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Portion Senf dazu?

Die Bücherei St. Lamberti bloggt

Monat

Oktober 2018

Werden wir doch Kartoffelhelden

Collage

Sein erstes Buch „Ich komm auf Deutschland zu“ hat mich schwer beeindruckt, wie ich damals hier beschrieben habe, seine Videos im youtube-Kanal „Zukar“ finde ich ebenso amüsant wie wichtig, und ihm persönlich zu begegnen, ihm zuzuhören und sich mit ihm zu unterhalten war schon ein Erlebnis. Als Firas Alshater vor gut vier Wochen zu Gast in der Bücherei war, hat er natürlich die Gelegenheit genutzt, ganz dezent – wie er nun mal ist 😉 – auf sein neues Buch „Versteh Einer die Deutschen“ hinzuweisen, das seit kurzem auf dem Markt ist.

1GeschmökertNatürlich habe ich es sofort gelesen, als es in den Büchereibestand aufgenommen wurde, und mein Fazit: Firas Alshater und seinem Freund Jan Heilig ist ein gutes, sehr empfehlenswertes Buch gelungen!

So, jezz wisster Bescheid, wie wir Westfalen sagen, könnt den PC runterfahren und euch das Buch ausleihen. Oder ihr könnt am Bildschirm noch ein bisschen lesen, warum ich dieses Buch gerne vielen Verwaltungs-Menschen, Politiker/innen, Menschen, die sich für Geflüchtete engagieren und/oder mit ihnen befreundet sind, und Meckerköppen (an dieser Stelle fällt mir keine neutrale Bezeichnung ein), die Vorurteile gegen Ausländer und Geflüchtete haben und glauben, wenn sie Ängste schüren, könnten sie Probleme lösen.

Mutter MigrationIch gebe ja gerne zu, dass mir Menschen sympathisch sind, die den Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, den ich gerne mit dem irgendwo geklauten Namenszusatz Horst „Im Janker für Anker“ Seehofer nenne, kritisch betrachten und seine Wahlkampf-Rhetorik nicht in Einklang bringen können mit seinen ministeriellen Aufgaben wie Integration und Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Und wenn sie das auch noch gut begründen können und vor allem Vorschläge haben, wie diese ministeriellen Aufgaben deutlich besser und Erfolg versprechender ausgeführt werden können, dann kommt zu der Sympathie auch noch Wertschätzung.

Denn das ist es, was sich durch das gesamt Buch Alshaters zieht: Ein wacher Blick auf die Gegebenheiten in Kombination mit einer Einschätzung, die mal sachlich, mal gefühlsmäßig erfolgt, aber immer zutreffend ist und zu sehr überlegenswerten Vorschlägen führt. Dass er als Syrer dabei oft die Verhältnisse in seiner alten mit denen seiner neuen Heimat vergleicht, bringt mir als Leserin, wie schon im ersten Buch, nochmal einen tieferen Einblick in das frühere Leben von Syrer/innen, noch mehr Verständnis für ihre Erleichterung, in Frieden und Freiheit leben zu können, und Mitgefühl für ihr Heimweh.

Interessant ist dabei, welche Themen den Autor mit der Perspektive des Zugezogenen in eine bis dahin sehr unbekannte Kultur zum Teil bewegen, und beeindruckend mit welcher Toleranz er Dingen begegnet, die ihm bis dahin aufgrund von Erziehung und Sozialisation fremd waren. In anderen Bereichen ist es allerdings mit Toleranz nicht weit her, sondern es hagelt durchaus Kritik. Berechtigte Kritik, weil es z. B. um Benachteiligung von Alleinerziehende, die Zuverlässigkeit gewisser öffentlicher Transportunternehmen, oder immer wieder um die deutsche Bürokratie geht. Wer sich allerdings von dem Buch, in dem viele deutsche Gegebenheiten und Probleme erläutert werden, das Kapitel „Firas erklärt die deutsche Bürokrakratie, weil er sie endlich verstanden hat“ erhofft, der hat im Bücheregal daneben gegriffen. Daran scheitert er genauso, wie vor zwei Jahren, und daran wird er wohl auch noch in 20 Jahren scheitern und dieses Schicksal mit Abermillionen Deutschen teilen. Mit einem Unterschied: Er nimmt es (überwiegend) mit Humor.

Wer von und über ihn gelesen hat, wer seine Filme gesehen und/oder ihn persönlich kennengelernt hat, der weiß, einen Firas ohne Humor und Lebensfreude gibt es nicht – zumindest nicht öffentlich. Und bei allen nachdenklich machenden Passagen und erschütternden Erlebnissen, ist es auch ein kurzweiliger Spaß zu lesen, wie Firas sich selbst, sein Leben, seine Erfahrungen und sein Umfeld durch den sprichwörtlichen Kakao zieht. Mit Kaffee wäre das nicht möglich, denn der schmeckt ihm hier meistens wie „Sockensaft – frisch gepresst“.

Dass das Leben viel einfacher ist, wenn man nicht alles (und sich selber) zu ernst nimmt, zeigt zum Beispiel seine Einschätzung von gewissen politischen (Anmerkung von mir: meist strunzdummen) Äußerungen, die er dem „Kleine-Kläffer-Syndrom“ zuordnet. Ich muss mal überlegen, ob es „typisch Deutsch“ ist, dass ich da deutlich weniger Gelassenheit mitbringe. Das „Kleine-Kläffer-Syndrom“ ist übrigens auf keinen Fall in Zusammenhang damit zu bringen, dass Firas seit geraumer Zeit sein Leben mit einer winzig kleinen Hundeprinzessin teilt, die obwohl weder Vegetarierin noch Veganerin, auf den Namen „Zucchini“ hört, beziehungsweise hören sollte.

Titel VersteOb Firas sich als Hundeflüsterer bewähren könnte, kann ich ebenso wenig beurteilen, wie die Erfolgsaussichten eines Buches über Bartpflege, wenn er es wirklich mal schreiben sollte. Ich beurteile aber gerne „Versteh einer die Deutschen“, ebenso wie den Vorgänger „Ich komm auf Deutschland zu“ als gutes und wichtiges Buch. Es vermittelt den Leser/innen – egal welcher Herkunft – neue Perspektiven, beschert ihnen neue Erkenntnisse und motiviert sie hoffentlich, sich zusammen mit anderen dafür einzusetzen, was einem nach der Lektüre alles andere als utopisch vorkommt: Mehr Miteinander, weniger Vorurteile, mehr aufeinander zugehen statt übereinander zu schimpfen, mehr kennenlernen als abzulehnen. Warum wir dann, laut Firas, alle „Kartoffelhelden“ wären, lest ihr am besten selber.

fl

Sommerliche Adventskalender

Adventskalender

Wir schreiben das Jahr 2018, und es sind noch 68 Tage bis Weihnachten. Daran, dass vor einigen Wochen, als die Freibäder noch geöffnet und gut besucht waren, die ersten Dominosteine und Spekulatius-Tüten in den Geschäften auftauchten, habe ich mich nach vielen Jahren langsam gewöhnt. Obwohl mich die Vorstellung immer noch erstaunt, dass das Zeug um diese Jahreszeit überhaupt schmecken soll. Aber was bitte fängt man 44 Tage lang mit einem Adventskalender an, der derzeit in unterschiedlichsten Varianten im Supermarkt in meiner Nachbarschaft angeboten wird? Angucken und Vorfreude genießen? Dafür ist die Zeit dann doch ein bisschen lang und die Vorfreude auf ein paar Stück Schokolade kann man auch unabhängig von irgendwelchen Fest- und Feiertagen genießen. Gut, die Schokolade vorm Schmelzen zu bewahren, ist laut Wetterbericht in den nächsten Tagen nicht mehr nötig. Aber als ich die vorweihnachtlichen Angebote zum ersten Mal im Laden sah, war ich dort in Sandalen ohne Socken und im ärmellosen Sommer T-Shirt unterwegs. Was frau eben so anzieht bei Temperaturen von 25 Grad und mehr.

Und wie bitte erklären Eltern ihren Kindern, die noch an Nikolaus und Christkind glauben, dass Adventskalender zwar schon käuflich zu erwerben, aber wochenlang völlig unnütz sind? Da hat man es bis zum Sommer gerade fertiggebracht, in langen Diskussionen den Nachwuchs zu überzeugen, dass nicht Christkind und Weihnachtsmann Geschenke säckeweise bringen, sondern letzterer vor allem als Mittel zur Umsatzsteigerung nicht nur von Coca Cola genutzt wird, und schon gibt es neuen Grund für weihnachtliche Debatten. Dieses Mal über Tage, Wochen und Monate, und das mit Kindern, die bestenfalls im Zahlenraum bis 10 sicher unterwegs sind. Ob Mitgefühl mit Eltern und Kindern angebracht weiß ich nicht, wenn ich mir überlege, dass der Handel Adventskalender, mit Sternen und Krippen bedrucktes Geschenkpapier und Deko-Kram unterschiedlichster Geschmacksgüte nicht in die Regale packt, damit sie bis Ende November zustauben.

Gut, ich persönlich bin aus der Nummer raus, da meine Kinder erwachsen, und könnte die Adventskalender im sommerlichen Herbst getrost ignorieren. Wenn nicht direkt daneben der Glühwein angeboten würde. Und der schmeckt bei zweistelligen Temperaturen ja wirklich nicht. Oder? Vielleicht mit Eiswürfeln?

Nachträglicher Hinweis: Ich ärgere mich jedes Jahr über den zu frühen Beginn des Weihnachtsgeschäftes, aber nicht jedes Jahr öffentlich, sondern zuletzt im November vor zwei Jahren ;-).

fl

Kein Anschluss auf diesem Gleis

Bahn-Logo

„Reisen ist das beste, ja das einzige Heilmittel gegen Kummer.“ Glasklar, dieses Zitat des französischen Schriftstellers Alfred de Musset stammt aus Zeiten, in denen es noch keine Deutsche Bahn AG gab. Die ist bekanntlich nämlich häufig kein Mittel gegen, sondern Ursache für Kummer. An einem einzigen Tag auf der Hin- und auf der Rückfahrt auf irgendwelchen Bahnhöfen zu stranden, weil Zugverbindungen mal eben kurzfristig ausfallen oder so verspätet sind, dass der Anschlusszug garantiert weg ist, steht auf meiner Skala der Kummer-Bekämpfung ganz, ganz weit unten.

Ein kleines Kaff zwischen Wuppertal und Gevelsberg war das Ziel, Anlass eine Beerdigung, also eigentlich Kummer genug. Glücklicherweise blieben mir eineinhalb Stunden Busfahrt auf kurvigen Straßen durch bergige Gegend erspart, weil mir eine Mitfahrgelegenheit von der laut Grönemeyer tief im Westen gelegenen Stadt zum Zielort angeboten wurde.

Zwei Stunden Reisezeit sagte mir der Fahrplan voraus, die ersten 45 Minuten von Ochtrup nach Münster waren kein Problem, die Umsteigezeit von zwölf Minuten war kein Anlass für übertriebene Hetze. Selbst Schneckentempo mit einer Schrittlänge von wenigen Zentimetern wären keine Ursache gewesen, den Anschlusszug zu verpassen. Der hatte nämlich laut Info-Tafel erst 20 und einige Zeit später 40 Minuten Verspätung, bevor die Anzeige die Nachricht verkündete, dass dieser Zug komplett ausfalle.

Im gut besuchten (ja, warum wohl?) Info-Center der Bahn wurde mir dann eine Bimmelbahn-Verbindung empfohlen, mit der ich kleine Ortschaften bereisen durfte, deren Namen ich bis dahin nicht mal kannte. Ein Hoch auf drahtlose Telefonverbindungen, ich wurde irgendwo auf der Strecke vor dem ursprünglich vereinbarten Treffpunkt aufgelesen.

Auch bei der abendlichen Rückfahrt blieb mir die Bus-Benutzung erspart, es gab eine andere Mitfahrgelegenheit zur „Perle im Revier“. Trotz einer Großveranstaltung war ich pünktlich am Hauptbahnhof, was aber gar nicht nötig war. 30 Minuten Verspätung sorgten dann dafür, dass ich nicht nur am Bochumer Hauptbahnhof sprichwörtlich wie bestellt und nicht abgeholt rumsaß, sondern dieses Vergnügen dann auch in Münster hatte. Der vorgesehene Zug nach Ochtrup kam nämlich dort genau an, als ich Münster erreicht hatte. Auch, wenn er für viel Geld umgebaut und modernisiert wurde, ich kenne schönere Orte als den dortigen Hauptbahnhof.

Laune auf dem Tiefpunkt, jede Menge Ärger im Bauch hatte ich mir wenigsten die entsprechenden Bescheinigungen vom Bahnpersonal besorgt, um eine großzügige *kicher* Entschädigung der Bahn von 25 Prozent des Fahrpreises zu erwarten. Da ich früh genug Tickets zum Sparpreis inklusive Bahncard-Rabatt geordert hatte, rechnete ich mit einer Summe, die wenigstens für ein Eis, reichen sollte. Im Hörnchen natürlich, nicht von der Karte.

Aber pfiffig, wie die Bahn nun mal ist, wurde mein Ticket, das für Hin- und Rückfahrt ausgestellt war, nicht als ein Fahrschein angesehen, sondern als zwei, eben einer für die Hin- und einer für die Rückfahrt. Und damit lag ich unter der vom Konzern vorgesehenen Erstattungs-Grenze.

Aber ich werde Rache üben: Für meine nächste Bahncard bekommt die Deutsche Bahn von mir nicht den vollen Preis. Ich werden den Seniorentarif beanspruchen. Auch irgendwie ein bisschen Anlass für Kummer.

fl

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