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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

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Kartoffelsalat-Challenge und eine Portion Senf dazu

Gänsebraten, Filet, Kalbsragout – zum Feste nur das Beste. Entsprechend überschlagen sich die Lebensmittelketten mit Werbung für Spezialitäten und besonders teure Lebensmittel, als hätte noch niemand den Begriff Kalorien erfunden. Und obwohl es ein Riesenangebot von Gänsebraten über Kalbsragout bis Filetstreifen fürs Fondue gibt, hat sich in vielen Familien die Tradition gehalten, an Heiligabend so etwas ganz Profanes, wie Würstchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch zu bringen. 

Woher diese Tradition stammt, ist im Gegensatz zu anderen, noch viel unwichtigeren Dingen nicht aufwändig erforscht, man geht aber davon aus, dass sie aus Zeiten stammt, in denen Heiligabend ein ganz normaler Arbeitstag war, an dem bis zum Abend die Bude noch auf Weihnachtsglanz  gebracht werden musste. Die Hausfrauen  hatten wahrscheinlich schlicht keinen Bock drei Tage hintereinander sehr aufwändig, zeit- und arbeitsintensiv zu kochen, während der Anteil der Herren des Hauses, darin bestand, sich an den gedeckten Tisch zu setzen. Möglich, dass die Tatsache, dass sich heute mehr Männer als früher an den Weihnachtsvorbereitungen beteiligen (müssen), dazu beiträgt, dass sich Würstchen mit Kartoffelsalat an Heiligabend auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen.

Während sich um die Würstchen Industrie und Handel kümmern (ich warte noch auf die Dosen mit aufgedruckten Weihnachtsmännern und Tannengrün und entsprechendem Preisaufschlag), ist die Zubereitung des Kartoffelsalats dagegen eine ganz wichtige Angelegenheit, ja oft schon Glaubenssache. Denn welches Rezept ist das Beste? Das von Mutter, Schwiegermutter, Oma oder Tante? Kartoffelsalat warm oder kalt, mit Mayonnaise oder Essig und Öl? Bekanntlich sind Familienstreitigkeiten zu den Festtagen besonders häufig. Nicht auszuschließen, dass Kartoffelsalat dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Wann immer in gemütlicher Runde das Thema Kartoffelsalat aufkommt, sind alle Beteiligten sich einig: Mein Rezept (von Oma, Mutter, Tante) ist das Beste! Genau diese Diskussion kam vor einiger Zeit beim monatlichen Ochtruper Spieletreffen auf, und der meist geäußerte Satz war „Hört sich gut an, aber meiner schmeckt besser.“ Den Wahrheitsgehalt dieser Aussage werden wir jetzt beim letzten Spieletreffen (herzlich willkommen am Samstag, 14.12. ab 16 Uhr in der Begegnungsstätte der Villa Winkel im Ochtruper Stadtpark) des Jahres überprüfen, denn es gibt eine Kartoffelsalat-Challenge. Wer sich daran beteiligen möchte, bringt eine mittlere Schüssel Kartoffelsalat mit, natürlich nach dem vermeintlich besten Rezept, das es überhaupt gibt. Die Schüssel sollte groß genug sein, dass alle Besucher/innen probieren können, aber nicht so groß, dass mit einer einzigen Sorte Kartoffelsalat alle Besucher/innen satt werden. Egal, welche Zutaten, alle Salate werden probiert und beurteilt (sollten Erbsen drin sein, steht mein Urteil schon im Voraus fest: Kann man machen, sollte man aber nicht). Für die dazugehörigen Würstchen sorgen die Veranstalter, selbstverständlich gibt es auch die nötige Portion Senf dazu.

P.S.: Wer nicht an der Kartoffelsalat-Challenge teilnehmen kann, darf gerne ihr/sein Rezept für den besten Kartoffelsalat der Welt in den Kommentaren veröffentlichen. Vielleicht ergibt sich daraus noch die eine oder andere weihnachtliche Kartoffelsalat-Challenge im privaten Kreis.

fl

Freude über 120 Millionen? Nö!

„Stink sauer“ ist wohl die passende Bezeichnung für meine erste Reaktion auf die Statements und die Berichterstattung Anfang der Woche zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Inzwischen bin ich wieder so weit abgekühlt, dass ich aufschreiben kann, was mich daran so ärgert, ohne eine Vielzahl von Worten durch das in Funk und Fernsehen so beliebte „piiiiieeeep“ ersetzen zu müssen.

Auch ich gehöre zu den vielen hunderttausend Frauen in diesem Land, die im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt erleben mussten. Deshalb kenne auch ich das Gefühl von Fassungslosigkeit, Entsetzen, Angst, Scham – die völlig unangebracht ist, denn wenn sich jemand schämen muss, dann der Täter, Zweifel an den eigenen Menschenkenntnissen und daran, mit dieser Situation und ihren Folgen fertig zu werden.

Ich hatte Glück, ich kam mit leichten Prellungen und Hautabschürfungen davon, der damalige Ehemann kam nur noch einmal ins Haus um seine Sachen abzuholen. Das Alles ist viele Jahre her, ist inzwischen in meinem Kopf und meiner Gefühlswelt als einmalige, unangenehme Erfahrung ganz weit hinten abgespeichert, die mir und den vielen anderen, sehr oft viel schlimmer betroffenen Frauen zeigt, dass die Binse „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ hier bestenfalls für kurze Zeit zutrifft.

Deshalb, weil in unserer Gesellschaft immer noch nicht vollumfänglich anerkannt ist, was auch in der Präambel des „Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ steht:

… dass Gewalt gegen Frauen der Ausdruck historisch gewachsener ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern ist, die zur Beherrschung und Diskriminierung der Frau durch den Mann und zur Verhinderung der vollständigen Gleichstellung der Frau geführt haben;
… dass Gewalt gegen Frauen als geschlechtsspezifische Gewalt strukturellen Charakter hat,
… dass Gewalt gegen Frauen einer der entscheidenden sozialen Mechanismen ist, durch den Frauen in eine untergeordnete Position gegenüber Männern gezwungen werden;

Dieses als Istanbul-Konvention bezeichnete Übereinkommen hat Deutschland übrigens erst acht Jahre nachdem es von den ersten Mitgliedsstaaten unterschrieben wurde und drei Jahre nachdem es in Kraft getreten war, ratifiziert. Bittere Randnotiz: in der namensgebenden Stadt, in der so wichtige Forderungen für den Schutz von Frauen vor Gewalt ausgearbeitet und festgelegt worden sind, wurde in dieser Woche eine friedliche Demonstration von Frauen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, von der Polizei GEWALTSAM aufgelöst, ohne dass die Behörden einen Grund dafür genannt haben.

Ja, selbstverständlich bin ich froh und dankbar, dass wir Frauen in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern unbehelligt für unsere Rechte und damit für den Schutz vor Gewalt demonstrieren dürfen. Richtig begeistert wäre ich, wenn alle Demos und Aktionen von Frauen auch wirklich etwas bringen würden, außer ein paar betroffenen, aber oft beschwichtigenden Worten und Finanz-Zusagen von eher symbolischem Wert.

Wenn Familienministerin Giffey dieser Tage angesichts der Kriminalitäts-Statistik mit über 140 000 Opfern feststellt, es müsse dringend etwas gegen häusliche Gewalt getan werden, dann stellt sich die Frage, warum ist denn bisher so wenig dagegen getan worden, dass die Zahlen seit vielen Jahren gleichbleibend erschreckend hoch sind?

Mal ein paar Fakten aus der bislang größten europaweiten Erhebung der FRA (Agentur der Europäischen Union für Grundrechte) von 2014:

  • 33 % der Frauen haben seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Dies entspricht etwa 62 Millionen Frauen.
  • 22 % der Frauen haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt.
  • 67 % meldeten die schwerwiegendsten Gewaltvorfälle innerhalb einer Partnerschaft nicht der Polizei oder einer anderen Organisation.

Mit anderen Worten, die über 114 000 weiblichen Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland, die im vergangenen Jahr in der Kriminalstatistik erfasst wurden und die in keinem Medienbericht über den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in den letzten Tagen gefehlt haben, machen gerade mal ein Drittel der tatsächlichen Opferzahl aus.

Ja, die Zahlen aus der Erhebung sind fünf Jahre alt, es gibt meines Wissens keine aktuellere Untersuchung in dem Umfang. Und das Bundesfamilienministerium gibt sich immer noch damit zufrieden, sich in Veröffentlichungen im Jahr 2019 auf Studien aus den Jahren 2004 und 2009 zu beziehen. Noch Fragen zur Relevanz, die diesem Thema beigemessen wird? Meine Antwort wäre bestenfalls Zähneknirschen.

Und deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, mit welchem Stolz Frau Giffey in dieser Woche verkündet hat, dass die Regierung in den kommenden vier Jahren 120 Millionen für Frauenhäuser und Beratungsstellen zur Verfügung stellen will. Scham darüber, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten so wenig dafür getan wurde, und dass die Summe im Vergleich zu anderen Ausgaben des Bundes geradezu lächerlich ist, wäre m. E. eher angebracht. Vor meinem geistigen Auge tauchen zum Beispiel gerade die Worte „Scheuer“ und „Maut-Desaster“ auf. Ebenso wie die Überlegung, dass Giffeys Partei die große Koalition endgültig vor die Füße zu fallen droht, und sie noch schnell ein paar Pluspunkte bei den Wählerinnen sammeln möchte, bevor die Bedeutungslosigkeit droht.

Seitdem ich mich Ende der 70er Jahre zusammen mit vielen anderen Frauen für die Einrichtung eines Frauenhauses am damaligen Wohnort engagiert habe (es wurde fast 20 Jahre später eröffnet , an dieser Stelle vorsichtshalber ein „piiiiieeeep“ ), weiß ich, dass die Frauenhäuser in Deutschland immer mit ungesicherter Finanzierung zu kämpfen haben, die jährlichen Zuschüsse eher von Politik und nicht von Notwendigkeit bestimmt sind. Vor allem aber ist bekannt, dass die Zahl von 350 Häuser mit 6 800 Plätzen hinten und vorne nicht ausreicht, das ist umgerechnet nämlich nur ein Platz auf 16 350 Einwohner/innen. Die bereits erwähnte Istanbul-Konvention, die, wie bereits ebenfalls erwähnt, auch für Deutschland verbindlich ist, sieht 2,5 Plätze pro 10 000 Einwohner/in vor. Es fehlen also aktuell in Deutschland 800 Frauenhäuser mit 14 600 Plätzen.

Mal angenommen, die von Frau Giffey versprochenen 120 Millionen in den kommenden vier Jahren würden ausschließlich für die Einrichtung neuer Frauenhäuser verwendet, wären das pro Haus gerade mal 15 000 Ocken. Also für die Betreiber-Organisationen ist ein Ende des Klinkenputzens bei Kommunal- und Landes-Parlamenten und des Spenden-Sammelns nicht abzusehen. Von den misshandelten und verletzten Frauen und ihren Kindern, die wegen Platzmangels vor der Tür bleiben müssen, will ich gar nicht erst anfangen. Nochmal: „piiiiieeeep“

Wohlgemerkt, die Rede ist von der Finanzierung neuer Frauenhäuser, nicht von Folgekosten, Stellenschlüsseln und angemessener Bezahlung. Vor allem aber ist nicht die Rede davon, wie die Politik dagegen angehen will, dass Gewalt gegen Frauen ein strukturelles gesellschaftliches Problem ist und bleibt. Nebenbei: lediglich rund fünf Prozent der angezeigten Fälle führen zu einer Verurteilung des Täters.

Vor über 40 Jahren habe ich mir in jugendlichem Enthusiasmus einen Ketten-Anhänger mit dem Frauenzeichen gekauft und lange Zeit umgehabt. Seit einigen Jahren trage ich diese Kette wieder. Bestimmt nicht aus Enthusiasmus, sondern mit dem Gefühl dass es leider immer noch notwendig ist, darauf hinzuweisen zu wollen, dass das Ziel eines gleichwertigen, gewaltfreien Miteinanders von Frauen und Männern noch ein ganz schönes Stück weit weg ist. Lasst uns mal Tempo machen, um es schneller zu erreichen. Wir könnten zum Beispiel der Politik zeigen, dass wir uns mit milden Gaben von 30 Millionen Euro pro Jahr für den Schutz von hunderttausenden Frauen vor Gewalt nicht mehr zufriedengeben.

fl

Klima ja, Engel nein

Nein, mein Versprechen, dass ich im September auf meine alten Tage das erste und letzte Mal bei der Polizei eine Demonstration, korrekt ausgedrückt, eine „Versammlung unter freiem Himmel“, anmelden würde, habe ich nicht eingehalten. Ich habe schon das Okay der zuständigen Kreispolizeibehörde für das nächste Mal.

Am weltweiten Streik- und Aktionstag von „fridays for future“ Ende September, fand auch im hiesigen Städtchen erstmals eine Veranstaltung statt, auf der Jede/r ein Zeichen setzen konnte für Klima- und Umweltschutz. An der Planung, Vorbereitung und Organisation war ich nicht unerheblich mitbeteiligt und konnte meine Begeisterung über den Erfolg der Aktion mit vielen Akteur/innen teilen. Wie in vielen Städten kamen auch hier mehr als doppelt so viele Menschen, wie erwartet zusammen. Wir waren also ein kleiner, aber ziemlich stolzer Teil einer Bewegung, die an einem einzigen Tag 1,4 Millionen Menschen auf die Straße gebracht hatte.

Nach dieser Veranstaltung gründete sich eine Initiative, in der Interessierte sich über diesen einen Tag hinaus austauschen, aber auch öffentlich und gemeinsam auf ihre Anliegen aufmerksam machen können. (Für alle Leser/innen aus Ochtrup und Umgebung: Wir treffen uns an jedem ersten Mittwoch im Monat in der Begegnungsstätte der Villa Winkel im Stadtpark – herzlich willkommen).

Was uns zusammenbrachte, war nicht nur das gemeinsame Engagement und die Freude darüber, welches Interesse Umwelt- und Klimaschutz auch hier finden, sondern auch die Enttäuschung, dass sich hinter dem vollmundig „Klimapaket“ genannten Aktionsplan der Regierung ein winziges Päckchen verbarg, das (gar nicht so) böse Zungen sogar als „Klimapostkarte“ bezeichnen.

Da blieb uns ja nichts Anderes übrig, als beim nächsten weltweiten Aktionstag am 29. November wieder dabei zu sein, genehmigt ist das Ganze ja bereits. Und so haben wir in der Öffentlichkeit schon mal darauf aufmerksam gemacht, dass an diesem Freitag um 17.30 Uhr unter dem Motto „Dein Licht für’s Klima“ alle Engagierten und Interessierten mit Kind und Kegel, Nachbar/innen, Freund/innen und Kolleg/innen zur Lamberti-Kirche kommen mögen. Mit Kerzen, Laternen Taschenlampen und allem, was sonst so leuchten kann, wollen wir unseren bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass den politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich Verantwortlichen endlich mal ein Licht aufgeht, dass es allerhöchste Zeit für wirksame Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz ist.

Und was passierte? Das was immer passiert, wenn jemand zum Thema nichts Essentielles zu sagen hat, aber meint unbedingt meckern zu müssen. Es gab Vorwürfe, dass die weltweiten CO2 Emissionen durch ein paar Teelichter auf dem Kirchplatz erhöht werden und Kinder möglicherweise für das Vergnügen, ihre Martinslaternen nochmal auszuführen, oh Schreck, Batterien verwenden könnten.

Hiermit bekenne ich öffentlich: Ich kaufe immer wieder, nicht selten mangels Alternativen, verpackte Lebensmittel und Haushaltsprodukte, ich erlaube mir den Luxus, bei Dunkelheit das Licht und bei Kälte die Heizung anzumachen, ich benutze im Ein-Personen-Haushalt sogar regelmäßig den Backofen und gönne mir ab und zu mal Fleisch, Fisch, oder sogar Meeresfrüchte und andere Tiefkühlprodukte. Ja, mein Weg in die Hölle ist geradezu vorgezeichnet: alle paar Wochen schmeiße ich mangels Möglichkeiten Bettwäsche auf eine Leine zu hängen, sogar mal den Wäschetrockner an.

Ich gebe mir allerdings Mühe, so wenig Müll, wie möglich zu verursachen, produziert haben ihn schon die Verpackungshersteller, und sparsam mit Energie umzugehen. Eines ist aber sicher, das Prädikat Umweltengel strebe ich nicht an, und habe (meistens) nicht mal ein schlechtes Gewissen deswegen. Immerhin tu ich doch einiges mehr für Umwelt und Klima, als diejenigen, die über fridays for future, Schulstreiks, öffentliche Aktionen und wichtige Forderungen meckern, dabei den achten Einweg-Becher der Woche in der Hand halten, den sie als „Kaffee Togo zum Mitnehmen“ bestellt haben, und zu Hause ihren Kaffee mit Hilfe von Alu-Kapseln zubereiten, von denen jedes Jahr in Deutschland rund 3,1 Milliarden im Müll landen.

Für die Vorstellungen und Forderungen solcher „Kritiker/innen“, dass diejenigen, die sich für Klima- und Umweltschutz engagieren, das auch im Alltag absolut fehlerlos und vollkommen umsetzen müssen, also auf einer tagelangen Zugfahrt von Stockholm nach Davos Kohldampf schieben sollen, statt ausnahmsweise mal Lebensmittel aus Plastikverpackung zu essen, habe ich nur ein müdes Lächeln übrig. Ich setze mich nämlich beispielsweise auch für die Gleichstellung und Rechte von Homosexuellen ein, ohne dass irgendjemand erwarten sollte, dass ich vorhabe, zur Alters-Lesbe zu mutieren.

fl

Mensch, ich ärgere mich

Auf einer Wand steht geschrieben: Aus Hass macht Liebe.
Bild: Irmela Mensah-Schramm

Wenn eine über 70jährige Rentnerin Nazi-Schmierereien, wie Hakenkreuze und Hetzparolen übersprüht, findet sich in diesem Land jemand, der das Ganze fotografiert, und zur Anzeige bringt. Es findet sich eine Staatsanwaltschaft, die dieses Vergehen vor ein Gericht bringt, und es findet sich ein Richter, der ein Urteil über 1 500 Euro Geldstrafe und Übernahme der Verfahrenskosten wegen Sachbeschädigung fällt. Die Sachbeschädigung durch Nazi-Schmierereien hatte niemand angezeigt, und die jetzt Verurteilte, Irmela Mensah-Schramm,  ist „Wiederholungstäterin“ und wurde bereits mehrfach für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus ausgezeichnet, auch von der Bundesregierung.

Keine Fotos, sondern Videoaufnahmen, allerdings wieder keine Anzeige und erst recht keine Verurteilung gab es, als bei einer Pegida-Kundgebung in Dresden im Zusammenhang mit der Seenotrettung durch die Dresdener „Mission Lifeline“ deutlich und unüberhörbar von „Absaufen, absaufen“ gegröhlt wurde. Nicht einmal darüber, ob mit schöner Regelmäßigkeit solche Hetzveranstaltungen genehmigt werden müssen, wird nachgedacht, so dass auch weiterhin AfD-Abgeordnete aus Bundestag und Länderparlamenten daran teilnehmen können.

200 Menschen wurden seit der Wiedervereinigung in Deutschland von rechtsextremen Gewalttätern verurteilt. Fünf von acht Gedenkstätten für die Opfer der NSU-Terroristen wurden beschädigt, in Rostock bereits drei Mal.

Bei der kommenden Landtagswahl in Thüringen ist ein Mann Spitzenkandidat einer Partei, der gerichtlich bestätigt als „Faschist“ bezeichnet werden darf. Begründung des Gerichts ist, dass diese Bezeichnung „auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage beruht“.

Die Liste solcher unsäglicher Vorgänge ließe sich endlos fortsetzen, aber erst der gewaltsame Tod des Politikers Walter Lübcke veranlasste Innenminister Horst Seehofer zu dem Bekenntnis „Dieser Mord motiviert mich, alle Register zu ziehen“ und das schreckliche Attentat in Halle mit zwei Toten und mehreren Schwerverletzten bezeichnete er als „Schande für Deutschland“. Nicht als Schande für Politik und Behörden, die auf das Bekanntwerden von ellenlangen Todeslisten , regelmäßige Waffenfunde, Bestelllisten für Leichensäcke und Ätzkalk, Radikalisierung und Hitlergrüße auf sogenannten Rechtsrock-„Konzerten“ augenscheinlich nicht mit der sonst so oft beschworenen „Härte des Gesetzes“ vorging.

Nein, der Mann, der gerne in seinem Hobby-Keller mit der Modell-Eisenbahn spielt, hat die wahren Schuldigen für das Attentat in Halle schnell ausfindig gemacht: Die Gamer-Szene. Keine Frage, wie überall im Internet versuchen rechte Bratzen auch die Chats und Foren von Gamern für ihre politischen Zwecke zu kapern, aber gleich die gesamte Szene für die jüngsten Opfer von Rechtsextremisten verantwortlich zu machen, zeigt die Hilflosigkeit – oder vielleicht sogar den Unwillen – anzuerkennen, dass man anfängt zu schielen, wenn man sich jahrelang ein Auge, und zwar immer dasselbe zuhält.

Wenn dem alten Mann und seinen Kolleg/innen in den Plenarsälen und Ministerien nichts Besseres einfällt, bin ich mal gespannt, wann Spiele auf dem Index stehen werden, in deren Spielregeln Begriffe zu finden sind wie: „möglichst oft ihre Gegner rauszuschmeißen… Figuren des Gegners schlagen…durch eine feindliche Figur hinausgeworfen“. Es wäre echt schade um das gute alte „Mensch ärgere dich nicht“.

fl

Nur ohne Mehlschwitze

„Wenn ich mal groß bin, dann esse ich das nie!“ Ganz bestimmt bin ich nicht die Einzige, die sich das in Kindertagen geschworen hat, hoffentlich aber auch nicht die Einzige, die diesen Schwur gebrochen hat. Ich gehöre ja noch zu der Generation, bei der „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, zum Erziehungskonzept gehörte. Glücklicherweise nicht mit den Auswüchsen, dass ich mit zunehmendem Brechreiz vor einem Mittagessen sitzen musste, dessen Optik sich im Laufe von Stunden immer mehr dem verhassten Geschmack anpasste. Nein, es gab für mich sogar zwei Ausnahmen von der Regel: Linsensuppe und Dicke Bohnen. Wenn diese Leibspeisen meines Vaters auf dem Speiseplan standen, bekam ich im ersten Fall irgendwelche Reste vom Vortag und im zweiten Fall ein Spiegelei zu den bereits vorhandenen Salzkartoffeln.

Ich war deutlich über 40 Jahre alt, als ich zum Ersten Mal Linsen gegessen habe, und zwar aus Versehen auf der dämmrigen Restaurant-Terrasse vor dem historischen Rathaus in Tallin, als ich ein Beilagen-Türmchen, dessen Farbe sich dem schwindenden Tageslicht angepasst hatte, optisch nicht identifizieren konnte. Wenn’s ums Essen geht, bin ich  durchaus mutig, es gibt wenig, das ich nicht probiere. Zu meinem Erstaunen waren es Linsen, die sich geschmacklich erfreulich von der braunen Suppe unterschied, die traditionell mit einem ordentlichen Schuss Essig angeblich verfeinert werden musste.

Braune Linsen sind auch heute noch nicht unbedingt mein Lieblingsgericht, sondern stehen auf der Hitliste irgendwo in der Mitte. Aber Spaghetti Bolognese, bei der das Hackfleisch durch rote Linsen ersetzt wird, stehen schon deutlich höher, werden aber noch von diversen Salaten mit den niedlichen schwarzen Beluga-Linsen übertroffen.

Nur Dicke Bohnen hatten weiterhin das Prädikat „kriege ich nicht durch den Hals“, denn die kannte ich nur aus der Dose mit einer dicken Mehlpampe und noch dickeren Speckstücken, die nach dem Kochen in nicht ganz so dicke Scheiben geschnitten wurden. Bohnenkraut tat sein Übriges, mir das Gericht gründlich zu vermiesen.

Neugierig machte mich eine junge Iranerin, die mir ein Rezept aus ihrer Heimat empfahl (den Spruch mit der Integration, die dick macht, erspare ich euch an dieser Stelle mal) , allerdings mit einer Bohnensorte, deren deutsche Bezeichnung wir nicht herausfinden konnten, so dass sich der Einkauf schwierig gestaltete. Dicke Bohnen wiesen durchaus eine Ähnlichkeit auf. Nur in der Dose kommen die mir garantiert nicht über die Schwelle, so dass ich mich für TK-Ware entschied, die, wie im Rezept vorgesehen, schon gepellt war.

Das Rezept sieht Knoblauch vor, also schon mal vielversprechend, denn Knoblauch geht bei mir immer (außer in Süßspeisen, egal wie die Rezeptbilder aussehen). In diesem Fall angedünstet in Ghee zusammen mit den Bohnen und Gewürzen wie Kurkuma, Sumak, einer Spur Minze, getrocknetem Dill und natürlich Salz und Pfeffer. Schade, dass ich nie erleben werde, wie meine Mutter auf den Anblick dieser Mischung reagiert hätte. Mit einem kleinen Glas Brühe fünf Minuten gekocht, dann vorsichtig zwei Eier in den Topf gegeben und stocken lassen ist von ihrer Mehlschwitzensauce natürlich meilenweit, in dem Fall Kontinente weit, entfernt. Und Reis als Beilage zu Dicken Bohnen hätte meinen Vater wahrscheinlich an meiner kulinarischen Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen.

Was soll ich sagen? Es hat hervorragend geschmeckt, und gehört ab sofort zu meinen immer wiederkehrenden Alltagsgerichten. Irgendwie bin ich ganz froh, dass ich in meiner Kindheit nicht mehr Gemüsesorten in der Kategorie „Geht gar nicht“ hatte. Wer weiß, was mir im Laufe von Jahrzehnten noch so entgangen wäre.

Liebe Eltern, wenn ihr beim nächsten Mal lange Debatten mit eurer heimischen Tischgesellschaft über die Vorzüge und Nachteile bestimmter Gemüsesorten führt, denkt dran: es wird besser, auch eure Kinder werden irgendwann mal auf den Geschmack kommen. Wenn ihr Glück habt, früh genug, dass ihr das noch miterlebt.

Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Büchereileiters hier das Rezept im Detail für 2 Portionen, das ein bisschen vom Original abweicht:

2 Tassen Reis, mit ½ TL Salz, und wer (wie ich) mag 1 TL „7Gewürze“ aus dem türkisch/arabischen Laden in 4 Tassen Wasser garen.
300 g Dicke Bohnen ohne Schale
1 EL Ghee (wer Öl nimmt, bekommt ein veganes Gericht)
2 Zehen Knoblauch (die Diskussion ob zerquetscht oder feinst gewürfelt überlasse ich anderen, ich benutze nach wie vor die Knoblauchpresse
½ TL Kurkuma
eine große Prise Sumak
eine kleine Prise getrocknete Minze
1 TL getrockneter (in dem Fall die richtige Wahl) Dill
Salz und Pfeffer
150 ml Gemüsebrühe
2 Eier

Die aufgetauten Bohnen mit den Gewürzen im Ghee/Öl andünsten Brühe dazu geben und aufkochen lassen. Gut fünf Minuten garen lassen, dann vorsichtig zwei Eier auf das Gemüse geben (ich schlage sie vorsichtshalber in der Tasse auf und lasse sie in den Topf gleiten). Jetzt auf gar keinen Fall umrühren, sondern Deckel auf den Topf und die Eier stocken lassen.

Wenn ihr es ausprobiert, lasst mich bitte wissen, wie es euch geschmeckt hat. Dicke-Bohnen-Phobiker/innen natürlich zuerst.

P.S.: Gekocht, gegessen und beschrieben mit ganz liebem Dank an Mehrnaz!

fl

Spätstück im Lieblingscafé

Da sitze ich jetzt an meinem 85. Beitrag für diesen Blog (ja, die Statistik, die wordpress liefert, ist sehr interessant, auch wenn ich die Zahlen nur zur Kenntnis nehme, ohne sie nutzen zu wollen) und habe schon zigmal meinen Senf irgendwo dazu gegeben. Ich habe in über drei Jahren hin und wieder kleine Einblicke in meine Lebensverhältnisse und mein Privatleben gegen, habe sehr oft meine Auffassung und meine Meinung deutlich gemacht, aber Eines habe ich bisher schlicht vergessen: euch von meinem Lieblingscafé vorzuschwärmen.

Auch wenn die Optik es nicht unbedingt vermuten lässt, bin ich jetzt kein ausgesprochener Fan von Kaffeeklatsch mit Sahnetorte und anderem Kuchen. Ein ausgiebiges, abwechslungsreiches Frühstück, bitte nicht zu früh am Morgen, also eher ein Spätstück (Danke liebe Itzi für diese schöne Wortschöpfung, woher auch immer du sie hast), steht dagegen sehr weit oben auf der Hitliste der von mir bevorzugten Schlemmereien.

Und da gibt es wirklich keinen besseren Ort, um diese Vorliebe auszuleben, als in meinem Lieblingscafé Knitterfrei direkt neben der schönsten Bücherei im Ort.

Bekanntlich hat sich diese, als sie im historischen, aber viel zu kleinen Gebäude aus allen Nähten platzte, vor nunmehr gut fünf Jahren in einem ehemaligen Lebensmittel-Supermarkt etabliert. Ein beträchtlicher Teil meiner Blogbeiträge ist im Bereich der ehemaligen Fleischtheke entstanden, obwohl ich den Gedanken an Gulasch oder Würstchen gar nicht so inspirierend finde. Jedenfalls haben jetzt sämtliche Medien, ebenso wie die Mitarbeiter/innen und erst recht die Besucher/innen, auch mit Rollstuhl oder Kinderwagen, ausreichend Platz. Aber trotzdem war damit die Supermarktfläche noch nicht voll.

Eine Chance für den besten Büchereileiter vor Ort, seinen Herzenswunsch nach einem Lesecafé zu verwirklichen, die er sich nicht entgehen lassen konnte. Kaffee kochen allerdings sollte sein ohnehin schon reichliches Arbeitspensum nicht belasten, so dass nach einigen Verhandlungen mit der Caritas ein für Ochtrup einmaliges Angebot aus der Taufe gehoben werden konnte. Die Caritas-Werkstätten konnten nicht nur ihre Heißmangel in die Stadtmitte verlegen und in einem Werkstatt-Laden Produkte aus den Werkstätten ausstellen und verkaufen, sondern es gibt mit dem Café Knitterfrei den ersten und bisher einzigen integrativen Gastronomie-Betrieb im Ort. Und davon nur durch eine, während der Öffnungszeiten immer weit offenstehende Glastür getrennt ist das Lesecafé der Bücherei, dessen Besucher/innen vom Knitterfrei bewirtet werden. Kaffee, Tee, kalte Getränke, auch mal ein Stück Kuchen oder ein belegtes Brötchen, während man in Zeitschriften blättert, oder sich im neuesten Bestseller vertieft, das Angebot wird gerne angenommen.

Und ebenso gerne wird mein Lieblingsangebot von den Gästen angenommen, das Spätstück, oft auch früher am Morgen. Ich finde es einfach wunderschön, mich dort mal bei Brötchen, Käse (den Aufschnitt überlasse ich meinem Gegenüber), Ei, Saft und Tee (den Kaffee überlasse ich ebenfalls meinem Gegenüber) mit Freundinnen festzuquatschen bis zum Abwinken. Aber auch für gemeinsame Planungen und Absprachen mit Kooperations-Partner/innen ist es, dann als „Arbeitsfrühstück“ deklariert, eine tolle Sache.

Und ja, so ein ähnliches Frühstück gibt es auch woanders im Städtchen, allerdings nicht zu dem unschlagbar günstigen Preis und bestimmt nicht mit der Hingabe, mit der ich, ebenso wie alle anderen Gäste, dort regelrecht betüddelt werde. Sonderwünsche? Aber gerne doch, werden im Rahmen der Möglichkeit umgehend freudestrahlend erfüllt. Regelmäßiges Nachfragen, ob noch etwas fehle, und ob man zufrieden sei, ist ebenfalls selbstverständlich.

Und noch etwas empfinde ich als wohltuende Besonderheit: die Abwesenheit von Unzufriedenheit und Stress. Ja gut, an manchen Tagen, kommt schon mal ein bisschen Nervosität bei den Mitarbeiter/innen auf, wenn der Andrang so groß ist, dass das Bücherei-Forum als Ausweichquartier benötigt werden muss. Kleine Anmerkung: Viel besser ist die gute Zusammenarbeit beider Einrichtungen wohl nicht zu beschreiben.

Ansonsten aber geht es im Knitterfrei immer etwas langsamer zu, was daran liegt, dass keine/r der Mitarbeiter/innen eine gastronomische Ausbildung hat und auch daran, dass Handicaps nicht unbedingt die beste Voraussetzung dafür sind, mehr als ein Gedeck oder eine Tasse mit Untertasse zu servieren. Also lieber etwas langsamer, aber dafür ist es im Knitterfrei dann auch fast immer kleckerfrei.

Alles in allem also eine Atmosphäre, in der es nicht darum geht, dass schnell Platz gemacht werden muss für den nächsten Gast, dass selbiger für möglichst viel Umsatz sorgen soll, sondern eine Atmosphäre des Willkommen Fühlens und dem Bemühen, dass sich alle wohlfühlen, egal ob an der Kaffeemaschine oder am Tisch. Außerdem schmeckt es im Knitterfrei immer hervorragend, und so ein Spätstück ist so opulent, dass auch wenn es zu Frühstückszeiten serviert wurde, das Mittagessen noch ausfallen kann.

fl

Lasset die Würfel rollen

Nix da mit altmodisch und langweilig. Wer geglaubt hat, Spiele am Computer, Tablet oder Handy würden das gute alte Brettspiel erfolgreich und dauerhaft von den Wohnzimmertischen oder Teppichen unzähliger Familien verbannen, hat glücklicherweise nicht Recht behalten. Das liegt jetzt nicht daran, dass elektronische Spiele je nach Sichtweise zu anspruchslos/zu anspruchsvoll/pädagogisch fragwürdig/pädagogisch wertvoll/zu bunt/nicht bunt genug/zu schnell/zu lahm sind. Sondern das liegt ganz einfach daran, dass es toll war, ist und bleibt mit anderen Menschen zusammen nach für alle gültigen Regeln unterhaltsame Zeit zu verbringen, so dass einem gleichberechtigten Nebeneinander von virtueller und analoger Spielerei nichts im Wege steht.

Nach Jahrzehnten, die zugestaubte Schachtel aus der hintersten Schrankecke zu ziehen und mal wieder eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen, weckt nicht nur so manche Kindheitserinnerungen, sondern macht auch jede Menge Spaß. Mir jedenfalls, vorausgesetzt, das wird keine Dauerschleife. Aber dafür gibt es auch viel zu viele andere tolle Spiele für jeden Geschmack, jede Altersklasse und auch jeden Geldbeutel. Das letzte Kriterium ist ein unumstößliches Argument, mich regelmäßig der Qual der Wahl in meiner Lieblingsbücherei zu stellen. Dort stehen nämlich gut 800 Brett- und Kartenspiele zur Auswahl. Selbst wenn ich die für Kinder im Vor- und Grundschulalter nicht beachte, fällt die Entscheidung nicht unbedingt leicht. Dass es aber mit schöner Regelmäßigkeit ein paar Lieblingsspiele sein müssen, vereinfacht die Sache natürlich.

Treue Leser/innen mögen sich gerade vielleicht erinnern, dass ich ein glückliches Single-Dasein führe, nachdem meine Kinder ausgezogen sind, so dass ich Mitspieler/innen nicht mal eben hinter der nächsten Zimmertür hervorholen kann. Wie es der Zufall wollte, fiel mir vor einigen Jahren in der Bücherei ein junges Paar auf, dass regelmäßig ein bis zwei Klappkörbe voller Spiele auslieh. Ganz schnell wurde aus der Idee regelmäßige Spieletreffen zu organisieren Realität und das seit über fünf Jahren an jedem zweiten Samstag im Monat. Inzwischen mit einem harten Kern von Teilnehmer/innen und immer wieder neuen Interessierten. Spiele kennenzulernen steht ebenso im Mittelpunkt, wie Spieler/innen kennenzulernen und sie möglicherweise für das eigene Lieblingsspiel zu begeistern. Mal so am Rande: Bislang ist es mir fast bei jedem Spieletreffen gelungen, eine Runde für Dixit zusammenzutrommeln, mal mich vier bis sechs Leuten, aber auch schon mal mit einem guten Dutzend.

Den Höhepunkt in unserem Spielejahr teilen wir Anfang September mit fast 200 anderen Organisationen bundesweit, wenn es auch in Ochtrup heißt „Stadt Land spielt“. Traditionell sind dazu alle Interessierten in die schönste Bücherei am Ort eingeladen, die dann zum ersten Mal die Neuanschaffungen für die neue Spielesaison ab Herbst rausrückt. Für viele Besucher/innen willkommene Gelegenheit schon mal auszutesten, was sie sich für die nächsten Ausleihen vormerken sollten.

Und in diesem Jahr gibt es eine Besonderheit: Die örtlichen Veranstalter von „Stadt Land spielt“ können sich für Turniere bewerben, bei denen es nicht nur um Ruhm und Ehre geht, sondern für die auch die notwendigen Spiele-Packungen zur Verfügung gestellt werden. Und Tadaa, in diesem Jahr haben wir den Zuschlag für sage und schreibe vier Spiele bekommen, was Spieletreffen und Bücherei zum Anlass genommen haben wertvolle Preise zur Verfügung zu stellen. Also, liebe Leser/innen aus Ochtrup und Umgebung, tragt in euren Kalender den 7. September ab 14 Uhr ein und kommt dann in die Bücherei St. Lamberti, Marktstraße 8. Es lohnt sich.

Ja, das könnte ein langer Spieletag werden, der vielleicht auch ein bisschen anstrengend wird, für uns, die wir uns um den Ablauf, die Turniere und nebenbei um Kaffee und Tee kümmern müssen. Aber spätestens ab Mitte der darauffolgenden Woche freuen wir uns dann schon auf das nächste Spieletreffen eine Woche später, bei dem wir uns hoffentlich ein bisschen feiern können, weil alles gut gelaufen ist.

fl

Tüddelüddeldüm

Tüddelüddeldüm. Egal ob mir dieser Jingle morgens, mittags oder abends durch den Telefonhörer entgegen schallte, er wurde stets begleitet von dem Hinweis auf längere Wartezeiten, weil alle Hotline-Leitungen der DHL gerade belegt waren. Auf die Idee, dafür zu sorgen, dass sich nicht so viele Kund/innen beschweren oder Informationen nicht finden können, scheint man bei dem Unternehmen ebenso wenig zu kommen, wie darauf, dass vielleicht ein paar zusätzliche Arbeitsplätze die Kosten im Gesundheitswesen deutlich senken können. Blutdruck in gefährlicher Höhe kann nämlich erhebliche Behandlungskosten verursachen.

Dass ich die Zahlenfolge 00340434270263723293 so gut auswendig gelernt habe, dass ich sie im Schlaf singen könnte, hatte übrigens keine sonderlich beruhigende Wirkung auf mich. Immerhin aber freute sich ein Hotline-Mitarbeiter, dass ich die notwendigen Angaben zu meiner Beschwerde äußern konnte, ohne dass er fragen musste. Er war ja auch der Dritte, dem ich schildern durfte, dass es schwer nachvollziehbar ist, wenn ein Päckchen zum Absender zurück kommt mit der Begründung „Der Empfänger war nicht zu ermitteln: Name nicht auf Klingel/Briefkasten“, wenn genau zehn Tage zuvor ein Päckchen die Empfängerin problemlos erreicht hatte.

Meine Erlebnisse mit der DHL-Hotline kann ich nur verkürzt wiedergeben, die jeweils 15 bis 20 Minuten Tüddelüddeldüm plus gelegentlicher Bandansage mit dem Hinweis, ich könne mein Anliegen auch im Internet loswerden – ach, was, überlasse ich der Phantasie der Leser/innen.

Überrascht war ich beim ersten Anruf, als ich plötzlich statt des Jingles eine Art Rauschen zu vernehmen war. Es stellte sich auf meine Nachfrage hin heraus, dass ich tatsächlich eine lebendige Person in der Leitung hatte, die es aber nicht für nötig hielt, sich wenigstens durch ein „Hallo“ als solche zu erkennen zu geben, geschweige dann zu verraten, dass sie einen Namen hat. An dieser Stelle muss ich mich (auch für mich erschreckend) rassistisch angehauchter Vorurteile schuldig bekennen, aber es hat mich nicht überrascht, als die Dame schließlich mit einem ausgeprägten sächsischen Dialekt sprach. Dass sie mein Anliegen nachvollziehen konnte, keine vier Ocken für die unbestellte Rundreise eines Päckchens ausgeben zu wollen, machte eine gewisse Unhöflichkeit verzeihlich und ich kam ihrer Aufforderung „Nähm sisch mo wos zom Schröibn“ (oder so ähnlich) nach und notierte mir einen sogenannten Kulanz-Code. Selbiger sollte mich in die Lage versetzen, online eine „Mobile Paketmarke“ ohne Bezahlung zu erwerben. So weit die Theorie.

In der Praxis stellte die DHL-Netztechnik fest, dass der Code für ein Päckchen der schon mal versandten Größe, welche ich selbstverständlich im Telefonat (und den noch folgenden) angegeben hatte, nicht verwendet werden konnte. Wohlweislich, dass es mich Nervenstärke kosten würde, griff ich wieder zum Telefonhörer, wählte die Hotline-Nummer und durfte mir das Tüddelüddeldüm zum gefühlt fünfundrölfzigsten Mal anhören. Die freundliche Mitarbeiterin (sie kannte sowohl Tageszeit als auch ihre Namen und ließ mich beides wissen) hörte sich die ganze Geschichte nochmal an, gab die 00340434270263723293 ins System ein. Daraufhin musste sie bekennen,  dass sie erst seit Kurzem bei der Hotline arbeite, noch eingeschränkte Kompetenzen habe und sie mich daher leider weiter verbinden müsse. Ich solle gleich bitte einfach die 1 wählen.

Gesagt, getan, allerdings fiel mir beinahe das Telefon aus der Hand, als mir das zum Überdruss vertraute Tü…, na ihr wisst schon, nebst Bandansage aus selbigem entgegenschallte. Zur Abwechslung war es dann mal ein Mann, dem ich die Nummer 0034…, na ihr wisst schon, meine Absender-Adresse, Päckchengröße, und die gesamte Geschichte vom zurückgeschickten Päckchen bis zum nicht funktionierenden Code schilderte. In Erwartung eines neuen Kulanz-Codes rechnete ich mit einer hochdeutschen Abwandlung von „Nähm sisch mo wos zom Schröibn“ und hielt Papier und Stift bereit.  Umsonst, denn ich bekam die gänzlich unerwünschte Information, mein Anliegen könne leider nicht telefonisch gelöst werden. Ich solle bitte das Online-Formular auf der DHL-Homepage nutzen. Meine Stimmung hob sich nur unwesentlich, als der Mensch am anderen Ende der Telefonleitung doch tatsächlich Verständnis dafür signalisierte, dass ich mich in dem Moment so richtig, sorry, verarscht fühlte.

Also auf ein Neues, dieses mal ohne Tüddelüddeldüm – nicht, dass ich es vermisst hätte – aber mit den bereits dreimal vorgebrachten Angaben von Paketnummer über Adressen bis zur Päckchengröße. Postwendend 😉 bekam ich natürlich eine automatische Antwort, dass man sich schnellstmöglich um mein Anliegen kümmern werde. Vorsichtshalber wurde ich schon mal um Geduld gebeten für den Fall, dass es zu Verzögerungen kommen könnte.

Nur mühsam bewahrte ich meine Contenance, als wenige Tage später abends um 19 Uhr ein leibhaftiger Mitarbeiter von DHL ganz ohne Tüddelüddeldüm bei mir anrief um allen Ernstes zu fragen, welche Päckchengröße ich denn versendet hätte. Jedenfalls bekam ich am selben Abend per Mail einen Kulanz-Code zugeschickt, mit dem ich sogar ein größeres und schwereres Päckchen hätte frankieren können. Als ob ich Lust gehabt hätte, da nochmal was ein- und auszupacken. Dass es dann tatsächlich am Tag nach dem Absenden bei der Empfängerin problemlos angekommen war, versöhnte mich nur unwesentlich mit der Tatsache, dass eine für mich wichtige Bestellung auf dem Weg zu mir eine fünftägige Pause im zuständigen Paketzentrum einlegen durfte. Wenigstens hatte die Hotline des Händlers kein Tüddel…., ach, lassen wir das.

fl

Pro Stich ein Euro

Es ist schon ziemlich verrückt. Das Münsterland ist in heller Aufregung wegen des massenhaften Aufkommens von Raupen, deren Brennhärchen üble Auswirkungen bis hin zum anaphylaktischen Schock haben können und gleichzeitig gibt es viele Ideen, Vorschläge und Initiativen, um einem weiteren Aussterben von Insekten entgegen zu wirken. Es ist also, wie so oft: Von den Bösen gibt es viel zu viel, von den Guten viel zu wenig. Ich könnte jetzt behaupten, die Idee „Tu mal was für die Guten“ wäre ausschlaggebend dafür gewesen, dass ich meine Balkonkästen mit einem Saat-Vlies für „Bauerngarten-Blumen“ bestückt habe. Die Wahrheit ist, dass kein einziger meiner Daumen irgendeine grüne Färbung aufweist.

Für die Vlies-Dinger reichen meine gärtnerischen Fähigkeiten durchaus. Dass sich, wie auf der Packung versprochen, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten magnetisch angezogen fühlen, konnte ich allerdings nicht feststellen. Reichten im Vorjahr Lavendel, Tomaten und ein paar Kräuter, dass sich in schöner Regelmäßigkeit Bienen bis in den dritten Stock verirrten, habe ich bislang nur Blattläuse gesehen. Und Ameisen. Jede Menge Ameisen, die sich über die Läuse ganz sicher mehr freuen als ich. Der dicke Kreidestrich, den ich vor der Balkontür gezogen habe, hat übrigens keine esoterische Bedeutung.

Als Alternative eine Patenschaft für Blühstreifen zu übernehmen, wie sie von Landwirten angeboten wird, kommt allerdings für mich nicht in Frage. Dabei geht es nicht darum, dass ich etwas dagegen hätte, wenn statt totgespritzter Mais-Brachen mehr und mehr blühende Wiesen zu finden sind, im Gegenteil. Ich habe nur etwas dagegen, dass diejenigen, die ganz sicher nicht unbeteiligt sind am Insektensterben sich jetzt loben und vor allem großzügig bezahlen lassen, wenn sie wenigstens auf kleinen Randflächen diese Schäden wieder wett machen wollen. Außerdem leiste ich persönlich einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zum Fortbestand von Insekten, allerdings nur für blutsaugende Mücken. Die nämlich gibt es im Gegensatz zu Bienen und Schmetterlingen im Blumenkasten in meinem Wohnzimmer und meinem Schlafzimmer reichlich. Diese Mistviecher scheinen ihr nervtötendes Surren, mit dem man sie lokalisieren kann, in diesem Jahr eingestellt zu haben. Dafür haben sie sich aber anscheinend die Fähigkeit zugelegt, durch Shirts, Blusen und dünne Hosen stechen zu können und haben im Vergleich zu den Vorjahren das Juck-Potential ihrer Stiche verdoppelt.

Um zwischen 30 und 100 Eier ablegen zu müssen, brauchen die Mückenweibchen Blut, ich habe also in den vergangenen Tagen die Existenz von einigen hundert, wenn nicht gar tausend Mücken gesichert und damit auch Gutes für die Vogelwelt getan. Und für Fledermäuse – nicht, dass mir das ein besonderes Anliegen wäre. Es wäre also nicht die schlechteste Geschäftsidee, wenn ich für einen Euro eine Patenschaft pro Mückenstich anbieten würde. Interessierte bitte melden!

Und bis ich mir davon einen Urlaub leisten kann, genieße ich auf Balkonien den Anblick von Bauerngarten-Blumen. Sie sehen nämlich wirklich schön aus.

fl

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