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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Monat

Januar 2022

Kritik ja, aber differenziert

Nicht umsonst heißt dieser Blog „Portion Senf dazu?“, denn hier wurde in über fünf Jahren zu den unterschiedlichsten Themen herumgesenft, über Bücher, Hobbys, Zwischenmenschliches, Aktuelles und Politisches, woran ich nicht unbeteiligt war. So manches Mal war der Senf Gelegenheit Dampf abzulassen, ganz oft habe ich mich aber auch auf die Finger gesetzt, statt zu tippen.

Über die Schlagzeilen, für die die katholische Kirche aktuell sorgt, fällt mir eine ganze Menge ein, was ich dazu schreiben könnte (und möchte), auch wenn ich als nicht praktizierende Protestantin das Elend von außen betrachte. Gar keine Frage, dass ich nicht den Hauch von Verständnis für Täter aufbringe, die ihre Machtstellung missbrauch(t)en, indem sie wehrlosen Kindern Gewalt antun, ebenso wenig wie für diejenigen, die ein erschreckendes Ausmaß an kriminellen Taten über viele Jahre verschwiegen, vertuscht und verharmlost haben, statt den Opfern angemessene Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. Darüber könnte ich mich hier jetzt seitenlang aufregen, persönliche Urteile fällen und Forderungen stellen. Abgesehen davon, dass sich dadurch nichts ändern wird, geht es mir aber an dieser Stelle um etwas ganz anderes, nämlich um die vielen, vielen Menschen, die jetzt in die Rolle gedrängt werden für das einzustehen, was einige wenige (immer noch zu viele) verbrochen haben.

Privatleute, die meilenweit entfernt sind von jeglicher Verantwortung für Verbrechen und dem verantwortungslosen Umgang damit, werden auf sexualisierte Gewalttaten von ihnen völlig unbekannten Tätern angesprochen und aufgefordert persönliche Konsequenzen aus dem zu ziehen, was starrköpfige Funktions- und Würdenträger ganz bewusst und gezielt falsch gemacht haben. Nicht selten gipfelt es in ungebetenen Ratschlägen doch aus der Kirche austreten, statt sie weiter mit Steuergeldern zu finanzieren. Ich bin sicher, dass viele Katholik/innen darüber nachgedacht haben und noch darüber nachdenken. Über deren Ergebnisse und  Schlussfolgerungen dürfen meiner Meinung nach Außenstehende gerade mal eventuelles Unverständnis äußern, aber keine Urteile abgeben, vor allem keine Verurteilungen.

Ortspfarrer, die jahrzehntelang mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet haben, ohne dass auch nur der leiseste Verdacht auf sexuelle/sexualisierte Übergriffigkeiten aufkommen konnte, werden völlig grundlos mit üblen Straftätern gleichgesetzt. Irgendwelche dummen Bemerkungen, sind da nicht witzig, sondern verletzend – nicht nur für die ganz große Mehrheit der integren Berufskollegen der Täter, sondern auch für die Opfer.

Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen. Kritik an der katholischen Kirche, an ihren patriarchalisch geprägten Machtstrukturen, an der Unterdrückung von Meinungen und Erkenntnissen, an der Ausgrenzung bestimmter Personengruppen, an den Fällen von Versagen in Sachen christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit, kann, soll und muss meiner Meinung nach geübt werden. Durchaus auch laut und hörbar. Und auch berechtigte Kritik an persönlichem Fehlverhalten von Kirchenangehörigen halte ich für angebracht. Aber nur dann, wenn sie sich gegen die direkt Verantwortlichen richtet und nicht völlig Unbeteiligte mit vereinnahmt.

Der sichtbare Vertrauensbruch durch Teile des kirchlichen Personals auf höherer Ebene hat viele Gläubige, die sich „ihrer“ Kirche verbunden fühlen, welche von „ihrem“ Seelsorgerteam, „ihren“ ehrenamtlich Engagierten und „ihren“ katholischen Einrichtungen vor Ort repräsentiert werden, in eine Vertrauenskrise gestürzt. Da braucht es nicht noch unreflektierte Verallgemeinerungen, haltlose Verunglimpfungen oder Häme von Außenstehenden. Unterstützung dafür, dass sich eine feste Basis von auch weiterhin engagierten Menschen mit ihren Forderungen nach grundlegenden Änderungen in der katholischen Kirche durchsetzt, dagegen schon.

fl

Der Wert der Masche

Socken stricken – eine ganz besondere Disziplin für all diejenigen, deren Hobby mit längeren Nadeln und Wolle zu tun hat. Ich habe mich viele Jahre dagegen gewehrt, weil ich nicht gerne nach Anleitung stricke, was aber in der Anfänger/innenphase bei der Sockenferse nun mal so gar nicht funktioniert. Außerdem war meine Mutter eine begeisterte Sockenstrickerin, die zu Lebzeiten die gesamte Familie hinreichend versorgte.

Nicht nur ihre Lebenszeit war begrenzt, sondern auch Socken haben bekanntlich kein ewiges Leben. Und nur diejenigen, die die Waschmaschine vermeintlich gefressen hat, können manchmal eine Wiederauferstehung für sich in Anspruch nehmen. Irgendwann ist aber der Moment erreicht, an dem die Löcher unter der Hacke nicht mehr gestopft werden können. Was also tun, wenn mensch sich an den Luxus der Selbsgestrickten so gewöhnt hat, dass die preisgünstigen Zehnerpacks aus dem Sonderangebot keine akzeptable Alternative darstellen?

Meine (seltenen) Stricksocken fange ich an der Spitze an

Als ich dann die fersenlosen Spiralsocken entdeckte, die auch unter der weniger attraktiven Bezeichnung „Regenwurmsocken“ im Netz zu finden sind, konnten meine Füße das gewohnte Gefühl von Wolle in rechten und linken Maschen genießen. Und mit der so genannten Bumerangferse, die ganz ohne Käppchen und Zwickel auskommt, war ich bald darauf sogar in der Lage etwas zu stricken, das nicht nur wie Socken getragen wird, sondern auch so aussieht.

Meine persönliche Achillesferse war dann leider auch recht schnell ausgemacht, ich finde Sockenstricken sehr, sehr langweilig. Vor allem, wenn Größen im oberen 40er Bereich gefordert sind, wie bei meinen Söhnen. Randbemerkung: Pullover in XXL mit Nadelstärke 4 habe ich regelmäßig auf der Nadel  – vielleicht fühlen sich Expert/innen in angewandter Küchentisch-Psychologie gerade herausgefordert :-).

Gut, dass es da (hoffentlich bald mal wieder) Basare und andere Gelegenheiten gibt, bei denen begeisterte Socken-Stricker/innen ihr Können in den Dienst einer guten Sache stellen. Eine gute Quelle für mich ist da der hiesige Eine-Welt-Laden, nicht nur weil keine 100 Meter von meiner Wohnung entfernt, sondern vor allem mit einer (außer in den ersten Wochen nach Weihnachten) beeindruckenden Auswahl in allen Größen und Farben und oft mit tollen Mustern ausgestattet.

Klar können die Preise dort mit dem schon erwähnten Zehnerpack nicht mithalten, aber ich finde sie ausgesprochen moderat. Allein schon, weil gute Wolle ihren Preis hat, aber besonders, weil in einem Paar Socken jede Menge Arbeit steckt. Entsprechend habe ich wenig Verständnis, wenn die ehrenamtlich Engagierten dort sich immer wieder anhören müssen, dass ihre Socken doch ganz schön teuer wären. Nein, sind sie nicht! Ganz bestimmt nicht!

Die Arbeitszeiten bei Handarbeiten sind kaum zu berechnen, denn die einen stricken schneller, die anderen häkeln langsamer und wieder andere, so wie ich, müssen beim Nähen regelmäßíg mal etwas auftrennen. Geübte Stricker/innen ohne Ambitionen auf Rekorde schaffen ein paar Socken an drei Abenden. Gehen wir mal davon aus, dass sie jeweils etwa vier Stunden pro Abend mit den Socken beschäftigt sind, kommt jetzt der Gedanke auf, welcher Stundenlohn wohl angemessen sein könnte. Der aktuelle Mindestlohn liegt bei 9.50, in die Rolle von Arbeitgebern geschlüpft, gibt es da natürlich Abzüge. Schließlich wird Socken-Arbeitszeit ganz gemütlich auf dem heimischen Sofa verbracht, wo keine Anforderungen an ein Business-Outfit gestellt werden, und es bedarf keines Gesellenbriefs nach dreijähriger dualer Ausbildung oder sogar eines Hochschul-Studiums, um Wollfäden durch Schlaufen zu ziehen. Eine fiktive Stricker/innen-Gewerkschaft müsste jetzt dagegen halten, dass die (Ab-)Nutzung der privaten Couch ebenso in Rechnung zu stellen ist, wie eventuelle Nachtzuschläge ab 22 Uhr. Bevor ich jetzt noch von Streiks und Aussperrungen phantasiere, lege ich einfach mal eine Bezahlung von sieben Euro pro Stunde fest mit dem Bewusstsein, dass gute Handarbeit viel mehr wert ist. Kurz und knackig: Ein paar handgestrickte Socken in durchschnittlicher Größe müsste nach dieser Rechnung für 84 Euro plus Materialkosten verkauft werden.

Klar kann man diese Überlegungen durchaus als Milchmädchen-Rechnung kritisieren, da neben der Strick-Geschwindigkeit auch Routine bei Ferse und Spitze, vor allem aber Muster eine wichtige Rolle dabei spielen, wie schnell Socke und Söckin fertig werden. Eine feste Größe ist allerdings die Maschenzahl, die unabhängig von Fertigkeit und Übung nur davon abhängig ist, ob das fertig Gestrickte Baby-Füßchen wärmen oder Handwerker-Füße vor  übermäßigem Schweißgeruch bewahren soll.

Wie ich ja schon erwähnte, gehört, anders als Maschen zu stricken, Maschen zu zählen wahrlich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, weshalb ich einem mir unbekannten Menschen sehr dankbar bin, dass er vor Jahren mal ausgerechnet hat, aus wie vielen Maschen eine Socke besteht, und das auch noch in einem Forum veröffentlicht hat. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

82 + ( 2 * 82) + 80 + (2 * 80) + 78 + (2 * 78) + 76 + (2 * 76) + 74 + (2 * 74) + 72 + (2 * 72) + 70 + (2 * 70) + 68 + (2 * 68) + 66 + (2 * 66) + 64 =
3 * (82 + 80 + 78 + 76 + 74 + 72 + 70 + 68 + 66) + 64 =
3 * (4 * 148 + 74) + 64 =
3 * (592 + 74) + 64 =
2062

Hierbei sind lediglich die Abnahmerunden des Fersenzwickels berechnet. Insgesamt hat die Socken-Mathematik das sagenhafte Endergebnis von vierzehntausendfünfhundertsechsundzwanzig Maschen – pro Socke wohlgemerkt.

Wer jetzt noch meint, für einen guten Zweck von Hand gefertigte Socken, seien mit gerade mal um die 15 Euro zu teuer, darf gerne mal überlegen, wie viel Cent eine handgestrickte Masche denn wohl wert sein darf. Und wem dann ein Paar immer noch zu „teuer“ ist, die/der könnte zum Zweck des Perspektiv-Wechsels mal zu Wollknäuel und Nadelspiel greifen und selber stricken. Diejenigen, deren geübtes Nadelklappern über Jahre hinweg schon viele soziale Projekte unterstützt hat, geben bestimmt gerne Hilfestellung. Auch beim Stricken.

fl

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