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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Monat

Dezember 2018

Mein Wunschzettel und ich

Hach, waren das noch Zeiten, als ich Anfang Dezember in schönster Schreibschrift und mit bunten Bildchen geschmückt einen Wunschzettel geschrieben habe, der am Vorabend des 6. Dezember in die gewienerten Stiefel gesteckt wurde, damit der Nikolaus ihn später beim Christkind abgeben konnte,das dann für die Erfüllung meiner Wünsche nach Puppenwagen, Rollschuhen undBüchern zuständig war.

 Im Laufe der Jahrzehnte haben sich meine Wünsche natürlichgeändert, wie von Geisterhand erfüllt werden sie leider im Gegensatz zu damals nicht. Von Weltfrieden sind wir weit entfernt, soziale und gesellschaftliche Verantwortung sind immer noch Mangelware, ebenso wie Toleranz und uneingeschränkte Akzeptanz von Minderheiten. Und dafür kann ich weder den Nikolaus, noch das Christkind und auch nicht die Weihnachtsengel verantwortlich machen. Denn irgendwann auf demWeg ins Erwachsenenleben musste auch ich lernen, dass ich ab einer gewissenZeit für die Erfüllung meiner Wünsche selbst verantwortlich bin.

Also: Diktatoren, Gewalttäter, korrupte Politiker, Kriegstreiber, Umweltverschmutzer und skrupellose Geschäftemacher, hört auf mit

eurem Scheiß! Wie schön wäre das, wenn ich das so einfach abstellen könnte. Wenn ich mit ein paar deutlichen Worten dafür sorgen könnte, dass sexualisierteGewalt nicht mehr oder weniger stillschweigend geduldet, oder schlimmer noch, sogar entschuldigt wird. Wenn ich dafür sorgen könnte, dass nicht eine Mehrhei tvon Männern mit einem Durchschnittsalter von fünf und mehr Jahrzehnten darüber zu entscheiden hat, wie sich Frauen umfassend und gut informieren können, bevor sie die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung treffen. Allgemein würde ich ganz gerne auch nochmal von Fachleuten unsere Gesetze überprüfen lassen. Nicht nur, damit irgendwelche überholten Bestimmungen aus der Zeit desNationalsozialismus gestrichen werden, sondern auch damit Verjährung und Bewährungsstrafen für Kindesmissbrauch und allgemein sexualisierten Gewalttaten auf den Prüfstand gestellt werden.

Überhaupt wünsche ich mir für die Politik mehr Respekt imUmgang miteinander, keine kindisches mit dem Fuß-Aufstampfen, vor einem Protestmarsch aus dem Plenarsaal, kein bockiges sich Widersetzen von Anweisungen der Sitzungsleitung bis die Polizei kommt, und vor allem kein hetzerisches Gekeife vom Rednerpult. Kein Postengeschacher und Machterhalt um den Preis fragwürdiger Entscheidungen, keinen Minister, der in Kasernierung vonGeflüchteten oder sogar im Einsperren, im offiziellen Jargon heißt das dann„Ingewahrsamnahme“, von abgelehnten Asylbewerber/innen als christliche und/oder soziale Politik verkaufen will, während es ihm nur darum geht, Stimmen am ganz rechten Rand der Wählerschaft zu fischen.

Ich möchte auch ein Ende eines unbändigen Konsumrausches auf Kosten der Umwelt, denn niemand kann mir erklären, warum ein gut funktionierendesSmartphone plötzlich nichts mehr taugt, nur weil ein Nachfolgemodell auf den Markt gekommen ist. Vor allem will ich nicht, dass Menschen, besonders Kinder, unter üblen Bedingungen arbeiten, damit reiche Menschen ihre Gier nach Statussymbolen und Protzerei befriedigen können.

Ach, die Liste meiner Wünsche ist endlos lang, und ich bin ganz sicher, dass viele Menschen einen ähnlichen Wunschzettel wie ich haben. Blöd nur, dass der Stiefel, in den wir unsere Wunschzettel stecken können, noch so blank sein mag, da gibt es keinen Weihnachtsmann, der mal so richtig auf den Tisch haut, damit sich was ändert. Das müssen wir schon selbst übernehmen.

Bitte Leute, sprecht über eure Wünsche und Vorstellungen, redet euch gerne die Köpfe heiß. Und zwar nicht nur am heimischen Esstisch oder in der Kneipe, sondern mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden. Geht friedlich auf die Straße, wenn euch Missstände den Hals zuschnüren, reicht Petitionen ein, geht euren Abgeordneten ruhig mal auf denWecker, und (vor allem ihr, liebe Frauen), werdet laut, wenn ihr nicht gehört werdet.  Vielleicht merkt ihr dann irgendwann, dass ihr mit eurem Engagement andere zum Nachdenken und zum Überdenken der eigenen Bequemlichkeit gebracht habt. Dann tut euch zusammen und überlegt, was ihr noch tun könnt. Auf dem Sofa sitzen und meckern ist leicht, aber wenig aussichtsreich.

Beim Schreiben dieser Zeilen fiel mir tatsächlich gerade dasThema meiner Abi-Arbeit in Deutsch ein „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe derWelt!“ Nicht der schlechteste Vorsatz für 2019 finde ich. Dem Internet sei Dank, habe ich nach über vier Jahrzehnten erstmals den gesamten Text aus dem diese Zeile stammt, gelesen. Er trifft genau das, worauf ich hinaus will, aber viel schöner geschrieben. Ein Klick lohnt sich.

In diesem Sinne schöne Weihnachtstage, einen guten Rutsch und ein gesundes und zufriedene(re)s Neues Jahr.

fl

Zwischenstand in unserem Projekt Sprachschatz

Unser Beitrag zum Sprachschatz wurde auf dem Blog der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken veröffentlicht:

https://oebib.wordpress.com/2018/12/10/projekt-sprachschatz-die-buendnisse-stellen-sich-vor-buendnis-ochtrup/

Dann doch lieber Mainzelmännchen

Wer, wie ich, das offizielle Seniorenalter erreicht hat,erinnert sich sicher noch an die Zeiten, in denen Fernsehwerbung einen eigenen Sendeplatzhatte, der erfreulich begrenzt war ebenso wie die Fernsehprogramme. Ja, es gab in meiner Kindheit und Jugend ganze drei Fernsehprogramme, und Nein, ich bin nicht in Zeiten der französischen Revolution, sondern im vorigen Jahrhundert aufgewachsen. Ich gehöre der Generation der sogenannten „Babyboomer“ an – eineBezeichnung, die ich mit meinem Spiegelbild mal so gar nicht in Einklangbringen kann. Der erste Fernseher in unserem Wohnzimmer befand sich in einem verschließbaren Schrank, nicht um den Fernsehkonsum von uns Kindern zu regulieren, denn die hätten bis zum späten Nachmittag ohnehin nur das Testbild angucken können, sondern weil der Anblick der dunklen „Glotze“ als unschön galt.

 Das war die Zeit, in der am frühen Abend das „Werbefernsehen“ ausgestrahlt wurde, was bedeutete, dass zwischen derTV-Unterhaltung in festen Blöcken Werbespots ausgestrahlt wurden. Bei uns, wie in vielen Familien, ganz oft Anlass für ein Ratespiel, bei dem die beworbene Marke so schnell wie möglich erkannt werden musste. Es war die Zeit des Lenor-Gewissens, von Frau Sommers Kaffee- und Marianne Kochs Gardinen-Empfehlung und Zigaretten-Werbung, in der entweder das HB-Männchen in die Luft ging, oder ungestört in Taxis oder Fahrstühlen gequalmt wurde.

Unsäglich das Frauenbild, das damals vermittelt wurde. Originalton Oetker-Werbung für Backpulver und Puddingpulver: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“. Dem zu bekochenden Ehe(!)-Gatten bestätigte die sonore Stimme im Hintergrund übrigens im selben Spot: „Männer, die gern Süßes essen, haben einenguten Charakter.“ Da waren die kleinen Einspieler zwischen denReklamefilmchen direkt eine Wohltat.

Werbung im Jahr 2018 sieht natürlich ganz anders aus, sie ist nicht mehr auf den Fernseher im Schrank angewiesen und hat ebenso wie die Produkte ein Ausmaß erreicht, bei dem man sich fragt, wer braucht eigentlich all das Zeug? Mal ernsthaft, so oft kann doch kein Mensch aufs Klo müssen, wie die Privatsender ihre Filme für Werbeblöcke unterbrechen – natürlich immer dann, wenn es gerade besonders spannend wird.

Aber damit nicht genug, natürlich ist auch das weltweite Netz eine gigantische Werbeplattform mit einer Spannbreite von seriöser Information bis zu dämlichen Filmchen für durchaus fragwürdige Produkte.Hervorgebracht hat sie auch eine ganz besondere Spezies von Reklame-Macher/innen, die sogenannten „Influencer/innen“.

Allein die Bezeichnung bewirkt bei mir hochstehende Nackenhaare und einen instinktiven Griff zum Taschentuch. Einmal, weil ich da manche Auswüchse in der Tat zum Heulen finde, zum anderen, weil ich das Wort mit dem sprachlich sehr verwandten Begriff „Influenza“ in Verbindung bringe.Und die macht bekanntlich richtig krank.

Natürlich bin ich auch interessiert daran, wenn jemand Produkte getestet hat und ein fundiertes Urteil abgibt. Aber bitte, was soll es bringen, einem jungen Mädchen mit verbesserungswürdiger Rhetorik und oft unter zu viel Schminke kaum noch erkennbarer Mimik auf youtube dabei zuzusehen und zuhören, wie sie jubelnd ein Päckchen aufmacht und ein neues Gesichtspuder/Lippenstift/Wimperntusche auspackt und erstmals ausprobiert? Diese Filmchen sind oft so schlecht gemacht, dass ich sie mir nicht so lange angucken kann, bis sich mögliche allergische Hautreaktionen zeigen.

Erschlossen hat sich mir bisher nicht, was außer, dass sie für viele verschiedene Firmen Werbung machen, Influencer/innen von Ansager/innen der zahlreichen TV-Dauerwerbesendungen unterscheidet.Vertrauenswürdig finde ich weder die einen noch die anderen. Ja nicht einmal besonders zeitgemäß, wenn ich sehe, welches Frauenbild da vermittelt wird.Statt dazu angehalten zu werden, sich selber eine Meinung zu bilden, wird Mädchen und jungen Frauen vermittelt, sie müssten die Meinung teilen, dass die Partnersuche viel erfolgversprechender ist, wenn man versucht, dieAttraktivität durch viel Geld für Schminke, Kleidung und Accessoires zu steigern. Von intelligenten und humorvollen Gesprächen ist da nicht die Rede,aber damit lässt sich auch nur ganz selten Geld machen.

Wahrscheinlich bin ich zu alt um zu verstehen, warum es besonders erstrebenswert sein soll, im Winter den Anblick blaugefrorener Fußknöchel zu präsentieren und sich im Sommer zu knappen Shorts und Tops einen Loop mehrfach um den Hals zu schlingen. Und ich kenne auch nur wenige Männer,die es attraktiv finden, wenn Frauen zu einem Date erscheinen und eine Handtasche vom Unterarm baumeln haben (nur so ist die bescheuerte Dackelpfötchen-Haltung der Hände möglich), deren Aussehen und Größe mich fatal an die Einkaufstaschen erinnert, in denen meine Mutter früher problemlos die Einkäufe des Wochenmarktes für einen Vier-Personen-Haushalt verstaute. Und beim Blick auf so manche privaten Kosmetik-Vorräte frage ich mich ernsthaft, ob derenBesitzerinnen wirklich an ein ewiges Leben glauben.

Von dem oben erwähnten Werbeslogan „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“ sind jedenfalls die Anhängerinnen, pardon Followerinnen, von Influencer/innen nicht weit entfernt, denn wenn die Partnersuche erfolgreich war, widmen sie sich nicht selten mitgleicher Hingabe Koch- und Back-Filmchen und -Blogs.

 Und wie die Zukunftder heute so erfolgreichen Reklamemacher/innen aus dem Netz aussieht? Man weiß es nicht, aber ich habe da so eine Ahnung…

dschungel

fl

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