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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Monat

April 2019

Ein schön genähter Roman

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Schade, dass ich zwar gerne, aber nicht besonders gut und eher selten nähe. Ich finde nämlich die Idee für Vielnäherinnen einfach schön, ein eigenes Nähbuch anzufertigen, bestehend aus einem einfachen Notizbuch, bei dem nach erfolgreichem Abschluss einer Näharbeit zwei Seiten mit dem Faden, der ohnehin noch auf der Maschine steckt, zusammen mit einem kleinen Stück des verarbeiteten Stoffs zusammengenäht werden. Ein paar Notizen, wann, was für wen aus welchem Anlass gefertigt wurde, und es entsteht ein Erinnerungsbuch mit deutlich mehr Charme als das Fotoalbum, in dem die x-te Mallorca-Reise vom Warten auf den Abflug bis zur Rückkehr mit Wäschebergen festgehalten ist.

Aber noch schöner als die Idee des Nähbuches finde ich es, wenn jemand die Idee, über alte Nähbücher einen Roman zu verfassen, so gelungen umsetzt wie Natalie Fergie in „Die Nähmaschine“. Erschienen übrigens in dem von mir erst kürzlich entdeckten Wunderraum-Verlag, dessen Library Cookbook mich bekanntlich bereits in Verzückung versetzte.

Zugegeben, ein bisschen Nostalgie kommt auch ins Spiel, denn zu meiner frühen Kindheit gehört das Spiel mit dem Trittbrett der mechanischen Nähmaschine, auf der meine Mutter sehr viel und sehr gekonnt genäht hat. Nachdem ich mir einmal ihren heiligen Zorn zugezogen hatte, weil das Garn noch in der Nadel war und ich für entsprechende Verknotungen gesorgt hatte, nie mehr ohne vorherige Nachfrage.

Aber zurück zu Natalie Fergies Debutroman, der anfangs nur in ihrem Internet-Blog zu lesen war, und der einen Bogen vom Arbeitskampf in den Singer-Werken im schottischen Clydebank 1911 (zu einer Zeit, in der Singer weltweit der unangefochtene Marktführer in Herstellung und Verkauf von Nähmaschinen war) bis ins Jahr 2016 schlägt, wo die alten Nähmaschinen bestenfalls noch als Ersatzteillager dienen, oder – auch eine schöne Idee der Autorin –  Material zur Herstellung von Schmuck und Kunstobjekten.

Erzählt werden die Geschichten von Menschen und ihren Arbeits- und Lebensbedingungen. Von der Näherin mit für heutige Verhältnisse üblen Arbeitsbedingungen, der Krankenschwester in den 1980ern, die als ledige Schwangere um ihren Arbeitsplatz bangen muss oder als junger, beruflich wenig erfolgreicher Mann in unserem Jahrzehnt, der eher ein bisschen widerwillig seine Liebe zum Nähen entdeckt, und vielen mehr. Einige davon schon fast ein eigenes Buch wert. Auf verschlungenen, aber niemals verworrenen Wegen kommen deren Nachfahren schließlich zusammen und einem wohlgehüteten Familiengeheimnis auf die Spur. Nicht unbedingt vorhersehbar, vor allem aber ganz ohne Kitsch und Schwulst, sondern in einer wunderbaren Erzählweise, die die Leser/innen mitnimmt, und die es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Mehr will ich gar nicht verraten, sondern Euch das Buch uneingeschränkt zum Selberlesen empfehlen, egal ob Ihr gerne näht, oder nicht.

Wie intensiv sich Natalie Fergie sich mit der Geschichte der Singer-Nähmaschinen beschäftigt hat, zeigt der Einblick in ihre Sammlung auf http://www.nataliefergie.com

fl

Erbe der WELTkultur

Es waren schon schlimme Bilder, die in dieser Woche aus Paris über die weltweiten Bildschirme flackerten und die Berichterstattung in den Medien bestimmten. Ja, es macht betroffen, wenn ein Stück Jahrhunderte alter Geschichte zerstört wird. Aber warum macht es betroffener, als wenn ein Vielzahl historischer Bauwerke und Zeitzeugen einer Jahrtausende alten Geschichte in Trümmern liegen? Wo waren denn die tagelangen Schlagzeilen, die Forderungen nach Sondersendungen und unzählige von tränenreichen Betroffenheitsbekunden im Internet, als beispielsweise die Altstadt von Aleppo zerbombt war? Ist die Tragödie größer, wenn der Anlass wahrscheinlich ein Unfall bei Renovierungsarbeiten war, als wenn sie eine bewusste und gezielte Entscheidung zur Zerstörung war? Sowohl Notre Dame als auch die Altstadt von Aleppo (ebenso wie zahlreiche andere zerstörte Denkmäler in Syrien, in Afghanistan, in Afrika) sind von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Sind diese, nur weil sie in Europa stehen, wertvoller, als wenn die aus dem arabischen Raum stammen?

Mich befremden einige Reaktionen auf den Brand in Paris, auch aus der Politik. Was bitte hätten denn die gescholtenen öffentlich-rechtlichen Sender am Abend des Brandes über das hinaus, was sie gezeigt und geschrieben haben, berichten sollen? Was hätte denn der Inhalt der von einigen geforderten Sondersendungen sein können? Standbilder von der Feuerwehrleiter, von der aus unablässig Löschwasser in die Rauchwolken floss? Welche Informationen wurden denn den Zuschauer/innen vorenthalten, wenn es keine gab? Wünschte sich ernsthaft jemand Programmunterbrechungen für eine gebetsmühlenartigen Wiederholung der Tatsache, dass den Einsatzkräften die Rettung des Gebäudes, oder möglichst vieler seiner Teile wichtiger war, als die Sensationslust der Menschen auf dem heimischen Sofa? Anders gefragt: Warum kann man sich nicht einfach mal mit vorhandenen Informationen zufrieden geben, wenn es vor Ort weitaus Wichtigeres gibt, als Pressemitteilungen rauszugeben?

Was passiert, wenn bei Veröffentlichungen Gerüchte und Spekulationen einen höheren Stellenwert haben als Fakten, haben diverse rechte Medien und Organisationen gezeigt, die mal wieder islamfeindliche Verschwörungstheorien in die Welt setzten die Welt setzten. Da lobe ich mir das Verantwortungsbewusstsein seriöser Journalist/innen.

Und ja, zu der hohen Spendenbereitschaft für den Wiederaufbau eines europäischen Bauwerks könnte ich eine Menge schreiben und mich damit den üblichen Whataboutismus-Vorwürfen bestimmter Kreise aussetzen. Ich lasse es und zitiere lediglich den Kabarettisten Phillip Simon:

„Eine Kirche brennt. Niemand kommt glücklicherweise ums Leben.
Europa steht zusammen. Präsidenten und deren Sprecher schicken trostspendende Nachrichten. Finanzielle Soforthilfen sind über Nacht organisiert.

Auf dem Mittelmeer kentern Boote. Tausende von Menschen sterben. Europa ist seit Jahren zerstritten. Präsidenten und deren Sprecher reden nicht darüber. Ehrenamtliche Seenotretter werden kriminalisiert.
Das Wertesystem bleibt mir ein Rätsel.“

fl

Wenn Millionäre sparen…

Es ist schon erstaunlich, was für Auswirkungen es hat, wenn jemand jahrelang ohne Rücksicht auf Umwelt und Gesundheit anderer seine Kund/innen und die Öffentlichkeit betrügt, nur damit die ohnehin gigantischen Umsätze und vor allem die Gewinne noch weiter wachsen. Dieses unmoralische Verhalten hat den Volkswagen-Konzern eine Menge Geld gekostet, und deshalb ist jetzt Sparen angesagt. Selbstverständlich auf Kosten der Belegschaft. Nicht nur, dass wieder mal reflexartig bei Umsatzrückgängen Stelleneinsparungen ins Spiel gebracht werden, das Personal in den Verwaltungen muss sich und die Farbkopierer künftig umstellen, auf schwarz-weiß. Die Chefetage hat nämlich angeordnet, dass man an den deutschen Standorten künftig auf Farbausdrucke verzichten müsse. Statt bunter Balkendiagramme gibt es künftig nur noch Pünktchen und Striche zur Unterscheidung, alles in traurigem Schwarz gedruckt. Das hat natürlich den Vorteil, dass dem Aufsichtsrat die roten Zahlen nicht mehr als Erstes ins Auge fallen.

Dass die Ausdrucke ins Geld gehen, unbestritten, denn laut VW waren es allein in den deutschen Niederlassungen im vergangenen Jahr140 Millionen Seiten, also eine neunstellige Zahl (das entspricht übrigens einem Gewicht von 700 Tonnen). Dafür sind grob gerechnet 140 Fichten in nur einem Jahr gestorben. Wie viele für die Konstruktionspläne für Elektro-Autos, ist mir nicht bekannt.

Die Hälfte, also 7 000 000 Blätter sind laut VW schön bunt gewesen. Grob gerechnet ist eine Farbkopie etwa 5 Cent pro Seite teurer als die Variante, für die nur schwarzer Toner verbraucht wird, was also eine Einsparung durch den Verzicht auf Farbe von satten 350 000 Euro im Jahr macht, rein rechnerisch knapp 60 000 Euro pro Standort. Da kommt mir der Begriff „Portokasse“ in den Sinn. Der Vorschlag ist also das Papier kaum wert, auf dem er ausgedruckt wurde, denn notwendige Nachrüstungen bei Dieselfahrzeugen wird der Konzern damit wohl kaum begleichen können.

Ich hätte da so eine Idee: Der VW-Vorstand hat sich im vorletzten Jahr Gehälter von über 50 Millionen Euro gegönnt, der frühere Vorstandschef Müller bekommt vom Konzern bis nächstes Jahr noch jährlich ca. 10 Millionen fürs Nichtstun. Na, wie wär’s denn mal???

Ich fürchte allerdings, die Neigung da „Anpassungen“ vorzunehmen, dürfte eher gering ausfallen. Es sollte mich stattdessen nicht wundern, wenn die hochdotierten Entscheidungsträger (inkl. der Handvoll Entscheidungsträgerinnen) im Konzern schon drüber nachdenken, welche Einsparungen es bringen könnte, die Büro-Temperaturen auf 16 Grad zu senken, Wasserspülungen durch 1 Liter Kannen zu ersetzen und die Belegschaft aufzufordern, das Toilettenpapier künftig von zu Hause mitzubringen.

fl

Einser-Abi in Snobismus

Bald startet sie wieder, die Saison für Cocktail-Kleider und bodenlange Roben in allen Farben und Schattierungen, die die Bandbreite von geschmacklos bis todschick abdecken, und die Eines gemeinsam haben: Sie werden nur höchst selten ein zweites Mal getragen. Es steht die Zeit bevor, in der Kosmetiker/innen und Friseur/innen samstags Sonderschichten einlegen, und junge Männer sich seit ihrer Kommunion/Konfirmation erstmals in Anzug und Krawatte werfen, dieses Mal ganz ohne Druck der Eltern. Nein, es geht nicht um den Wonnemonat Mai, der gerne als Datum zur Eheschließung ausgesucht wird, sondern landauf landab stehen Abi-Bälle ins Haus.

Für die meisten Eltern ein Anlass zwischen Erstaunen und Entsetzen, nicht nur wegen der Fragen „Wo ist die Zeit geblieben, seitdem ich auf einem kleinen Kindergartenstühlchen eine Schultüte für mein Kind gebastelt habe?“ und „Was wird, wenn sie/er bald von zu Hause auszieht?“, sondern nicht selten auch wegen der Überlegung „Wer bitte soll das denn bezahlen?“

Ja, nicht nur die vergangenen Jahre, in denen der hoffnungsvolle Nachwuchs mit Essen, Trinken, (Marken?)Kleidung, Schulbüchern, Klassenfahrten – ach, was schreib ich Klassen-Fernreisen, Taschengeld, Handys und Spielkonsolen ein ordentliches Loch in das elterliche Budget riss, waren teuer, sondern auch der Endpunkt dieser Zeit schlägt mit den Kosten für so manchen Abiball nochmal gehörig zu Buche. Für die Abiturientinnen meist erheblicher als für ihre Schulkollegen.

Da ist erst mal die Jagd nach den passenden Kleidern. Eines für die Zeugnisübergabe inklusive oft ebenso langatmiger wie langweiliger Reden, so dass sich knitterarmes Material empfiehlt. Schließlich wollen die jungen Frauen auf dem abschließenden Gemeinschaftsfoto nicht aussehen, als wären sie am Vorabend nicht mehr in den Pyjama gekommen. Und dann natürlich das Kleid für den Abi-Ball, dass für viele der jungen Damen weniger die Kriterien für den ersten Wortteil des Anlasses erfüllen soll, sondern den letzten, weshalb wir an dieser Stelle ernsthaft von Ballkleidern sprechen. Und die sind selten zum Schnäppchenpreis im Schlussverkauf zu finden. Die ersten Kosten entstehen schon bei diversen samstäglichen Fahrten in die Nachbarstädte zum Ballkleid-Shopping. Eine Angelegenheit, die selbst Helikopter-Eltern vor nervliche Herausforderungen stellt, von vielen anderen Eltern tunlichst gemieden wird.

Ein Phänomen, wie immer in der Mode: auch hochpreisige Ballkleider bestechen nicht immer durch Schönheit und besondere Qualitätsansprüche ans Material, sondern können durchaus wie billige Fähnchen aussehen. Wohl dem, der schneidern kann oder jemanden kennt, der es kann. Viel billiger wird es nicht unbedingt, aber der Plastik-Anteil ist geringer.

Der nächste Schock kommt dann, wenn es um Eintrittskarten für den Abi-Ball geht. Nicht, dass Eltern über den Umweg des Taschengeldes nicht schon diverse Abi-Vo-Fi-Partys großzügig gesponsert haben, für Abi-Bälle werden heutzutage oft – und zum Glück nicht überall – Eintrittspreise von hundert und mehr Euro veranschlagt. Den Vogel dürfte in diesem Jahr ein Münsteraner Gymnasium abschießen mit ein!hun!dert!sech!zig Euro pro Karte. Nicht für die Familie, sondern pro Person. Das bedeutet für Eltern und ein Geschwisterkind fallen 480 Ocken an. Nicht eingerechnet das Taxi für den Heimweg, das Kleid für Muttern (manche Mütter stehen, was das Herausputzen zu diesem Anlass angeht, ihren Töchtern kaum nach), was Schickes für Schwester und Bruder und Vater kann mit den abgetretenen Schuhen, die er zuletzt auf Tante Lissis Beerdigung anhatte, auch nicht mehr mitgehen. Rechnet man dann noch Ballkleid, Cocktailkleid, passende Handtasche und zwei Paar Schuhe für die Abiturientin, oder einen Anzug für den Abiturienten (gerne dreiteilig und hochwertig, den kann der Junge hoffentlich noch anziehen, wenn er später mal seinen Doktortitel, oder wenigstens seinen Master, in Empfang nimmt) mit passendem Hemd, Krawatte, Einstecktuch und Schuhen, ausnahmsweise mal ohne Logo von Nike, adidas und Co, dann sind wir bei einer Gesamtsumme, mit der die Familie sich einen ausgedehnten, ziemlich luxuriösen Urlaub leisten könnte.

Und da frage ich mich ernsthaft: Habt Ihr sie noch alle? Was bitte ist denn passiert, dass solch einen Aufwand rechtfertigt? Da haben Kinder das getan, was sie in der Schule zu sollten: Sie haben gelernt. Bezahlt haben das der Staat (ja, dessen Angebote sind gerade im Verhältnis zu den Kosten durchaus verbesserungswürdig) und die Eltern, die darüber hinaus noch beim Lernen geholfen haben (oder haben fürs helfen lassen bezahlt) und mit ihrem Einsatz so manchen hochdotierten Motivations-Coach in den Schatten stellten. Bei den meisten Abi-Bällen werden diese Eltern dann übrigens zu einem gewissen Zeitpunkt nach Hause geschickt, während sich die Abiturient/innen auf deren Kosten weiter befeiern, als hätten sie ihr Lebensziel schon erreicht. Und dabei stehen sie gerade mal am Anfang ihres Weges, weshalb ich mich frage, wie sie später denn wohl feiern wollen, wen sie mal etwas ganz selbständig und ohne Unterstützung der Eltern erreicht haben?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Natürlich ist das Abitur ein Anlass sich zu freuen und mit Familien und Mitschüler/innen zu feiern. Das will den jungen Leuten auch niemand nehmen, aber es geht auch ein paar Nummern kleiner, wie zahlreiche Abi-Jahrgänge in der Vergangenheit es vorgemacht haben:

Und zum Schluss noch ein Vorschlag für diejenigen, die es für eine ganz besonders tolle Idee halten, eine Stretch-Limousine zu mieten und sich einen Tag, nachdem die ehemaligen Mitschüler/innen mal wieder für Umwelt- und Klimaschutz demonstriert haben und als faule Schulschwänzer/innen angepöbelt wurden, zum ausgelassenen Feiern auf Mammis und Pappis Kosten chauffieren lassen: Geht mal eine Woche in den nächstgelegenen Zoo und macht die Käfige von bedrohten Tierarten sauber. Ist auch eine gute Gelegenheit, über die Bedeutung des Wortes Reifeprüfung nachzudenken.

fl

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