkt 😉 als fertiges Gesamtwerk zu erstehen sind. Ich mutmaße keinesfalls zu einem höheren Preis als für die Zutaten zum Eigenbau, wobei die Arbeitsstunden nicht mal eingerechnet sind.

Dass die Dinger praktischer sind als das Original, bezweifle ich ganz stark. Auch ohne besondere botanische Vorkenntnisse mutmaße ich ernsthaft, dass die Zweige ohne die Chance mal an einen Tropfen Wasser zu gelangen, sich in Rekordzeit von sämtlichen Nadeln verabschieden, während der echte Baum aus der Schale des Christbaum-Ständers sich immer mal ein Schlückchen gönnen kann, damit die Nadeln ihm treu bleiben.

Dass das Eigenwerk besonders nachhaltig ist, bezweifle ich ebenfalls. Ja, das Baugerüst, sorgsam zugeschnitten, mit einem sorgfältigen Feinschliff versehen und mit Holzbeize bestrichen, kann nach den Feiertagen fürs nächste Jahr aufbewahrt werden. Platzsparend behaupten die Blatt-Macher/innen. Bei Bewohner/innen von Mietwohnungen mit einem kleinen dazugehörigen Keller-Abteil könnten bei Holzstangen von 1,90 Meter Länge möglicherweise Zweifel an dieser Aussage aufkommen. Gerade beim Blick auf den sich seit Jahrzehnten im Familienbesitz befindlichen Keramiktopf mit Metallkreuz und Flügelschrauben, der nicht mal die Größe eines ausgewachsenen Suppentopfs erreicht und trotzdem den Baum mit Wasser versorgen kann.

Überzeugende Umweltschutz-Aspekte kann ich beim selbstgemachten Weihnachtsbaum auch nicht erkennen, denn anders als bei den immer beliebteren Kunststoff-Modellen (über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, deshalb fange ich an dieser Stelle auch gar nicht damit an), braucht die Marke Eigenbau jedes Jahr aufs Neue frische Zweige. Und ob die bei den Entsorgungs-Touren der freiwilligen Initiativen, die ihre Vereinskasse damit aufbessern, überhaupt am Straßenrand aufgelesen werden, bleibt herauszufinden. Falls nicht, hat der fleißige Hobby-Werker noch mal ein Stündchen Arbeit um die Zweige auf Bio-Tonnen-Format zu bringen. Das übrigens nennt sich in Fachkreisen, wie ich der Zeitschrift entnehmen konnte, nicht kürzen sondern dort wird beim Zusammenbau empfohlen „Längen Sie die Zweige ab“. Nun denn.

Egal ob und wenn ja welcher Weihnachtsbaum bei euch Zuhause steht: Genießt die Feiertage und habt ein schönes und gesundes Jahr 2022. Und wenn euch das neue Jahr mal ganz viel Langeweile bescheren sollte, mein persönlicher Tipp: Strickt lieber, als unnütze Gegenstände zu bauen und zu basteln.

fl

Urlaubskasse Bücherei

Es sind zwischen vier und fünf Medien, die sich rein rechnerisch jede/r Nutzer/in der für mich schönsten Bücherei der Region jeden Monat für ein paar Wochen zu sich nach Hause holen. Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten um zu wissen, dass beim Lesen dieser Zeilen die eine oder der andere treue Besucher/in im heimischen Wohnzimmer gerade müde lächelt mit Blick auf fünf Gesellschaftsspiele, sechs DVDs, acht Bilderbücher, vier Romane, fünf Hörbücher und sieben Bibi-und Tina CDs aus dem Bücherei-Bestand. Ja auch für mich ist es schwer vorstellbar, dass man die Bücherei nur alle paar Monate mal aufsucht und dann mit zwei oder Medien nach Hause geht. Aber eines haben sie gemeinsam, die Viel- und die Selten-Nutzer/innen, sie haben dank der Bücherei ordentlich Geld gespart.

Hätte die Familie im oben angeführten Beispiel die 35 Medien nicht ausgeliehen, sondern gekauft, wären laut diesem Rechner 443,10 Euro fällig gewesen. Wenn sie sich einmal im Monat in ähnlichem Umfang versorgt, spart unsere Muster-Familie also locker einen Jahresurlaub. Auch dann noch, wenn man die Gebühr berücksichtig, mit der die Büchereikarte jedes Jahr zu Buche schlägt. Und selbst unser/e statistische Durchschnitts-User/in mit nur vier bis fünf Medien pro Monat müsste aufs Jahr gerechnet etwa 900 Euro ausgeben, wenn sie/er die Bücher, Filme, Konsolenspiele usw. nicht ausleihen könnte, sondern kaufen müsste.

Ein ordentlicher Batzen Kohle, der auch für die eine oder andere Enttäuschung sorgen kann. Es ist wohl uns allen schon passiert, dass wir uns ein Buch angeschafft haben, das im Freundeskreis wärmstens empfohlen wurde, die Bestseller-Listen gestürmt oder hervorragende Kritiken bekommen hat, und das wir auch auf Seite 123 immer noch wahlweise gähnend langweilig, nichts sagend, verworren finden. Bei mir ist zum Beispiel Schluss, wenn die Zahl der Haupt(!)figuren eines Romans im mittleren zweistelligen Bereich angesiedelt ist. Und wer noch nie enttäuscht war, weil die hohen Erwartungen an ein neues Buch nicht erfüllt wurden, weil es nicht vielmehr beinhaltete als die ebenso stilistisch fragwürdige, wie grundlose Selbstbeweihräucherung der Autorin oder des Autors, hat entweder großes Glück gehabt oder noch nicht allzu viele Bücher gelesen.

Natürlich kann mir das genauso gut mit einem Buch aus der Bücherei passieren, aber dann klappe ich es eben auf Seite 123 zu, nehme die nächste Ausleihe zur Hand und bringe den Fehlgriff bei nächster Gelegenheit wieder zurück. Bei einem gekauften Buch quäle ich mich durch weitere zwei- bis dreihundert Seiten, weil ich denke, dass ich die 28 Ocken doch irgendwie abarbeiten muss.

Ja, es gibt Menschen, die können sich nur schlecht mit dem Gedanken anfreunden, dass ihre Lektüre vielleicht schon mal in fremden Betten gelegen haben könnte. Ich bin das ziemlich schmerzfrei und mache mir beispielsweise auch keine Gedanken beim Klamottenkauf, wer sich die Hose schon mal übers Gesäß gezogen haben könnte, wenn ich damit in der Umkleidekabine stehe. Aber wer bei der Anschaffung von Büchern halt besonders empfindlich, oder vielleicht auch nur besonders faul ist, greift schon mal gerne auf den Online-Handel zurück.

Ob diese Leute sich klar machen, was ihnen so entgeht? Natürlich gibt es nette Post- und Paket-Bot/innen, aber die haben in der Regel nie soviel Zeit für ein gemütliches Schwätzchen, wie die Bekannten, die man zufällig in der Bücherei trifft. So sehr ich es schätze, wenn der Paketbote mir Sendungen unaufgefordert hinterher bringt, bin ich noch nie auf die Idee gekommen, mit ihm spontan einen Kaffee/Tee im Knitterfrei zu trinken. Und welche im  Akkord Pakete packenden Lager-Arbeiter/innen interessieren sich schon dafür, welche Lesefortschritte der Nachwuchs in jüngster Zeit gemacht hat und gibt Tipps für die altersgemäße Lektüre?

Ja, ab und zu kaufe ich mir auch Bücher, selbstverständlich im örtlichen Buchhandel. Aber in der Regel handelt es sich um Exemplare, dich ich zuvor in dem über 12 000 Exemplare umfassenden Buchbestand der Bücherei gefunden habe (die Bücherei hat mehr, aber Kinderbücher oder Fantasy-Lektüre beispielsweise interessieren mich nicht) oder von den Mitarbeiter/innen habe finden lassen. Und wenn ich dann auf welche gestoßen bin, die ich für so toll befunden habe, dass ich sie immer mal wieder lesen möchte – in zeitlichen Abständen natürlich, oder mir einzelne Kapitel und Passagen ins Gedächtnis rufen will, dann will ich die auch dauerhaft in Wohnzimmer-Regal stehen haben mit der Gewissheit, dass der Kauf für mich gut angelegtes Geld ist.

Natürlich ist die Bücherei-Nutzung jetzt nicht nur eine große Chance für den Kontostand gut betuchter Sparfüchse, sondern vor allem Gelegenheit für alle, die sich ihr Einkommen jeden Monat gut einteilen müssen, und noch mehr für diejenigen, für die nahezu jede Neuanschaffung unter die Kategorie Luxus fällt, sich ständig und regelmäßig mit Bildung und Unterhaltung einzudecken, ohne an anderer Stelle sparen zu müssen. Es sind wohl die meisten, die mit dem durch die Bücherei-Nutzung eingesparten Geld eher den Ersatz für die defekte Waschmaschine finanzieren, als eine Kreuzfahrt zu buchen. Aber sie können sich den Zugriff auf tausende Medien bedenkenlos leisten, um ihre Gedanken auf wunderschöne Reisen zu schicken.

fl

Nach dem Spülschwamm kommt der Spül-Fisch

Nein, ich werde weder mit einem Fisch spülen, noch glaube ich, dass der Einsatz von Schneeweißchen und Rosenrot an der fettigen, angebrannten Pfanne tatsächlich eine Erleichterung für meinen kleinen Haushalt bedeuten könnte. Und ein Kardinal voller Seife kommt mir ganz bestimmt nicht in meine gefühlt zwei Quadratmeter Wellness-Oase.

Als ich vor dreieinhalb Jahren hier einen Beitrag über selbstgemachte Spülschwämme geschrieben habe, war ich nicht gerade voll des Lobes. Denn zum Einen stricke ich lieber, statt zu häkeln, aber vor allem habe ich sehr viele, sehr gute Gründe, warum ich das Spülen, wann immer möglich, der Spülmaschine überlasse. Daran wird sich auch nicht ändern, nachdem mir der beste Büchereileiter des Städtchens ein Buch zur Ausleihe empfohlen hat, in dem es darum geht „noch mehr“ Spültücher zu stricken – schöne natürlich. Wie seine Bemerkung „Das Auge spült mit“ zu bewerten ist, überlasse ich allen, die schon mal am frühen Morgen unter der Dusche mit Seifen- oder Shampoo-Reste da zu kämpfen hatte, wo sie richtig weh tun.

Auch wenn ich nicht vorhabe, auch nur eine einzige der Anleitungen nachzuarbeiten bin ich ziemlich beeindruckt von dem Büchlein, vielmehr von dem, was dahinter steckt. Wer in der Lage ist einen einfachen Schal zu stricken und ein paar unkomplizierte Strickmuster beherrscht, ist sicher fähig Vierecke zu stricken, und dabei die Maße von Spül- oder Waschlappen einzuhalten. Für besondere Ansprüche ist unter den 22 Anleitungen aber auch ein Sechseck zu finden.

Das Besondere aber finde ich, ist die Geschäftsidee, die dahinter steckt. Da wird die drölfundhunzigste von tausenden Ideen, die im Internet verfügbar sind, zu Papier gebracht mit Fotos der Arbeiten aufgenommen mit ein bisschen Deko-Kram. Auf Hochglanz-Papier und im Farbdruck natürlich, schließlich geht es ja auch um Nachhaltigkeit (die geneigte Leserschaft darf an dieser Stelle gerne mit dem Kopf schütteln). Verschiedene Farben, bzw. verschiedene Muster im Viereck bedürfen natürlich jeweils einer neuen kompletten Anleitung, irgendwie muss so ein Büchlein ja ein paar Seiten aufweisen, damit es für zehn Ocken verkauft werden kann.

Dazu sollen sicher nicht nur Formen und Farben der Läppchen beitragen, dazu haben sie auch phantasievollen Bezeichnungen bekommen, wie nicht nur die oben bereits angeführten, sondern auch „Schrubbelchen“, „Evergreen“ oder „Salz und Pfeffer. Ganz sicher würde ich meine Waschlappen niemals taufen, aber vor allem würde ich den überflüssigsten Tipp der gesammelten Anleitungen nicht befolgen, nämlich die Strickstücke in Form zu bringen, indem ich sie nach Fertigstellung sorgfältig spanne, bevor ich sie dann zusammen mit der fettigen, angebrannten Bratpfanne in Seifenlauge tauche.

fl

Einfach grandios

Grandios, einfach nur grandios. Unbedingt angucken!

Damit ist eigentlich schon das Wichtigste gesagt über den Film „Woman“, den ich innerhalb von ein paar Wochen jetzt das zweite Mal angesehen habe und ganz sicher noch das eine oder andere Mal folgen lassen werde. Dass mir das mit einem Dokumentarfilm passiert, hätte ich bisher nicht geglaubt. Aber ich behaupte, ungetrübt von besonderer Fachkenntnis oder cineastischer Neigung, dass „Woman“ von einer derartigen Qualität ist, das auch stolze 104 Minuten Untertitel im Abstand von einigen Wochen nicht eine Sekunde lang als herausfordernde Anstrengung empfunden werden.

Wie der Titel schon sagt, geht es um Frauen und für den Film wurden rund 2 000 Frauen in 50 verschiedenen Ländern dieser Welt interviewt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie schwer die Auswahl der Frauen und ihrer Interview-Ausschnitte gewesen sein muss, die letztendlich zu sehen und zu hören sind. Nicht nur aus den unterschiedlichsten Ländern, sondern auch aus allen gesellschaftlichen Schichten schildern Frauen aller Altersklassen ihre Ansichten und Erfahrungen, von der durchgestylten Karrierefrau bis zur bis zur Feldarbeiterin mit traditionellem Lippenteller.

Sowohl die Protagonistinnen, als auch deren Statements und Erzählungen bilden ein immens großes Spektrum an Vielfältigkeit ab, geeint in ihrem Frausein. Weibliche Sexualität, Menstruation, Nacktheit werden aus Tabuzonen geholt und ebenso offen angesprochen wie Liebe im Alter, Geburten und das eigene Frauenbild.

Das Thema Gewalt gegen Frauen hat einen beträchtlichen Anteil in dem Film, spiegelt damit aber nur die Realität wider. Das Fehlen von Triggerwarnungen vor einigen geschilderten Erlebnissen neben den Untertiteln ist mein einziger Kritikpunkt an diesem Film. Von Männern ausgeübte Gewalt, und/oder die Angst davor, begleiten geradezu jede Frau jeden Tag. Bevor jetzt jemand Schnappatmung vor Empörung kriegt: auch sexistische Beleidigungen und unerwünschtes Grabschen sind Gewalttaten, nicht nur Prügel und/oder Vergewaltigungen.

Eine Bitte an die Männer, die vielleicht jetzt kopfschüttelnd vor dem Bildschirm oder Display sitzen, sich mal vorzustellen, sie würden nachts durch eine menschenleere Straße oder in eine Tiefgarage gehen. Wenn ihr alleine seid, kommt in euch vielleicht ein Gefühl von Angst hoch, vielleicht meidet ihr solche Situationen auch, wann immer möglich. Wenn ihr aber in Begleitung von einem Kumpel seid, könnt ihr meist relativ unbeschwert eures Weges gehen. Das können Frauen in Begleitung einer anderen Frau eher nicht, es sei denn, ihre Kumpeline ist Trägerin irgendeines schwarzen Kampfsport-Gürtels.

Der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema Gewalt gegen Frauen verändert sich viel zu langsam, als das sich daran etwas grundlegend ändert. Eine scharfe Trennung zwischen sexueller und sexualisierter Gewalt wäre m. E. ein wichtiger Schritt. Wenn Frauen als Sexualobjekt zur Kriegsbeute werden, wie im Film geschildert, hat das wenig bis gar nicht damit zu tun, dass die Vergewaltiger ihre sexuellen Triebe befriedigen wollen, sondern sie demonstrieren ihre Macht. Eine Demonstration, bei der Frauen als Mittel zum Zweck grausamst missbraucht werden, um ihre Männer, Väter, Brüder und Freunde zu demütigen.

Anmerkung: Erst im Jahr 2002 wurde Vergewaltigung als Kriegsverbrechen in das Statut des Ständigen Internationalen Strafgerichtshofes aufgenommen, es dauerte vierzehn Jahre bis das erste Urteil dazu fiel. Zur Situation in Deutschland ein paar persönliche Hinweise im Nachtrag unter diesem Beitrag , denn hier soll es um den Film gehen, in dem Frauen zeigen, wie sie es geschafft haben, sich ihre Würde zu erkämpfen und zu bewahren, auch nach schlimmsten Misshandlungen.

Entsprechend spielt auch Respekt eine große Rolle (nicht nur) im Leben der Frauen, die in „Woman“ zu Wort gekommen sind. Völlig zu Recht kommt immer wieder ihre Forderung zum Ausdruck, dass nicht nur Männer, sondern die gesamte Gesellschaft Respekt vor der Arbeits- und Lebensleistung der Frauen haben müssen, statt sich darauf auszuruhen, oder schlimmer noch, bestimmen zu wollen, welche Chancen auf eine gleichberechtigte Teilhabe – allem voran im Bereich Bildung und Berufausübung – Frauen verwehrt sind und bleiben. Ja, sie verdienen Respekt, und zwar eine ganze Menge, all die Frauen, die trotz großer Hindernisse, die ihnen bewusst in den Weg gestelllt werden, trotz schlimmer Schicksalsschläge und Gewalterfahrungen, trotz ständiger Bedrohung und Einschränkungen ihren Mut und ihre Stärke dafür einsetzen, ihren Platz als kraftvoller Bestandteil der Gesellschaft einzunehmen und zu behaupten. Meinen haben sie.

Diese Frauen, stellvertretend für Milliarden andere, machen den Film zu dem, was er ist: sehr sehenswert und sehr wichtig. Also unbedingt angucken! Am besten im Kreis von Freundinnen und Freunden, denn ihr werdet garantiert anschließend Gesprächsbedarf haben. Der Orange Day am 25. November, an dem es weltweit die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen geefordert wird, wäre ein passendes Datum.

fl

Hier der versprochene Nachtrag:

In Deutschland hat es Jahrzehnte Kräfte zehrender Debatten bedurft, bis die Vergewaltigung in der Ehe strafrechtlich verfolgt werden konnte, bei der Abstimmung im Bundestag stimmten über 20 Prozent der Abgeordneten dagegen. Unter ihnen bekannte Politiker, die zum Teil immer noch als Entscheidungsträger in der Öffentlichkeit stehen (und sich in einigen Fällen dem Kampf gegen einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch verschworen haben).

Bis zum heutigen Tag werden Femizide in der deutschen Kriminalstatistik nicht gesondert aufgeführt, sondern lediglich die Tötungen im Rahmen der Partnerschaftsgewalt. Angesichts der zunehmenden Verbreitung der Incel-Bewegung, der neben Anders Breivik auch die Attentäter von Hanau und Halle zugerechnet werden, ein gefährliches Weggucken der Behörden.

Aber auch die Justiz hat einen deutlichen Nachholbedarf, wenn es bei Gewalt gegen Frauen um die Vermeidung von Täter-Opfer-Umkehr geht, denn die bundesdeutschen Gerichte können sich immer noch auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 2008 berufen (AZ 2StR 34908), in dem es u. a. heißt: „Nicht jede Tötung, die geschieht, weil sich der (frühere) Partner vom Täter abwenden will oder abgewandt hat, beruht zwangsläufig auf niedrigen Beweggründen. Vielmehr können in einem solchen Fall auch Gefühle der Verzweiflung und inneren Ausweglosigkeit tatauslösend und tatbestimmend sein. Diese können eine Bewertung als „niedrig“ namentlich dann als fraglich erscheinen lassen, wenn die Trennung von dem Tatopfer ausgeht und sich daher der Angeklagte durch die Tat gerade dessen selbst beraubt, was er eigentlich nicht verlieren will.“ Mit anderen Worten: Ein Mann, der seine Partnerin ermordet, weil sie ihn verlassen will und/oder eine neue Liebesbeziehung eingegangen ist, kann wegen Totschlags und nicht wegen Mordes verurteilt werden. Das kann nicht nur einige Jahre, sogar Jahrzehnte Knast ersparen, sondern im Gegensatz zu Mord verjährt Totschlag nach zwei Jahrzehnten.

Wer sich für Zahlen und Fakten der jüngsten BKA-Statistik interessiert, findet sie hier.

Erstelle kostenlos eine Website oder ein Blog auf WordPress.com.

Nach oben ↑