Wer, wie ich, das offizielle Seniorenalter erreicht hat,erinnert sich sicher noch an die Zeiten, in denen Fernsehwerbung einen eigenen Sendeplatzhatte, der erfreulich begrenzt war ebenso wie die Fernsehprogramme. Ja, es gab in meiner Kindheit und Jugend ganze drei Fernsehprogramme, und Nein, ich bin nicht in Zeiten der französischen Revolution, sondern im vorigen Jahrhundert aufgewachsen. Ich gehöre der Generation der sogenannten „Babyboomer“ an – eineBezeichnung, die ich mit meinem Spiegelbild mal so gar nicht in Einklangbringen kann. Der erste Fernseher in unserem Wohnzimmer befand sich in einem verschließbaren Schrank, nicht um den Fernsehkonsum von uns Kindern zu regulieren, denn die hätten bis zum späten Nachmittag ohnehin nur das Testbild angucken können, sondern weil der Anblick der dunklen „Glotze“ als unschön galt.

 Das war die Zeit, in der am frühen Abend das „Werbefernsehen“ ausgestrahlt wurde, was bedeutete, dass zwischen derTV-Unterhaltung in festen Blöcken Werbespots ausgestrahlt wurden. Bei uns, wie in vielen Familien, ganz oft Anlass für ein Ratespiel, bei dem die beworbene Marke so schnell wie möglich erkannt werden musste. Es war die Zeit des Lenor-Gewissens, von Frau Sommers Kaffee- und Marianne Kochs Gardinen-Empfehlung und Zigaretten-Werbung, in der entweder das HB-Männchen in die Luft ging, oder ungestört in Taxis oder Fahrstühlen gequalmt wurde.

Unsäglich das Frauenbild, das damals vermittelt wurde. Originalton Oetker-Werbung für Backpulver und Puddingpulver: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“. Dem zu bekochenden Ehe(!)-Gatten bestätigte die sonore Stimme im Hintergrund übrigens im selben Spot: „Männer, die gern Süßes essen, haben einenguten Charakter.“ Da waren die kleinen Einspieler zwischen denReklamefilmchen direkt eine Wohltat.

Werbung im Jahr 2018 sieht natürlich ganz anders aus, sie ist nicht mehr auf den Fernseher im Schrank angewiesen und hat ebenso wie die Produkte ein Ausmaß erreicht, bei dem man sich fragt, wer braucht eigentlich all das Zeug? Mal ernsthaft, so oft kann doch kein Mensch aufs Klo müssen, wie die Privatsender ihre Filme für Werbeblöcke unterbrechen – natürlich immer dann, wenn es gerade besonders spannend wird.

Aber damit nicht genug, natürlich ist auch das weltweite Netz eine gigantische Werbeplattform mit einer Spannbreite von seriöser Information bis zu dämlichen Filmchen für durchaus fragwürdige Produkte.Hervorgebracht hat sie auch eine ganz besondere Spezies von Reklame-Macher/innen, die sogenannten „Influencer/innen“.

Allein die Bezeichnung bewirkt bei mir hochstehende Nackenhaare und einen instinktiven Griff zum Taschentuch. Einmal, weil ich da manche Auswüchse in der Tat zum Heulen finde, zum anderen, weil ich das Wort mit dem sprachlich sehr verwandten Begriff „Influenza“ in Verbindung bringe.Und die macht bekanntlich richtig krank.

Natürlich bin ich auch interessiert daran, wenn jemand Produkte getestet hat und ein fundiertes Urteil abgibt. Aber bitte, was soll es bringen, einem jungen Mädchen mit verbesserungswürdiger Rhetorik und oft unter zu viel Schminke kaum noch erkennbarer Mimik auf youtube dabei zuzusehen und zuhören, wie sie jubelnd ein Päckchen aufmacht und ein neues Gesichtspuder/Lippenstift/Wimperntusche auspackt und erstmals ausprobiert? Diese Filmchen sind oft so schlecht gemacht, dass ich sie mir nicht so lange angucken kann, bis sich mögliche allergische Hautreaktionen zeigen.

Erschlossen hat sich mir bisher nicht, was außer, dass sie für viele verschiedene Firmen Werbung machen, Influencer/innen von Ansager/innen der zahlreichen TV-Dauerwerbesendungen unterscheidet.Vertrauenswürdig finde ich weder die einen noch die anderen. Ja nicht einmal besonders zeitgemäß, wenn ich sehe, welches Frauenbild da vermittelt wird.Statt dazu angehalten zu werden, sich selber eine Meinung zu bilden, wird Mädchen und jungen Frauen vermittelt, sie müssten die Meinung teilen, dass die Partnersuche viel erfolgversprechender ist, wenn man versucht, dieAttraktivität durch viel Geld für Schminke, Kleidung und Accessoires zu steigern. Von intelligenten und humorvollen Gesprächen ist da nicht die Rede,aber damit lässt sich auch nur ganz selten Geld machen.

Wahrscheinlich bin ich zu alt um zu verstehen, warum es besonders erstrebenswert sein soll, im Winter den Anblick blaugefrorener Fußknöchel zu präsentieren und sich im Sommer zu knappen Shorts und Tops einen Loop mehrfach um den Hals zu schlingen. Und ich kenne auch nur wenige Männer,die es attraktiv finden, wenn Frauen zu einem Date erscheinen und eine Handtasche vom Unterarm baumeln haben (nur so ist die bescheuerte Dackelpfötchen-Haltung der Hände möglich), deren Aussehen und Größe mich fatal an die Einkaufstaschen erinnert, in denen meine Mutter früher problemlos die Einkäufe des Wochenmarktes für einen Vier-Personen-Haushalt verstaute. Und beim Blick auf so manche privaten Kosmetik-Vorräte frage ich mich ernsthaft, ob derenBesitzerinnen wirklich an ein ewiges Leben glauben.

Von dem oben erwähnten Werbeslogan „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“ sind jedenfalls die Anhängerinnen, pardon Followerinnen, von Influencer/innen nicht weit entfernt, denn wenn die Partnersuche erfolgreich war, widmen sie sich nicht selten mitgleicher Hingabe Koch- und Back-Filmchen und -Blogs.

 Und wie die Zukunftder heute so erfolgreichen Reklamemacher/innen aus dem Netz aussieht? Man weiß es nicht, aber ich habe da so eine Ahnung…

dschungel

fl