Hach, waren das noch Zeiten, als ich Anfang Dezember in schönster Schreibschrift und mit bunten Bildchen geschmückt einen Wunschzettel geschrieben habe, der am Vorabend des 6. Dezember in die gewienerten Stiefel gesteckt wurde, damit der Nikolaus ihn später beim Christkind abgeben konnte,das dann für die Erfüllung meiner Wünsche nach Puppenwagen, Rollschuhen undBüchern zuständig war.

 Im Laufe der Jahrzehnte haben sich meine Wünsche natürlichgeändert, wie von Geisterhand erfüllt werden sie leider im Gegensatz zu damals nicht. Von Weltfrieden sind wir weit entfernt, soziale und gesellschaftliche Verantwortung sind immer noch Mangelware, ebenso wie Toleranz und uneingeschränkte Akzeptanz von Minderheiten. Und dafür kann ich weder den Nikolaus, noch das Christkind und auch nicht die Weihnachtsengel verantwortlich machen. Denn irgendwann auf demWeg ins Erwachsenenleben musste auch ich lernen, dass ich ab einer gewissenZeit für die Erfüllung meiner Wünsche selbst verantwortlich bin.

Also: Diktatoren, Gewalttäter, korrupte Politiker, Kriegstreiber, Umweltverschmutzer und skrupellose Geschäftemacher, hört auf mit

eurem Scheiß! Wie schön wäre das, wenn ich das so einfach abstellen könnte. Wenn ich mit ein paar deutlichen Worten dafür sorgen könnte, dass sexualisierteGewalt nicht mehr oder weniger stillschweigend geduldet, oder schlimmer noch, sogar entschuldigt wird. Wenn ich dafür sorgen könnte, dass nicht eine Mehrhei tvon Männern mit einem Durchschnittsalter von fünf und mehr Jahrzehnten darüber zu entscheiden hat, wie sich Frauen umfassend und gut informieren können, bevor sie die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung treffen. Allgemein würde ich ganz gerne auch nochmal von Fachleuten unsere Gesetze überprüfen lassen. Nicht nur, damit irgendwelche überholten Bestimmungen aus der Zeit desNationalsozialismus gestrichen werden, sondern auch damit Verjährung und Bewährungsstrafen für Kindesmissbrauch und allgemein sexualisierten Gewalttaten auf den Prüfstand gestellt werden.

Überhaupt wünsche ich mir für die Politik mehr Respekt imUmgang miteinander, keine kindisches mit dem Fuß-Aufstampfen, vor einem Protestmarsch aus dem Plenarsaal, kein bockiges sich Widersetzen von Anweisungen der Sitzungsleitung bis die Polizei kommt, und vor allem kein hetzerisches Gekeife vom Rednerpult. Kein Postengeschacher und Machterhalt um den Preis fragwürdiger Entscheidungen, keinen Minister, der in Kasernierung vonGeflüchteten oder sogar im Einsperren, im offiziellen Jargon heißt das dann„Ingewahrsamnahme“, von abgelehnten Asylbewerber/innen als christliche und/oder soziale Politik verkaufen will, während es ihm nur darum geht, Stimmen am ganz rechten Rand der Wählerschaft zu fischen.

Ich möchte auch ein Ende eines unbändigen Konsumrausches auf Kosten der Umwelt, denn niemand kann mir erklären, warum ein gut funktionierendesSmartphone plötzlich nichts mehr taugt, nur weil ein Nachfolgemodell auf den Markt gekommen ist. Vor allem will ich nicht, dass Menschen, besonders Kinder, unter üblen Bedingungen arbeiten, damit reiche Menschen ihre Gier nach Statussymbolen und Protzerei befriedigen können.

Ach, die Liste meiner Wünsche ist endlos lang, und ich bin ganz sicher, dass viele Menschen einen ähnlichen Wunschzettel wie ich haben. Blöd nur, dass der Stiefel, in den wir unsere Wunschzettel stecken können, noch so blank sein mag, da gibt es keinen Weihnachtsmann, der mal so richtig auf den Tisch haut, damit sich was ändert. Das müssen wir schon selbst übernehmen.

Bitte Leute, sprecht über eure Wünsche und Vorstellungen, redet euch gerne die Köpfe heiß. Und zwar nicht nur am heimischen Esstisch oder in der Kneipe, sondern mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden. Geht friedlich auf die Straße, wenn euch Missstände den Hals zuschnüren, reicht Petitionen ein, geht euren Abgeordneten ruhig mal auf denWecker, und (vor allem ihr, liebe Frauen), werdet laut, wenn ihr nicht gehört werdet.  Vielleicht merkt ihr dann irgendwann, dass ihr mit eurem Engagement andere zum Nachdenken und zum Überdenken der eigenen Bequemlichkeit gebracht habt. Dann tut euch zusammen und überlegt, was ihr noch tun könnt. Auf dem Sofa sitzen und meckern ist leicht, aber wenig aussichtsreich.

Beim Schreiben dieser Zeilen fiel mir tatsächlich gerade dasThema meiner Abi-Arbeit in Deutsch ein „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe derWelt!“ Nicht der schlechteste Vorsatz für 2019 finde ich. Dem Internet sei Dank, habe ich nach über vier Jahrzehnten erstmals den gesamten Text aus dem diese Zeile stammt, gelesen. Er trifft genau das, worauf ich hinaus will, aber viel schöner geschrieben. Ein Klick lohnt sich.

In diesem Sinne schöne Weihnachtstage, einen guten Rutsch und ein gesundes und zufriedene(re)s Neues Jahr.

fl