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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

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Tüddelüddeldüm

Tüddelüddeldüm. Egal ob mir dieser Jingle morgens, mittags oder abends durch den Telefonhörer entgegen schallte, er wurde stets begleitet von dem Hinweis auf längere Wartezeiten, weil alle Hotline-Leitungen der DHL gerade belegt waren. Auf die Idee, dafür zu sorgen, dass sich nicht so viele Kund/innen beschweren oder Informationen nicht finden können, scheint man bei dem Unternehmen ebenso wenig zu kommen, wie darauf, dass vielleicht ein paar zusätzliche Arbeitsplätze die Kosten im Gesundheitswesen deutlich senken können. Blutdruck in gefährlicher Höhe kann nämlich erhebliche Behandlungskosten verursachen.

Dass ich die Zahlenfolge 00340434270263723293 so gut auswendig gelernt habe, dass ich sie im Schlaf singen könnte, hatte übrigens keine sonderlich beruhigende Wirkung auf mich. Immerhin aber freute sich ein Hotline-Mitarbeiter, dass ich die notwendigen Angaben zu meiner Beschwerde äußern konnte, ohne dass er fragen musste. Er war ja auch der Dritte, dem ich schildern durfte, dass es schwer nachvollziehbar ist, wenn ein Päckchen zum Absender zurück kommt mit der Begründung „Der Empfänger war nicht zu ermitteln: Name nicht auf Klingel/Briefkasten“, wenn genau zehn Tage zuvor ein Päckchen die Empfängerin problemlos erreicht hatte.

Meine Erlebnisse mit der DHL-Hotline kann ich nur verkürzt wiedergeben, die jeweils 15 bis 20 Minuten Tüddelüddeldüm plus gelegentlicher Bandansage mit dem Hinweis, ich könne mein Anliegen auch im Internet loswerden – ach, was, überlasse ich der Phantasie der Leser/innen.

Überrascht war ich beim ersten Anruf, als ich plötzlich statt des Jingles eine Art Rauschen zu vernehmen war. Es stellte sich auf meine Nachfrage hin heraus, dass ich tatsächlich eine lebendige Person in der Leitung hatte, die es aber nicht für nötig hielt, sich wenigstens durch ein „Hallo“ als solche zu erkennen zu geben, geschweige dann zu verraten, dass sie einen Namen hat. An dieser Stelle muss ich mich (auch für mich erschreckend) rassistisch angehauchter Vorurteile schuldig bekennen, aber es hat mich nicht überrascht, als die Dame schließlich mit einem ausgeprägten sächsischen Dialekt sprach. Dass sie mein Anliegen nachvollziehen konnte, keine vier Ocken für die unbestellte Rundreise eines Päckchens ausgeben zu wollen, machte eine gewisse Unhöflichkeit verzeihlich und ich kam ihrer Aufforderung „Nähm sisch mo wos zom Schröibn“ (oder so ähnlich) nach und notierte mir einen sogenannten Kulanz-Code. Selbiger sollte mich in die Lage versetzen, online eine „Mobile Paketmarke“ ohne Bezahlung zu erwerben. So weit die Theorie.

In der Praxis stellte die DHL-Netztechnik fest, dass der Code für ein Päckchen der schon mal versandten Größe, welche ich selbstverständlich im Telefonat (und den noch folgenden) angegeben hatte, nicht verwendet werden konnte. Wohlweislich, dass es mich Nervenstärke kosten würde, griff ich wieder zum Telefonhörer, wählte die Hotline-Nummer und durfte mir das Tüddelüddeldüm zum gefühlt fünfundrölfzigsten Mal anhören. Die freundliche Mitarbeiterin (sie kannte sowohl Tageszeit als auch ihre Namen und ließ mich beides wissen) hörte sich die ganze Geschichte nochmal an, gab die 00340434270263723293 ins System ein. Daraufhin musste sie bekennen,  dass sie erst seit Kurzem bei der Hotline arbeite, noch eingeschränkte Kompetenzen habe und sie mich daher leider weiter verbinden müsse. Ich solle gleich bitte einfach die 1 wählen.

Gesagt, getan, allerdings fiel mir beinahe das Telefon aus der Hand, als mir das zum Überdruss vertraute Tü…, na ihr wisst schon, nebst Bandansage aus selbigem entgegenschallte. Zur Abwechslung war es dann mal ein Mann, dem ich die Nummer 0034…, na ihr wisst schon, meine Absender-Adresse, Päckchengröße, und die gesamte Geschichte vom zurückgeschickten Päckchen bis zum nicht funktionierenden Code schilderte. In Erwartung eines neuen Kulanz-Codes rechnete ich mit einer hochdeutschen Abwandlung von „Nähm sisch mo wos zom Schröibn“ und hielt Papier und Stift bereit.  Umsonst, denn ich bekam die gänzlich unerwünschte Information, mein Anliegen könne leider nicht telefonisch gelöst werden. Ich solle bitte das Online-Formular auf der DHL-Homepage nutzen. Meine Stimmung hob sich nur unwesentlich, als der Mensch am anderen Ende der Telefonleitung doch tatsächlich Verständnis dafür signalisierte, dass ich mich in dem Moment so richtig, sorry, verarscht fühlte.

Also auf ein Neues, dieses mal ohne Tüddelüddeldüm – nicht, dass ich es vermisst hätte – aber mit den bereits dreimal vorgebrachten Angaben von Paketnummer über Adressen bis zur Päckchengröße. Postwendend 😉 bekam ich natürlich eine automatische Antwort, dass man sich schnellstmöglich um mein Anliegen kümmern werde. Vorsichtshalber wurde ich schon mal um Geduld gebeten für den Fall, dass es zu Verzögerungen kommen könnte.

Nur mühsam bewahrte ich meine Contenance, als wenige Tage später abends um 19 Uhr ein leibhaftiger Mitarbeiter von DHL ganz ohne Tüddelüddeldüm bei mir anrief um allen Ernstes zu fragen, welche Päckchengröße ich denn versendet hätte. Jedenfalls bekam ich am selben Abend per Mail einen Kulanz-Code zugeschickt, mit dem ich sogar ein größeres und schwereres Päckchen hätte frankieren können. Als ob ich Lust gehabt hätte, da nochmal was ein- und auszupacken. Dass es dann tatsächlich am Tag nach dem Absenden bei der Empfängerin problemlos angekommen war, versöhnte mich nur unwesentlich mit der Tatsache, dass eine für mich wichtige Bestellung auf dem Weg zu mir eine fünftägige Pause im zuständigen Paketzentrum einlegen durfte. Wenigstens hatte die Hotline des Händlers kein Tüddel…., ach, lassen wir das.

fl

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Pro Stich ein Euro

Es ist schon ziemlich verrückt. Das Münsterland ist in heller Aufregung wegen des massenhaften Aufkommens von Raupen, deren Brennhärchen üble Auswirkungen bis hin zum anaphylaktischen Schock haben können und gleichzeitig gibt es viele Ideen, Vorschläge und Initiativen, um einem weiteren Aussterben von Insekten entgegen zu wirken. Es ist also, wie so oft: Von den Bösen gibt es viel zu viel, von den Guten viel zu wenig. Ich könnte jetzt behaupten, die Idee „Tu mal was für die Guten“ wäre ausschlaggebend dafür gewesen, dass ich meine Balkonkästen mit einem Saat-Vlies für „Bauerngarten-Blumen“ bestückt habe. Die Wahrheit ist, dass kein einziger meiner Daumen irgendeine grüne Färbung aufweist.

Für die Vlies-Dinger reichen meine gärtnerischen Fähigkeiten durchaus. Dass sich, wie auf der Packung versprochen, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten magnetisch angezogen fühlen, konnte ich allerdings nicht feststellen. Reichten im Vorjahr Lavendel, Tomaten und ein paar Kräuter, dass sich in schöner Regelmäßigkeit Bienen bis in den dritten Stock verirrten, habe ich bislang nur Blattläuse gesehen. Und Ameisen. Jede Menge Ameisen, die sich über die Läuse ganz sicher mehr freuen als ich. Der dicke Kreidestrich, den ich vor der Balkontür gezogen habe, hat übrigens keine esoterische Bedeutung.

Als Alternative eine Patenschaft für Blühstreifen zu übernehmen, wie sie von Landwirten angeboten wird, kommt allerdings für mich nicht in Frage. Dabei geht es nicht darum, dass ich etwas dagegen hätte, wenn statt totgespritzter Mais-Brachen mehr und mehr blühende Wiesen zu finden sind, im Gegenteil. Ich habe nur etwas dagegen, dass diejenigen, die ganz sicher nicht unbeteiligt sind am Insektensterben sich jetzt loben und vor allem großzügig bezahlen lassen, wenn sie wenigstens auf kleinen Randflächen diese Schäden wieder wett machen wollen. Außerdem leiste ich persönlich einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zum Fortbestand von Insekten, allerdings nur für blutsaugende Mücken. Die nämlich gibt es im Gegensatz zu Bienen und Schmetterlingen im Blumenkasten in meinem Wohnzimmer und meinem Schlafzimmer reichlich. Diese Mistviecher scheinen ihr nervtötendes Surren, mit dem man sie lokalisieren kann, in diesem Jahr eingestellt zu haben. Dafür haben sie sich aber anscheinend die Fähigkeit zugelegt, durch Shirts, Blusen und dünne Hosen stechen zu können und haben im Vergleich zu den Vorjahren das Juck-Potential ihrer Stiche verdoppelt.

Um zwischen 30 und 100 Eier ablegen zu müssen, brauchen die Mückenweibchen Blut, ich habe also in den vergangenen Tagen die Existenz von einigen hundert, wenn nicht gar tausend Mücken gesichert und damit auch Gutes für die Vogelwelt getan. Und für Fledermäuse – nicht, dass mir das ein besonderes Anliegen wäre. Es wäre also nicht die schlechteste Geschäftsidee, wenn ich für einen Euro eine Patenschaft pro Mückenstich anbieten würde. Interessierte bitte melden!

Und bis ich mir davon einen Urlaub leisten kann, genieße ich auf Balkonien den Anblick von Bauerngarten-Blumen. Sie sehen nämlich wirklich schön aus.

fl

Frisch aus dem Container

Es ist kein Geheimnis, dass ich gerne und gut esse, denn das sieht man mir an. Der Hang zu gutem Essen mit der gleichzeitigen Wut über Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln könnte fast Anlass dazu geben, dass ich kriminell werde, wenn nicht Übergewicht in Verbindung mit beschämender Unsportlichkeit mich davon abhalten würde. Denn leider sind die Container der Supermärkte in der Regel von hohen Zäunen umgeben, um die Lebensmittel kurz bevor sie vernichtet werden vor dem Verzehr zu bewahren. Großartige Geste :-(.

Ja, ich finde Containern, also noch gut verwendbare Lebensmittel aus Abfallbehältern vor der Vernichtung zu retten, gut. Natürlich wäre es mir lieber, das Konsumverhalten würde solche Container überflüssig machen. Aber leider gibt es viel zu viele Kund/innen, die darauf beharren, kurz vor Ladenschluss unter mindestens zehn statt drei Brotsorten auswählen zu können. Die Folge: Supermärkte vermieten Ladenflächen nur an Bäckereifilialen, die sich verpflichten, auch am späten Nachmittag mehr Waren im Angebot zu haben, als sie bis Feierabend verkaufen können. Und vielen Vebraucher/innen ist es nicht begreiflich zu machen, dass der Verzehr eines Erdbeerjoghurts einen Tag nach dem MINDESThaltbarkeitsdatum nicht den sicheren Tod oder wenigstens tagelange Beschwerden bedeuten, die eine größere Entfernung von der Badkeramik nicht ratsam erscheinen lassen. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass ein Fruchtjoghurt auch noch Wochen nach dem vom Hersteller empfohlenen Verzehr-Termin keinerlei gesundheitliche Schäden hervorruft und kann versichern, dass er sogar noch schmeckt.

Dass übrigens ist es, was mich in der ganzen Debatte um Haltbarkeitsdatum, Verzehrempfehlung und Warnung vor Verdorbenem aus dem Container immer wieder erstaunt: Warum vertraut niemand mehr auf den gesunden Menschenverstand, der einem sagt, dass Lebensmittel, die mit einem weißgrünen Flaum überzogen sind, ebenso in die Tonne gehören und dort bleiben müssen wie die, die einem zu widerlichen olfaktorischen Erlebnissen verhelfen. Und wenn eine  Messerspitze Testportion auf der Zunge britzelt oder muffig schmeckt, wird wohl kein vernünftiger Mensch zum Löffel greifen.

Ich bin immer mal wieder für mehrere Tage zu Gast in einer kleinen Landkommune, deren Bewohner/innen sich neben Erzeugnissen aus dem eigenen, nicht gerade kleinen Garten, vorwiegend mit Lebensmitteln verpflegen, die sie beim Containern ergattern können. Anders, als bei vielen Menschen, bei denen die Bedürftigkeit Anlass fürs Containern ist, ist es bei ihnen der Umweltgedanke und die Ablehnung der immer mehr um sich greifenden Wegwerf-Mentalität.

Die Folge: Ein sehr abwechslungsreicher Speiseplan, zum Teil mit Zutaten, die durchaus der Luxusklasse zuzuordnen sind. Das Kochen dort macht mir richtig Spaß, nicht nur weil an Singlemahlzeiten gewöhnt, die Mengen und Portionsgrößen eine Herausforderung sind, sondern weil mein Improvisationstalent gefordert wird. Zu kochen mit dem, was da ist und nicht erst einzukaufen um ein bestimmtes Gericht zu kochen, ist eine Herangehensweise die man auch ohne Containern viel häufiger praktizieren sollte. Spart nicht nur Geld, sondern bewahrt davor, dass der Kühlschrank irgendwann mit Resten überfüllt ist, die solange eingetuppert bleiben, bis sie wirklich hinüber sind.

Es macht mich immer wieder leicht fassungslos, welche Lebensmittel meine Gastgeber/innen aus den Containern fischen. Kistenweise Artischocken, teure Bio-Brotaufstriche (gerne auch mit MHD erst in zwei Wochen) und sogar ganze Käseräder wurden da schon „erbeutet“. Letztere hatten nur einen einzigen Makel: Es fehlte das Etikett mit der Zutatenliste und dem Mindeshaltbarkeitsdatum. Ach ja, die Bezeichnung fehlte damit natürlich auch, aber der Käse sah nicht nur aus wie Gouda sondern schmeckte auch so.

Aber, egal wie gut erhalten die Lebensmittel noch sind, wer sie braucht, und wie gut sie schmecken: es ist und bleibt strafbar, sie aus den Containern der Supermärkte zu nehmen. Das haben die CDU-Justizminister jüngst bekräftigt, als sie gegen den Vorstoß ihres grünen Kollegen aus Hamburg stimmten, das Containern zu legalisieren. Das allein finde ich schon ärgerlich, weil vermutlich in erster Linie Parteiräson und nicht Intelligenz und Einsicht ausschlaggebend dafür ist. Wirklich haarsträubend aber finde ich die Begründung der Unionsminister, die den Umweltgedanken in Zeiten von Friday für Future oder populären Videobotschaften wohl für unwichtig halten : „Wir wollen nicht, dass sich Menschen in eine solche menschenunwürdige und hygienisch problematische Situation begeben.“

Ja Herrschaften, wie wärs denn mal dafür zu sorgen, dass Menschen in unserem reichen Land nicht unter solchen menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen, dass sie oft keine andere Wahl haben, als sich in solche Situationen zu begeben? Zum Donnerschlag nochmal!

fl

P.S.: Ratet mal, wer diese Petition schon unterschrieben hat: Containern ist kein Verbrechen

Egal, wie die Haare sind

Das Kunststück einen handtuchgroßen Wahlzettel in einen C6 Briefumschlag so zu stopfen, dass Letzterer auch verschlossen werden kann, habe ich schon bewältigt. Und dabei habe ich in Gedanken den vielen Frauen und Männern Beileid und Hochachtung gezollt, die am Sonntagabend feststellen müssen, an welchen der 40 möglichen Stellen jemand ein Kreuz gemacht hat, um dann anschließend die Stimmen für die einzelnen Parteien zusammenzuzählen.

Da ich, wie seit Jahren – und ja, ich gebe es zu, aus Bequemlichkeit – Briefwahl mache, könnte das Thema Europa-Wahlkampf eigentlich für mich abgeschlossen sein. Nicht zuletzt, weil ich noch kein einziges Wahlplakat gesehen habe, dass ich nur ein klitzekleines bisschen interessant fand.

Wenn ich aber lese, mit welchen Mitteln einige Parteien und Gruppierungen Wahlkampf betreiben, dann werde ich ziemlich sauer. Die Organisation Avaaz hat laut Tagesschau eine Vielzahl von Fake-Profilen auf Facebook aufgespürt, die im Vorfeld der Europawahl Falschinformationen verbreitet haben. Auch Deutschland ist massiv betroffen, von den 550 verdächtigen Seiten und Gruppen aus fünf Ländern steht Deutschland mit 119 Fällen auf Rang zwei hinter Polen mit 197 Fällen. Bei den 328 vermuteten Fake-Profilen ist Deutschland unangefochtener Spitzenreiter mit 204 Fällen. Insgesamt hatten die verdächtigen Seiten, Gruppen, Netzwerke und Profile 31 991 749 Follower (Deutschland: 898 918) und 67 442 042 Interaktionen (Deutschland: 2 203 344). Von 230 von Facebook nach der Avaaz-Untersuchung entfernten Seiten waren 131 aus Deutschland. Muss ich noch erwähnen, dass eine Vielzahl der Seiten der AfD zugeordnet wurden, die auf diesen Wegen nicht nur Falschinformationen, sondern auch rechtsextreme Inhalte verbreitet hat.

Mal ganz ehrlich: Was soll das? Warum meinen Menschen, die nicht mit anständiger Sacharbeit und guten Argumenten überzeugen können, sie müssten Politik machen? Und warum bedienen sich ausgerechnet diejenigen der schmutzigsten Kniffe, die sich als nimmermüde Saubermänner im selbstlosen Einsatz „fürrr unserrr Vaterrrland“ verkaufen wollen? Ja, ich weiß, es gibt auch ein paar selbsternannte Sauberfrauen, aber die geben sich meistens mit der Rolle des emanzipatorischen Feigenblatts zufrieden.

Und was bitte ist das für ein „Wahlkampf“, wenn ein Youtuber der größten Regierungspartei mit einer Vielzahl von durch Quellen belegten Fakten aufzeigt, wo diese in den letzten Jahren versagt hat, und die Reaktionen der Kritisierten darauf fast durchgehend irgendwas mit den blaugefärbten Haaren des Mannes zu tun haben. Sollen wir jetzt den Vorsitzenden einer (zumindest in 2017) regierungsunwilligen kleinen Partei im Bundestag ständig nur noch mit implantiertem Haupthaar in Verbindung bringen? Obwohl dabei wird einem ja in den Kopf gestochen, vielleicht sollte das nicht ganz unberücksichtigt bleiben…

Ja, da macht wählen gehen nicht immer Spaß, was aber der Notwendigkeit keinen Abbruch tut. Ganz nach dem kürzlich von einer jungen Frau gehörten Motto „Mein Opa hat immer gesagt, Wählen ist wie Zähne putzen. Wenn man es lässt, wird’s braun.“

Sollte zufällig jemand derjenigen, die mit ihrer Wahlentscheidung dafür sorgen wollen, dass es braun wird, und die gerade nicht das Netz mit blauen Herzchen fluten, diese Zeilen lesen, nicht vergessen: Wenn Ihr den Wahlzettel unterschreibt, dann zählt Eure Stimme doppelt. Ja, ich weiß, der Witz ist uralt, aber aus seriöser Stimmzählerquelle weiß ich, dass er immer wieder funktioniert.

Wie auch immer:

fl

Bitte nicht!

Als ich vor über einem Jahr den Blogbeitrag „Horrido im Klassenzimmer“ schrieb, hatte ich doch ein bisschen stille Hoffnung, dass das von mir Beschriebene nie Wirklichkeit wird. Leider hat sich wieder mal erwiesen: Hoffnung auf gesunden Menschenverstand und USA unter Trump schließen sich gegenseitig aus, denn:

„Das Parlament des US-Bundesstaates Florida hat mit 65 zu 47 Stimmen ein Gesetz verabschiedet, das es Lehrern erlaubt, künftig Waffen im Klassenzimmer zu tragen.“ Tagesschau

Wieder einmal haben wirtschaftliche Interessen Vorrang vor Prävention u. a. durch Verbesserung des Schul- und Bildungswesens, ja letztendlich vor der Sicherheit von Kindern und Jugendlichen. Mit Verlaub, es ist zum Kotzen.

Jetzt hoffe ich inständig, dass nicht auch die von mir damals angeführten Horrorszenarien, was passieren kann, wenn Schusswaffen zur schulischen Normalität werden, irgendwann mal Wirklichkeit werden.

Herr Oter unterm Sofa

Seit Kurzem habe ich einen Mitbewohner. Nein, Niemanden, der meinen Kühlschrank mit Bierflaschen voll räumt, ich muss auch keine Hundesteuer bezahlen und kein Katzenstreu kaufen. Gekocht wird nach wie vor nach meinen Vorlieben und Abneigungen, Lebensmittelunverträglichkeiten spielen keine Rolle. Mein neuer Mitbewohner – da ich seinen Vornamen Sau-Grob ebenso unschön wie unpassend finde, spreche ich ihn mit seinem Nachnamen an und nenne ihn respektvoll Herr Oter – begnügt sich damit, ab und zu damit, mal an der Steckdose zu nuckeln. Ansonsten macht er das, was er machen soll, er bewegt sich planlos hin und her durch meine Wohnung, gibt dabei ein beruhigendes, monotones Geräusch von sich (es gibt auch welche, die können anders, aber dazu später mehr) und saugt Staub und Krümel von Laminat und Teppich auf. Und findet reichlich.

Jetzt werden sich sicher einige fragen, wie eine alleinstehende Frau mit Tagesfreizeit (Kopfkino aus, liebe Lesende) auf die Idee kommt, sich einen Saugroboter anzuschaffen. Vorsichtig ausgedrückt: Ich kann mich fürs Putzen einfach nicht begeistern. Drastisch ausgedrückt: ich hasse Putzen und schiebe es gerne vor mir her, bis der anfallende Aufwand meine Abneigung nur noch weiter schürt. Das mag daran liegen, dass sämtliche Putz- (und auch Aufräum-)Gene der Familie meine Mutter für sich beansprucht hat, die mindestens zweimal wöchentlich Staub putzte, der bei der Frequenz ohnehin kaum vorhanden war, und die sehr darauf bedacht war, regelmäßig die Teppichfransen mit einem dafür extra vorgesehenen Blechkamm zu sortieren. Und all diese Gene hat sie dann auch leider mit ins Grab genommen. Für mich ist da kaum etwas übrig geblieben, für meine bedauernswerten Kinder noch viel weniger. Ob das eine Rolle gespielt hat, dass eines dieser Kinder für mindestens drei Jahre und einen Tag freiwillig auf einen festen Wohnsitz verzichtet, muss ich ihn mal fragen. Ich jedenfalls habe mich für Herrn Oter als Mitbewohner entschieden.

Herr Oter ist ein eher simples Modell seiner Art, was auch günstige Auswirkungen auf seine Anschaffungskosten hatte. Er ist aber außer mit dem Saugmechanismus und niedlichen, rotierenden Pinselchen für die Feinarbeit in den Ecken nicht noch mit besonderen Raffinessen ausgestattet. Das hat den Vorteil, dass er, anders als manche seiner Kollegen schweigt und nicht per Computer-Stimme verkündet, wenn er sich irgendwo festgefahren hat. Gerade bei Berufstätigen, die den Roboter saugen lassen, während sie außer Haus ihrem Broterwerb nachgehen, finde ich das irgendwie ziemlich überflüssig. Aber ich gehöre ja auch zu denen, die erwarten, dass der(!) kleine Helfer seine Arbeit macht und nicht rumschwätzt und mir erzählt „Reinigung beendet“. Fehlt dann bloß noch, dass er fragt, „Na Schatz, wie war ich?“ Schön dagegen finde ich, wenn Herr Oter mich überrascht, zum Beispiel, wenn er aus der hintersten Ecke unterm Sofa wieder ans Tageslicht schnurrt und dabei ganz vorsichtig ein halbes Wollknäuel vor sich herschiebt.

Zugegeben, ein bisschen dumm ist Herr Oter schon. Wenn ich ihm per Fernbedienung ein „Husch, husch ins Körbchen“ zufunke, macht er auf dem Weg zur Ladestation zig Umwege und stößt dabei auch schon mal gegen Stuhl-oder Tischbeine. Dann bleibt er einen Moment verdutzt stehen, setzt ein bisschen zurück und dreht sich um circa 358 Grad, um dann wieder gegen das selbe Hindernis zu dotzen. Nach vier bis fünf Mal hat er es dann aber meistens begriffen und setzt seinen Zickzack-Kurs Richtung Stromversorgung fort.

Ob das ein geschlechtsspezifisches Problem ist, kann ich nicht beurteilen, denn die(!) Spülmaschine zickt auch manchmal ganz schön rum, wenn sie sich der Reinigung von Teebelägen in meinem Lieblingsbecher verweigert. Mit anderen Worten: Kann sein, muss aber nicht.

Jedenfalls ist Herr Oter durchaus cleverer als manche Männer, die die Google-Bildersuche mir zum Stichwort „Mann mit Staubsauger“ anzeigt, und die das mit dem Männerspielzeug irgendwie nicht verstanden haben.

fl

Ein schön genähter Roman

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Schade, dass ich zwar gerne, aber nicht besonders gut und eher selten nähe. Ich finde nämlich die Idee für Vielnäherinnen einfach schön, ein eigenes Nähbuch anzufertigen, bestehend aus einem einfachen Notizbuch, bei dem nach erfolgreichem Abschluss einer Näharbeit zwei Seiten mit dem Faden, der ohnehin noch auf der Maschine steckt, zusammen mit einem kleinen Stück des verarbeiteten Stoffs zusammengenäht werden. Ein paar Notizen, wann, was für wen aus welchem Anlass gefertigt wurde, und es entsteht ein Erinnerungsbuch mit deutlich mehr Charme als das Fotoalbum, in dem die x-te Mallorca-Reise vom Warten auf den Abflug bis zur Rückkehr mit Wäschebergen festgehalten ist.

Aber noch schöner als die Idee des Nähbuches finde ich es, wenn jemand die Idee, über alte Nähbücher einen Roman zu verfassen, so gelungen umsetzt wie Natalie Fergie in „Die Nähmaschine“. Erschienen übrigens in dem von mir erst kürzlich entdeckten Wunderraum-Verlag, dessen Library Cookbook mich bekanntlich bereits in Verzückung versetzte.

Zugegeben, ein bisschen Nostalgie kommt auch ins Spiel, denn zu meiner frühen Kindheit gehört das Spiel mit dem Trittbrett der mechanischen Nähmaschine, auf der meine Mutter sehr viel und sehr gekonnt genäht hat. Nachdem ich mir einmal ihren heiligen Zorn zugezogen hatte, weil das Garn noch in der Nadel war und ich für entsprechende Verknotungen gesorgt hatte, nie mehr ohne vorherige Nachfrage.

Aber zurück zu Natalie Fergies Debutroman, der anfangs nur in ihrem Internet-Blog zu lesen war, und der einen Bogen vom Arbeitskampf in den Singer-Werken im schottischen Clydebank 1911 (zu einer Zeit, in der Singer weltweit der unangefochtene Marktführer in Herstellung und Verkauf von Nähmaschinen war) bis ins Jahr 2016 schlägt, wo die alten Nähmaschinen bestenfalls noch als Ersatzteillager dienen, oder – auch eine schöne Idee der Autorin –  Material zur Herstellung von Schmuck und Kunstobjekten.

Erzählt werden die Geschichten von Menschen und ihren Arbeits- und Lebensbedingungen. Von der Näherin mit für heutige Verhältnisse üblen Arbeitsbedingungen, der Krankenschwester in den 1980ern, die als ledige Schwangere um ihren Arbeitsplatz bangen muss oder als junger, beruflich wenig erfolgreicher Mann in unserem Jahrzehnt, der eher ein bisschen widerwillig seine Liebe zum Nähen entdeckt, und vielen mehr. Einige davon schon fast ein eigenes Buch wert. Auf verschlungenen, aber niemals verworrenen Wegen kommen deren Nachfahren schließlich zusammen und einem wohlgehüteten Familiengeheimnis auf die Spur. Nicht unbedingt vorhersehbar, vor allem aber ganz ohne Kitsch und Schwulst, sondern in einer wunderbaren Erzählweise, die die Leser/innen mitnimmt, und die es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Mehr will ich gar nicht verraten, sondern Euch das Buch uneingeschränkt zum Selberlesen empfehlen, egal ob Ihr gerne näht, oder nicht.

Wie intensiv sich Natalie Fergie sich mit der Geschichte der Singer-Nähmaschinen beschäftigt hat, zeigt der Einblick in ihre Sammlung auf http://www.nataliefergie.com

fl

Erbe der WELTkultur

Es waren schon schlimme Bilder, die in dieser Woche aus Paris über die weltweiten Bildschirme flackerten und die Berichterstattung in den Medien bestimmten. Ja, es macht betroffen, wenn ein Stück Jahrhunderte alter Geschichte zerstört wird. Aber warum macht es betroffener, als wenn ein Vielzahl historischer Bauwerke und Zeitzeugen einer Jahrtausende alten Geschichte in Trümmern liegen? Wo waren denn die tagelangen Schlagzeilen, die Forderungen nach Sondersendungen und unzählige von tränenreichen Betroffenheitsbekunden im Internet, als beispielsweise die Altstadt von Aleppo zerbombt war? Ist die Tragödie größer, wenn der Anlass wahrscheinlich ein Unfall bei Renovierungsarbeiten war, als wenn sie eine bewusste und gezielte Entscheidung zur Zerstörung war? Sowohl Notre Dame als auch die Altstadt von Aleppo (ebenso wie zahlreiche andere zerstörte Denkmäler in Syrien, in Afghanistan, in Afrika) sind von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Sind diese, nur weil sie in Europa stehen, wertvoller, als wenn die aus dem arabischen Raum stammen?

Mich befremden einige Reaktionen auf den Brand in Paris, auch aus der Politik. Was bitte hätten denn die gescholtenen öffentlich-rechtlichen Sender am Abend des Brandes über das hinaus, was sie gezeigt und geschrieben haben, berichten sollen? Was hätte denn der Inhalt der von einigen geforderten Sondersendungen sein können? Standbilder von der Feuerwehrleiter, von der aus unablässig Löschwasser in die Rauchwolken floss? Welche Informationen wurden denn den Zuschauer/innen vorenthalten, wenn es keine gab? Wünschte sich ernsthaft jemand Programmunterbrechungen für eine gebetsmühlenartigen Wiederholung der Tatsache, dass den Einsatzkräften die Rettung des Gebäudes, oder möglichst vieler seiner Teile wichtiger war, als die Sensationslust der Menschen auf dem heimischen Sofa? Anders gefragt: Warum kann man sich nicht einfach mal mit vorhandenen Informationen zufrieden geben, wenn es vor Ort weitaus Wichtigeres gibt, als Pressemitteilungen rauszugeben?

Was passiert, wenn bei Veröffentlichungen Gerüchte und Spekulationen einen höheren Stellenwert haben als Fakten, haben diverse rechte Medien und Organisationen gezeigt, die mal wieder islamfeindliche Verschwörungstheorien in die Welt setzten die Welt setzten. Da lobe ich mir das Verantwortungsbewusstsein seriöser Journalist/innen.

Und ja, zu der hohen Spendenbereitschaft für den Wiederaufbau eines europäischen Bauwerks könnte ich eine Menge schreiben und mich damit den üblichen Whataboutismus-Vorwürfen bestimmter Kreise aussetzen. Ich lasse es und zitiere lediglich den Kabarettisten Phillip Simon:

„Eine Kirche brennt. Niemand kommt glücklicherweise ums Leben.
Europa steht zusammen. Präsidenten und deren Sprecher schicken trostspendende Nachrichten. Finanzielle Soforthilfen sind über Nacht organisiert.

Auf dem Mittelmeer kentern Boote. Tausende von Menschen sterben. Europa ist seit Jahren zerstritten. Präsidenten und deren Sprecher reden nicht darüber. Ehrenamtliche Seenotretter werden kriminalisiert.
Das Wertesystem bleibt mir ein Rätsel.“

fl

Wenn Millionäre sparen…

Es ist schon erstaunlich, was für Auswirkungen es hat, wenn jemand jahrelang ohne Rücksicht auf Umwelt und Gesundheit anderer seine Kund/innen und die Öffentlichkeit betrügt, nur damit die ohnehin gigantischen Umsätze und vor allem die Gewinne noch weiter wachsen. Dieses unmoralische Verhalten hat den Volkswagen-Konzern eine Menge Geld gekostet, und deshalb ist jetzt Sparen angesagt. Selbstverständlich auf Kosten der Belegschaft. Nicht nur, dass wieder mal reflexartig bei Umsatzrückgängen Stelleneinsparungen ins Spiel gebracht werden, das Personal in den Verwaltungen muss sich und die Farbkopierer künftig umstellen, auf schwarz-weiß. Die Chefetage hat nämlich angeordnet, dass man an den deutschen Standorten künftig auf Farbausdrucke verzichten müsse. Statt bunter Balkendiagramme gibt es künftig nur noch Pünktchen und Striche zur Unterscheidung, alles in traurigem Schwarz gedruckt. Das hat natürlich den Vorteil, dass dem Aufsichtsrat die roten Zahlen nicht mehr als Erstes ins Auge fallen.

Dass die Ausdrucke ins Geld gehen, unbestritten, denn laut VW waren es allein in den deutschen Niederlassungen im vergangenen Jahr140 Millionen Seiten, also eine neunstellige Zahl (das entspricht übrigens einem Gewicht von 700 Tonnen). Dafür sind grob gerechnet 140 Fichten in nur einem Jahr gestorben. Wie viele für die Konstruktionspläne für Elektro-Autos, ist mir nicht bekannt.

Die Hälfte, also 7 000 000 Blätter sind laut VW schön bunt gewesen. Grob gerechnet ist eine Farbkopie etwa 5 Cent pro Seite teurer als die Variante, für die nur schwarzer Toner verbraucht wird, was also eine Einsparung durch den Verzicht auf Farbe von satten 350 000 Euro im Jahr macht, rein rechnerisch knapp 60 000 Euro pro Standort. Da kommt mir der Begriff „Portokasse“ in den Sinn. Der Vorschlag ist also das Papier kaum wert, auf dem er ausgedruckt wurde, denn notwendige Nachrüstungen bei Dieselfahrzeugen wird der Konzern damit wohl kaum begleichen können.

Ich hätte da so eine Idee: Der VW-Vorstand hat sich im vorletzten Jahr Gehälter von über 50 Millionen Euro gegönnt, der frühere Vorstandschef Müller bekommt vom Konzern bis nächstes Jahr noch jährlich ca. 10 Millionen fürs Nichtstun. Na, wie wär’s denn mal???

Ich fürchte allerdings, die Neigung da „Anpassungen“ vorzunehmen, dürfte eher gering ausfallen. Es sollte mich stattdessen nicht wundern, wenn die hochdotierten Entscheidungsträger (inkl. der Handvoll Entscheidungsträgerinnen) im Konzern schon drüber nachdenken, welche Einsparungen es bringen könnte, die Büro-Temperaturen auf 16 Grad zu senken, Wasserspülungen durch 1 Liter Kannen zu ersetzen und die Belegschaft aufzufordern, das Toilettenpapier künftig von zu Hause mitzubringen.

fl

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