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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Monat

Juni 2019

Pro Stich ein Euro

Es ist schon ziemlich verrückt. Das Münsterland ist in heller Aufregung wegen des massenhaften Aufkommens von Raupen, deren Brennhärchen üble Auswirkungen bis hin zum anaphylaktischen Schock haben können und gleichzeitig gibt es viele Ideen, Vorschläge und Initiativen, um einem weiteren Aussterben von Insekten entgegen zu wirken. Es ist also, wie so oft: Von den Bösen gibt es viel zu viel, von den Guten viel zu wenig. Ich könnte jetzt behaupten, die Idee „Tu mal was für die Guten“ wäre ausschlaggebend dafür gewesen, dass ich meine Balkonkästen mit einem Saat-Vlies für „Bauerngarten-Blumen“ bestückt habe. Die Wahrheit ist, dass kein einziger meiner Daumen irgendeine grüne Färbung aufweist.

Für die Vlies-Dinger reichen meine gärtnerischen Fähigkeiten durchaus. Dass sich, wie auf der Packung versprochen, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten magnetisch angezogen fühlen, konnte ich allerdings nicht feststellen. Reichten im Vorjahr Lavendel, Tomaten und ein paar Kräuter, dass sich in schöner Regelmäßigkeit Bienen bis in den dritten Stock verirrten, habe ich bislang nur Blattläuse gesehen. Und Ameisen. Jede Menge Ameisen, die sich über die Läuse ganz sicher mehr freuen als ich. Der dicke Kreidestrich, den ich vor der Balkontür gezogen habe, hat übrigens keine esoterische Bedeutung.

Als Alternative eine Patenschaft für Blühstreifen zu übernehmen, wie sie von Landwirten angeboten wird, kommt allerdings für mich nicht in Frage. Dabei geht es nicht darum, dass ich etwas dagegen hätte, wenn statt totgespritzter Mais-Brachen mehr und mehr blühende Wiesen zu finden sind, im Gegenteil. Ich habe nur etwas dagegen, dass diejenigen, die ganz sicher nicht unbeteiligt sind am Insektensterben sich jetzt loben und vor allem großzügig bezahlen lassen, wenn sie wenigstens auf kleinen Randflächen diese Schäden wieder wett machen wollen. Außerdem leiste ich persönlich einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zum Fortbestand von Insekten, allerdings nur für blutsaugende Mücken. Die nämlich gibt es im Gegensatz zu Bienen und Schmetterlingen im Blumenkasten in meinem Wohnzimmer und meinem Schlafzimmer reichlich. Diese Mistviecher scheinen ihr nervtötendes Surren, mit dem man sie lokalisieren kann, in diesem Jahr eingestellt zu haben. Dafür haben sie sich aber anscheinend die Fähigkeit zugelegt, durch Shirts, Blusen und dünne Hosen stechen zu können und haben im Vergleich zu den Vorjahren das Juck-Potential ihrer Stiche verdoppelt.

Um zwischen 30 und 100 Eier ablegen zu müssen, brauchen die Mückenweibchen Blut, ich habe also in den vergangenen Tagen die Existenz von einigen hundert, wenn nicht gar tausend Mücken gesichert und damit auch Gutes für die Vogelwelt getan. Und für Fledermäuse – nicht, dass mir das ein besonderes Anliegen wäre. Es wäre also nicht die schlechteste Geschäftsidee, wenn ich für einen Euro eine Patenschaft pro Mückenstich anbieten würde. Interessierte bitte melden!

Und bis ich mir davon einen Urlaub leisten kann, genieße ich auf Balkonien den Anblick von Bauerngarten-Blumen. Sie sehen nämlich wirklich schön aus.

fl

Frisch aus dem Container

Es ist kein Geheimnis, dass ich gerne und gut esse, denn das sieht man mir an. Der Hang zu gutem Essen mit der gleichzeitigen Wut über Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln könnte fast Anlass dazu geben, dass ich kriminell werde, wenn nicht Übergewicht in Verbindung mit beschämender Unsportlichkeit mich davon abhalten würde. Denn leider sind die Container der Supermärkte in der Regel von hohen Zäunen umgeben, um die Lebensmittel kurz bevor sie vernichtet werden vor dem Verzehr zu bewahren. Großartige Geste :-(.

Ja, ich finde Containern, also noch gut verwendbare Lebensmittel aus Abfallbehältern vor der Vernichtung zu retten, gut. Natürlich wäre es mir lieber, das Konsumverhalten würde solche Container überflüssig machen. Aber leider gibt es viel zu viele Kund/innen, die darauf beharren, kurz vor Ladenschluss unter mindestens zehn statt drei Brotsorten auswählen zu können. Die Folge: Supermärkte vermieten Ladenflächen nur an Bäckereifilialen, die sich verpflichten, auch am späten Nachmittag mehr Waren im Angebot zu haben, als sie bis Feierabend verkaufen können. Und vielen Vebraucher/innen ist es nicht begreiflich zu machen, dass der Verzehr eines Erdbeerjoghurts einen Tag nach dem MINDESThaltbarkeitsdatum nicht den sicheren Tod oder wenigstens tagelange Beschwerden bedeuten, die eine größere Entfernung von der Badkeramik nicht ratsam erscheinen lassen. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass ein Fruchtjoghurt auch noch Wochen nach dem vom Hersteller empfohlenen Verzehr-Termin keinerlei gesundheitliche Schäden hervorruft und kann versichern, dass er sogar noch schmeckt.

Dass übrigens ist es, was mich in der ganzen Debatte um Haltbarkeitsdatum, Verzehrempfehlung und Warnung vor Verdorbenem aus dem Container immer wieder erstaunt: Warum vertraut niemand mehr auf den gesunden Menschenverstand, der einem sagt, dass Lebensmittel, die mit einem weißgrünen Flaum überzogen sind, ebenso in die Tonne gehören und dort bleiben müssen wie die, die einem zu widerlichen olfaktorischen Erlebnissen verhelfen. Und wenn eine  Messerspitze Testportion auf der Zunge britzelt oder muffig schmeckt, wird wohl kein vernünftiger Mensch zum Löffel greifen.

Ich bin immer mal wieder für mehrere Tage zu Gast in einer kleinen Landkommune, deren Bewohner/innen sich neben Erzeugnissen aus dem eigenen, nicht gerade kleinen Garten, vorwiegend mit Lebensmitteln verpflegen, die sie beim Containern ergattern können. Anders, als bei vielen Menschen, bei denen die Bedürftigkeit Anlass fürs Containern ist, ist es bei ihnen der Umweltgedanke und die Ablehnung der immer mehr um sich greifenden Wegwerf-Mentalität.

Die Folge: Ein sehr abwechslungsreicher Speiseplan, zum Teil mit Zutaten, die durchaus der Luxusklasse zuzuordnen sind. Das Kochen dort macht mir richtig Spaß, nicht nur weil an Singlemahlzeiten gewöhnt, die Mengen und Portionsgrößen eine Herausforderung sind, sondern weil mein Improvisationstalent gefordert wird. Zu kochen mit dem, was da ist und nicht erst einzukaufen um ein bestimmtes Gericht zu kochen, ist eine Herangehensweise die man auch ohne Containern viel häufiger praktizieren sollte. Spart nicht nur Geld, sondern bewahrt davor, dass der Kühlschrank irgendwann mit Resten überfüllt ist, die solange eingetuppert bleiben, bis sie wirklich hinüber sind.

Es macht mich immer wieder leicht fassungslos, welche Lebensmittel meine Gastgeber/innen aus den Containern fischen. Kistenweise Artischocken, teure Bio-Brotaufstriche (gerne auch mit MHD erst in zwei Wochen) und sogar ganze Käseräder wurden da schon „erbeutet“. Letztere hatten nur einen einzigen Makel: Es fehlte das Etikett mit der Zutatenliste und dem Mindeshaltbarkeitsdatum. Ach ja, die Bezeichnung fehlte damit natürlich auch, aber der Käse sah nicht nur aus wie Gouda sondern schmeckte auch so.

Aber, egal wie gut erhalten die Lebensmittel noch sind, wer sie braucht, und wie gut sie schmecken: es ist und bleibt strafbar, sie aus den Containern der Supermärkte zu nehmen. Das haben die CDU-Justizminister jüngst bekräftigt, als sie gegen den Vorstoß ihres grünen Kollegen aus Hamburg stimmten, das Containern zu legalisieren. Das allein finde ich schon ärgerlich, weil vermutlich in erster Linie Parteiräson und nicht Intelligenz und Einsicht ausschlaggebend dafür ist. Wirklich haarsträubend aber finde ich die Begründung der Unionsminister, die den Umweltgedanken in Zeiten von Friday für Future oder populären Videobotschaften wohl für unwichtig halten : „Wir wollen nicht, dass sich Menschen in eine solche menschenunwürdige und hygienisch problematische Situation begeben.“

Ja Herrschaften, wie wärs denn mal dafür zu sorgen, dass Menschen in unserem reichen Land nicht unter solchen menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen, dass sie oft keine andere Wahl haben, als sich in solche Situationen zu begeben? Zum Donnerschlag nochmal!

fl

P.S.: Ratet mal, wer diese Petition schon unterschrieben hat: Containern ist kein Verbrechen

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