helikopter-mutter

Strahlende Gesichter von Kindern und Jugendlichen haben wieder einen mürrischen, gelangweilten Gesichtsausdruck, genervte Eltern gucken wieder freundlich und entspannt. Sicheres Zeichen dafür, dass die allgemeine Stimmungslage der sommerlichen Schulferien von der Alltagslaune eingeholt wurde. Ja, vor einigen Jahren war das durchaus sichtbar, inzwischen erfüllen viele Eltern dieses Klischee nicht mehr. Die Eltern nämlich, denen das entspannte Alltagsgefühl durch das ständige Beglucken des Nachwuchses verloren gegangen ist. Was früher ein wichtiger und meist fröhlicher Schritt auf dem Weg zur Abnabelung war, also der erste Schultag, wird heute zum übertriebenen Wahrzeichen von Verlustängsten und Angst vor Kontrollverzicht. 

Ja, liebe Eltern, es gehört dazu, dass spätestens am zweiten Schultag Eure Kinder allein im Klassenzimmer sitzen. Deshalb wundert Euch bitte nicht, wenn Lehrer/innen wenig Begeisterung zeigen für den Vorschlag, dem Kind einen Wollfaden in die Hand zu geben, während Mutter oder Vater mit den Knäuel in der Hand vor der Tür bleibt, damit das „Band der Verbundenheit spürbar“ bleibt. 

„Ich hab dich ganz doll lieb“

Auch den I-Dötzen ein Handy in die Hand zu drücken, damit sie Mama oder Papa anrufen können, wenn sie ganz traurig und alleine sind, wird von vielen Pädagog/innen nicht für eine gelungene Idee gehalten. Daher möchte ich gar nicht wissen, wie wohl die Diskussionen auf diversen Elternabenden ausgesehen haben mögen, die zu einer hoffentlich nicht bahnbrechenden Neuerung in einer Berliner Grundschule geführt haben. Dort hängt nämlich tatsächlich ein Telefonapparat offen zugänglich im Schulflur, für all die Kinder, die zwischen den Übungen für das große „D“ und Rechnen im zweistelligen Zahlenraum unbedingt mal eben Muttis oder Pappis Stimme hören müssen. Fraglich, ob da dann immer die Sehnsucht nach den elterlichen Bezugspersonen ausschlaggebend ist, oder doch die Unsicherheit, ob Fünf plus Zwei denn tatsächlich Sieben ergeben. Erlaubt sei auch die Frage, warum Kinder, die schon vier und mehr Jahre ganztägig in Kindertagesstätten gut aufgehoben waren und sich pudelwohl gefühlt haben, ganz plötzlich die Stunden in der Ganztagsschule nicht mehr überstehen können, ohne dass ihnen jemand in den Telefonhörer säuselt „Ich hab dich ganz doll lieb“. Wie beliebt sich Eltern beim Arbeitgeber machen mit solchen Aktionen, für die sie vielleicht ein wichtiges Meeting unterbrechen müssen, oder einen potentiellen Kunden in die Telefon-Warteschleife verbannen, steht auf eine ganz anderen Blatt.

Und dann ist da noch die ganz große Herausforderung des Schulwegs. Nur am Rande: Die Empfehlung, in den ersten Wochen in der neuen Schule den hoffnungsvollen Nachwuchs zu begleiten, wird eher selten von weiterführenden Schulen ausgesprochen. Wer alt genug ist, den Tornister gegen einen Rucksack einzutauschen, kann ihn also durchaus selber tragen.

Bei Regen mit Chauffeur

Und für die Erstklässler gilt: Sie haben in den ersten Schulwochen schon eine Menge gelernt. Auch, wo ihr Klassenzimmer ist, und wo sich dort der angestammte Platz befindet. Väter und / oder Mütter können sich also durchaus schon am Schultor verabschieden. Klappt bei denen, die die Schulweg-Begleitung als Chauffeur-Dienst verstehen, in der Regel auch ganz gut, denn Parkplätze sind vor der Klassentür bekanntlich nicht vorhanden. Vor dem Schulhof in der Regel auch nur in begrenzter Zahl. Das Bewusstsein dafür scheint allerdings in diametralem Verhältnis zur PS-Zahl der Familienkutsche zu stehen. Gerade bei Regenwetter kommt es immer wieder nicht nur zu unschönen Szenen, vorsicht-hubschraubersondern auch zu gefährlichen Momenten, denn ab einer Niederschlagsmenge von 0,1 Liter pro Quadratmeter muten viele Eltern ihren Kindern den Fußweg zur Schule nicht mehr zu. Dabei sind doch die schweineteuren Jacken mit einem aufgepinselten Tierpfoten-Abdruck angeblich extra dafür gemacht, dass sie vor Kälte und Nässe schützen. Ganz Mutige haben festgestellt, dass sogar ein bisschen Schnee ihnen nicht anhaben kann.

Ob es Nachwuchs-Förderung oder schlicht falsch verstandenes Lernverständnis ist, wenn Eltern die Hausaufgaben ihrer Kinder machen, weil Mutti in ihrer eigenen Schulzeit immer für ihre schönen Aufsätze gelobt wurde, will ich hier gar nicht weiter beleuchten. Beschreiben möchte ich auch nicht, was ich davon halte, wenn Eltern die Abiturienten zur Studienberatung begleiten. Nicht, weil ich dazu keine Meinung habe, sondern weil ich ein Mindestmaß an Höflichkeit einhalten möchte.

Ja ich weiß, dass für überbehütende Mütter und Väter der Ausdruck „Helikopter-Eltern“ erfunden wurde, weil sie ähnlich wie ein Hubschrauber ständig um ihre Kinder herumkreisen. Anscheinend hat sich aber bei diesen Eltern noch nicht herumgesprochen, dass der Aufenthalt in der Nähe eines Hubschraubers eine ziemlich gefährliche Sache ist, weswegen empfohlen wird, bei Annäherung den Kopf einzuziehen. Vor der Vorstellung, dass kommende Generationen nicht mehr mit geraden Schultern und erhobenem Kopf durch die Welt gehen, sondern in gebückter Haltung mit Blick auf die Fußspitzen, gruselt es mich.

Nachtrag: Zu unserer großen Begeisterung haben wir für unseren Blog jetzt eine eigene Illustratorin, die unsere Beiträge bei Bedarf verschönert. Wie es dazu kam, und was eine Zeitschrift und das Internet damit zu tun haben demnächst. Gleiche Welle, gleiche Stelle.
Aber jetzt schon mal: Vielen herzlichen Dank!!!

fl